Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
Artikel drucken

Notizen zur Veränderung der Gesellschaftsform

Wenn wir über den Übergang von Kapitalismus zum Commonismus nachdenken, kommt neben all den Schwierigkeiten der Bestimmung des Ziels zusätzlich noch die Schwierigkeit hinzu, die Änderung der Gesellschaftsform zu denken. Die einzige Änderung dieser Art, von der wir eine leise Ahnung haben, ist die Entstehung des Kapitalismus. Ich möchte hier versuchen, diese noch einmal nachzuzeichnen, um daraus (hoffentlich) Einsichten in die Veränderung hin zum Commonismus zu gewinnen.

Problemumriss

Wir müssen gestehen, dass unsere historische Bildung noch immer weitgehend mangelhaft ist. Zwar gibt es vielerlei Versuche die Entstehung des Kapitalismus zu denken, doch werden die meisten der Komplexität nicht gerecht und viele Ansätze von marxistischer Seite sind von traditionsmarxistischen Vorstellungen einer bloßen Veränderung der Eigentumsverhältnisse oder der Produktivkräfte überlagert. In diesem Text möchte ich an Überlegungen von Ellen Wood, welche Christian hier zusammengefasst hat, aufbauen. Doch stelle ich diese in einen anderen gesellschaftstheoretischen Rahmen.

Um die Entstehung des Kapitalismus zu begreifen, gilt es zunächst, den Kapitalimus möglichst präzise zu fassen. Ich möchte dies hier nicht länger ausführen und hoffe, dass die meisten Lesenden meine Kapitalismustheorie teilen. Der Kapitalismus ist eine Gesellschaftsform, welche sich in eine ökonomische Sphäre und eine reproduktive Sphäre spaltet. Diese ökonomische Sphäre ist bestimmend, und die Produzierenden befinden sich in dieser in einem sozialen Verhältnis der getrennten (Privat-)Produktion. Dieses soziale Verhältnis lässt sich nur über Tausch vermitteln, welcher Konkurrenz, Notwendigkeit von Geld, Kapital und schlussendlich die “Verselbständigung der Verhältnisse gegenüber dem Menschen” (den Fetischismus) produziert.

Jedoch gibt es auch schon vor dem Kapitalismus Tausch, Geld und Märkte, worauf Christian bspw. hier hingewiesen hat. Die Frage ist: Weshalb erzeugen diese Tauschbeziehungen und Märkte nicht die Dynamiken von Konkurrenz und Kapital? Mein Argument baut auf der Beobachtung von Ellen Wood auf, dass erst als das Land kommerzialisiert, also zur Ware wurde – und damit über Tauschbeziehungen verfügbar war – die Dynamik der Konkurrenz voll ausbildete.

Die Vermittlungsform wird bestimmend für die ‘Produktion’

Mein Argument wird sein: Erst wenn in der bestimmenden Art der ‘Produktion’ die Input- und Output-Beziehungen (Zugang zu Produktionsmitteln und Verteilung der Konsummittel) tauschförmig sind, beginnt die kapitalistische Dynamik. Produzierende benötigen Produktionsmittel (Ressourcen, Werkzeuge, etc.) und ‘verteilen’ Konsumtionsmittel. In der Feudalgesellschaft gilt für die meisten ‘Produktionsbereiche’, dass zumindest eine der beiden Beziehungen nicht tauschförmig ist. So erhalten Handwerker*innen zwar ihre Produktionsmittel über – mehr oder weniger – freie Märkte, aber der Verkauf der Produkte unterliegt meist dem Zunftrecht und somit festen Preisen, so dass die Produzent*innen nicht konkurrieren (können). Ohne sichere historische Grundlage gehe ich aber davon aus, dass es ‘Produktionsbereiche’ gibt, in welchen sowohl der Produktionsmittel-Input, als auch der Konsumtionsmittel-Output über Tausch und flexible Preise geregelt sind. Diese Bereiche besäßen schon eine Konkurrenzdynamik, jedoch waren sie für die feudale Re/Produktion nicht bestimmend, nicht wesentlich – womit die transformatorische Wirkung ausblieb. Doch was ist der wesentliche ‘Produktionsbereich’ des Feudalismus?

Ohne dies weiter zu begründen, würde ich behaupten: Es ist die Landwirtschaft. In ihr sind der Großteil der Menschen tätig, und sie stellt die Basis und die treibende Kraft der feudalen Gesellschaft dar. Der Großteil der landwirtschaftlich Tätigen re/produzierten in Eigenproduktion und verkauften nur ihren Überschuss über Märkte. Diese Märkte hatten jedoch flexible Preise und waren tauschförmig. Doch war die Inputseite durch traditionelle soziale Beziehungen bestimmt. Land wurde nicht frei als Privateigentum verkauft, sondern gehörte Grundherr*innen, welche dieses an ihre ‘Untertan*innen’ durch lange Pachtverträge weitergaben. Die Höhe der Pacht war durch Gewohnheitsrecht fixiert.

Im England des 17. Jh. wurde das Land dann kommerzialisiert: Erstens konnte Land getrennt von Menschen erhalten werden und zweitens wurde die Pacht flexibilisiert. Land wurde somit über den Markt verfügbar. Die Person, die mehr für das Land bot, bekam den Zuschlag.

P-Mittel (Input) Vermittlung Produzierende Vermittlung K-Mittel (Output)
Handwerk
Input Tausch Produktion Fixierter Tausch Output
Vorkapitalistische
Landwirtschaft
Input Tradition Produktion Tausch Output
Kapitalistische
Landwirtschaft
Input Tausch Produktion Tausch Output

Bis zur kapitalistischen Landwirtschaft ist immer eine Seite der Vermittlung nicht tauschförmig.

