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Notizen zur Veränderung der Gesellschaftsform

Wenn wir über den Übergang von Kapitalismus zum Commonismus nachdenken, kommt neben all den Schwierigkeiten der Bestimmung des Ziels zusätzlich noch die Schwierigkeit hinzu, die Änderung der Gesellschaftsform zu denken. Die einzige Änderung dieser Art, von der wir eine leise Ahnung haben, ist die Entstehung des Kapitalismus. Ich möchte hier versuchen, diese noch einmal nachzuzeichnen, um daraus (hoffentlich) Einsichten in die Veränderung hin zum Commonismus zu gewinnen.

Problemumriss

Wir müssen gestehen, dass unsere historische Bildung noch immer weitgehend mangelhaft ist. Zwar gibt es vielerlei Versuche die Entstehung des Kapitalismus zu denken, doch werden die meisten der Komplexität nicht gerecht und viele Ansätze von marxistischer Seite sind von traditionsmarxistischen Vorstellungen einer bloßen Veränderung der Eigentumsverhältnisse oder der Produktivkräfte überlagert. In diesem Text möchte ich an Überlegungen von Ellen Wood, welche Christian hier zusammengefasst hat, aufbauen. Doch stelle ich diese in einen anderen gesellschaftstheoretischen Rahmen.

Um die Entstehung des Kapitalismus zu begreifen, gilt es zunächst, den Kapitalimus möglichst präzise zu fassen. Ich möchte dies hier nicht länger ausführen und hoffe, dass die meisten Lesenden meine Kapitalismustheorie teilen. Der Kapitalismus ist eine Gesellschaftsform, welche sich in eine ökonomische Sphäre und eine reproduktive Sphäre spaltet. Diese ökonomische Sphäre ist bestimmend, und die Produzierenden befinden sich in dieser in einem sozialen Verhältnis der getrennten (Privat-)Produktion. Dieses soziale Verhältnis lässt sich nur über Tausch vermitteln, welcher Konkurrenz, Notwendigkeit von Geld, Kapital und schlussendlich die “Verselbständigung der Verhältnisse gegenüber dem Menschen” (den Fetischismus) produziert.

Jedoch gibt es auch schon vor dem Kapitalismus Tausch, Geld und Märkte, worauf Christian bspw. hier hingewiesen hat. Die Frage ist: Weshalb erzeugen diese Tauschbeziehungen und Märkte nicht die Dynamiken von Konkurrenz und Kapital? Mein Argument baut auf der Beobachtung von Ellen Wood auf, dass erst als das Land kommerzialisiert, also zur Ware wurde – und damit über Tauschbeziehungen verfügbar war – die Dynamik der Konkurrenz voll ausbildete.

Die Vermittlungsform wird bestimmend für die ‘Produktion’

Mein Argument wird sein: Erst wenn in der bestimmenden Art der ‘Produktion’ die Input- und Output-Beziehungen (Zugang zu Produktionsmitteln und Verteilung der Konsummittel) tauschförmig sind, beginnt die kapitalistische Dynamik. Produzierende benötigen Produktionsmittel (Ressourcen, Werkzeuge, etc.) und ‘verteilen’ Konsumtionsmittel. In der Feudalgesellschaft gilt für die meisten ‘Produktionsbereiche’, dass zumindest eine der beiden Beziehungen nicht tauschförmig ist. So erhalten Handwerker*innen zwar ihre Produktionsmittel über – mehr oder weniger – freie Märkte, aber der Verkauf der Produkte unterliegt meist dem Zunftrecht und somit festen Preisen, so dass die Produzent*innen nicht konkurrieren (können). Ohne sichere historische Grundlage gehe ich aber davon aus, dass es ‘Produktionsbereiche’ gibt, in welchen sowohl der Produktionsmittel-Input, als auch der Konsumtionsmittel-Output über Tausch und flexible Preise geregelt sind. Diese Bereiche besäßen schon eine Konkurrenzdynamik, jedoch waren sie für die feudale Re/Produktion nicht bestimmend, nicht wesentlich – womit die transformatorische Wirkung ausblieb. Doch was ist der wesentliche ‘Produktionsbereich’ des Feudalismus?

Ohne dies weiter zu begründen, würde ich behaupten: Es ist die Landwirtschaft. In ihr sind der Großteil der Menschen tätig, und sie stellt die Basis und die treibende Kraft der feudalen Gesellschaft dar. Der Großteil der landwirtschaftlich Tätigen re/produzierten in Eigenproduktion und verkauften nur ihren Überschuss über Märkte. Diese Märkte hatten jedoch flexible Preise und waren tauschförmig. Doch war die Inputseite durch traditionelle soziale Beziehungen bestimmt. Land wurde nicht frei als Privateigentum verkauft, sondern gehörte Grundherr*innen, welche dieses an ihre ‘Untertan*innen’ durch lange Pachtverträge weitergaben. Die Höhe der Pacht war durch Gewohnheitsrecht fixiert.

Im England des 17. Jh. wurde das Land dann kommerzialisiert: Erstens konnte Land getrennt von Menschen erhalten werden und zweitens wurde die Pacht flexibilisiert. Land wurde somit über den Markt verfügbar. Die Person, die mehr für das Land bot, bekam den Zuschlag.

P-Mittel (Input) Vermittlung Produzierende Vermittlung K-Mittel (Output)
Handwerk
Input Tausch Produktion Fixierter Tausch Output
Vorkapitalistische
Landwirtschaft
Input Tradition Produktion Tausch Output
Kapitalistische
Landwirtschaft
Input Tausch Produktion Tausch Output

Bis zur kapitalistischen Landwirtschaft ist immer eine Seite der Vermittlung nicht tauschförmig.

Erst wenn die Produktion auf “beiden Seiten” vom Tausch umschlossen ist – damit von der neuen Form gesellschaftlicher Vermittlung – wird sie kapitalistisch. Erst hierdurch findet der Dominanzwechsel statt, und die kapitalistische Logik (Produktivität, etc.) und ihre Exklusionslogik kommt voll zum Tragen. Hierbei geht es nicht darum, dass der gesamte Input oder Output über Tausch stattfindet, sondern nur der bestimmende Teil davon. Bei Landwirtschaft sind dies also nicht Samen oder Werkzeuge, sondern vor allem das Land selbst. Die Konkurrenz lässt sich dann zum einen über die Produktionsmittel-Seite erklären: Hier müssen die Bäuer*innen um das Land konkurrieren. Wer mehr bieten kann, bekommt es. Dies führt zu Konkurrenz und vor allem zur Produktivtätsentwicklung. Zum anderen wird diese Dynamisierung durch die Konsumtionsmittel-Seite verstärkt: Gestiegene Produktion bei noch gleicher Nachfrage. Nur wer die Preise – durch höhere Produktivität oder geringere ‘Lohnkosten’ – senken kann, gewinnt hier. Dies ist die gesellschaftliche Basis der englischen Agrarrevolution des 18. und 19. Jahrhunderts, welche Englands Landwirtschaft zu dem Leitstern Europas werden lässt.

Eine offene Frage betrifft die Arbeit. Müsste diese nicht auch tauschförmig zu haben sein, um die Landwirtschaft wirklich kapitalistisch werden zu lassen? Ich bin mir hier nicht sicher. Doch zumindest historisch ist die Kommerzialisierung des Landes und die dortige Freisetzung der Arbeitskräfte eng mit der Ausdehnung von Lohnarbeitsverhältnissen verbunden. Aber was bedeuten diese Einsichten für die Keimformtheorie? Und für den Übergang vom Kapitalismus zum Commonismus?

Theoretische Bedeutung (innerhalb der Keimformtheorie)

Für die Keimformtheorie bedeutet dies eine Spezifizierung. Eine Gesellschaftsform ist immer durch eine spezifische Vermittlungsform bestimmt, da diese die Form der Herstellung und der Nutzung (die zwei anderen Aspekte der gesellschaftlichen Re/Produktion) dominiert. Keimform des Kapitalismus ist der Tausch. Erst wenn der Tausch beide Beziehungen (Input und Output) des vorherrschenden ‘Produktionsbereichs’ bestimmt, kommt es zum Dominanzwechsel und die Gesellschaft ‘kippt’ in den Kapitalismus. Besonders interessant ist hierbei, dass die Verbreitung des Kapitalismus über die transpersonale Vermittlungsform geschieht. Transpersonal ist ein anderer Begriff für gesellschaftlich und meint die Beziehung zwischen den (mittelproduzierenden) Projekten (bspw. Unternehmen, Commons, etc.). Während der Begriff interpersonal die Ebene der Beziehungen innerhalb der Projekte meint.

Die Keimform des Kapitalismus, die Vermittlungsform Tausch, ist bereits transpersonal-gesellschaftlich. Ich betone dies so, da wir im nächsten Text sehen werden, dass dies beim Übergang zum Commonismus nicht so ist, die Keimform dort also nicht bereits transpersonal-gesellschaftlich ist, was uns theoretisch und praktisch große Schwierigkeiten bereitet…

Kategorien: Commons, Theorie

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9. Oktober 2017, 18:51 Uhr   43 Kommentare

1 franziska (11.10.2017, 10:46 Uhr)

Irgendwie, Simon, ist dir im Verlauf deines Beitrags eine wesentliche Kategorie für den Vergleich der beiden Epochenübergänge (und der drei involvierten Produktions- und Vermittlungsformen) abhanden gekommen: Der von dir so genannte „wesentliche Produktionsbereich“.
Eigentlich kennst du einen solchen nur im „Feudalismus“ (die Landwirtschaft, und was von ihr alimentiert wird).
Schon was dir da als Pendant für den Kapitalismus vorschwebt, ist schwer zu erkennen.
Der Commonismus schliesslich scheint überhaupt nichts dergleichen aufzuweisen.
Welches ist, zunächst, der für Kapitalismus, und anschliessend der für Commonismus massgebliche Produktionsbereich?
Erst wenn wir das wissen, können wir doch fragen, was da wie weitgehend bereits „umschlossen“ werden kann.

2 Simon Sutterlütti (12.10.2017, 10:09 Uhr)

Hmm .. genau das versuchte ich ja auszudrücken … Ich sehe keinen wirklich dominanten Produktionsbereich im Kapitalismus … für den Commonismus würde ich kaum wagen was zu vermuten … Was würdest du denn als dominanten Produktionsbereich im Kapitalismus ausmachen?

3 franziska (12.10.2017, 15:02 Uhr)

Simon: Ich hatte meine Meinung, was den Kapitalismus angeht, bereits öfter hier bei keimform geäussert, und bilde mir dabei ein, dass sie von der, die Marx gibt, nicht so weit weg ist; als grobe Formel ausgedrückt:
Der zentrale Produktionsbereich des Kapitalismus ist die unentwegte Entwicklung von Innovationen, um die vorhandene Produktion in egal welchen („abstrakt“) Hinsichten produktiver zu machen (als Nebenfolge ergibt sich daraus – nicht ganz identisch mit der angegebenen Formel – die unentwegte Entwicklung neuer Technologien auf Basis vorhandener, was hinausläuft auf eine Art Technik-Entwicklung als Selbstzweck, der der kapitalistische Innovation quasi als Mittel dient).
Die ökonomische Form für diesen Kernbereich ist die permanent neu gestaltete Selbstreproduktion des konstanten Kapitals c (die beständig Rückwirkungen auch auf die Selbstreproduktion des variablen Kapitals v hat); die Finanzierung der beständigen Innovation geschieht zT mithilfe des Mehrprodukts/Mehrwerts M (der beiden Selbstreproduktions-Kreisläufen entnommen wird, wie ein Blick auf Marx‘ Reproduktionsschema zeigt: M=mc+mv (oder m(Abt. I) und m(Abt. II).).
M wird herangezogen, um einmalige Forschunng, Entwicklung und Markteinführung technologischer Innovationen zu ermöglichen.
(Finessen wie die nicht unerhebliche Rolle des Staats im Setzen und Erfüllen von Rahmenbedingungen, unter anderm (hier von Interesse) Grundlagenforschung und Bildung, lasse ich einmal beiseite.)

Diese Produktion von Technik als Selbstzweck (von Marx auch „Entwicklung der Produktivkräfte“ genannt), die sich als Resultat der kapitalistischen Produktionsweise ergibt, ist erkauft mit unsäglichen Opfern im Bezug auf Lebenseinrichtung, Lebensziele, und „Fortschritt“ insgesamt, die dafür inkaufzunehmen sind: Fabrikdespotie und Konkurrenz der Menschen, Ungleichheit, Klassengesellschaften und Ausbeutung; Externalisierung aller durch Märkte und Preise nicht abzubildender Kosten (die dann sekundär, schlecht und recht, NACH stattgehabter schädlicher Produktion, vom bürgerlichen Staat kompensiert werden müssen).

Soweit gibt es vielleicht noch gerade eben so Übereinstimmung unter Menschen, die den Argumenten von Marx etwas abgewinnen können.

Wenn man es nun aber wagt, zum Commonismus überzugehen…

Echt jetzt? das soll ein Wagnis sein, Simon? Ja wer wenn nicht wir und andre unserer Art sollen denn die nötigen Schritte dorthin unternehmen? Ist Commonismus nun etwas Wünschens- bzw. Erstrebenswertes und Mögliches? Oder etwa nicht?

…dann würde ich, wieder als Grobformel sagen:
Der Kapitalismus schafft es auf Dauer nicht mal, sein eignes Programm länger aufrechtzuerhalten, er hat die Mittel nicht, mit der von ihm selbst erzeugten Komplexität fertigzuwerden.
Aber diese Komplexität hat, wie ich schon sagte, nicht nur den Mangel, allen kapitalistisch-bürgerlichen (also illusionären, auf Dauer zum Scheitern verurteilten wie ich meine) Versuchen ihrer Organisation und Beherrschung mithilfe von Preisen, Märkten und staatlicher Regulierung davonzuwachsen – die erzeugten Produktivkräfte haben obendrein den Mangel, nicht auf Zwecke bezogen zu sein, die die diesem selbstzweckhaften Wuchern von Mitteln ohne Zweck unterworfenen Leute (eigentlich: alle) im Konsens ausbilden könnten (über dies „könnten“ wäre viel zu sagen…).

Aus dieser Mangeldiagnose resultiert eine Grobformel für Commonismus: Die gesamte (angesichts des erreichten Stands der Produktivkräfte mögliche) Produktion und ihr Fortschritt („der dort zentrale Produktionsbereich“; ob es da überhaupt noch ein „Zentrum“, und eine dazu gehörende Peripherie gibt, lasse ich offen) ist dort bezogen auf kollektive (kollektivfähige) Zwecke.
Ich wüsste drei (wer andre weiss, kann mir widersprechen):
Die Produktion soll dann sein
– bedürfnisgerecht;
– naturgerecht;
– „politik-gerecht“= bestehende mentale Fortschritts-Gefälle (zu Aussenstehenden) auflösend.

Das mag, so ausgedrückt, „gewagt“ klingen, denn es gibt wahrscheinlich nicht einen einzigen Begriff (kollektiver Zweck, Bedürfnis, Natur, mentaler Fortschritt/Gefälle, Aussenstehende) darin, der nicht erläuterungsbedürftig wäre.
Ich erläutere auch gerne, bei Bedarf.
Man sollte allerdings das Wagnis, wenn es eins ist, über diese Dinge nachzudenken und sich zu verständigen, in Angriff zu nehmen  (wir sind, wie mir scheint, damit nicht so weit weg von deinen Thesen bzw. Fragestellungen, Simon…)

4 franziska (12.10.2017, 19:02 Uhr)

Um mein Beitrags-Volumen nicht übermässig aufzublähen, habe ich einige Zusätze zum vorstehenden Kommentar anderswo gepostet:
http://www.selbstbestimmung-als-aufgabe.de/pages/untersuchungen-und-bemerkungen-zu/kommunismus-und-kommunalismus/ergaenzung-zum-keimform-kommentar-vom-12.10.2017.php
Sie enthalten Bemerkungen, die über die unmittelbare Beantwortung der Ausgangsfrage von Simon hinausgehen, aber erste Hinweise liefern zur genaueren Begründung dessen, was ich Simon geantwortet habe.

5 Christian Siefkes (12.10.2017, 20:32 Uhr)

@Simon: Ich finde es richtig und wichtig, die Frage der Transformation weiterzudenken, habe jedoch in Details ein paar Einwände oder Ergänzungen. Zum einen schreibst du:

Keimform des Kapitalismus ist der Tausch. Erst wenn der Tausch beide Beziehungen (Input und Output) des vorherrschenden ‘Produktionsbereichs’ bestimmt, kommt es zum Dominanzwechsel und die Gesellschaft ‘kippt’ in den Kapitalismus.