Erst wenn die Produktion auf “beiden Seiten” vom Tausch umschlossen ist – damit von der neuen Form gesellschaftlicher Vermittlung – wird sie kapitalistisch. Erst hierdurch findet der Dominanzwechsel statt, und die kapitalistische Logik (Produktivität, etc.) und ihre Exklusionslogik kommt voll zum Tragen. Hierbei geht es nicht darum, dass der gesamte Input oder Output über Tausch stattfindet, sondern nur der bestimmende Teil davon. Bei Landwirtschaft sind dies also nicht Samen oder Werkzeuge, sondern vor allem das Land selbst. Die Konkurrenz lässt sich dann zum einen über die Produktionsmittel-Seite erklären: Hier müssen die Bäuer*innen um das Land konkurrieren. Wer mehr bieten kann, bekommt es. Dies führt zu Konkurrenz und vor allem zur Produktivtätsentwicklung. Zum anderen wird diese Dynamisierung durch die Konsumtionsmittel-Seite verstärkt: Gestiegene Produktion bei noch gleicher Nachfrage. Nur wer die Preise – durch höhere Produktivität oder geringere ‘Lohnkosten’ – senken kann, gewinnt hier. Dies ist die gesellschaftliche Basis der englischen Agrarrevolution des 18. und 19. Jahrhunderts, welche Englands Landwirtschaft zu dem Leitstern Europas werden lässt.

Eine offene Frage betrifft die Arbeit. Müsste diese nicht auch tauschförmig zu haben sein, um die Landwirtschaft wirklich kapitalistisch werden zu lassen? Ich bin mir hier nicht sicher. Doch zumindest historisch ist die Kommerzialisierung des Landes und die dortige Freisetzung der Arbeitskräfte eng mit der Ausdehnung von Lohnarbeitsverhältnissen verbunden. Aber was bedeuten diese Einsichten für die Keimformtheorie? Und für den Übergang vom Kapitalismus zum Commonismus?

Theoretische Bedeutung (innerhalb der Keimformtheorie)

Für die Keimformtheorie bedeutet dies eine Spezifizierung. Eine Gesellschaftsform ist immer durch eine spezifische Vermittlungsform bestimmt, da diese die Form der Herstellung und der Nutzung (die zwei anderen Aspekte der gesellschaftlichen Re/Produktion) dominiert. Keimform des Kapitalismus ist der Tausch. Erst wenn der Tausch beide Beziehungen (Input und Output) des vorherrschenden ‘Produktionsbereichs’ bestimmt, kommt es zum Dominanzwechsel und die Gesellschaft ‘kippt’ in den Kapitalismus. Besonders interessant ist hierbei, dass die Verbreitung des Kapitalismus über die transpersonale Vermittlungsform geschieht. Transpersonal ist ein anderer Begriff für gesellschaftlich und meint die Beziehung zwischen den (mittelproduzierenden) Projekten (bspw. Unternehmen, Commons, etc.). Während der Begriff interpersonal die Ebene der Beziehungen innerhalb der Projekte meint.

Die Keimform des Kapitalismus, die Vermittlungsform Tausch, ist bereits transpersonal-gesellschaftlich. Ich betone dies so, da wir im nächsten Text sehen werden, dass dies beim Übergang zum Commonismus nicht so ist, die Keimform dort also nicht bereits transpersonal-gesellschaftlich ist, was uns theoretisch und praktisch große Schwierigkeiten bereitet…

Kategorien: Commons, Theorie

Tags: , , , , , , , , , , , ,

9. Oktober 2017, 18:51 Uhr   13 Kommentare

1 franziska (11.10.2017, 10:46 Uhr)

Irgendwie, Simon, ist dir im Verlauf deines Beitrags eine wesentliche Kategorie für den Vergleich der beiden Epochenübergänge (und der drei involvierten Produktions- und Vermittlungsformen) abhanden gekommen: Der von dir so genannte „wesentliche Produktionsbereich“.
Eigentlich kennst du einen solchen nur im „Feudalismus“ (die Landwirtschaft, und was von ihr alimentiert wird).
Schon was dir da als Pendant für den Kapitalismus vorschwebt, ist schwer zu erkennen.
Der Commonismus schliesslich scheint überhaupt nichts dergleichen aufzuweisen.
Welches ist, zunächst, der für Kapitalismus, und anschliessend der für Commonismus massgebliche Produktionsbereich?
Erst wenn wir das wissen, können wir doch fragen, was da wie weitgehend bereits „umschlossen“ werden kann.

2 Simon Sutterlütti (12.10.2017, 10:09 Uhr)

Hmm .. genau das versuchte ich ja auszudrücken … Ich sehe keinen wirklich dominanten Produktionsbereich im Kapitalismus … für den Commonismus würde ich kaum wagen was zu vermuten … Was würdest du denn als dominanten Produktionsbereich im Kapitalismus ausmachen?