Deine Tabelle zeigt jedoch, dass auch das vorkapitalistische Handwerk schon auf beiden Seiten tauschförmig organisiert war, wobei du für die Output-Seite den Ausdruck „Fixierter Tausch“ verwendest und dazu schreibst: „aber der Verkauf der Produkte unterliegt meist dem Zunftrecht und somit festen Preisen, so dass die Produzent*innen nicht konkurrieren (können).“

Das stimmt und ich würde es für die wesentliche Ursache des Ausbleibens einer kapitalistischen Dynamik halten, jedoch ist — wie dein Begriff schon sagt — auch ein „fixierter Tausch“ eine Form des Tauschens. Auch die handwerklichen Produkte wurden ge- und verkauft, also „getauscht“ — nur dass die unterschiedlichen Anbieter sich aufgrund der fixierten Preise keinen Unterbietungswettbewerb liefern konnten. Weshalb die spätere Dynamik, auf Teufel komm raus billiger produzieren müssen als die Konkurrenz (oder mindestens ebenso billig) und deshalb jede mögliche Produktivkraftsteigerung mitzumachen oder möglichst sogar vorwegzunehmen, fehlte.

Das den Kapitalismus speziell Ausmachende ist also gerade nicht der Tausch (den gab es vorher schon), sondern der Marktpreismechanismus oder das „freie Spiel von Angebot und Nachfrage“. Man kann’s auch „unregulierten Tausch“ oder so nennen, aber diese Besonderheit muss schon klar benannt werden. Wenn du die Unterscheidung zwar hier und da im Text triffst, aber wenn’s drauf ankommt dann noch wieder unzulässige Verallgemeinerungen wie „Keimform des Kapitalismus ist der Tausch“ verwendest, führst du deine Leser_innen (und im Zweifelsfall auch dich selbst, wenn du die Details dann später wieder vergessen hast) in die Irre.

Zweitens: Die von franziska schon aufgeworfene Frage nach dem vorherrschenden oder wesentlichen Produktionsbereich des Kapitalismus ist für deine Transformationstheorie natürlich essenziell, da du davon ausgehst, dass sich die neue Logik erst im vorherrschenden Produktionsbereichs der alten Gesellschaft durchsetzen muss, bevor sie sich verallgemeinern kann. Wenn du nun davon ausgehst, dass es im Kapitalismus gar keinen solchen Produktionsbereich gibt oder er jedenfalls nicht klar erkennbar ist, was bedeutet das für deine Transformationstheorie?

(Franziskas Antwort „Der zentrale Produktionsbereich des Kapitalismus ist die unentwegte Entwicklung von Innovationen“ geht allerdings an der Frage vorbei. Innovation ist ein Grundprinzip des Kapitalismus eben wegen der Notwendigkeit der permanenten Unterbietungskonkurrenz; das gilt aber für alle Produktionsbereiche und gerade nicht für irgendeinen speziellen.)

Schließlich zu deiner Frage:

Eine offene Frage betrifft die Arbeit. Müsste diese nicht auch tauschförmig zu haben sein, um die Landwirtschaft wirklich kapitalistisch werden zu lassen? Ich bin mir hier nicht sicher.

Ich denke schon, denn ohne Lohnarbeit ist ja keine Mehrwertproduktion — der Kern der kapitalistischen Produktionsweise — möglich. Nehmen wir an, es wäre bei den frühen Formen des „Agrarkapitalismus“ (der damals eigentlich noch keiner war) geblieben: Das Land wird zwar meistbietend verpachtet, aber die Pächter können nur sich selbst und ihre Familienmitglieder beschäftigen, anstellbare Lohnarbeiter_innen stehen ihnen nicht zur Verfügung. Das hätte die Dynamik arg beschränkt — Effizienzsteigerungen durch Betriebsvergrößerung wären etwa nur sehr beschränkt möglich gewesen. Zudem wären alle Betriebe das gewesen, was sie im Mittelalter auch waren: entweder Familienunternehmen, Ein-Personen-Unternehmen oder Partnerschaften von mehreren mehr oder weniger gleichberechtigten Partnern sowie vielleicht ein paar Lehrlingen (die später zu Partnern aufsteigen können). Bei solchen Unternehmensformen macht es wahrscheinlich kaum einen Unterschied, ob ein Unternehmen effizienter produziert als andere, weil es nur sehr begrenzt wachsen und die anderen deshalb nicht aus dem Markt drängen kann.

Das Spannende am frühen Kapitalismus ist, dass er sich quasi selber schuf, indem er das Phänomen Lohnarbeit durchsetze. Lohnarbeit hatte es vorher auch schon gegeben, aber sie war vergleichsweise selten und wer etwas auf sich hielt, hat sich selbst (d.h. die eigene Arbeitskraft) ganz sicher nicht verkauft (der Verkauf von Arbeitsprodukten z.B. durch Handwerker war etwas anderes). Der Konkurrenzkampf auf dem Land führte nun aber dazu, dass mehr und mehr Pächter aufgeben mussten und mangels Alternativen gezwungen waren, ihre eigene Arbeitskraft an die erfolgreicheren Konkurrenten (die oft auch ihr Land übernahmen) zu verkaufen. Andere mussten aus dem Land in die Städte ziehen, in der Hoffnung dort ein Auskommen zu finden, und lieferten so das Arbeitskräftepotenzial für die ersten kapitalistischen Manufakturen und Fabriken.

Also der frühe Kapitalismus (der streng genommen noch kaum einer war, solange er weitgehend ohne Lohnarbeit auskommen musste) schuf die lohnarbeitende Klasse und damit sich selbst (als ernstzunehmenden Kapitalismus). Was bedeutet das für die Transformation zum Commonismus? Ich weiß es nicht genau, aber ich vermute, dass wir nach etwas Ähnlichem Ausschau halten sollten: Frühformen, die sich von der der entwickelten Form noch stark unterscheiden, aber eine Dynamik in Gang setzen, die letztere hervorbringt.

6 Benni Bärmann (13.10.2017, 18:45 Uhr)

Was den beherrschenden Produktionsbereich im Kapitalismus angeht, liegt die Antwort finde ich ziemlich auf der Hand: Es gab mehrere. Zunächst die Landwirtschaft, dann die Textilindustrie, dann die Montanindustrie, dann Auto, Elektro & Chemie, dann die Chip- und Medienindustrie.

Der Witz am Kapitalismus ist jetzt, dass er für diese Übergänge jeweils selber die Dynamiken (mit all der Krisenhaftigkeit, die das mit sich bringt) bereitstellt.

Innovation (wie von Franziska als Kernfeld des Kapitalismus vorgeschlagen) sehe ich eher als Kandidaten, die den Kernbereich des Commonismus ausmacht. Innovation ist im Kapitalismus immer nur Mittel zum Zweck der Steigerung des Profits und erst wenn es da eine Zweck-Mittel-Umkehr gibt, ist das die Möglichkeit den Kapitalismus los zu werden. Der Commonismus wird sich nur durchsetzen, wenn er innovativer ist als der Kapitalismus.

7 Annette (13.10.2017, 20:23 Uhr)

Simon, tut mir leid, ich kann diesem Konzept an vielen Stellen nicht zustimmen. Es ist viel zu grobschlächtig und einseitig. Du versuchst viel zu schnell mit der Tabelle ein Schema aufzustellen, bei dem Dir Historiker tausende Gegenbeispiele vorlegen würden, so dass die Verallgemeinerung und erst recht die Folgerungen schnell fragwürdig werden.

Nun zu meinen Differenzen:
1. Kapitalismus ist mit der Sphärenspaltung und der Tauschförmigkeit der In- und Outputbestimmungen unterbestimmt. Beides sind  Erscheinungen, aber ob sie die wesentlichen sind, kannst Du nicht begründen. Woods Verweis auf den „Agrarkapitalismus“ setzt meines Erachtens nicht die Wesentlichkeit der Erzeugung von Mehrwert durch „doppelt freie“ Arbeiter außer Kraft. Es ist ja nicht vom Himmel gefallen, dass das Land ausgerechnet in England schon sehr zeitig „vorteilshaftste Anlage des Kapitals“ (MEW 26.2: 237) wurde. Das wird üblicherweise (Marx, Kuczynski,  sogar Wikipedia…) im Zusammenhang gesehen mit der Vertreibung der Menschen, das kommt nicht erst danach. Wood lässt an dieser Stelle offen, wer die „Pächter“ waren (Wood 2015: 68). Eine genaue klassenmäßige Einordnung ist nicht einfach. Was wichtig ist, ist die Frage, ob Mehrwert erzeugt wurde. Wenn ja, sind die Träger der lebendigen Arbeit, die den Mehrwert erzeugt, als Arbeiterklasse zu spezifizieren, egal ob sie formell (selbstarbeitende) Pächter oder auch schon deren angestellte Lohnarbeiter sind. Das Ganze wird historisch in der Analyse noch erschwert, weil ja tatsächlich auch die Böden fruchtbarer wurden (u.a. durch die Schafscheiße), aber den Mehrwert bringt letztlich nur die Arbeit, die dazu in Gang gesetzt wird. (für die nicht-„Kapital“- und Marxismus-Geschulten vielleicht noch der Hinweis: Kapital wird bei Marx dadurch bestimmt, dass es in seinem Prozess Mehrwert einsaugt (MEW 23: 165) (woher der Mehrwert kommt, erklärt Marx in den folgenden Kapiteln, nämlich die Arbeitskraft. Vorher kann getauscht werden, was und wann es will – es wird kein Kapitalismus).

Deine Frage, ob Arbeit „tauschförmig“ sein muss, ist meiner Meinung nach zu bejahen, aber nicht in diesen  Begriffen. Besser wäre: Ja, die Arbeitskraft (nicht „die Arbeit“) muss eine Ware sein.

2. Historisch eine Anmerkung: Die Zeiten stimmen nicht. Nicht erst im 17. Jhd. beginnt das alles in England, sondern gleich nach den Rosenkriegen Ende des 15./Beginn des 16. Jhd..

3. Noch eine Anmerkung: Die Vorstellung, vorher hätten die landwirtschaftlich Tätigen sich in Eigenproduktion reproduziert und nur den Überschuss über die Märkte verkauft, ist eine idyllisierende Mystifikation bzw. eine unzulässige Verallgemeinerung des Zustands in wenigen  Gebieten auf andere und längere Zeiten.  Sie haben vor allem Frondienste geleistet. Die Verwandlung der Frondienste und Naturalrenten in Geldrenten war dann erst einmal eine Loslösung von feudalen Fesseln (u.a. der Produktivkräfte, weil die Menschen vorher clever gelernt hatten, so wenig wie möglich schuften zu müssen).

Die Einordnung in das Keimform-Schema macht mir leider wieder deutlicher, dass das Schema eben doch ein Schema ist und das, was man sich  hineindenkt, ziemlich beliebig.

Extrem wichtig finde ich den Hinweis von Christian aus seiner Wood-Lektüre (http://keimform.de/2014/wie-der-kapitalismus-entstand/) darauf, dass der Übergang zu einer neuen Gesellschaftsform gegenüber den Verhältnissen der alten Gesellschaft recht kontingent ist. Die Perspektiver der „Eule der Minerva“ funktioniert nur für den Blick zurück. Aus jeder Gegenwart heraus sagt das aber recht wenig für die jeweilige Zukunft. Alles, was ich in den letzten Wochen zu wirklichen geschichtlichen Übergängen gelesen habe, zeigt überdeutlich, dass es stets vielerlei Faktoren bedurfte, die i.a. auch nur an einer einzigen Stelle nach einiger Zeit so zusammenwirkten, dass etwas entstand, das man bezüglich bestimmter Kriterien als „Höherentwicklung“ bezeichnen kann.  An vielen anderen Stellen war es zwar auch not-wendig, aber die Not wurde einfach nicht gewendet.

Ich kann mir natürlich trotzdem noch vorstellen, dass man als antizipierend handeln wollender Mensch heuristisch den Standpunkt der  „virtuellen Eule der Minerva“ (http://www.thur.de/philo/hegel/hegelvortrag2.htm#12) einnehmen kann. Ich hatte dabei nie so direkt die Stufenleiter der Analyseschritte aus dem 5-Schritt-Konzept (und was dann nun welchem Schritt entspricht…) vor Augen, als die Bedingungsanalyse.

Man muss dann jedoch wirklich alle Bedingungen in den Blick nehmen, und nicht nur die, die in das Muster des „Wünschbaren“ fallen. Vielleicht gibt es Situationen, in denen die Bedingungen des Gefährdenden viel wichtiger sind, damit die Weichen nicht so falsch gestellt werden, dass die Bedingungen des Gewünschten schwinden.

 Ich denke, dass diese Situation in mehrfacher Hinsicht vorhanden ist. („Crashtest für Utopien“: https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2013/12/31/die-zukunft/) Die Zukunft ist für unsere Wünsche nicht mehr so offen wie in den 90ern, sondern sehr viel mehr hat sich gegen uns entwickelt als für und mit uns (auch wenn wir uns letzteres immer wieder vorsingen, damit wir nicht traurig werden). Das muss sich auch in unseren Konzepten und Theorien widerspiegeln, sonst gehen wir als Träumende in den Elfenbeintürmen in die nicht mehr geschriebenen Geschichtsbücher der Zukunft ein…

8 franziska (14.10.2017, 13:03 Uhr)

@Christian und Benni
Wie man sieht, stochern wir geschichtstheoretisch im Nebel herum.
Ich habe in meiner Antwort dem Ausdruck „vorherrschender
Produktionsbereich“ eine bestimmte Deutung gegeben, und wollte damit
genau der Tendenz widersprechen, die in Simons und Bennis Beiträgen
deutlich wird: Zur Charakterisierung „epochaler“ Produktionsverhältnisse
(etwa des letzten vor-kapitalistischen, des kapitalistischen, oder
common(al)istischen) benennt man traditionell-marxistisch vorrangig die
allgemeinst-möglichen Arten von Stellungen in der (erweiterten)
gesellschaftlich-arbeitsteiligen Reproduktion, die die
Klassen-Einteilung der funktional-arbeitsteilig begründeten
Einkommensquellen (wer arbeitet für wen?) und Verfügung über
Produktivvermögen begründen. (Über diese grundlegendste Gliederung
hinaus kann man, insbesondere zur Charakterisierung historischer Dynamik
auf kürzere Fristen, an und in den „epochalen“ Klassen weitere
Unterteilungen feststellen, Übergänge und Funktionswechsel beschreiben
usw). Die Charakterisierung über bestimmte Branchen, also durch ihr
Branchenprodukt charakterisierte Produzentenklassen, ist nicht geeignet
zur Charakterisierung des über eine Epoche hinweg Gleichbleibenden und
zwischen Epochen Wechselnden, weil, wie man an Bennis Abfolge bemerkt,
die hier anführbaren Branchen bereits innerhalb der Epoche wechseln –
Epochenwechsel Epochenunterschiede, Epochen-Definitionen/wesentliche
Merkmale) hingegen markieren die fundamentalsten aller Änderungen im
Aufbau gesellschaftlich-arbeitsteiliger (Re)Produktion. Entsprechend den
von Marx/Engels bemerkten Zusammenhängen geht es da immer auch um etwas „Produktivkraft“-Mässiges, die Frage ist nur: Was? In früheren
Kommentaren habe ich immer wieder auf den Mangel hingewiesen, dass dem
Versuch einer „fundamentalen“ Epochengliederung nach
Produktionsverhältnissen das unentbehrliche Pendant auf der
„Produktivkraft“-Seite (ausser im Fall des Kapitalismus) fehlt; ich
meinerseits habe versucht, diese Lücke durch Benennung von
„Epochenaufgaben“ zu schliessen.
 Weitere Ausführungen hierzu sind hier zu finden:
http://www.selbstbestimmung-als-aufgabe.de/pages/untersuchungen-und-bemerkungen-zu/kommunismus-und-kommunalismus/ergaenzung-zum-keimform-kommentar-vom-14.10.2017.php

Das, was uns „theoretisch…grosse Schwierigkeiten bereitet“, ist die extreme Unentwickeltheit der derzeitigen Geschichts- und Gesellschaftstheorie.
Das gilt übrigens auch für die Unterteilung in zwei Unter-„Sphären“ der kap.Produktionsweise, die Simon die „ökonomische“ und die „reproduktive“ nennt, was leicht verwirrt, weil diese Ausdrücke BEIDE zugleich sonst auch die Gesamtleistung der kap.Produktionsweise bezeichnen. Tatsächlich haben wir für die „unterschwelligen“ Bereiche der epochalen Reproduktion, also etwa die „familiäre“ oder gar individuelle, die durchs Raster der „Klassen“-definierenden Produktionsverhältnisse fallen, bislang keine generell eingeführten Benennungen, was wohl Ausdruck der Tatsache ist, dass es über die Stellung solcher „Sphären“ (zu definieren etwa entlang den bekannten Nebenwidersprüchen „männlich/weiblich“, „Kopf/Hand“, „Stadt/Land“, „Zentrum/Peripherie“) bislang keinen theoretischen Konsens gibt.
Wofür man wiederum „historisch wirksame“ Blindheiten als Erklärung heranziehen kann… 

9 Annette (14.10.2017, 18:36 Uhr)

„Das, was uns „theoretisch…grosse Schwierigkeiten bereitet“, ist die
extreme Unentwickeltheit der derzeitigen Geschichts- und
Gesellschaftstheorie.“

Vor allem unserer Kenntnis von dem, was es alles schon gibt… 

Liegt das daran, dass bei Keimform.de sich vorwiegend Informatiker etc. verständigen und wissende (uns in der politischen Orientierung durchaus gewogene) Politik/-SozialwissenschaftlerInnen eher das Handtuch geschmissen haben, weil wir zu oft Kritikpunkte an von ihnen vertretenen Konzepten fanden als auch mal von ihnen zu lernen?