3 franziska (12.10.2017, 15:02 Uhr)

Simon: Ich hatte meine Meinung, was den Kapitalismus angeht, bereits öfter hier bei keimform geäussert, und bilde mir dabei ein, dass sie von der, die Marx gibt, nicht so weit weg ist; als grobe Formel ausgedrückt:
Der zentrale Produktionsbereich des Kapitalismus ist die unentwegte Entwicklung von Innovationen, um die vorhandene Produktion in egal welchen („abstrakt“) Hinsichten produktiver zu machen (als Nebenfolge ergibt sich daraus – nicht ganz identisch mit der angegebenen Formel – die unentwegte Entwicklung neuer Technologien auf Basis vorhandener, was hinausläuft auf eine Art Technik-Entwicklung als Selbstzweck, der der kapitalistische Innovation quasi als Mittel dient).
Die ökonomische Form für diesen Kernbereich ist die permanent neu gestaltete Selbstreproduktion des konstanten Kapitals c (die beständig Rückwirkungen auch auf die Selbstreproduktion des variablen Kapitals v hat); die Finanzierung der beständigen Innovation geschieht zT mithilfe des Mehrprodukts/Mehrwerts M (der beiden Selbstreproduktions-Kreisläufen entnommen wird, wie ein Blick auf Marx‘ Reproduktionsschema zeigt: M=mc+mv (oder m(Abt. I) und m(Abt. II).).
M wird herangezogen, um einmalige Forschunng, Entwicklung und Markteinführung technologischer Innovationen zu ermöglichen.
(Finessen wie die nicht unerhebliche Rolle des Staats im Setzen und Erfüllen von Rahmenbedingungen, unter anderm (hier von Interesse) Grundlagenforschung und Bildung, lasse ich einmal beiseite.)

Diese Produktion von Technik als Selbstzweck (von Marx auch „Entwicklung der Produktivkräfte“ genannt), die sich als Resultat der kapitalistischen Produktionsweise ergibt, ist erkauft mit unsäglichen Opfern im Bezug auf Lebenseinrichtung, Lebensziele, und „Fortschritt“ insgesamt, die dafür inkaufzunehmen sind: Fabrikdespotie und Konkurrenz der Menschen, Ungleichheit, Klassengesellschaften und Ausbeutung; Externalisierung aller durch Märkte und Preise nicht abzubildender Kosten (die dann sekundär, schlecht und recht, NACH stattgehabter schädlicher Produktion, vom bürgerlichen Staat kompensiert werden müssen).

Soweit gibt es vielleicht noch gerade eben so Übereinstimmung unter Menschen, die den Argumenten von Marx etwas abgewinnen können.

Wenn man es nun aber wagt, zum Commonismus überzugehen…

Echt jetzt? das soll ein Wagnis sein, Simon? Ja wer wenn nicht wir und andre unserer Art sollen denn die nötigen Schritte dorthin unternehmen? Ist Commonismus nun etwas Wünschens- bzw. Erstrebenswertes und Mögliches? Oder etwa nicht?

…dann würde ich, wieder als Grobformel sagen:
Der Kapitalismus schafft es auf Dauer nicht mal, sein eignes Programm länger aufrechtzuerhalten, er hat die Mittel nicht, mit der von ihm selbst erzeugten Komplexität fertigzuwerden.
Aber diese Komplexität hat, wie ich schon sagte, nicht nur den Mangel, allen kapitalistisch-bürgerlichen (also illusionären, auf Dauer zum Scheitern verurteilten wie ich meine) Versuchen ihrer Organisation und Beherrschung mithilfe von Preisen, Märkten und staatlicher Regulierung davonzuwachsen – die erzeugten Produktivkräfte haben obendrein den Mangel, nicht auf Zwecke bezogen zu sein, die die diesem selbstzweckhaften Wuchern von Mitteln ohne Zweck unterworfenen Leute (eigentlich: alle) im Konsens ausbilden könnten (über dies „könnten“ wäre viel zu sagen…).

Aus dieser Mangeldiagnose resultiert eine Grobformel für Commonismus: Die gesamte (angesichts des erreichten Stands der Produktivkräfte mögliche) Produktion und ihr Fortschritt („der dort zentrale Produktionsbereich“; ob es da überhaupt noch ein „Zentrum“, und eine dazu gehörende Peripherie gibt, lasse ich offen) ist dort bezogen auf kollektive (kollektivfähige) Zwecke.
Ich wüsste drei (wer andre weiss, kann mir widersprechen):
Die Produktion soll dann sein
– bedürfnisgerecht;
– naturgerecht;
– „politik-gerecht“= bestehende mentale Fortschritts-Gefälle (zu Aussenstehenden) auflösend.

Das mag, so ausgedrückt, „gewagt“ klingen, denn es gibt wahrscheinlich nicht einen einzigen Begriff (kollektiver Zweck, Bedürfnis, Natur, mentaler Fortschritt/Gefälle, Aussenstehende) darin, der nicht erläuterungsbedürftig wäre.
Ich erläutere auch gerne, bei Bedarf.
Man sollte allerdings das Wagnis, wenn es eins ist, über diese Dinge nachzudenken und sich zu verständigen, in Angriff zu nehmen  (wir sind, wie mir scheint, damit nicht so weit weg von deinen Thesen bzw. Fragestellungen, Simon…)

4 franziska (12.10.2017, 19:02 Uhr)

Um mein Beitrags-Volumen nicht übermässig aufzublähen, habe ich einige Zusätze zum vorstehenden Kommentar anderswo gepostet:
http://www.selbstbestimmung-als-aufgabe.de/pages/untersuchungen-und-bemerkungen-zu/kommunismus-und-kommunalismus/ergaenzung-zum-keimform-kommentar-vom-12.10.2017.php
Sie enthalten Bemerkungen, die über die unmittelbare Beantwortung der Ausgangsfrage von Simon hinausgehen, aber erste Hinweise liefern zur genaueren Begründung dessen, was ich Simon geantwortet habe.

5 Christian Siefkes (12.10.2017, 20:32 Uhr)

@Simon: Ich finde es richtig und wichtig, die Frage der Transformation weiterzudenken, habe jedoch in Details ein paar Einwände oder Ergänzungen. Zum einen schreibst du:

Keimform des Kapitalismus ist der Tausch. Erst wenn der Tausch beide Beziehungen (Input und Output) des vorherrschenden ‘Produktionsbereichs’ bestimmt, kommt es zum Dominanzwechsel und die Gesellschaft ‘kippt’ in den Kapitalismus.

Deine Tabelle zeigt jedoch, dass auch das vorkapitalistische Handwerk schon auf beiden Seiten tauschförmig organisiert war, wobei du für die Output-Seite den Ausdruck „Fixierter Tausch“ verwendest und dazu schreibst: „aber der Verkauf der Produkte unterliegt meist dem Zunftrecht und somit festen Preisen, so dass die Produzent*innen nicht konkurrieren (können).“

Das stimmt und ich würde es für die wesentliche Ursache des Ausbleibens einer kapitalistischen Dynamik halten, jedoch ist — wie dein Begriff schon sagt — auch ein „fixierter Tausch“ eine Form des Tauschens. Auch die handwerklichen Produkte wurden ge- und verkauft, also „getauscht“ — nur dass die unterschiedlichen Anbieter sich aufgrund der fixierten Preise keinen Unterbietungswettbewerb liefern konnten. Weshalb die spätere Dynamik, auf Teufel komm raus billiger produzieren müssen als die Konkurrenz (oder mindestens ebenso billig) und deshalb jede mögliche Produktivkraftsteigerung mitzumachen oder möglichst sogar vorwegzunehmen, fehlte.

Das den Kapitalismus speziell Ausmachende ist also gerade nicht der Tausch (den gab es vorher schon), sondern der Marktpreismechanismus oder das „freie Spiel von Angebot und Nachfrage“. Man kann’s auch „unregulierten Tausch“ oder so nennen, aber diese Besonderheit muss schon klar benannt werden. Wenn du die Unterscheidung zwar hier und da im Text triffst, aber wenn’s drauf ankommt dann noch wieder unzulässige Verallgemeinerungen wie „Keimform des Kapitalismus ist der Tausch“ verwendest, führst du deine Leser_innen (und im Zweifelsfall auch dich selbst, wenn du die Details dann später wieder vergessen hast) in die Irre.

Zweitens: Die von franziska schon aufgeworfene Frage nach dem vorherrschenden oder wesentlichen Produktionsbereich des Kapitalismus ist für deine Transformationstheorie natürlich essenziell, da du davon ausgehst, dass sich die neue Logik erst im vorherrschenden Produktionsbereichs der alten Gesellschaft durchsetzen muss, bevor sie sich verallgemeinern kann. Wenn du nun davon ausgehst, dass es im Kapitalismus gar keinen solchen Produktionsbereich gibt oder er jedenfalls nicht klar erkennbar ist, was bedeutet das für deine Transformationstheorie?

(Franziskas Antwort „Der zentrale Produktionsbereich des Kapitalismus ist die unentwegte Entwicklung von Innovationen“ geht allerdings an der Frage vorbei. Innovation ist ein Grundprinzip des Kapitalismus eben wegen der Notwendigkeit der permanenten Unterbietungskonkurrenz; das gilt aber für alle Produktionsbereiche und gerade nicht für irgendeinen speziellen.)

Schließlich zu deiner Frage:

Eine offene Frage betrifft die Arbeit. Müsste diese nicht auch tauschförmig zu haben sein, um die Landwirtschaft wirklich kapitalistisch werden zu lassen? Ich bin mir hier nicht sicher.

Ich denke schon, denn ohne Lohnarbeit ist ja keine Mehrwertproduktion — der Kern der kapitalistischen Produktionsweise — möglich. Nehmen wir an, es wäre bei den frühen Formen des „Agrarkapitalismus“ (der damals eigentlich noch keiner war) geblieben: Das Land wird zwar meistbietend verpachtet, aber die Pächter können nur sich selbst und ihre Familienmitglieder beschäftigen, anstellbare Lohnarbeiter_innen stehen ihnen nicht zur Verfügung. Das hätte die Dynamik arg beschränkt — Effizienzsteigerungen durch Betriebsvergrößerung wären etwa nur sehr beschränkt möglich gewesen. Zudem wären alle Betriebe das gewesen, was sie im Mittelalter auch waren: entweder Familienunternehmen, Ein-Personen-Unternehmen oder Partnerschaften von mehreren mehr oder weniger gleichberechtigten Partnern sowie vielleicht ein paar Lehrlingen (die später zu Partnern aufsteigen können). Bei solchen Unternehmensformen macht es wahrscheinlich kaum einen Unterschied, ob ein Unternehmen effizienter produziert als andere, weil es nur sehr begrenzt wachsen und die anderen deshalb nicht aus dem Markt drängen kann.

Das Spannende am frühen Kapitalismus ist, dass er sich quasi selber schuf, indem er das Phänomen Lohnarbeit durchsetze. Lohnarbeit hatte es vorher auch schon gegeben, aber sie war vergleichsweise selten und wer etwas auf sich hielt, hat sich selbst (d.h. die eigene Arbeitskraft) ganz sicher nicht verkauft (der Verkauf von Arbeitsprodukten z.B. durch Handwerker war etwas anderes). Der Konkurrenzkampf auf dem Land führte nun aber dazu, dass mehr und mehr Pächter aufgeben mussten und mangels Alternativen gezwungen waren, ihre eigene Arbeitskraft an die erfolgreicheren Konkurrenten (die oft auch ihr Land übernahmen) zu verkaufen. Andere mussten aus dem Land in die Städte ziehen, in der Hoffnung dort ein Auskommen zu finden, und lieferten so das Arbeitskräftepotenzial für die ersten kapitalistischen Manufakturen und Fabriken.