Ich selbst gehe als nicht-Sozialwissenschaft-Studierte eher immer besonders lernbegierig an alles aus dieser Richtung heran, weil ich weiß, dass ich da zu wenig weiß…

10 Wolfram Pfreundschuh (17.10.2017, 09:22 Uhr)

„Der Kapitalismus ist eine Gesellschaftsform, welche sich in eine ökonomische Sphäre und eine reproduktive Sphäre spaltet. Diese ökonomische Sphäre ist bestimmend, und die Produzierenden befinden sich in dieser in einem sozialen Verhältnis der getrennten (Privat-)Produktion. Dieses soziale Verhältnis lässt sich nur über Tausch vermitteln, welcher Konkurrenz, Notwendigkeit von Geld, Kapital und schlussendlich die “Verselbständigung der Verhältnisse gegenüber dem Menschen” (den Fetischismus) produziert.“

Es wäre ja wirklich schön, wenn die Keimformen mit Hilfe von Karl Marx aus den Fehlern der linken Theorieverwurstelung seit Adorno gehoben werden könnte. Was Adorno mit seiner Negative Dialektik in eins gesetzt,  hatte Marx als das ganze soziale Verhältnis (also sowohl Reproduktion wie auch Reichtumsbildung) als die Verhältnisform einer Wirtschaftsweise dargestellt, die den Lebensäußerungen der Menschen entfremdet (siehe Entfremdung) und die mit dem WERTBEGRIFF substanziell zu begreifen ist. Und er hat den Warenfetischismus als Grundlage einer mystifizierten WAHRNEHMUNG des Warenverhältnisses illustriert, die ihren Mythos quasi religiös betreibt. Das Zusammennehmen von beidem in einem psychologischen Begriff wie Fetischismus ist die Selbsttötung des Begreifen, das als persönliche Genugtuung eines abgehobenen Verstandes nur vorübergehend und vor allem nur für die in ihrer Theoriebildung verselbständigten Intelektuellen funktionieren kann. Ein wirkliches Bewusstsein kann damit nicht gebildet werden. Und das wäre doch das eigentliche Ziel einer Wissensbildung, welche die gesellschaftlichen Widersprüche zumindest so benennt, dass an ihnen praktisches Handeln ansetzen kann – oder nicht?. 

11 Wolfram Pfreundschuh (18.10.2017, 07:34 Uhr)

„Erst wenn die Produktion auf “beiden Seiten” vom Tausch umschlossen ist – damit von der neuen Form gesellschaftlicher Vermittlung – wird sie kapitalistisch. Erst hierdurch findet der Dominanzwechsel statt, und die kapitalistische Logik (Produktivität, etc.) und ihre Exklusionslogik kommt voll zum Tragen. Hierbei geht es nicht darum, dass der gesamte Input oder Output über Tausch stattfindet, sondern nur der bestimmende Teil davon.“

Warum sollte der Warentausch erst „kapitalistisch“ werden, wenn irgendeine Macht der Welt, nur weil sie scharf ist auf Produktivität, einen  „Dominanzwechsel“ einleitet? Es ist umgekehrt: Die „beiden Seiten“ sind mit dem Warentausch selbst schon vorhanden als Beziehung auf die Reproduktion durch das Geld als Kaufmittel (W-G) einerseits und der Beziehung des Geldes auf den Reichtum der kapitalistischen Gesellschaft durch das Geld als Zahlungsmittel (G-W) andererseits. Warum sollte da noch ein „Dominanzwechsel“ nötig sein? Die Dominanz ist mit dem Geld als Subjekt des Marktes, als Zahlungsmittel, schon mit der Geldform, wie sie sich aus dem Verhältnis der relativen Wertform zur allgemeinen Wertform ergibt, logisch vorhanden und nur insofern exklusiv, wie sie die Form einer abstrakt allgemeinen Vermittlung darstellt – aber nicht ohne sich durch die einzelne Wertform des Gebrauchswert erhalten zu können.

12 franziska (18.10.2017, 11:31 Uhr)

Ich möchte nochmals auf Simons Text (indirekt auch auf die Beiträge der andern) eingehen.

Die gesellschaftsweite Durchsetzung kapitalistischer Praxis mag so, wie sie sich historisch ergab, zunächst noch von niemandem geplant gewesen sein. Es haben sich angesichts ihres Entstehens aber doch zunehmend Menschen Gedanken darüber gemacht, was da geschieht – und das dann bewusst zustimmend, oder auch kritisch, und mit mehr oder weniger Einsicht in das, was sie zu beurteilen versuchten.

Im Kern waren sich aber alle einig in EINEM Punkt: Zum Guten oder Schlechten wurde da eine Gesellschaftsform nicht am Entstehen gehindert oder sogar (nach Kräften) gefördert, die es ersparen sollte, dass man den monströsen Fortschrittsprozess, der da einsetzte, würde (ausser mit einigen vergleichsweise harmlosen Regelungs-Eingriffen und Rahmensetzungen) „steuern“ müssen – mit allem, was dazu gehört hätte. Stattdessen würde diese Form ganz von selber dafür sorgen, die Errungenschaften der Technik so schnell wie möglich zu erschliessen, umzusetzen und im Endeffekt allen (wenn unterschiedlich, dann immer „optimal“ unterschiedlich) zugute kommen zu lassen. Selbst die „Marxisten“ sahen das letztlich so: Die Produktivkräfte mussten ja „entfesselt“ werden, um ein andres Produktionsverhältnis zu ermöglichen.

Für all das sollte (allzu) viel inkaufgenommen werden.

Wir, die später Dazugekommenen, sehen das Resultat: Der blindwütige, der „entfesselte“ Mechanismus leistet, wie der Besen dem Zauberlehrling, das ihm nur Mögliche allzu gut – die Produktivkräfte „entwickeln sich“ in der Tat immer weiter. Aber auch NUR sie: Was man mit ihnen anfangen könnte oder sollte, bleibt „gesellschaftlich“ unbestimmt – alle dürfen da und dort ein winziges bisschen daran mitwirken, in Grössenordnungen, die selbst die Reichsten, die Einflussreichsten und Mächtigsten (wieviel mehr erst die andern) ohnmächtig vor den Sachzwängen dastehen lassen.
Nicht nur, was da WIRKLICH geschieht, ist kaum zu ermitteln (obwohl es doch alles Praxis ist, Praktik irgendjemandes, der sich mit Gründen entscheidet, Auskunft geben und sich bei Einwänden auch umentscheiden könnte: Das Zusammenwirken aller mit allen entzieht sich jeder Beeinflussung – soviel zu dem, was eine Sozialwissenschaft, mit welcher Gesinnung und worauf orientiert auch immer, herausfinden könnte – vor allem, was aus ihren Einsichten folgen soll.)
Sondern: Die Bemühungen, sich abzustimmen und die Praxis der Einzelnen, jetzt, endlich, doch einmal mit der anderer, und sei es auch nur diesseits der Dunbar-Hürde, geschweige denn jenseits, zusammenzuführen, um die Arbeitsteilung auf geteilte Ziele zu beziehen – sie starten historisch bei NULL. Vom grundsätzlich technologisch (schon; oder: noch) verfügbaren Wissen mal abgesehen…

Darüber, wie DAS zu handhaben sein soll, wird man von denen, die dachten diesen Schritt in der Gesellschaftsorganisation vernachlässigen zu können, nichts, nicht das Allergeringste, lernen.
Es gibt da leider keine Formen von Nachlässigkeit – auch keine abgemilderten.
Und… es gibt keine „Wissenschaft“, die uns die Folgen unserer UNTERLASSUNGEN so fein analysiert darbietet, dass wir glauben, wir könnten sie einfach – fortsetzen.
Oder doch, es gibt sie ja: Die „bürgerliche“ Wissenschaft nämlich. Die ist leider AUS PRINZIP keine „uns in der politischen Orientierung durchaus gewogene“. Wer Praxis und PraktikerInnen behandelt, als wären sie Objekte, mit denen man nicht reden, die man nur beobachten und „beeinflussen“ kann – der verkennt sie nicht nur, sondern der ist aus dem sozialmagischen Denken der Vor-Epoche nie herausgekommen: Dass man Vergesellschaftung auch ohne die Mühen der Verständigung haben kann. Man muss nur an Märkten und Medien, Institutionen, Normen, Diskursen, dem Wirtschaftssystem oder -mechanismus ein wenig drehen (und wissen, wie) – dann…  hat der Besen endlich seinen Meister gefunden: Glaubt uns! diesmal…

13 Wolfram Pfreundschuh (18.10.2017, 14:54 Uhr)

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition der toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf den Gehirnen der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neuen Weltgeschichtsszene aufzuführen. Die soziale Revolution (…) kann ihre Poesie nicht aus der Vergangenheit schöpfen, sondern nur aus der Zukunft. Sie kann nicht mit sich selbst beginnen, bevor sie allen Aberglauben an die Vergangenheit abgestreift hat. Die früheren Revolutionen bedurften der weltgeschichtlichen Rückerinnerung um sich über ihren eigenen Inhalt zu betäuben. Die Revolution (…) muss die Toten begraben lassen, um bei ihrem eigenen Inhalt anzukommen.“ (MEW 8, Seite 115)
siehe auch Revolution>

14 franziska (22.10.2017, 11:56 Uhr)

Wolframs Zitat passt womöglich besser, als einem lieb sein kann:
– der Rückgriff auf Übergänge der Vergangenheit („Revolution“), mit dem man sich versichert, die bedrohlich-unbekannte Zukunft in der Tasche zu haben und zu wissen, wie es weiter geht;
– das begriffslos-utopische Entwerfen von Gegenbildern zu allem, worunter man leidet (deren Verwirklichung womöglich moralisch-unvermittelt eingefordert und „erkämpft“ werden soll), zusammen mit
– der Ahnung, dass die CHANCE der Verwirklichung „längst“ besteht (beides zusammen „der Traum der Sache“); schliesslich
– Phantasmen, dass übergeordnete Wirkmächte: die Geschichte, die Gesellschaft (deren Krise; die Dialektik; der Fortschritt, der sich nicht aufhalten lässt) nicht nur die Hindernisse aus dem Weg räumen, sondern genau dadurch auch diesen Weg den „dann“ sich ans Werk Machenden wie von selbst präsentieren werden:
All das sind Kinderkrankheiten, wenn nicht Pathologien einer epochalen Vor- und Frühzeit; wenn die Aufgabe, um die es geht, noch garnicht recht begriffen werden kann. Sie kann nicht begriffen werden, denn sie definiert Anforderungen auf der Ebene der materiellen Basis, und die zeigen gegenüber dem bestehenden Fortschritt (der genau darum eben NICHT einfach fortgeschrieben werden kann) eine Wende an, einen scharfen Knick, der erstmal, vermeintlich, ins historische Abseits, ins Nichts führt, auf Stärkung von Nischen-„Funktionen“, -Gesichtspunkten, -Werten („Keimformen“), die ausser wenigen (wer ist das? warum?) bislang niemand für irgend relevant erklärt.

Die Natur der Produktions-Anforderungen der alten Gesellschaft begründet die Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit des (bedrückenden, stagnierenden, leidvollen) alten Produktionsverhältnisses: Das war immerhin die zentrale Arbeitshypothese von Marx-Engels, um dann fortzufahren: Am Ende der alten Epoche (genau dann, wenn ihre Krise offensichtlich wird) stellt sich eine Aufgabe, die nur mit einer neuen Organisation, vielleicht sogar einem neuen Begriff von Arbeitsteilung zu lösen ist.
Marx weniger, er auch, ein bisschen, vor allem aber etliche seiner Leser haben den „Widerspruch“ zwischen der neuen Aufgabe und dem alten Produktionsverhältnis (dessen Unfähigkeit, die Aufgabe zu lösen) interpretiert als: Kapitalismus scheitert am selbst-erzeugten Fortschritt der Arbeitsproduktivität. Schon daran scheitert er. Er scheitert freilich allein schon auf der Produktionsebene im engeren Sinn noch an vielerlei anderm, Ressourcen-Einteilung, Umwelt, Bereinigung von Entwicklungs-Rückständen aller Art, Risiko-Eingrenzung, zivilisierend-zivil-gesellschaftliche Einhegung von Konkurrenz usw. – vor allem an der alle menschlichen Möglichkeiten, auch die einer „Menschheit“ um ein Vielfaches überfordernden, „entfesselten“ Kompliziertheit und Komplexität seiner Produktionsweise. (Zu ihrer Bewältigung wird man bald eine höhere als unsre, eine künstliche Intelligenz benötigen; die wird sich wohl selber bauen müssen, wir sind zu dumm dafür…)
Aber wer nicht an die alles heilende, alles versöhnende Macht dialektischer Umschwünge glaubt, der hat seine Zweifel, ob die „alte Scheisse“ (auch ein Marx-Zitat) nicht erstmal weitergeht, wenn man ihr nur das alte Produktionsverhältnis weg-köpft (durch „Abschaffen“; ganz revolutions-mässig halt), und das neue Sein Gelegenheit bekommt, tüchtig das Bewusstsein neu zu bestimmen.
In diesen Vorstellungen ist die Möglichkeit, die Marx/Engels in ihrer Anfangshypothese gegen solch rein utopisch gedachte Befreiungsschläge tatsächlich erwogen haben (mehr war es nicht), längst vergessen: Dass man den alten Produktivkräften, womöglich noch in DEREN entwickelter Form, nicht einfach ein neues Produktionsverhältnis aufpflanzen könne, als ob es derselbe Fortschritt wie der alte wäre, der dann „entfesselt“ wird (und, als ob überhaupt dieser Fortschritt der grundlegend gleiche der letzten Jahrtausende wäre (noch ein Versuch, sich mit historischer Kontinuität über das Bedrohliche anstehender Brüche hinwegzutrösen)), der sich nur immer wieder den Weg ins nächst-passende Produktionsverhältnis frei-gesprengt habe (noch ein Versuch, eine transpersonale Wirkmacht den Subjekten die Geschichts-Arbeit abnehmen zu lassen).
Wie aber, wenn DIESE Art fortzuschreiten (die die radikal-utopische Linke fortschreiben will) das (historische) Problem ist?
Wie, wenn Kapitalismus eben genau die einzig mit ihr, mit Ach und Krach, vereinbare Produktionsweise darstellt?
Man ihn darum auch nicht „abschaffen“ kann?
Sondern den Knick, die Wende auf Ebene der MATERIELLEN PRODUKTION vollziehen muss, die ansteht?
Und DANN, DAFÜR in der Tat auch ein ganz andres Produktionsverhältnis braucht, das dafür ZWINGEND nötig ist?
Wäre es nicht an der Zeit, das „keimform-Konzept“ und den „Fünf-Schritt“ (zumindest dessen erste Phase; von den späteren sind wir vielleicht noch einige Generationen lang dauernder Arbeit an der Keimform entfernt) endlich einmal mit diesen Kategorien zu präzisieren, es in diesen Kategorien zu DENKEN?