Also der frühe Kapitalismus (der streng genommen noch kaum einer war, solange er weitgehend ohne Lohnarbeit auskommen musste) schuf die lohnarbeitende Klasse und damit sich selbst (als ernstzunehmenden Kapitalismus). Was bedeutet das für die Transformation zum Commonismus? Ich weiß es nicht genau, aber ich vermute, dass wir nach etwas Ähnlichem Ausschau halten sollten: Frühformen, die sich von der der entwickelten Form noch stark unterscheiden, aber eine Dynamik in Gang setzen, die letztere hervorbringt.

6 Benni Bärmann (13.10.2017, 18:45 Uhr)

Was den beherrschenden Produktionsbereich im Kapitalismus angeht, liegt die Antwort finde ich ziemlich auf der Hand: Es gab mehrere. Zunächst die Landwirtschaft, dann die Textilindustrie, dann die Montanindustrie, dann Auto, Elektro & Chemie, dann die Chip- und Medienindustrie.

Der Witz am Kapitalismus ist jetzt, dass er für diese Übergänge jeweils selber die Dynamiken (mit all der Krisenhaftigkeit, die das mit sich bringt) bereitstellt.

Innovation (wie von Franziska als Kernfeld des Kapitalismus vorgeschlagen) sehe ich eher als Kandidaten, die den Kernbereich des Commonismus ausmacht. Innovation ist im Kapitalismus immer nur Mittel zum Zweck der Steigerung des Profits und erst wenn es da eine Zweck-Mittel-Umkehr gibt, ist das die Möglichkeit den Kapitalismus los zu werden. Der Commonismus wird sich nur durchsetzen, wenn er innovativer ist als der Kapitalismus.

7 Annette (13.10.2017, 20:23 Uhr)

Simon, tut mir leid, ich kann diesem Konzept an vielen Stellen nicht zustimmen. Es ist viel zu grobschlächtig und einseitig. Du versuchst viel zu schnell mit der Tabelle ein Schema aufzustellen, bei dem Dir Historiker tausende Gegenbeispiele vorlegen würden, so dass die Verallgemeinerung und erst recht die Folgerungen schnell fragwürdig werden.

Nun zu meinen Differenzen:
1. Kapitalismus ist mit der Sphärenspaltung und der Tauschförmigkeit der In- und Outputbestimmungen unterbestimmt. Beides sind  Erscheinungen, aber ob sie die wesentlichen sind, kannst Du nicht begründen. Woods Verweis auf den „Agrarkapitalismus“ setzt meines Erachtens nicht die Wesentlichkeit der Erzeugung von Mehrwert durch „doppelt freie“ Arbeiter außer Kraft. Es ist ja nicht vom Himmel gefallen, dass das Land ausgerechnet in England schon sehr zeitig „vorteilshaftste Anlage des Kapitals“ (MEW 26.2: 237) wurde. Das wird üblicherweise (Marx, Kuczynski,  sogar Wikipedia…) im Zusammenhang gesehen mit der Vertreibung der Menschen, das kommt nicht erst danach. Wood lässt an dieser Stelle offen, wer die „Pächter“ waren (Wood 2015: 68). Eine genaue klassenmäßige Einordnung ist nicht einfach. Was wichtig ist, ist die Frage, ob Mehrwert erzeugt wurde. Wenn ja, sind die Träger der lebendigen Arbeit, die den Mehrwert erzeugt, als Arbeiterklasse zu spezifizieren, egal ob sie formell (selbstarbeitende) Pächter oder auch schon deren angestellte Lohnarbeiter sind. Das Ganze wird historisch in der Analyse noch erschwert, weil ja tatsächlich auch die Böden fruchtbarer wurden (u.a. durch die Schafscheiße), aber den Mehrwert bringt letztlich nur die Arbeit, die dazu in Gang gesetzt wird. (für die nicht-„Kapital“- und Marxismus-Geschulten vielleicht noch der Hinweis: Kapital wird bei Marx dadurch bestimmt, dass es in seinem Prozess Mehrwert einsaugt (MEW 23: 165) (woher der Mehrwert kommt, erklärt Marx in den folgenden Kapiteln, nämlich die Arbeitskraft. Vorher kann getauscht werden, was und wann es will – es wird kein Kapitalismus).

Deine Frage, ob Arbeit „tauschförmig“ sein muss, ist meiner Meinung nach zu bejahen, aber nicht in diesen  Begriffen. Besser wäre: Ja, die Arbeitskraft (nicht „die Arbeit“) muss eine Ware sein.

2. Historisch eine Anmerkung: Die Zeiten stimmen nicht. Nicht erst im 17. Jhd. beginnt das alles in England, sondern gleich nach den Rosenkriegen Ende des 15./Beginn des 16. Jhd..

3. Noch eine Anmerkung: Die Vorstellung, vorher hätten die landwirtschaftlich Tätigen sich in Eigenproduktion reproduziert und nur den Überschuss über die Märkte verkauft, ist eine idyllisierende Mystifikation bzw. eine unzulässige Verallgemeinerung des Zustands in wenigen  Gebieten auf andere und längere Zeiten.  Sie haben vor allem Frondienste geleistet. Die Verwandlung der Frondienste und Naturalrenten in Geldrenten war dann erst einmal eine Loslösung von feudalen Fesseln (u.a. der Produktivkräfte, weil die Menschen vorher clever gelernt hatten, so wenig wie möglich schuften zu müssen).