15 Perikles (23.10.2017, 16:08 Uhr)

Franziska, die Frage wie eine kommunale und ökologische Reproduktions-Industrie aussehen könnte, wie sie ja z.B. auch von Wolfram vorgeschlagen wird, und welche bereits verwendeten Technologien in einer nachkapitalistischen Gesellschaft weiterhin verwendet werden können ist wirklich umfassend. Außerdem ist sie aber auch nicht wirklich zu beantworten. 
Du gehst weiterhin davon aus es müsste erst darum gehen neue Produktivkräfte und -verhältnisse hochzuziehen bevor Befreiung möglich sei. Jeder andere Schritt einer Übernahme des Bestehenden sei per se zum Scheitern verurteilt. Es ist jedoch fraglich ob deine Perspektive aufgeht und genügend Anhänger fände. Ich bezweifel es, und wie es aussieht Wolfram ebenso. 
Ich gehe weiterhin davon aus, dass es zuerst der Veränderung der politischen Machtverhältnisse, der Eigentums- und Rechtsverhältnisse bedarf um überhaupt den nötigen Freiraum zu haben die von dir aufgeworfenen Fragen nach Technik und Arbeits-, Lern-, und Entscheidungsorganisation überhaupt diskutieren zu können. 
Ein „Aufrollen“ des Kapitalismus durch Ökodörfer, Pionier-Siedlungen und alternativen Werkstätten sehe ich sehr skeptisch. 
Aber so geht es dir vermutlich mit unserer Vorstellung einer notwendigen „Widerstandskultur“ und einer sozialemanzipatorisch ausgerichteten Bürgerbewegung die obendrein einen internationalistischen Anspruch hat.

16 Wolfram Pfreundschuh (24.10.2017, 11:45 Uhr)

@franziska #14

„All das sind Kinderkrankheiten, wenn nicht Pathologien einer epochalen
Vor- und Frühzeit; wenn die Aufgabe, um die es geht, noch garnicht
recht begriffen werden kann. Sie kann nicht begriffen werden, denn
sie definiert Anforderungen auf der Ebene der materiellen Basis, und
die zeigen gegenüber dem bestehenden Fortschritt (der genau darum
eben NICHT einfach fortgeschrieben werden kann) eine Wende an, einen
scharfen Knick, der erstmal, vermeintlich, ins historische Abseits,
ins Nichts führt, auf Stärkung von Nischen-„Funktionen“,
-Gesichtspunkten, -Werten („Keimformen“), die ausser wenigen (wer
ist das? warum?) bislang niemand für irgend relevant erklärt.“

Die Klischeebildung im Feindbild Marxismus hat hier zu einem Niveau von
Verallgemeinerungen gefunden, das man wohl eher in rechten Kreisen
antrifft. Franziskas Interpretationen, Verfälschungen und
Pathologisierung stehen dem in nichts nach. Es ist ihre
kollektivistische Gesinnung, die das nötig hat, um ihrer „höheren
Wahrheit“ zu genügen und um ihren ANSPRUCH auf die Endlösung der
kapitalistischen Verhältnisse geltend zu machen. Man könnte nur
noch zusehen, wie sie sich als die EINZIGE immer mehr heraussondert,
die weiß, was „relevant“ und was „die materielle Basis“ ist.
Dazu hab ich keine Lust. 

17 franziska (25.10.2017, 10:42 Uhr)

@Wolfgang Wir sind hier alle „Einzige“, Einzelne; „Wissende“? – weniger. Es führt sich auch niemand so auf.
@Perikles Man muss die Differenz, um die es geht, vielleicht nicht so dramatisieren, wie du das tust (und wie es aussieht Wolfram ebenso). Schon darum nicht, weil ich eher Fragen aufwerfe und erwäge, als dass ich wirklich antworte und befürworte. Sofern ich (um sie zur Diskussion zu stellen) Vorschläge mache, sind darin IMMER gleich-berechtigt drei Elemente enthalten (nur diese drei):
1. die Rücksicht auf das Menschen-mögliche, auf Leistungsgrenzen und Zwangfreiheit (mein Ausdruck war: bedürfnis-gerecht);
2. die Umstellung der eigenen (Re)Produktion*) auf „natur-gerechte“**) Verfahren (darin eingeschlossen der 1.Punkt, die Nicht-Überforderung),
3. die ständige Orientierung auf die Andern um einen herum, der Versuch, sie zu begreifen; was ab einem sehr frühen Zeitpunkt einschliesst, sich mit ihnen zu verständigen, also gerade nicht: sich zu isolieren und abzuwenden.

Ich hatte schon früher gesagt: Wenn mehr (oder sogar viele) Leute sich an diesem Projekt beteiligen wollen, um so besser, aber es ändert seinen Charakter dadurch nicht. (Wenn es schnell viele sind, hat das Vor- UND Nachteile…)

Die nicht-reformistische, nicht-staatssozialistische Linke (sie ist, wie man sieht, am ehesten negativ zu charakterisieren) nähert sich nur ganz allmählich jener anderen Hälfte ihres theoretischen Projekts, durch die es allererst den Namen „Kritik“ verdienen würde: Dem Nachweis, dass die in der ersten Hälfte (der leider ebenfalls nicht abgeschlossenen Politischen Ökonomie) als im Kapitalismus unvermeidbar erwiesenen Schäden sich vermeiden lassen, ohne in einer Alternative gleich grosse oder grössere inkaufnehmen zu müssen. Um diese Politische Ökonomie eines eigentumsfreien Zustands steht es derzeit, wie man (u.a. hier) sieht, nicht so gut. Beinah garnicht aber hat diese Linke sich ein haltbares Urteil gebildet darüber, was eigentlich Leute davon abhält, sich ihrer (zwar unentwickelten, aber immerhin) Kritik anzuschliessen. Weshalb alle praktischen Projekte, die solch ein Urteil voraussetzen, zwar einen „ANSPRUCH auf die Endlösung der kapitalistischen Verhältnisse geltend zu machen“ versuchen. Mehr aber auch nicht.

*) ja, es stimmt: die „Keimformen“ müssen in der alten Produktionsweise entwickelt werden, mit allen Gebrechen, die ihnen von daher noch anhängen (zB Eigentum erwerben bzw. mit andern teilen, sich im Rahmen der etablierten Regeln bewegen usw). Gegen diese Hindernisse kann man nur die Stärken der eigenen fortgeschrittenen Haltung einsetzen, die daran eine erste und herausragende Gelegenheit bekommt sich zu bewähren. Kollektivismus oder wie immer das heissen soll, würde damit anfangen, dass man sich bereits heute gegenseitig hilft, wo man kann; statt sich anzugiften und anzufeinden, schlimmer als jeden Gegner.
**) ab hier müsste man über den (unentwickelten) Stand der Agrarwissenschaft, der Bau-Ökologie oder der cradle-to-cradle-Technologien sprechen. 

18 franziska (26.10.2017, 11:18 Uhr)

Der massivste Einwand gegen die bisher bei keimform erwogenen Vergesellschaftungskonzepte liegt, wie ich versucht habe anzudeuten, auf der „Produktivkraft“-Ebene. Am Anfang stand hier der Versuch von Simon (ich fasse den Ansatz mit meinen Worten zusammen), durch die Suche nach historischen Vorbildern bezüglich des „Übergangs“ Probleme mit „Transpersonalität“ zu lösen.
Die entscheidende Frage ist aber: Welche Produktionsprobleme man „transpersonal“ überhaupt sieht und sich zu lösen vornimmt.
Fast alle Vorschläge, die ich hier bei keimform gesehen habe, beziehen sich auf eine „transpersonal-“ arbeitsteilige Koordination von Arbeitseinsätzen und individuell konsumierbaren Produkten; bereits da wird die Koordination der Bewirtschaftung einer womöglich hoch-komplexen Produktionsmittel- (und dafür benötigten Sach-Ressoucen-)Landschaft so gut wie ausgeblendet, erst recht das ihres fortschreitenden Umbaus entlang von Fortschrittsoptionen.
Es ist im Zusammenhang mit „Stigmergie“ als Koordinations-Strategie, wie ich meine, öfter dargelegt worden, dass dabei Zeit- und Ressourcen-Bewirtschaftung (nicht nur bei der Rohstoff- sondern auch bei knappen Produktionskapazitäten) keine Rolle spielen dürfen. Genau diese Koordinationsebene steht bereits im Kapitalismus im Mittelpunkt.
Aber es gibt NOCH eine Ebene, auf der Kooperation, Koordination und Vergesellschaftung angegangen werden, und das ist Erarbeitung, Zusammenführung, Auswertung, Verfügbarmachen und Nutzen von WISSEN.
Die Brisanz der von mir immer wieder angeführten drei Ziele (bedürfnis-, natur-, „politik“-gerecht) wird vielleicht erkennbar, wenn man die ersten beiden zusammen betrachtet. Ökologisches Produzieren hat ununterbrochen Fernwirkungen, die mitbedacht, allererst bekannt sein müssen; eine ökologische Produktionsweise ist eine, die unmittelbar aufbaut auf Wissen um ausgedehnte Natur-Zusammenhänge (das beginnt, endet aber nicht bei der Nahrungsmittelproduktion).
Kurz zum Vergleich: Bei genuin technischen Produktionsaufgaben fallen auseinander: das wissenschaftliche Wissen, das der Entwicklung von möglichen Produkten und Herstellungsweisen zugrundeliegt, das professionelle Wissen (incl. Können) um technische Details der Massenproduktion, der Einrichtung und/oder Reparatur, Rahmenparameter des Gebrauchs wie Alterung, der Entsorgung/des Recycling (dabei eventuell die Rücksichtnahme auf schädliche Emissionen) und schliesslich die (ihrerseits womöglich) routinierte oder gar viruose Handhabung des Produkts, sein Gebrauch und das Wissen, was man wie damit tun kann,
In einer ökologischen Produktionsweise liegt das alles ganz eng beieinander.
Und das wirft nicht nur die Frage auf, wie weit gehend man ökologisch relevantes Wissen auf verschiedene, wenn auch eng zusammenarbeitende Personen („inter-personal“) aufteilen kann (da die betreffenden Sachverhalte nicht isoliert voneinander gewusst und bearbeitet werden können), sondern vor allem, wieviel von diesem Wissen diejenigen, die damit arbeiten sollen, überhaupt aufnehmen können: Noch nicht mal ein trans-, sondern ein intrapersonales Problem also.
Die viel zu einfachen Markt-förmigen Koordinations-Strategien (denen man sich aber common(al)istisch in Gestalt von „entschärftem“ Reform-Geld und ebensolchen Spar/Investitions/Beteiligungs-Konzepten vorsichtig wieder zu nähern versucht) lösen das Koordinationsproblem hinsichtlich des technischen Fortschritts mit unglaublichen Kosten und unter monströser Ausblendung externer Schäden. Das Markt-Denken ist, nebenbei, in seinen Grundzügen vormodern konzipiert, und erscheint nur mit vielen Anpassungstricks, Illusionen und politischen Reparatur-, Rahmensetzungs- und Stützungsmassnahmen überhaupt halbwegs als Lösung des „transpersonalen“ Fortschrittsproblems. (Man kann sich fragen, inwiefern „Marktwirtschaft“ heute nicht viel mehr ein politisches Programm der Staatseinrichtung und -verfassung ist, als ein sich selbst auf „wirtschaftlicher“ Ebene organisierender Vergesellschaftungsmodus.)
Die Koordination von Wissensverarbeitung ist dort eigentlich garkein Thema; speziell nicht die ökologische. (Hilflose Ansätze dazu arbeiten mit Mythen wie: „die mündigen Verbraucher“, „die verantwortungsbewussten Behörden“, „die kritische Öffentlichkeit“. Als ob die noch irgend der anwachsenden Problemlawine hinterherkämen. Nichtmal der Wissenschaft gelingt das.)

Aber um die existenziellen Herausforderungen der modern angerichteten Umweltschäden zu bestehen, müssen Gruppen, Gesellschaften, womöglich die ganze Menschheit demnächst fähig werden, Wissen kollektiv zu verarbeiten und darauf basierend handlungsfähig zu sein. Die dritte Abteilung meiner Ziel-Liste bezieht sich auf den Sachverhalt, dass die meisten Leute durch die ihnen vermittelten BIldungsprozesse noch nicht einmal das Motiv haben, sich dieser Aufgabe zu stellen. Die Frage, wer warum solche Motive bereits heute von sich aus entwickelt, ist darum durchaus von Belang.
 

19 Annette (26.10.2017, 19:49 Uhr)

Ich frage mich, wer von uns überhaupt weiß, wie komplex die normale Produktion heutzutage ist. Stigmergie erfordert, dass die Arbeitsaufgaben in modular begreifbaren und angreifbaren Päckchen kommen, die noch dazu von ihrem Sinn her unmittelbar einsehbar sind (damit ich Lust bekommen kann, das dahinter stehende „Bedürfnis“ zu befriedigen). Das funktioniert bei den roten Links von Wikipedia und auch Softwareprojekte sollen so modulierbar sein.

Ich hab es, glaube ich, schon mal geschrieben: Keine Tätigkeit bei  mir auf Arbeit hat diesen Charakter. Wir sind nur eine kleine Firma, und was wir tun, erscheint erst nach weiteren 5 oder 6 oder mehr weiteren Produkt-Schritten als ein Produkt, das menschliche Bedürfnisse erfüllt. (Messgerät -> Optimierung einer Beschichtung eines Werkzeugs -> Bearbeitung einer technischen Oberfläche mit dem Werkzeug -> Einbau des Teils mit der Oberfläche in eine Werkzeugmaschine -> Nutzung der Werkzeugmaschine zur Herstellung von Produkti0ns- oder dann vielleicht auch endlich Konsumtionsmittel).
Die Sinnhaftigkeit (das jemand ein „Bedürfnis“ danach  hat) motiviert also nicht so richtig für diese auch im Commonismus technisch-sachlich notwendige Arbeit/Tätigkeit.

Natürlich kann ich mir vorstellen, dass das Ganze dann auch mal ohne die Geldverrechnung nebenher läuft. Wir können statt mit „Kunden“ auch mit „Abnehmern“ genau so verhandeln wir wir das jetzt machen und uns so in komplexe arbeitsteilige Prozesse einbinden. Wir sollten uns mal anschauen, wie das derzeit in der kapitalistischen Wirtschaft abläuft (supply chain management…) , der Trend „Industrie 4.0“ ist da absolut wichtig…

Was sich mir noch nicht ganz erschließt, ist dabei die  Motivation, die mich zu diesen Tätigkeiten (und eben auch der Wissenaneignung und -entwicklung) bringen soll, weil der Sinn, die Bedürfnisbefriedigung von Menschen, eben durch die vielen Zwischenschritte kaum noch sichtbar sind.

Was auf jeden Fall, grad auch als ökologischen Gründen (Verzicht auf Verschwendung von Energie, Material und auch Lebenszeit) nötig ist, ist eine Art Verrechnung der entsprechenden Aufwände.  Das wird extrem komplex, weil die vielen qualitativen In- und Outputs an jeder Schnittstelle nicht mehr auf eine Größe (Geld) „heruntergebrochen“ werden können. 

20 Annette (26.10.2017, 19:54 Uhr)

@ Wolfram #16,
ich hatte grad spontan am  Kommentar von Franziska weiter gedacht und Deinen Kommentar #16 erst später gelesen.

Dein Frust gegen Franziska erschließt sich mir aus ihren Posts nicht. Wenn ich Deinen Vorwurf an sie lese, fühle ich mich – ehrlich gesagt – auch ein wenig getroffen, weil  ich ja ähnliche Fragen stelle.

Ich weiß nun nicht gerade, wie ich damit umgehen soll. Wenn ich Deinen Post vorher gelesen hätte, hätte ich #19 sicher nicht gepostet. Wär das besser?

21 Wolfram Pfreundschuh (26.10.2017, 21:38 Uhr)

@Anette #20
Ich habe nicht auf Fragen reagiert, sondern auf die Art der Abgrenzung
von Positionen, die inhaltlich zu diskutieren ich für wichtig hielte. Was
Franziska als Kinderkrankheiten und Pathologie in einer angeblichen Beziehung auf mein Zitat zuvor lächerlich macht, also das, was sie darüber als Haltungen aufzählt, die sie so zusammenfasst, als ob die einfach „hinter dem Mond“ sind, sind damit für sie ausgeschlossen. Da hab ich keine Lust mehr so weiter zu diskutieren und auch nicht mich im Echoraum solcher Absonderung zu beteiligen.
Dazu kurz im einzelnen zu den Auffassungen
– dass  das Thema Revolution als Idiotie dasteht, mit der jemand sich in die Tasche lügt, der „sich versichert, die bedrohlich-unbekannte Zukunft“ schon zu kennen und zu wissen, wie es weiter geht“,
– dass  politische Kämpfe schon per se „begriffslos-utopischen Entwerfen
von Gegenbildern“ entspringen,
– dass  der zitatweise erwähnte „Traum der Sache“ eine überkommene
Binsenweisheit ist, und
– dass „die Gesellschaft (deren Krise; die Dialektik; der Fortschritt, der sich nicht aufhalten lässt) als „übergeordnete Wirkmächte der Geschichte“ interpretiert wird, die „dann den sich ans Werk Machenden übertragen“ werde,
da wird doch nur noch allgemein rumgeschwurbelt. Da ist hier nichts mehr zu klären, weil ja eh alles klar sein soll. Ich denke, dass das durch die Keimformtheorie gerade völlig unaufgeklärt ist. Und wenn nicht bemerkt wird, dass sich mit dem Gestöber von diversen Denkkreiseln auch nicht sonderlich vermitteln oder zu den tatsächlich weitläufig bestehenden Diskussionen zu dem beitragen kann, was hier angeblich „als Frage“ formuliert wäre, dann lässt sich hier nichts auflösen und dann ist es eh zu spät. Was solls dann noch?

22 franziska (27.10.2017, 12:38 Uhr)

Wolfram: Deine Anklagen sind nur berechtigt auf Basis DEINER Überzeugungen. Gegen einige davon werden hier offenbar Einwände erhoben. Das beruht, nebenbei, auf Gegenseitigkeit. DU widersprichst ja auch MIR. Ist MEIN Widersprechen von vorneherein schlechter als deines? Ist es das, was du mir sagen willst?
Die „Auffassungen“, die Wolfram nochmal angeführt hat, stellen in der Tat noch mehr traditionell „marxistische“ Grundüberzeugungen infrage, als man es von „unorthodoxen“ Strömungen wie Wert- (und auch  Kultur-)Kritik oder etwa GSP her kennt. Ich erlaube mir, dies kurz auszuführen, weil es zu Simons Ausgangsthema der Bewältigung des „Transpersonalen“ im anstehenden Transformationsprozess zu passen scheint:

1. Stichwort „Revolution“: Es wird hier zwar nicht ausgeschlossen, aber für sehr unwahrscheinlich erklärt, dass grössere Bevölkerungsteile oder gar Mehrheiten in absehbaren Zeiträumen zu nicht-reformistischen und zugleich nicht-staatssozialistischen Positionen übergehen. (Es ist nicht einmal zu erwarten, dass überhaupt noch grössere Bevölkerungsteile halbwegs homogenen Grundüberzeugungen ausbilden. Diese Erwartung zu begründen, erfordert leider einen Aufwand, für den hier kein Platz ist.) Selbstverständlich wäre ein solcher Übergang an sich zu begrüssen, weil damit zumindest einige Extrem-Tendenzen des gegenwärtigen Zustands unterbunden würden, etwa die Kriegstreiberei der westlichen „Eliten“, oder die extreme Rücksichtslosigkeit gegenüber Verarmung und Naturzerstörung weltweit.
(Beim Wort „Revolution“ denkt man an die französische oder Oktober-, nicht hingegen an die Industrielle Revolution. Es waren aber gerade Überlegungen zum Zusammenhang zwischen beiden Revolutionsarten, die Marx/Engels zur Absetzung gegen den zeitgenössischen radikallinken „Mainstream“ bewogen haben. Daran ist immer wieder zu erinnern.)
Das wäre erfreulich. Dieser in jedem Fall zu begrüssende (nur leider unwahrscheinliche) Verlauf ändert aber an den Problemen, die nachfolgend genannt werden, nichts:  

2. „der Traum der Sache“, Teil 1: Die Leiden („Entfremdung“ ua.) an den gegenwärtigen Verhältnissen sorgen keineswegs schon von selbst für ein Durchbrechen gleich welchen „Verblendungszusammenhangs“, den ich so auch garnicht mehr sehe: Dafür schwirren in viel zu viel Köpfen viel zu viel fundamental-oppositionelle Theorien und Erklärungen herum, die allesamt zielen auf eine „Wissensbildung, welche die gesellschaftlichen Widersprüche zumindest so benennt, dass an ihnen praktisches Handeln ansetzen kann“. Aber das Leiden motiviert nur dazu, verstehen zu wollen, es ersetzt es nicht. Und die korrekte Theorie der Verhältnisse (haben wir die? ich glaube nicht) ist nur die eine Hälfte dessen, was KRITIK ausmacht, es fehlt
3. „der Traum der Sache“, Teil 2: Die sich auf den ersten Blick anbietenden, unmittelbar bereitliegenden „Chancen“ einer Veränderung müssen darauf hin geprüft werden, ob sie überhaupt nennenswert aus dem gegenwärtigen Zustand herausführen. Gerade das „mit Händen Greifbare“ daran könnte einen skeptisch stimmen: Ein „ganz anderes“, das die herrschende Fortschrittsrichtung beinah bruchlos weiterführt, und das noch besser leisten will als der Kapitalismus selber – dem ist dann vielleicht doch zu misstrauen. Das Keim-förmige existiert (so war es auch bei früheren Transformationen) – aber subtiler, unterschwelliger, unspektakulärer, als es die Logik der „Chance“ will. Und… es spielt sich ab auf der Ebene der „Produktivkräfte“. Dort, wenn überhaupt, findet der etnscheidende Übergang statt.

Die Punkte 1-3 zusammen ergeben ein zusammenhängendes Geflecht von Auffassungen, denen hier erstmal eine nicht-„marxistische“ Sichtweise (mehr als „Sichtweise“ ist es ja nicht) entgegengesetzt wird:
1′) Gegenüber der Betonung des „politizistischen“ Revolutions- und (Klassen)Kampf-Szenarios wird da beharrt auf den Anforderungen, die die bestehende materielle Basis der Produktionsweise an das Produktionsverhältnis stellt: Ohne neue materielle Basis keine Änderung. (Die Vereinbarkeit dieser ihrer eigenen (Hypo)These mit dem genannten Szenario und dem „Geschichte ist eine von Klassenkämpfen“-Grundsatz haben Marx/Engels, wie ich finde, nicht sehr überzeugend dargelegt. Ein eignes Thema.)
2′) Die neue Basis ist eine, die zugleich die Leiden am schlechten Bestehenden beenden würde, aber nichts weniger als naheliegend und offensichtlich ist.
3′) Das schon darum, weil sie zu allen naheliegenden „Chancen“-eröffnenden utopischen Fortschreibungen des Bestehenden auf der Produktivkraft-Ebene (also heute: technologischen Utopien) querliegt, und völlig neu einsetzt.
(Etwa so wie zu ihrer Zeit das Anlegen von komplexen Bewässerungssystemen, der Bau von Städten, Strassen und Kanälen und die Ausrüstung eines über ausgedehnte Flächen gleichbleibend schlagkräftigen Heeres, die Erschliessung von Wäldern und Regionen weitab jeder Zivilisation, oder auch komplett neuer und nie befahrener Handelsrouten, oder die immer weiter fortschreitende Erarbeitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse und deren Übersetzung in technische Verfahren. Mit der jeweiligen Folge, dass erst Stammesstrukturen aufgebrochen wurden und ein ZentralStaat und Zentral-Kult entstand, der zum Grossreich wurde, das sich zum Kulturraum wandelte, mit viel kleineren aber lokal reproduzierten Herrschaften, von denen ausgehend sich modern-differenzierte Nationalstaaten bildeten, die Kolonien und einen Welthandel aufbauten, und sich zu einem erst national, dann zunehmend international akkumulierenden und innovativ-destruktiven Welt-Kapitalismus mit einer „global“ agierenden Staatenwelt entwickelten.)

4./4′. Auch hier ist eine Begründung der möglichen theoretischen Antizipationen zu umfangreich; die Fortschreibung einer übergreifend-historischen Tendenz ist gerade KEINE solche (das gilt auch für die 5-Schritt-Konzeption, in der man gerade eben mal den Versuch einer Näher-Bestimmung des Begriffs „Entwicklung“ sehen mag. Mit, wie ich finde, entscheidenden Defiziten. Über die, in der Tat, zu diskutieren wäre…)
Diese Antizipationen bauen auf auf einem Begriff von LERNEN als Kernbestand des Weltbezugs, den die maxristische Tradition mit dem Begriff Arbeiten, Produzieren zu fassen versuchte, ohne je das darin enthaltene DYNAMISCHE Element in den Blick zu bekommen. Die Dynamik lag auf eigenartige Weise immer auf einer höheren Ebene – einer, die eben, als eigentliches „Sein“ das „Bewusstsein“ und dann gleich noch notwendig falsch, bestimmte, und die Menschen dazu bringen sollte, ständig Dinge zu tun, von denen sie nichts wussten. Schief ist das schon als Rekonstruktion bereits bürgerlicher Denkweisen: Dass man die „transpersonalen“ Folgen des eigenen Markt-Handelns nicht kennt, ist da bewusst kalkuliertes Programm; im übrigen behält man sich an beliebigen Stellen staatliche Eingriffe zur Korrektur unerwünschter Unvorhersehbarkeiten vor. Es ist die vermutlich einzige Art, den transpersonalen Notwendigkeiten der aktuellen Produktionsweise gerecht zu werden.
Die Notwendigkeit aber, grösseres als die Einzelperson für die historische Dynamik in Anspruch zu nehmen, ist Reflex der Schranke, die diese Produktionsweise jedem Bezug auf fassbare Einzelzwecke konkreter Einzelpersonen oder Gruppen von ihnen setzt: Jeder Vergesellschaftungs-Zusammenhang zwischen ihnen überschreitet um absurde Grössenordnungen den Aufmerksamkeits- und Wissens-Spielraum irgendeines Beteiligten. Die Soziologie listet die bürgerlichen Prothesen auf, die man sich zulegen muss, um dennoch den Zusammenhang der getrennt voneinander betriebewnen Privatarbeiten und je ausgebildeten Privatmeinungen, -Lebensformen, Bildungsgängen, daraus resultierenden Präferenzen zu bewältigen, abgesehen von Geld, Preisen, Märkten: Institutionen, Wahlen, Gesetze, Verwaltung, Rechtstaatlichkeit als Rahmen, dazu Beaufsichtigung und Regulierung der Wirtschafts-Aktivitäten; Öffentlichkeit, Bildungswesen, Grundlagenforschung; Normen, Pluralismus, Zivilgesellschaft, „Kultur“, Moral, Empathie, und ganz zuletzt wieder und immer noch… ein Glaube.
Erneut gilt: Ohne neue materielle Basis keine Änderung dieser „transpersonalen“ Dynamik.
Den Weg weist eine Formel von Marx für Kommunismus, wonach dort der Entwicklungsstand JEDES EINZELNEN die Bedingung (das Kriterium, Mass) für die Entwicklung „aller“ ist. Schön und einfach gesagt. Schwer zu machen in Verhältnissen überbordender Arbeits- und vor allem Wissens-Teilung. (Und das… hat gerade Marx immer geahnt…)

23 Simon Sutterlütti (22.11.2017, 11:48 Uhr)

@Christian5:

Das
stimmt und ich würde es für die wesentliche Ursache des Ausbleibens
einer kapitalistischen Dynamik halten, jedoch ist — wie dein
Begriff schon sagt — auch ein „fixierter Tausch“ eine Form des
Tauschens. (…) unzulässige Verallgemeinerungen wie „Keimform
des Kapitalismus ist der Tausch“ verwendest, führst du deine
Leser_innen (und im Zweifelsfall auch dich selbst, wenn du die
Details dann später wieder vergessen hast) in die Irre.

Doch die Keimform des Kapitalismus ist der Tausch. Aber die Keimform ist eben was ganz anderes als die Elementarform. Mit dem Dominanzwechsel, wenn Tausch eine ganze Gesellschaft vermitteln soll, muss sich der Tausch ändern. Fixierter Tausch reicht nicht mehr. Er muss dann ein
Äquivalententausch werden, und damit Wert, etc.. Der ‚Marktpreismechansimus‘ ist also ein notwendiger Bestandteil der Verallgemeinerung des Tausches. Auf der anderen
Seite, kann man im Realsozialismus beobachten was so mit fixierten
Preisen und Arbeitsprinzip passiert: es fehlt der ‚Stachel der
Konkurrenz‘ und die ganze Produktion läuft so lala. Meine These ist ja auch v.a., dass als der Tausch die bedeutende Produktionsmittel erfasst hat er ‚dominant‘ wurde.

24 Simon Sutterlütti (22.11.2017, 11:50 Uhr)

@Annette7:
zu1: Geht es dir hier darum, darauf hinzuweisen, dass die Klassenverhältnisse entscheidend sind für die Entstehung des Kapitalismus? Denn das spannende hier ist ja eher, dass Klassenverhältnisse eher Produkt als Voraussetzung der kapitalistischen Produktion ist. Die Bauernschaft differenziert sich enorm aus auf Basis der Flexibilisierung der Pachten. Naja, die Bäuerinnen sind natürlich nicht Eigentümerinnen ihres Landes, also getrennt von ihren Produktionsmittel, aber ist dieses Eigentum noch nicht so richtig durchgesetzt, sie haben noch vielerlei Rechte an Land, dass dan zerstört wird. Aber wären dann die Grundbesitzer die Kapitalisten?

Zu2: Ja kann gut sein. Danke für die Klarstellung.

Zu3: Ja, die Konzeption muss ich mir auch nochmal genauer angucken.

Zur Keimformtheorie:
Nun im Moment hilft sie mir Veränderungen der gesellschaftlichen
Form zu denken. Aber ich finds auch immer wieder wichtig
zurückzutreten und zu fragen, ob man da nicht iwas ins Schema
presst, aber gerade für den Übergang zum Kapitalismus scheint mir
das ganz okay zu funkionieren. Soviel sagt die KFT ja auch wieder
nicht aus: Mit dem Funktionswechsel kommt die Neue Spezifik, dann
gibt’s nen Dominanzwechsel, aber wie es zu dem kommt ist ja nicht
vorgegeben, und verlangt gerade das was du „Bedingungsanalyse“
nennst.