Die Einordnung in das Keimform-Schema macht mir leider wieder deutlicher, dass das Schema eben doch ein Schema ist und das, was man sich  hineindenkt, ziemlich beliebig.

Extrem wichtig finde ich den Hinweis von Christian aus seiner Wood-Lektüre (http://keimform.de/2014/wie-der-kapitalismus-entstand/) darauf, dass der Übergang zu einer neuen Gesellschaftsform gegenüber den Verhältnissen der alten Gesellschaft recht kontingent ist. Die Perspektiver der „Eule der Minerva“ funktioniert nur für den Blick zurück. Aus jeder Gegenwart heraus sagt das aber recht wenig für die jeweilige Zukunft. Alles, was ich in den letzten Wochen zu wirklichen geschichtlichen Übergängen gelesen habe, zeigt überdeutlich, dass es stets vielerlei Faktoren bedurfte, die i.a. auch nur an einer einzigen Stelle nach einiger Zeit so zusammenwirkten, dass etwas entstand, das man bezüglich bestimmter Kriterien als „Höherentwicklung“ bezeichnen kann.  An vielen anderen Stellen war es zwar auch not-wendig, aber die Not wurde einfach nicht gewendet.

Ich kann mir natürlich trotzdem noch vorstellen, dass man als antizipierend handeln wollender Mensch heuristisch den Standpunkt der  „virtuellen Eule der Minerva“ (http://www.thur.de/philo/hegel/hegelvortrag2.htm#12) einnehmen kann. Ich hatte dabei nie so direkt die Stufenleiter der Analyseschritte aus dem 5-Schritt-Konzept (und was dann nun welchem Schritt entspricht…) vor Augen, als die Bedingungsanalyse.

Man muss dann jedoch wirklich alle Bedingungen in den Blick nehmen, und nicht nur die, die in das Muster des „Wünschbaren“ fallen. Vielleicht gibt es Situationen, in denen die Bedingungen des Gefährdenden viel wichtiger sind, damit die Weichen nicht so falsch gestellt werden, dass die Bedingungen des Gewünschten schwinden.

 Ich denke, dass diese Situation in mehrfacher Hinsicht vorhanden ist. („Crashtest für Utopien“: https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2013/12/31/die-zukunft/) Die Zukunft ist für unsere Wünsche nicht mehr so offen wie in den 90ern, sondern sehr viel mehr hat sich gegen uns entwickelt als für und mit uns (auch wenn wir uns letzteres immer wieder vorsingen, damit wir nicht traurig werden). Das muss sich auch in unseren Konzepten und Theorien widerspiegeln, sonst gehen wir als Träumende in den Elfenbeintürmen in die nicht mehr geschriebenen Geschichtsbücher der Zukunft ein…

8 franziska (14.10.2017, 13:03 Uhr)

@Christian und Benni
Wie man sieht, stochern wir geschichtstheoretisch im Nebel herum.
Ich habe in meiner Antwort dem Ausdruck „vorherrschender
Produktionsbereich“ eine bestimmte Deutung gegeben, und wollte damit
genau der Tendenz widersprechen, die in Simons und Bennis Beiträgen
deutlich wird: Zur Charakterisierung „epochaler“ Produktionsverhältnisse
(etwa des letzten vor-kapitalistischen, des kapitalistischen, oder
common(al)istischen) benennt man traditionell-marxistisch vorrangig die
allgemeinst-möglichen Arten von Stellungen in der (erweiterten)
gesellschaftlich-arbeitsteiligen Reproduktion, die die
Klassen-Einteilung der funktional-arbeitsteilig begründeten
Einkommensquellen (wer arbeitet für wen?) und Verfügung über
Produktivvermögen begründen. (Über diese grundlegendste Gliederung
hinaus kann man, insbesondere zur Charakterisierung historischer Dynamik
auf kürzere Fristen, an und in den „epochalen“ Klassen weitere
Unterteilungen feststellen, Übergänge und Funktionswechsel beschreiben
usw). Die Charakterisierung über bestimmte Branchen, also durch ihr
Branchenprodukt charakterisierte Produzentenklassen, ist nicht geeignet
zur Charakterisierung des über eine Epoche hinweg Gleichbleibenden und
zwischen Epochen Wechselnden, weil, wie man an Bennis Abfolge bemerkt,
die hier anführbaren Branchen bereits innerhalb der Epoche wechseln –
Epochenwechsel Epochenunterschiede, Epochen-Definitionen/wesentliche
Merkmale) hingegen markieren die fundamentalsten aller Änderungen im
Aufbau gesellschaftlich-arbeitsteiliger (Re)Produktion. Entsprechend den
von Marx/Engels bemerkten Zusammenhängen geht es da immer auch um etwas „Produktivkraft“-Mässiges, die Frage ist nur: Was? In früheren
Kommentaren habe ich immer wieder auf den Mangel hingewiesen, dass dem
Versuch einer „fundamentalen“ Epochengliederung nach
Produktionsverhältnissen das unentbehrliche Pendant auf der
„Produktivkraft“-Seite (ausser im Fall des Kapitalismus) fehlt; ich
meinerseits habe versucht, diese Lücke durch Benennung von
„Epochenaufgaben“ zu schliessen.
 Weitere Ausführungen hierzu sind hier zu finden:
http://www.selbstbestimmung-als-aufgabe.de/pages/untersuchungen-und-bemerkungen-zu/kommunismus-und-kommunalismus/ergaenzung-zum-keimform-kommentar-vom-14.10.2017.php

Das, was uns „theoretisch…grosse Schwierigkeiten bereitet“, ist die extreme Unentwickeltheit der derzeitigen Geschichts- und Gesellschaftstheorie.
Das gilt übrigens auch für die Unterteilung in zwei Unter-„Sphären“ der kap.Produktionsweise, die Simon die „ökonomische“ und die „reproduktive“ nennt, was leicht verwirrt, weil diese Ausdrücke BEIDE zugleich sonst auch die Gesamtleistung der kap.Produktionsweise bezeichnen. Tatsächlich haben wir für die „unterschwelligen“ Bereiche der epochalen Reproduktion, also etwa die „familiäre“ oder gar individuelle, die durchs Raster der „Klassen“-definierenden Produktionsverhältnisse fallen, bislang keine generell eingeführten Benennungen, was wohl Ausdruck der Tatsache ist, dass es über die Stellung solcher „Sphären“ (zu definieren etwa entlang den bekannten Nebenwidersprüchen „männlich/weiblich“, „Kopf/Hand“, „Stadt/Land“, „Zentrum/Peripherie“) bislang keinen theoretischen Konsens gibt.
Wofür man wiederum „historisch wirksame“ Blindheiten als Erklärung heranziehen kann… 

9 Annette (14.10.2017, 18:36 Uhr)

„Das, was uns „theoretisch…grosse Schwierigkeiten bereitet“, ist die
extreme Unentwickeltheit der derzeitigen Geschichts- und
Gesellschaftstheorie.“

Vor allem unserer Kenntnis von dem, was es alles schon gibt… 

Liegt das daran, dass bei Keimform.de sich vorwiegend Informatiker etc. verständigen und wissende (uns in der politischen Orientierung durchaus gewogene) Politik/-SozialwissenschaftlerInnen eher das Handtuch geschmissen haben, weil wir zu oft Kritikpunkte an von ihnen vertretenen Konzepten fanden als auch mal von ihnen zu lernen?

Ich selbst gehe als nicht-Sozialwissenschaft-Studierte eher immer besonders lernbegierig an alles aus dieser Richtung heran, weil ich weiß, dass ich da zu wenig weiß…

10 Wolfram Pfreundschuh (17.10.2017, 09:22 Uhr)

„Der Kapitalismus ist eine Gesellschaftsform, welche sich in eine ökonomische Sphäre und eine reproduktive Sphäre spaltet. Diese ökonomische Sphäre ist bestimmend, und die Produzierenden befinden sich in dieser in einem sozialen Verhältnis der getrennten (Privat-)Produktion. Dieses soziale Verhältnis lässt sich nur über Tausch vermitteln, welcher Konkurrenz, Notwendigkeit von Geld, Kapital und schlussendlich die “Verselbständigung der Verhältnisse gegenüber dem Menschen” (den Fetischismus) produziert.“

Es wäre ja wirklich schön, wenn die Keimformen mit Hilfe von Karl Marx aus den Fehlern der linken Theorieverwurstelung seit Adorno gehoben werden könnte. Was Adorno mit seiner Negative Dialektik in eins gesetzt,  hatte Marx als das ganze soziale Verhältnis (also sowohl Reproduktion wie auch Reichtumsbildung) als die Verhältnisform einer Wirtschaftsweise dargestellt, die den Lebensäußerungen der Menschen entfremdet (siehe Entfremdung) und die mit dem WERTBEGRIFF substanziell zu begreifen ist. Und er hat den Warenfetischismus als Grundlage einer mystifizierten WAHRNEHMUNG des Warenverhältnisses illustriert, die ihren Mythos quasi religiös betreibt. Das Zusammennehmen von beidem in einem psychologischen Begriff wie Fetischismus ist die Selbsttötung des Begreifen, das als persönliche Genugtuung eines abgehobenen Verstandes nur vorübergehend und vor allem nur für die in ihrer Theoriebildung verselbständigten Intelektuellen funktionieren kann. Ein wirkliches Bewusstsein kann damit nicht gebildet werden. Und das wäre doch das eigentliche Ziel einer Wissensbildung, welche die gesellschaftlichen Widersprüche zumindest so benennt, dass an ihnen praktisches Handeln ansetzen kann – oder nicht?. 

11 Wolfram Pfreundschuh (18.10.2017, 07:34 Uhr)

„Erst wenn die Produktion auf “beiden Seiten” vom Tausch umschlossen ist – damit von der neuen Form gesellschaftlicher Vermittlung – wird sie kapitalistisch. Erst hierdurch findet der Dominanzwechsel statt, und die kapitalistische Logik (Produktivität, etc.) und ihre Exklusionslogik kommt voll zum Tragen. Hierbei geht es nicht darum, dass der gesamte Input oder Output über Tausch stattfindet, sondern nur der bestimmende Teil davon.“

Warum sollte der Warentausch erst „kapitalistisch“ werden, wenn irgendeine Macht der Welt, nur weil sie scharf ist auf Produktivität, einen  „Dominanzwechsel“ einleitet? Es ist umgekehrt: Die „beiden Seiten“ sind mit dem Warentausch selbst schon vorhanden als Beziehung auf die Reproduktion durch das Geld als Kaufmittel (W-G) einerseits und der Beziehung des Geldes auf den Reichtum der kapitalistischen Gesellschaft durch das Geld als Zahlungsmittel (G-W) andererseits. Warum sollte da noch ein „Dominanzwechsel“ nötig sein? Die Dominanz ist mit dem Geld als Subjekt des Marktes, als Zahlungsmittel, schon mit der Geldform, wie sie sich aus dem Verhältnis der relativen Wertform zur allgemeinen Wertform ergibt, logisch vorhanden und nur insofern exklusiv, wie sie die Form einer abstrakt allgemeinen Vermittlung darstellt – aber nicht ohne sich durch die einzelne Wertform des Gebrauchswert erhalten zu können.