@Wolfram 11: Geld als Bestimmung
des Kapitalismus ist unzureichend. Geld, Tausch, Handel gab es schon
vorher und es gab eben keinen Zwack zur Kapitalvermehrung.
PS: Tut mir leid für die enorme Verspätung, war viel los in letzter Zeit …

25 franziska (22.11.2017, 13:41 Uhr)

Simon, nicht Tausch (Markt, Geld) ist die Keimform, sondern die Gründung profitabler Unternehmungen (durch uU mehrere oder viele Kapitalgeber), die Handelbarkeit von Unternehmensanteilen, die Ermöglichung von (ua Arbeits)Produktivitäts-Steigerungen durch solche Investitionen, und damit dann die Markt-förmige Organisation von Innovation.
Dass „Tausch“ flächendeckend eingeführt war und keine Keimform mehr, dass die Verhältnisse auf dem Land lang vor dem eigentlich kapitalistischen Übergang schon geld- und marktorienitert waren (in England zB in der Tudor-Zeit) – genau das zu zeigen war Absicht der historischen Darlegungen in Christians historischem Geld-Artikel.
Das wurde in den andern threads der letzten Zeit immerhin immer wieder herausgearbeitet: Dass selbst sehr flächendeckende Geld- und Markt-Beziehungen eben noch NICHT gleichbedeutend mit Kapitalismus sind. „Universelle Warenproduktion“, umgekehrt, tritt erst ein, wenn wirklich ALLES handelbar geworden ist und auch auf Spezialmärkten angeboten wird: Unternehmensanteile, Innovationsoptionen. Und Produktivitätssteigerung in Permanenz, Umwälzung der Produktionsweise in Permanenz immer mehr bis alle Branchen erreicht hat. (Was so in fortgeschrittenen Industrieländern vielleicht erst in den 60er Jahren der Fall war…)

26 Wolfram Pfreundschuh (22.11.2017, 13:44 Uhr)

„Geld als Bestimmung des Kapitalismus ist unzureichend. Geld, Tausch, Handel gab es schon vorher und es gab eben keinen Zweck zur Kapitalvermehrung“

Ich denke, dass du in deiner ganzen Argumentation über die Geschichte der Produktion, über die organische Fortentwicklung der Verhältnisse, mit dem „Davor“ und dem „Danach“ einen Wurm reinbringst, der solche Anschaulichkeit von dem logischen „Warum“ enthebt, von der Form, die sich mit dem Anwachsen der Bestimmungen, mit der Aufhäufung ihrer Beziehungen wie von selbst ergibt. Marx hatte dieses Problem von Geschichte und Begriffsbildung mal sehr schön am Beispiel der Wertform, die es schon zur Zeit von Aristoteles gab, erläutert, indem er beschreibt, wie die Geschichte aus ihrem eigenen substanziellen Mangel heraus von einer Form in eine andere übergreift:

„Aristoteles sagt uns also selbst, woran seine weitere Analyse scheitert, nämlich am Mangel des Wertbegriffs. Was ist das Gleiche, d.h. die gemeinschaftliche Substanz, die das Haus für den Polster im Wertausdruck des Polsters vorstellt? So etwas kann „in Wahrheit nicht existieren“, sagt Aristoteles. Warum? Das Haus stellt dem Polster gegenüber ein Gleiches vor, soweit es das in beiden, dem Polster und dem Haus, wirklich Gleiche vorstellt. Und das ist – menschliche Arbeit.Daß aber in der Form der Warenwerte alle Arbeiten als gleiche menschliche Arbeit und daher als gleichgeltend ausgedrückt sind, konnte Aristoteles nicht aus der Wertform selbst herauslesen, weil die griechische Gesellschaft auf der Sklavenarbeit beruhte, daher die Ungleichheit der Menschen und ihrer Arbeitskräfte zur Naturbasis hatte. Das Geheimnis des Wertausdrucks, die Gleichheit und gleiche Gültigkeit aller Arbeiten, weil und insofern sie menschliche Arbeit überhaupt sind, kann nur entziffert werden, sobald der Begriff der menschlichen Gleichheit bereits die Festigkeit eines Volksvorurteils besitzt. Das ist aber erst möglich in einer Gesellschaft, worin die Warenform die allgemeine Form des Arbeitsprodukts, also auch das Verhältnis der Menschen zueinander als Warenbesitzer das herrschende gesellschaftliche Verhältnis ist. Das Genie des Aristoteles glänzt grade darin, daß er im Wertausdruck der Waren ein Gleichheitsverhältnis entdeckt. Nur die historische Schranke der Gesellschaft, worin er lebte, verhindert ihn herauszufinden, worin denn „in Wahrheit“ dies Gleichheitsverhältnis besteht.“ (MEW 23, S. 74)

27 Wolfram Pfreundschuh (22.11.2017, 15:54 Uhr)

Bezieht man diese Erkenntnis der Formverwandlung durch den sich verwirklichenden Mangel einer historischen Form in Einheit mit dem Anwachsen ihrer Substanz nun auf den logischen Übergang von Geld zum Kapital, so kann man die Entstehung des Kapitalismus aus der Geldform erst richtig begreifen: Die Warenproduktion kann sich nicht dauerhaft in der Warenzirkulation darstellen, weil Geld in der Form des Kaufmittels (W-G) einfach nur immer wieder verschwinden müsste und sich nicht in die Form des Zahlungsmittels Geld (G-W) einfinden könnte. Es bliebe nur tautologisch mal Ware mal Geld, würde also überhaupt keinen Wert von der Produktion in die Zirkulation zu übertragen. Nur dadurch, dass Geld als Kaufmittel sich im Geld als Zahlungsmittel verallgemeinert, kann es die Produktion mit der Zirkulation von Geld vereinen, denn es lässt sich weder aus der einen, noch aus der anderen Existenzform begründen, weder aus der Schatzbildung, noch aus der Gewinnsucht, in der es historisch auftaucht. Marx hat das sehr schön aufgelöst, als er den Übergang von der Geldform ins Kapital wie folgt beschrieb:

„Die selbständigen Formen, die Geldformen, welche der Wert der Waren in der einfachen Zirkulation annimmt, vermitteln nur den Warenaustausch und verschwinden im Endresultat der Bewegung. In der Zirkulation G – W – G funktionieren dagegen beide, Ware und Geld, nur als verschiedne Existenzweisen des Werts selbst, das Geld seine allgemeine, die Ware seine besondre, sozusagen nur verkleidete Existenzweise. Er geht beständig aus der einen Form in die andre über, ohne sich in dieser Bewegung zu verlieren, und verwandelt sich so in ein automatisches Subjekt. Fixiert man die besondren Erscheinungsformen, welche der sich verwertenden Wert im Kreislauf seines Lebens abwechselnd annimmt, so erhält man die Erklärungen: Kapital ist Geld, Kapital ist Ware. In der Tat aber wird der Wert hier das Subjekt eines Prozesses, worin er unter dem beständigen Wechsel der Formen von Geld und Ware seine Größe selbst verändert, sich als Mehrwert von sich selbst als ursprünglichem Wert abstößt, sich selbst verwertet. Denn die Bewegung, worin er Mehrwert zusetzt, ist seine eigne Bewegung, seine Verwertung also Selbstverwertung. Er hat die okkulte Qualität erhalten, Wert zu setzen, weil er Wert ist. Er wirft lebendige Junge oder legt wenigstens goldne Eier.“ (MEW 23, S. 167)

Von daher erst lässt sich begreifen, dass und warum das Kapital aus der allgemeinen Wertform, aus der Geldform historisch hervorgegangen ist, denn Geld muss als Ware produziert sein, um Geld als Kaufmittel zusein. Und es muss seinen Wert durch Geld aus der Zirkulation des Geldes erhalten, um die Produktion aus seiner Funktion als allgemeines Zahlungsmittel zu vermitteln.

28 Annette (24.11.2017, 06:47 Uhr)

Wenn ich jetzt aus einiger zeitlicher Entfernung noch mal auf den Artikel schaue, Simon, so fällt mir etwas auf: Es operiert in der Tabelle mit Verallgemeinerungen, die ganz gut aussehen, die ich aber so nicht in der Geschichte wieder finde. Oder ich sehe ihn ihr etwas anderes.
Natürlich gab es Tausch auch schon vor dem Kapitalismus. Aber er bestimmte nicht die „Vermittlung“, wo Du sie reingeschrieben hast. Das Handwerk hat sich vor dem Kapitalismus in vielen Regionen vor allem auf den Fronhöfen entwickelt, die Handwerker bekamen ihre Produktionsmittel nicht durch „Tausch“, sondern vom Grundherrn gestellt (zumindest am Anfang). Sie „tauschten“ bestimmt auch nicht mit dem Grundherrn. Noch auffallender ist die Diskrepanz der ausgedachten Tabelle mit der Wirklichkeit bei der Landwirtschaft: Du beschreibst den Zugang der landwirtschaftlichen Produzenten zu ihren Produktionsmitteln mit „Tradition“. Wann im Feudalismus hätte es denn eine „Tradition“ gegeben, die als Erklärungsgrund herhalten kann? Es gab viele verschiedene Eigentumsformen (Eigentum als:  Verhältnis zwischen Menschen in Bezug auf die Produktionsbedingungen und das Mehrprodukt), die sich in jeder Region aller paar Jahrzehnte bis -Jahrhunderte auch deutlich geändert haben, so dass diese jeweils konkret als Vemittlungsform analysiert werden müssen. Bei jeder „Tradition“, die Du mir nennen kannst (raum-zeitlich konkret) kann man sicher sehen, dass sie jeweils nicht älter als 200 Jahre war, so turbulent war die Geschichte zumindest im europäischen Bereich.
Und für den Übergang der Produkte in die Konsumtion war Tausch erst recht  nicht das Wesentliche. Vielmehr trafen Subsistenz der Produzenten und Abgaben an Grundherrn etc. zusammen.

Vielleicht sollte man doch erst die historischen Studien treiben, bevor man sich an Verallgemeinerungen heranwagt? Du bist mit Deinem Studium da ja schon auf dem richtigen Weg 😉

29 Annette (24.11.2017, 06:51 Uhr)

„Die Konkurrenz lässt sich dann zum einen über die
Produktionsmittel-Seite erklären: Hier müssen die Bäuer*innen um das
Land konkurrieren. Wer mehr bieten kann, bekommt es. Dies führt zu
Konkurrenz und vor allem zur Produktivtätsentwicklung“

Auch hier: Schauen wir mal in andere Geschichtsbücher und finden heraus, wann es zu Produktivitätssteigerungen kam. Bei Dir klingt es ja fast so, als wäre die Konkurrenz notwendig gewesen, um Produktivkräfte zu entwickeln. Das passt gut zur bürgerlichen Ideologie. Aber in Wirklichkeit kam es ja auch in anderen Regionen immer wieder zu PK-Entwicklungen, auch ohne Konkurrenz als Erklärungsgrund.

30 Christian Siefkes (24.11.2017, 18:57 Uhr)

@Simon #23:

Doch die Keimform des Kapitalismus ist der Tausch. Aber die Keimform ist eben was ganz anderes als die Elementarform. Mit dem Dominanzwechsel, wenn Tausch eine ganze Gesellschaft vermitteln soll, muss sich der Tausch ändern.

Mir scheint, dass v.a deine Vorstellung einer „Keimform“ ziemlich fließend ist. Gemäß der klassischen Fünfschritt-Theorie ist die Keimform eine neue Praxis, die zunächst nur in Nischen existiert, aber, wenn das Alte in die Krise gerät, die Chance bekommt, gesellschaftlich dominant zu werden. Nun war „der Tausch“, so allgemein gesagt, aber zweifellos keine neue Praxis, sondern bereits Jahrtausende alt. Auch Krisen des Alten gab es in der Zeit allerhand (z.B. der Untergang des Römischen Reichs), ohne dass „der Tausch“ daraus irgendwelche Chancen zum Dominant-werden hätte ziehen können.

Du führst nun plötzlich eine neue Ad-hoc-Anforderung ein, wenn du im Artikel schreibst: „Erst wenn der Tausch beide Beziehungen (Input und Output) des vorherrschenden ‘Produktionsbereichs’ bestimmt, kommt es zum Dominanzwechsel.“ Davon ist im Fünfschritt nie die Rede gewesen. Und streng genommen ist dann das Spannende ja schon passiert. Paraphrasiert könnte man sagen: „Erst wenn die Keimform den
vorherrschenden Produktionsbereich bestimmt, kann sie auch beginnen, die weniger wichtigen Produktionsbereiche zu bestimmen.“ Das klingt recht einleuchtend, doch der entscheidende Moment — wie kommt es zur Dominanz im vorherrschenden Produktionsbereich? — ist damit ja schon gelaufen.

Gleichzeitig wird deine Keimform-Theorie noch beliebiger durch die jetzt nachträglich eingeführte zusätzliche Ad-hoc-Regelung, dass auch die Keimform im Zuge des Dominant-Werdens ihre Charakter völlig verändern kann. Aus einem möglicherweise per Konvention oder Gesetz fixierten Tausch wird die Preisbildung per Marktpreismechanismus/Konkurrenz, oder anders gesagt: aus A wird B.

Nun hast du eine Theorie so flexibilisiert, dass du fast jede beliebige Keimform argumentativ vertreten kannst. Statt „der Tausch“ könntest du genauso gut „das Geld“, „die Konkurrenz/der Wettbewerb“ oder „die Ware“ sagen — alles Dinge, die im „englischen Agrarkapitalismus“ als frühester kapitalistischer Form eine entscheidende Rolle im Input und Output des vorherrschenden Produktionsbereichs spielten.

Ich war ja bei meinem Versuch, den Fünfschritt auf die Entstehung des Kapitalismus (gemäß Woods Rekonstruktion) anzuwenden, zu dem Schluss gekommen, dass der „englischen Agrarkapitalismus“ selbst als die Keimform aufzufassen ist — als die neue Praxis, die sich aus ihren ersten begrenzten Anwendungen herausarbeiten und schließlich dominant werden könnte. Wenn man dieses Modell überhaupt anwenden will (ich bin mir unsicher, ob es sonderlich fruchtbar ist), scheint mir das weiterhin die naheliegendere Analyse, anstatt ein Merkmal dieser neuen Praxis willkürlich herauszugreifen und zur (alleinigen) Keimform zu stilisieren.

31 Christian Siefkes (24.11.2017, 19:13 Uhr)

@Annette:

Schauen wir mal in andere Geschichtsbücher und finden heraus, wann es zu Produktivitätssteigerungen kam. Bei Dir klingt es ja fast so, als wäre die Konkurrenz notwendig gewesen, um Produktivkräfte zu entwickeln. Das passt gut zur bürgerlichen Ideologie. Aber in Wirklichkeit kam es ja auch in anderen Regionen immer wieder zu PK-Entwicklungen, auch ohne Konkurrenz als Erklärungsgrund.

Ich denke schon, dass der Kapitalismus die erste und bislang wohl einzige Produktionsweise ist, in der sich die Akteure systematisch um PK-Steigerungen bemühen (müssen). Man sieht es ja in der Landwirtschaft, dass da mit Aufkommen des Kap. die Menge von Menschen, die von einer bestimmten Landfläche ernährt werden können, innerhalb von relativ kurzen Zeiträumen stark anstieg, während gleichzeitig die Menge der dafür notwendigen Arbeiter_innen stark sank — was beides zum Entstehen einer städtischen „Surplus“-Bevölkerung führte, die sich dem entstehenden Kap. als „Reservearmee“ potenzieller Lohnarbeiter_innen zur Verfügung stellen musste.

Gleichzeitig gab’s mit dem Aufkommen des Kap. erstmals einen breiten und intensiven Diskurs um improvement, um Fragen, wie Produktionsprozesse optimiert werden können. Vorher war das vielleicht Thema für Einzelne gewesen, aber es war kein Thema, das den öffentlichen Diskurs bestimmte. Damit wie sich das mit dem Aufkommen und der Verbreitung des Kap. änderte, beschäftigt sich das Ehepaar Wood in ihrem Buch A Trumpet of Sedition.

32 Annette (25.11.2017, 11:34 Uhr)

Leider wird es kaum belastbare  Zahlenreihen über die Produktivkraftentwicklung in den einzelnen Ländern und Regionen geben (oft wird das als korrelliert mit der Bevölkerungsentwicklung gesehen), aber letztlich bräuchten wir so was, um aus der Sphäre der Vermutungen herauszukommen. Für Europa als Ganzes gibt es in der ganzen Zeit des Feudalismus (außer im 14. Jhd.) einen relativ gleichmäßigen Anstieg der Bevölkerung. Die Frage wäre, ob man für Englands Situation, die Wood beschreibt, tatsächlich eine höhere Steigerung sieht.
Hier jedenfalls sehe ich es nicht: https://www.uni-muenster.de/FNZ-Online/wirtschaft/grundstrukturen/quellen/schaetzung.htm
Gibt es da bei den Woods etwas?

Zu den Diskussionen um das „Improvement“ müsste man auch  mal schauen, wann das wo geschah. Fürs 17. Jhd. ist das für die Niederlande und im deutschen Bereich auch aktuell, wenn auch vielleicht mit anderen Begriffen. Auch da wäre nicht nur auf jeweils eine Stelle zu schauen, wo man das sieht, sondern jeweils zu vergleichen, wo das wann in welchen Situationen war.

33 Wolfram Pfreundschuh (25.11.2017, 11:37 Uhr)

@Christian #30:

„Mir scheint, dass v.a deine Vorstellung einer „Keimform“ ziemlich fließend ist. Gemäß der klassischen Fünfschritt-Theorie ist die Keimform eine neue Praxis, die zunächst nur in Nischen existiert, aber, wenn das Alte in die Krise gerät, die Chance bekommt, gesellschaftlich dominant zu werden. Nun war „der Tausch“, so allgemein gesagt, aber zweifellos keine neue Praxis, sondern bereits Jahrtausende alt. Auch Krisen des Alten gab es in der Zeit allerhand (z.B. der Untergang des Römischen Reichs), ohne dass „der Tausch“ daraus irgendwelche Chancen zum Dominant-werden hätte ziehen können.“

Wär es nicht an der Zeit, diese „klassische Fünfschrittheorie“ nochmal zu überprüfen, zumal sie mit dem darin unterstellten „Dominanzwechsel“ eine Fortentwicklung des Dialektischer Materialismus ist, der einfach nicht in der Lage ist, eine gesellschaftliche Entwicklung aus der abstrakt vorgefundenen Substanz eines gesellschaftlichen Verhältnisses ihre Fortentwicklung durch Aufhebung ihrer Verkehrung von Form und Inhalt anzutreten? Es hat sich historisch doch auch längst erwiesen, dass der „Sprung aus der Krise“ nicht möglich ist, aus der gesellschaftlichen Nische heraus schon garnicht gelingen kann, weil die Verheerungen einer sozialen Krisenlage genau das verunmöglicht, die Ohnmächtigen nicht zu Subjekten ihrer Geschichte machen kann, die Alternativen nur auf einem bequemeren Niveau an das System rückgebunden hat und die „Revolutionäre“ in die Dogmatik einer politischen Gewalt verbracht hat. Wer in der Krise nicht den gesellschaftlichen Veränderungsprozess selbst begreifen kann, wird auch kein „Fenster der Veränderung“ erkennen können. Und er oder sie wird deshalb die wirklichen historischen Potenzen nicht einschätzen oder schon von vornherein übersehen. Eine weitaus zeitgemäßere Erkenntnismethode sehe ich im  Historischer Materialismus, durch den die Fortschritte der Geschichte in den vorfindbaren Widersprüchen zu entdecken sind, wodurch  die Produktion von politischer Ohnmacht zu begreifen und umsetzen ist (z.B. in der historischen Macht der verselbständigten Eigentumstitel des fiktiven Kapitals, der Mieten und Gebühren und Lizenzen). Man kann damit immerhin die Geschichtsepochen als Epochen der gesellschaftlichen Wirklichkeit und der darin entwickelten historischen Substanz erkennen. Und aus dieser heraus ist auch heute die Verarmung einer reichhaltigen Welt sozialer Beziehungen durch Widerstand gegen die kulturellen und finanziellen Strukturen anzugehen. Daher sollten wir heute nicht einfach Vergangenheit wie das Gleichnis einer Veränderung nachvollziehen, die schon immer substanziell völlig anders gewesen sein muss, als sie heute sein kann, sondern besonders den „Übergang“ des realwirtschaftlichen Kapitalismus der bürgerlichen Gesellschaft in einen weltweiten  Feudalkapitalismus erstmal zu verstehen suchen.

34 Annette (25.11.2017, 15:40 Uhr)

Soweit ich das sehe, ist das Fünf-Schritt-Konzept eine Übertragung einer Verallgemeinerung der biologischen Evolution der Psyche und diese verallgemeinerte „Entwicklungslogik“ stimmt tatsächlich gut mit den Vorstellungen von dialektischer Entwicklung überein, die im ursprünglichen Marxismus meiner Meinung nach noch gar nicht so strikt in  DiaMat und HistMat unterschieden werden kann. Ob nun DiaMat oder HistMat finde ich nicht so wichtig. Ich sehe es als notwendiger an, so eine hypothetische verallgemeinerte Vorstellung wie das Fünf-Schritt-Konzept vor allem im  Feld der geschichtlichen Entwicklungen zu fundieren oder zu testen.
Bisher geschieht es eher oft, dass für das allgemeine Konzept jeweils geeignete Beispiele gesucht werden, aber die Verallgemeinerungsfähigkeit nicht geprüft wurde.

35 franziska (25.11.2017, 17:23 Uhr)

Zur begrifflich-theoretischen Einordnung möchte ich den Kommentaren folgendes hinzufügen:
1. WENN wir tatsächlich etwas von der Art einer „Formation“, „Epoche“, „Produktionsweise“, „dominantes Produktionsverhältnis“ vor dem „kapitalistischen“ suchen, dann sollten wir uns um genauere Begriffsbestimmungen bemühen: „Feudalismus“ – was ist das, und lässt sich das irgendwie halbwegs belegen in der Zeit vor, sagen wir, den Frühphasen der industriellen Revolution? – Es geht vielleicht nicht so sehr um die zeitliche An- und Zuordnung zu Jahreszahlen, sondern zunächst viel zentraler um die begriffliche Bestimmung der massgeblichen materiellen Grundlagen, der zugehörigen Arbeitsteilungs- und Klassen/Herrschafts-Formen…
2. Ist es begrifflich nötig und möglich, dass solche Formationen zeitlich bündig aneinander stossen, oder gibt es ein womöglich sehr breites Übergangsfeld (wie es doch auch die Fünfschritt-Theorie postuliert, soweit ich sie verstehe)? Und gilt vergleichbares nicht sogar noch lange Zeit für weniger fortgeschrittene Territorien, wenn sie der weltgeschichtliche Fortschrittsprozess erreicht, und dort womöglich mehrere Transformationen beinah zeitgleich ablaufen? Dh die Tranformation breitet sich wellenförmig im Raum aus von den weitestentwickelten Zentren in die Peripherie, wo in unterschiedlichen Regionen mit unterschiedlichen Entwicklungs-Tempi auf die hereinkommende Welle aus Chancen und Zwängen reagiert wird.
3. Wenn man nun über ein Land spricht, und die wichtigsten, die „entscheidenden“ Änderungen sucht, sollte man sich verständigen über die ungefähren Zeiträume, über die man spricht. Agrarrevolution und die Sache mit den Pächtern findet mE im 18.Jh statt, enclosures hingegen sind viel älter und haben sich die ganze Zeit hindurch erhalten (s. dazu den englischen Wikipedia-Artikel); die extremen Terrorgesetze gegen Bettelei und das Hineinpressen der Paupers in Arbeitsverhältnisse ist ebenfalls viel früher angesiedelt (Manufakturen gehören mE zur Vor-kapitalistischen Formation X, die kein Feudalismus ist und noch keinen Namen hat.)
4. Die „Synchronisierung“ einer ganzen Bevölkerung zu einer „national“ definierten „Gesellschaft“ ist vielleicht ihrerseits ein neueres historisches Phänomen, dessen Ausgeprägtheit in verschiedenen Gemeinwesen zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich war. (Ähnliches gilt für die Frage, worin eigentlich „Entwicklung der Produktivkräfte“ besteht: Im beständigen Erfinden neuer Technologien? Oder gibts da noch andre Dimensionen (selbst wenn es einen beständigen Fluss an Erfindungen und deren schnelle Verbreitung zB im Hoch- und Spätmittelalter gibt?)
5. Angesichts dessen ist immer die Frage, was eigentlich WIRKLICH die Kategorien sind, in denen der übergreifende Prozess sich abspielt. Ob also Sätze wie „es gibt immer (!) eine Vielfalt von Produktionsweisen nebeneinander, oder neben einer herrschenden“ auf dieser Ebene des zeit-übergreifend Gültigen liegt, oder ob es sich seinerseits um eine (mehrere, aber nicht alle) Epochen übergreifende Erscheinung handelt; und selbst wenn, wäre die zweite Frage, wie sich solche Vielfalt erklärt – ist sie das letzte Wort, oder ein Übergangszustand, etwa wegen des Nebeneinanders von sich entwickelnder, herrschender, regional „zurückgebliebener“ oder „überholter“ Produktionsweise.
Anm. „Entwicklung“ könnte ja auch bedeuten, dass „archaischere“ Gesellschafts-Merkmale zunehmend verschwinden – die Klassen beispielsweise; oder die Dominanz der Landwirtschaft; oder die entscheidende Rolle der je bewohnten Naturräume usw. Marx/Engels haben genau die Notwendigkeit eines Verschwindens der genannten Vielfalt oder des Nebeneinanders von „Produktionsweisen“ behauptet…
6. Zur Gleichsetzung von Kapitalismus mit „universell gewordener Warenproduktion“ ist anzumerken: dass dazu ja die Produktivkräfte durch Innovationen enorm entwickelt sein mussten; ich hatte mal in erster Näherung die 60er Jahre in den westlichen Industrieländern als den Zeitraum genannt, in dem die Gleichsetzung anfängt wirklich gültig zu werden.
7. Marx/Engels haben das „Formations“-Thema nicht nur extrem stark auf (aus meiner Sicht zT äusserst dubiose, zB „Sklavenhaltung“) Epochen- „Produktionsverhältnisse“ zugespitzt (und die „materielle“ Grundlage dafür eigentlich garnicht in ihrer historischen Dynamik für erörternswert gehalten); sondern sie haben auch sehr stark gedacht in Termen von „Revolutions-artigen“ Transformationen. All die Komplikationen, die hier andeutungsweise von Annette und andern eingebracht werden, waren nicht im Focus „marxistischer“ Autoren.
8. Und dahinter taucht ein viel weiter gehender Mangel auf. Selbst die bürgerliche Geschichtswissenschaft versteht sich heute als Abteilung der Sozialwissenschaft – unter dem Titel „Beschreibung und Erklärung des historischen Wandels“ von Gesellschaften. Wenn man nun auch die marxistischen Theorien darauf hin einordnet, muss man sagen: Die generellen Grobheiten der gesamten „Gesellschaftsauffassung“ (die allgemeinen Kategorien) der marxistischen Tradition übertragen sich konsequenterweise auch auf ihre Betrachtung der geschichtliche Dimension von „Gesellschaft“. Die Geschichtstheorie kann ja nicht kategorial differenzierter sein als die allgemeine Gesellschaftstheorie. Und da sage ich: Es ist ein grosser Unterschied, ob man „Gesellschaftliches“  als System, oder als (kollektive, wie mangelhaft immer koordinierte) Praxis beschreibt. Welche Muster an Veränderungsdynamik also immer man als die den „kategorial“ allem möglichen Verstehen zugrundezulegenden behauptet – man muss sie aus solchen fundamentaleren Kategorien von menschlicher Vergesellschaftung ableiten. Es ist also implizit eine Anfrage an die Befürworter der hier jeweils genannten Konzepte (Fünfschritt, historischer Materialismus) zu sagen, aus welchem übergreifenden Begriff von Gesellschaft und/oder deren Veränderung sie diese Kategorien als notwendige gewinnen.
Anm. An diesem Punkt (System vs Praxis als Grundbegriff) sehe ich die fundamentalste aller inner-radikallinken Theorie-Kontroversen angesiedelt.
9. Das ganze ist keine rein intellektuelle Angelegenheit. Die Theorien von Marx/Engels und ihrer Nachfolger wurden AUCH präsentiert mit der ungeheuren Zuversicht, einen Schlüssel zum Verständnis gefunden zu haben, der zugleich EINFACH ist: Der Kommun/Commonismus ist einfach, du kannst ihn begreifen. Nebenbei galt das auch für die Hoffnung, die Selbstverwaltung der „freien Produzenten-Assoziation“ sei einfach, transparent, ohne Komplikationen und Aufwand machbar.
Wenn das nun alles nicht stimmt… und wenn „Verstehen“ oder auch „Verwalten“  nur geleistet werden kann von „Experten“… dann fragt sich, ob nicht irgendwann die Grundidee verlorengeht.
Deswegen, unter anderm, ist das alles so aufgeladen.
10. Aber selbst wenn man diesen Bezug ignoriert, sprengen die hier aufkommenden Debatten den vorgegebenen Rahmen. Ich sage einmal mehr, dass ich nicht weiss, wie man hier damit umgehen könnte; mit grosser Wahrscheinlichkeit kann man es nicht. Dabei… wäre ein Platz für (nicht-chaotische) inner-radikallinke Verständigung das erste Beispiel für ein gelingendes „Common“.

36 Wolfram Pfreundschuh (25.11.2017, 19:18 Uhr)

@Annette #34:

„Soweit ich das sehe, ist das Fünf-Schritt-Konzept eine Übertragung einer Verallgemeinerung der biologischen Evolution der Psyche und diese verallgemeinerte „Entwicklungslogik“ stimmt tatsächlich gut mit den Vorstellungen von dialektischer Entwicklung überein, die im ursprünglichen Marxismus meiner Meinung nach noch gar nicht so strikt in  DiaMat und HistMat unterschieden werden kann. Ob nun DiaMat oder HistMat finde ich nicht so wichtig.“

Ja das stimmt wohl, dass „das Fünf-Schritt-Konzept eine Übertragung einer Verallgemeinerung der biologischen Evolution der Psyche und diese verallgemeinerte „Entwicklungslogik“ ist, wie sie im Diamant, nicht aber im Histomat dargestellt wird. Und genau dies halte ich für ein wesentliches Problem in der Rezeption des Marxismus, um die ja sehr lange gestritten wurde, weshalb sich z.B. auch ein Teil der Wertkritik dagegen gestellt hatte, weil es da um das Verständnis von Dialektik überhaupt geht.

Kann ja sein, das dies hier überhaupt nicht interessiert. Dann will ich nicht weiter stören und gerne von hier verschwinden. Aber zuvor will ich doch noch meinen Hinweis hierauf gemacht haben, wie ich ihn ausgeführt hatte: =>  Dialektischer Materialismus => Historischer Materialismus
Dem Diamant werfe ich dort z.B. folgendes vor:

„Der dialektische Materialismus beruht auf einem Irrtum von Engels in der Rezeption des historischen Materialismus nach Marx, wie er aus der Kritik an Feuerbach entwickelt worden war. Dieser setzt die „Geschichte der menschlichen Natur“ dem Wesen nach mit der „Geschichte der Gesellschaft“ gleich und behauptet (nach Engels) in beiden dasselbe Entwicklungsprinzip als gleichermaßen bestimmend (siehe Determinismus).
„Es ist also die Geschichte der Natur wie der menschlichen Gesellschaft, aus der die Gesetze der Dialektik abstrahiert werden. Sie sind eben nichts andres als die allgemeinsten Gesetze dieser beiden Phasen der geschichtlichen Entwicklung sowie des Denkens selbst. “ (F. Engels, Dialektik der Natur. Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, MEW 20, S. 348)“
Damit wird das Material der Natur wesentlich zu einem Naturstoff der Gesellschaft, der gesellschaftliche Mensch also selbst zu einem objektiven Naturprodukt – wie er im sowjetischen Sozialismus schließlich auch wissenschaflich verstanden wurde. Das hat m.E. nichts mehr mit dem Emanzipationsverständnis von Marx zu tun und widerspricht auch seinem Verständnis von Natur als Gegenstand des Menschen überhaupt, die für sich keine abstrakte Negativität kennt. Die Natur kann eben keine Negation durch Abstraktion, keine Nichtigkeit erfahren kann (das genau stellt die Wesenslogik von Hegel auf den Kopf). Mit der Engel’schen Naturdermination wurde schließlich von den ML-bewegten Leuten das ganze Verständnis der Dialektik auf reine Positionen entkernt, zu einem Positivismus verfälscht, der als objektives Entwicklungsprinzip letztlich nur die Befolgung seiner objektiven“Logik“ verlangen kann. Als Subjekt seiner Geschichte kommt der Mensch darin nicht mehr wirklich und die Wirklichkeit bestimmend vor und war von daher auch dem Objektivismus einer naturalisierten Staatswissenschaft ähnlich unterworfen, wie der Mensch in naturlogischen Theorien des Faschismus.“

Man kann es auch ganz kurz sagen: Es gibt keine „biologische Evolution der Psyche“, wohl aber viele Probleme der Psyche mit der Freiheit:
„Die Lebensgefahr für jedes Wesen besteht darin, sich selbst zu verlieren. Die Unfreiheit ist daher die eigentliche Todesgefahr für den Menschen.“ (K. Marx, MEW 1, 60)

37 Annette (25.11.2017, 19:53 Uhr)

@ Wolfram: Das wirft tatsächlich nochmal grundlegende Fragen auf, die sicher zu den jeweils implizit enthaltenden Grundannahmen der Diskussion hier gehören, aber wohl eher weniger in diese Diskussion. Ich teile zwar Deine Kritik an vielen Dogmatisierungen des ML, aber gehe nicht so weit wie Du… aber dazu hier nichts mehr.

@ Franziska: Weil mir bei mir selbst das Manko an wirklichem Geschichtswissen aufgefallen ist, habe ich mir ungefähr ein halbes oder ein Jahr Zeit für eine vertiefte Beschäftigung mit Geschichte verschrieben, was ich grad begonnen habe. Deinen Tipp mit den „Grundzügen der Agrargeschichte“ hab ich aufgegriffen und mir den 1. Band besorgt.  Wo der Raum für gemeinsame Arbeit an diesen Themen ist, weiß ich nicht so recht. Was wir in der „Zukunftswerkstatt Jena“ dazu gesammelt haben, steht hier: https://wiki.zw-jena.de/index.php?title=Menschliche_Geschichte. Für das Wiki können Interessierte auch einen Zugang bekommen. Wenn sich mal mehrere Menschen offline dazu treffen wollen, biete ich auch gerne meine „Quasselbude“ hier in der Bibliothek in Milda an…

38 Christian Siefkes (27.11.2017, 09:45 Uhr)

@Annette #32:

Leider wird es kaum belastbare Zahlenreihen über die Produktivkraftentwicklung in den einzelnen Ländern und Regionen geben (oft wird das als korrelliert mit der Bevölkerungsentwicklung gesehen), aber letztlich bräuchten wir so was, um aus der Sphäre der Vermutungen herauszukommen. Für Europa als Ganzes gibt es in der ganzen Zeit des Feudalismus (außer im 14. Jhd.) einen relativ gleichmäßigen Anstieg der Bevölkerung. Die Frage wäre, ob man für Englands Situation, die Wood beschreibt, tatsächlich eine höhere Steigerung sieht.