12 franziska (18.10.2017, 11:31 Uhr)

Ich möchte nochmals auf Simons Text (indirekt auch auf die Beiträge der andern) eingehen.

Die gesellschaftsweite Durchsetzung kapitalistischer Praxis mag so, wie sie sich historisch ergab, zunächst noch von niemandem geplant gewesen sein. Es haben sich angesichts ihres Entstehens aber doch zunehmend Menschen Gedanken darüber gemacht, was da geschieht – und das dann bewusst zustimmend, oder auch kritisch, und mit mehr oder weniger Einsicht in das, was sie zu beurteilen versuchten.

Im Kern waren sich aber alle einig in EINEM Punkt: Zum Guten oder Schlechten wurde da eine Gesellschaftsform nicht am Entstehen gehindert oder sogar (nach Kräften) gefördert, die es ersparen sollte, dass man den monströsen Fortschrittsprozess, der da einsetzte, würde (ausser mit einigen vergleichsweise harmlosen Regelungs-Eingriffen und Rahmensetzungen) „steuern“ müssen – mit allem, was dazu gehört hätte. Stattdessen würde diese Form ganz von selber dafür sorgen, die Errungenschaften der Technik so schnell wie möglich zu erschliessen, umzusetzen und im Endeffekt allen (wenn unterschiedlich, dann immer „optimal“ unterschiedlich) zugute kommen zu lassen. Selbst die „Marxisten“ sahen das letztlich so: Die Produktivkräfte mussten ja „entfesselt“ werden, um ein andres Produktionsverhältnis zu ermöglichen.

Für all das sollte (allzu) viel inkaufgenommen werden.

Wir, die später Dazugekommenen, sehen das Resultat: Der blindwütige, der „entfesselte“ Mechanismus leistet, wie der Besen dem Zauberlehrling, das ihm nur Mögliche allzu gut – die Produktivkräfte „entwickeln sich“ in der Tat immer weiter. Aber auch NUR sie: Was man mit ihnen anfangen könnte oder sollte, bleibt „gesellschaftlich“ unbestimmt – alle dürfen da und dort ein winziges bisschen daran mitwirken, in Grössenordnungen, die selbst die Reichsten, die Einflussreichsten und Mächtigsten (wieviel mehr erst die andern) ohnmächtig vor den Sachzwängen dastehen lassen.
Nicht nur, was da WIRKLICH geschieht, ist kaum zu ermitteln (obwohl es doch alles Praxis ist, Praktik irgendjemandes, der sich mit Gründen entscheidet, Auskunft geben und sich bei Einwänden auch umentscheiden könnte: Das Zusammenwirken aller mit allen entzieht sich jeder Beeinflussung – soviel zu dem, was eine Sozialwissenschaft, mit welcher Gesinnung und worauf orientiert auch immer, herausfinden könnte – vor allem, was aus ihren Einsichten folgen soll.)
Sondern: Die Bemühungen, sich abzustimmen und die Praxis der Einzelnen, jetzt, endlich, doch einmal mit der anderer, und sei es auch nur diesseits der Dunbar-Hürde, geschweige denn jenseits, zusammenzuführen, um die Arbeitsteilung auf geteilte Ziele zu beziehen – sie starten historisch bei NULL. Vom grundsätzlich technologisch (schon; oder: noch) verfügbaren Wissen mal abgesehen…

Darüber, wie DAS zu handhaben sein soll, wird man von denen, die dachten diesen Schritt in der Gesellschaftsorganisation vernachlässigen zu können, nichts, nicht das Allergeringste, lernen.
Es gibt da leider keine Formen von Nachlässigkeit – auch keine abgemilderten.
Und… es gibt keine „Wissenschaft“, die uns die Folgen unserer UNTERLASSUNGEN so fein analysiert darbietet, dass wir glauben, wir könnten sie einfach – fortsetzen.
Oder doch, es gibt sie ja: Die „bürgerliche“ Wissenschaft nämlich. Die ist leider AUS PRINZIP keine „uns in der politischen Orientierung durchaus gewogene“. Wer Praxis und PraktikerInnen behandelt, als wären sie Objekte, mit denen man nicht reden, die man nur beobachten und „beeinflussen“ kann – der verkennt sie nicht nur, sondern der ist aus dem sozialmagischen Denken der Vor-Epoche nie herausgekommen: Dass man Vergesellschaftung auch ohne die Mühen der Verständigung haben kann. Man muss nur an Märkten und Medien, Institutionen, Normen, Diskursen, dem Wirtschaftssystem oder -mechanismus ein wenig drehen (und wissen, wie) – dann…  hat der Besen endlich seinen Meister gefunden: Glaubt uns! diesmal…

13 Wolfram Pfreundschuh (18.10.2017, 14:54 Uhr)

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition der toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf den Gehirnen der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neuen Weltgeschichtsszene aufzuführen. Die soziale Revolution (…) kann ihre Poesie nicht aus der Vergangenheit schöpfen, sondern nur aus der Zukunft. Sie kann nicht mit sich selbst beginnen, bevor sie allen Aberglauben an die Vergangenheit abgestreift hat. Die früheren Revolutionen bedurften der weltgeschichtlichen Rückerinnerung um sich über ihren eigenen Inhalt zu betäuben. Die Revolution (…) muss die Toten begraben lassen, um bei ihrem eigenen Inhalt anzukommen.“ (MEW 8, Seite 115)
siehe auch Revolution>

Schreibe einen Kommentar