In dem von dir verlinkten Chart sieht es so aus, als ob die englische Bevölkerung erst ab 1750 richtig stark wächst, was in der Tat etwas spät wäre. Ich habe hier (Flash benötigt) aber noch ein genaueres Chart gefunden, wo man sieht, dass es schon mindestens ab dem 17. Jahrhundert einen starken Anstieg gibt, von 6 Millionen Einwohner_innen im Jahr 1642 auf fast doppelt so viele, nämlich 11 Mio. 1811. 30 Jahre später sind es dann schon 27 Mio. Wann der Anstieg beginnt, lässt sich nicht genauer erkennen, da es für fast 300 Jahre zwischen der Pest-Pandemie um 1350 und 1642 an belastbaren Daten zu fehlen scheint.

Noch eindrucksvoller sieht man den Unterschied an der Bevölkerungsentwicklung von London, dem wichtigsten „Zufluchtsort“  für die Surplus-Bevölkerung. Während die zwischen 1300 und 1550 weitgehend stagnierte bzw. wegen der Pest für lange Zeit sogar deutlich geschrumpft war, gibt es seit 1550 einen kontinuierlichen und deutlichen Anstieg — 1700 ist die Bevölkerung knapp 5-mal so groß wie 150 Jahre vor. Der starke Zuwachs geht dann noch bis etwa 1911 (also dem Beginn des 1. Weltkriegs) weiter und schwächt sich anschließend deutlich ab.

Im Vergleich zu anderen europäischen Städten gelangte London in der Zeit vom Mittelfeld an die Spitze, woran man sieht, dass das keine allgemeine, sondern eine (zunächst) spezifisch englische Entwicklung war. 1500 reichte es (höchstens) für Platz 10 unter den europäischen Städten, 1550 war London schon auf Platz 7, 1600 Platz 4, und 1750 hatte es Istanbul/Konstantinopel als größte Stadt Europas abgelöst.

Die Entwicklung passt gut zur Darstellung Woods, die ja die Anfänge des englischen Agrarkapitalismus im 16. Jahrhundert sieht.

39 franziska (27.11.2017, 11:14 Uhr)

Es bleibt aber die Frage, ob man durch die Untersuchung historischer
Vorgänge sich eines allgemeinen Übergangsmusters versichern kann (oder sich
vorführt, dass ein eher kategorial hergeleitetes solches Muster wie der
Fünfschritt dann doch irgendwie empirisch relevant ist). ODER, ob man
durch Analysen des Ist-Zustands weiter kommt (womöglich NUR so), und von da aus auf zu erwartende und/oder wünschenswerte und/oder strategisch sinnvolle Übergangsformen schliesst.
Eine Anschlussfrage wäre: Ob zwischen diesen beiden Ansätzen durch irgendein „schlagendes“ Argument entschieden werden kann. Etwa von der Art: Dass die bisherigen Übergänge zeigen, und genaue Überlegung*) es als unvermeidlich erweist, dass jeder Übergang anders sein muss. Oder, dass die genaue Analyse des bestehenden Zustands*) seine absolute Besonderheit, seine Unvergleichglichkeit mit allem früheren nachweist.

*) Eine solche Überlegung oder Analyse könnte etwa darauf aufbauen, dass Geschichte allgemein ein Differenzierungsprozess (von kollektiven Praktiken und Mentalitäten) ist; und dass die in den einzelnen historischen Grossepochen jeweils hinzugekommenen Gross-Kategorien die vorangegangenen konkretisieren, wie zB (als Entwurf):

Mehrprodukt überhaupt/Staat (Herrschaft, Klasse),
Mehrprodukt in der Fläche: Logistik/ (zunächst vor allem durch Hochreligion definierter) Kulturraum, Stützpunkt-Gründungen
———————————–
flächendeckend lokal erzeugtes Mehrprodukt („Gewerbe-Landschaften“: lokale Arbeitsteilung)/ politisch-ökonomische Raumteilung ,
stabile überregionale Binnen-Arbeitsteilung/ „Nation“ als Ausgriff in den „Kulturraum“ (Anschluss ans+Überbietung des antiken Kulturniveaus)
———————————–
alle Grenzen überschreitender Fernhandel mit Natur- und Gewerbeprodukten/ Konkurrenz von Nationen+Koloniebildung: Einsatz politischer (Staats)Gewalt zur Erzielung von Handelsvorteilen (Privilegien, Monopole)
„Weltsystem“-Bildung mit „internationaler Arbeitsteilung“/ Empire(s)+ Imperialismus
———————————-
Produktivkraft-Entwicklung/
nationaler Kapitalismus+bürgerlicher Staat als Grundlage für die
Stellung in der „geo-strategischen“ imperialistischen Konkurrenz bzw. Weltordnung
Globalisierung: (versuchte) stabile globale Arbeitsteilung/  (Welt-Staat(ensystem))
———————————-

Die Linie——- deutet jeweils eine (krisenhafte) Epochengrenze an; die Zweiteilung innerhalb jeder Epoche (Produktionsweise) ergibt sich aus der grundsätzlich postulierten Zwei-Phasigkeit: Konsolidierung, Herausbildung der Epochen-Produktionsweise, anschliessend Ausschöpfen der damit gegebnen Expansionschancen (vor allem, aber nicht nur räumlicher Art).

40 Annette (27.11.2017, 18:59 Uhr)

Franziska, wo habe ich geschrieben, dass ich in den historischen Vorgängen ein „allgemeinen Übergangsmuster“ suche? Es geht um die Erfahrung, welche Faktoren in welcher Weise wichtig waren, sind und sein könnten.

Worauf ich da schaue, ist die Abhängigkeit von Bedingungen, die selbst historisch entstanden sind, dadurch ergibt sich schon auch immer so etwas wie eine Tendenz. Und es entsteht auch immer wieder qualitativ Neues. Und dieses kommt nicht aus dem „Nichts“, sondern ist bedingt… Wie so was in der kosmischen und biotischen Evolution abläuft, hab ich ja schon früher mal untersucht. Für Geschichte nehm ich mir jetzt erst die Zeit.

In der DDR-Wissenschaftsphilosophie gab es früher schon mal die Warnung vor „Kurzschlüssen“, die entstehen, wenn von Ergebnissen einer Einzelwissenschaft auf eine andere geschlossen wird, oder wenn unvermittelt zwischen philosophischen und einzelwissenschaftlichen Ebenen herumgesprungen wird. Als Vermittlungsschritte gibt es dazwischen noch die „präzisierten philosophischen Aussagen“ und „philosophische Hypothesen“ sowie „einzelwissenschaftliche Hypothesen“. Vom Philosophischen her gibt es eine „heuristische Funktion“ zu den Einzelwissenschaften.
Man kann also die 5-Schritt-Konzeption so sehen: Sie ist eine Verallgemeinerung aus der Einzelwissenschaft „Evolution der Psyche, Kritisch psychologisch gesehen“. Schon Holzkamp hat eine Präzision philosophischer Aussagen draus gemacht (Präzisierung des dialektischen „universellen begrifflich-methodischen Forschungsprinzips“(Grundlegung: 47, vgl. auch 78…), wobei er sich der Spezifik seines Gegenstands wohl bewusst war (ebd.: 52)). Als philosophische Hypothese kann dann angenommen werden: Das Neue des von Holzkamp untersuchten Gegenstands, der Psyche, verweist auf die Bedeutung der Unterscheidung von Funktions- und Dominanzwechsel und der Keimformen, die in der allgemeinen Entwicklungstheorie (entsprechend der  Dialektik) noch nicht enthalten ist. Hypothese: Es könnte für alle Qualitätsumschläge so sein, dass der „Sprung“ in diesen beiden Phasen verläuft und es vorher schon Keimformen gibt. Diese Hypothesen können dann nur überprüft werden, wenn sie auch für andere Gegenstandsbereiche überprüft und (weitestgehend) verifizirt werden. Damit sind sie dann für diese Gegenstandsbereiche die Angemessenheit auch gleich überprüft, ansonsten ist es „heuristisch“ sinnvoll, für die Einzelwissenschaft aus dem präzisierten philosophisch Allgemeinen die Hypothese zu generieren, dass es da auch so sein könnte. Was zu überprüfen ist.

Meiner Kenntnis nach ist die „Keimform-Konzeption“ nicht so ausführlich geschehen. Da gab es eine Verallgemeinerung aus der Kritischen Psychologie in die Philosophie hinein und diese wurde gleich auf die Antizipation der Zukunft bezogen, weil man hoffte, dass es schon stimmen wird, dass es in der Geschichte und der zukünftigen Geschichte auch so sein werde. Dass wir jetzt dauernd auf geschichtliche Fragestellungen stoßen, vereist auf diese noch nicht gelegte Fundierung bzw. den blinden Fleck des Konzepts.

Ich selbst suche erst mal nicht in der geschichtlichen Literatur nach den allgemeinen Items (wie Unterscheidung Funktions-Dominanzwechsel und Keimform), sondern nehme den Gegenstandsbereich wie er ist, und verfolge dessen eigene „innere Logik“. Dabei ergeben sich immer wieder typische „Mechanismen“ oder Faktoren, die sammle ich erst mal und mir fällt meistens vor allem das auf, was dem,  was mein Kopf mit seinem natürlich nicht zu verleugnenden Wissen über „allgemeine Entwicklungsgesetzmäßigkeiten“ erwartet, widerspricht. (Z.B. dass die Weiterentwicklung meist nicht von dem Punkt ausgeht, wo es vorher am höchsten entwickelt war…, so etwas gibt es in der Natur auch schon).

Das ist auch der Grund, warum ich zu diesen Studien so gut wie keine Texte in meinem Blog produziere, es lässt sich eben noch nichts so einfach verallgemeinern und die Bücher über die Geschichte muss halt jede/r selber lesen, die/der sich dafür interessiert…

Wenn jemand eine Idee hat, wo eine Arbeitskooperation zu „Geschichte“ als Thema in Bezug auf des Keimformkonzept bzw. die Commonsdebatte sich verankern könnte, wäre das sicher nicht schlecht… (ich denke ganz altmodisch an eine normale Mailingliste, ggf. eine mit Dokumentation wie früher Oekonux).

41 Christian Siefkes (28.11.2017, 17:54 Uhr)

@Wolfram #33 (sowie Annette):

Wär es nicht an der Zeit, diese „klassische Fünfschrittheorie“ nochmal zu überprüfen

Es scheint hier zum Teil die Vorstellung zu kursieren, dass der Fünfschritt sozusagen die „offizielle“ Theorie des Keimform-Blogs ist. Das stimmt so aber nicht, es gibt keine offizielle Keimform-Theorie, sondern der Blog versammelt einfach eine Reihe von Leute, die sich für das „Neue im Alten“ interessieren, wie es der Untertitel ausdrückt. Darauf bezieht sich der Begriff ganz allgemein, nicht notwendigerweise auf einzelne Theorien. Allgemein sind Keimformen für uns das, wozu es auf der „Über Uns“-Seite heißt: „Da Neues nicht aus dem Nichts entsteht, suchen wir nach Ansätzen im Jetzt“.

Insofern werde ich es denen überlassen, die den Fünfschritt inhaltlich vertreten, ob sie ihn verteidigen wollen oder nicht. Ich bin da (wie gesagt) eher skeptisch und war es auch früher schon. Wobei sich meine Kritik weniger darauf bezieht, dass ich ihn für falsch hielte — z.B. finde ich das Moment der Krise durchaus einleuchtend: Wenn aus Sicht aller Beteiligten alles bestens läuft (von Krise weit und breit keine Spur), wieso sollte es dann zur Ablösung des Alten durch etwas Neues kommen? (In diesem Fall wäre eher eine Weiterentwicklung und Verbesserung des Alten zu erwarten, wenn überhaupt.) Kritisch sehe ich vielmehr, dass die Theorie so allgemein ist, dass sie „irgendwie“ fast immer passt oder passend gemacht werden kann, wodurch ihre Vorhersagekraft stark beschränkt ist.

42 Simon Sutterlütti (08.12.2017, 18:11 Uhr)

@Franziska 25: Jein. Klar Tausch- und Marktorientierung gab es schon vor dem Kapitalismus, das spannende ist ja gerade die Frage was sich ändert. Und ich würde sagen der Charakter des Tausches ändert sich damit, dass er zur gesell. bestimmenden Vermittlungsform wird. Dies wird er dadurch, dass er auf das Land als Privateigentum ausgedehnt wird.

@Annette 28+29: Tradition ist auch noch eher ein Leerbegriff. Eig geht es v.a. um persönliche Abhängigkeitsbeziehungen als Vermittlungsform. Und ja, für Verallgemeinerung ist es sicher noch früh, aber Vorüberlegungen können helfen ;).

Ich würde mit Christian übereinstimmen und schon sagen, dass die Produktivitätsetnwicklung noch einmal eine andere Dynamik nahm in England. Unsere Vorstellung des „stagnierenden“ Mittelalter ist sicherlich falsch, aber die Agrarproduktivität (und später die Industrialisierung) gewinnt tatsächlich nocheinmal eine andere innovative Dynamik.

43 Simon Sutterlütti (08.12.2017, 18:15 Uhr)

@ Christian 30: Ich weiß nicht genau, warum der Keimformtheorie da widersprochen oder sie beliebiger wird. Es geht mir darum die KFT historisch zu schärften. Ich versuche den Dominanzwechsel zu begreifen, indem ich sage, er findet dann statt, wenn der vorherrschende Produktionsbereich von der Keimform Tausch ergriffen wird.
Das Krisenargument bin ich auch nicht ganz so sicher. aber nur weil eine Krise in der Antike nicht zum Kapitalismus geführt hat, obwohl es schon KF Tausch gab, erkenne ich auch nicht so richtig als Gegenargument. Eine Krise hat ja nicht einen notwendigen Ausgang. Ich verwende lieber den Begriff des Entwicklungswiderspruchs der müsste mit deiner Frage: „Wie kommt es zur Dominanz [des Tausches] im vorherrschenden Produktionsbereich?“

„Gleichzeitig wird deine Keimform-Theorie noch beliebiger durch die jetzt nachträglich eingeführte zusätzliche Ad-hoc-Regelung, dass auch die Keimform im Zuge des Dominant-Werdens ihre Charakter völlig verändern kann.“ – Äh, die Keimform wird mit dem Dominanzwechsel zur Elementarform. Sie muss damit ganz grundlegend ihre Gestalt verändern. Sie ist ja jetzt gerade nicht mehr das Untergeordnete innerhalb anderer Vermittlungsformen, sondern die bestimmende Vermittlungsform. Das ändert ihre Qualität. Oder?

„Theorie so flexibilisiert, dass du fast jede beliebige Keimform argumentativ vertreten kannst“ – Naja, ich würde sagen, diese Diskussion ist noch nicht beendet. Ich würde im Moment den Tausch als die Keimform vertreten und denn Äquivalententausch als Elementarform. Von der Krisis her gabs Einwände, dass schon eher die abstrakte Arbeit, als der Tausch die Vermittlungsform des Kapitalismus wäre. Aber die Bestimmung der Keimform als „engl. Agrarkapitalismus“ scheint mir zu breit. Ja dort wird die Keimform zur Elementarform, aber diese Bestimmung klingt mir zu schammig.

@Annette 40: Das ist eine Frage der Methodik. Ja ich find es auch doof, nur mit einer bestimmten Methode in die Geschichte zu gucken und zu versuchen alles dort zu subsumieren, aber dieser Text ist ja aus unseren Überlegungen zur Transformation von Kap zu Commonismus entstanden, wo wir immer wieder in die histor. Paralle zur Entstehung des Kapitalismus geguckt haben. Da schien es mir das ganz gut zu klappen und das hab ich dann aufgeschrieben ;).

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