Commonsgemäße Arbeitszeitberücksichtigung

[EN-Version: Commons-based Working Time Consideration]
Endlich wird wieder diskutiert! Nach einer Kritik von Kapitalismus aufheben durch Hermann Lueer, hat die Antwort von Meretz nicht lange warten lassen und die Initiative Demokratische Arbeitszeitverrechnung hat dann auch nochmal nachgelegt. Thema ist, ob es cool ist oder nicht Arbeitszeit als allgemeine Recheneinheit einer post-kapitalistischen Gesellschaft zu setzen. Mit diesem Beitrag soll sich nicht ins Getümmel gemischt werden, sondern — als Side-Note, wenn man so will — gezeigt werden, wie Arbeitszeit commonsgemäß in gesellschaftlicher Vermittlung berücksichtigt werden kann; ganz bestimmte Bedingungen vorausgesetzt.
Prinzip und Voraussetzungen
Die folgend vorgestellte Methode wurde im zwischenzeitlich beendeten, softwarebasierten Transformationsprojekt Global Commoning System entwickelt, welches zukünftig unter dem Titel Caretaker Tech sein Unwesen treiben wird. Das Global Commoning System entstand aus einer solidarisch-kritischen Auseinandersetzung mit Kapitalismus Aufheben heraus und hatte sich zum Ziel gesetzt, eine bestimmte Form der transpersonalen Vermittlungsebene zu verwirklichen; eine, mit der die Beschränktheit gegenwärtiger Commons überwunden werden kann, um auch komplexe Re/Produktionsketten effizient meistern zu können, ohne dabei die Bedingungen der Freiwilligkeit und kollektiven Verfügung zu verlassen. Die Methode der Berücksichtigung bzw. des tendenziell individuellen Vorteils entdeckten wir erst im dritten Projektjahr, nach sehr langen Diskussionen, wie Menschen in diesem transpersonalen Raum überhaupt zum Beitragen motiviert werden können.
Die Ausgangsidee ist simpel: In meinem ganz normalen Leben kann ich es berücksichtigen, wenn jemand etwas für andere getan hat. Am kontrovers diskutierten Beispiel der Hausgemeinschaft: Wenn Alice ständig die Küche putzt und Bob den ganzen Tag nur kifft, beide mich aber darum bitten ihnen bei etwas zu helfen („den IKEA-Schrank aufbauen“), dann kann ich die von Alice geleistete Arbeitszeit in mein Handeln einbeziehen und Bob absagen, um bei Alice den Inbusschlüssel zu zücken. Diese Form des Denkens ist nicht abstrakt herbeiakademisiert, sondern Alltag in den Handlungsweisen jenseits der Markt- und Staatslogiken.
Unter folgenden Bedingungen lässt sich diese Handlungsweise jetzt in komplexere Re/Produktionsprozesse integrieren:
- Personen vermitteln ihre Bedürfnisse in maschinell auslesbarer Form. Ob diese Bedürfnisse nur innerhalb eines beschränkten Rahmens (Freundeskreis, verifizierte Netzwerkmitglieder) oder gänzlich offen zugänglich sind, ist irrelevant.
- Es ist bekannt, mit welchen (aufeinander aufbauenden) Tätigkeiten diese Bedürfnisse befriedigt werden können und solche Tätigkeiten werden als offene Aufgaben anderen informationstechnisch zur Ausführung vorgeschlagen. Insofern es im Sinne der Bedürfnisvermittelnden Person ist, kann es auch hier wieder ganz verschiedene Szenarien der Bedürfnisbefriedigung parallel zueinander geben.
- Die durchschnittlichen Arbeitszeiten der für die Bedürfnisbefriedigung notwendigen Tätigkeiten müssen definiert worden sein. Hierfür sind Rezepte besonders praktisch, also einsehbare Prozessbeschreibungen mit genau definierten In- und Outputs. Prinzipiell kann auch jegliche nicht isoliert definierte bzw. definierbare Tätigkeit einbezogen werden, insofern es eine Institution gibt, welche die geleisteten Arbeitsstunden maschinell auslesbar verifiziert.
Wird geleistete Arbeitszeit dann in einem persönlichen Konto festgehalten, kann bei offenen Aufgaben zugunsten der entsprechenden Person die Information über ihre erbrachten Leistungen mitgegeben werden. Das heißt, ohne den Kontext der Aufgabe verstehen zu müssen, können andere einsehen, ob die Ausführung der Aufgabe jemandem hilft, der/die selbst etwas für andere getan hat bzw. mehr für andere getan hat, als für sie/ihn getan wurde. Das funktioniert auch problemlos in sehr komplexen Re/Produktionsprozessen, wenn also viele aufeinanderfolgende Tätigkeiten notwendig sind. Genauso funktioniert das prima, wenn die Tätigkeiten mehreren Personen dienen (Raumpflege, Herstellung einer Maschine, Fließbandtätigkeit etc.); hier könnte der Aufgabe die Information anhängen, dass es soundso vielen Personen hilft, die (diesen Monat o.ä.) durchschnittlich soundso viele Stunden mehr Arbeit für andere geleistet haben als für diese geleistet wurde. Das Wissen darum kann schließlich handlungsleitend sein. Das heißt, aufgrund dieser Information wird sich möglicherweise einer Tätigkeit angenommen, der sich sonst nicht angenommen werden würde. In diesem Fall kommt es zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen von Beitragenden im Gegensatz zu der von Nicht-Beitragenden. Wichtig ist im Kopf zu behalten, dass eigene Arbeitsleistung für andere dabei nur einen tendenziellen individuellen Vorteil mit sich bringt, denn dieser eigene Vorteil ist davon abhängig, dass die erbrachte Leistung für andere Beitragende handlungsleitend ist.
Die informationstechnischen Herausforderungen, die bei dieser Methode entstehen, können wir an dieser Stelle ausblenden: Es ist ja eine Diskussion unter Theoretiker:innen. Außerdem wird es gleich noch viel schlimmer.

Arbeitsleistung und andere Lebensaspekte
Im vorhergegangenen Szenario wurde das Hilfsgesuch von Alice aufgrund ihrer Arbeitsleistung berücksichtigt im Gegensatz zum Hilfsgesuch des stetig zugedröhnten Bobs. Aber angenommen — Plot-Twist! — Bob raucht nicht den ganzen Tag Marihuana, weil ihm alles egal ist, sondern weil der Konsum Schmerzen eingrenzt, welche ihm eine chronische Nervenkrankheit von morgens bis abends beschert. Unter dieser Annahme dann noch mal die Frage: wem soll geholfen werden? Der leistungsstarken Alice oder dem Schmerzpatienten Bob? Es ist nicht mehr so einfach.
Arbeitsleistung ist eine von vielen Lebensaspekten, die wir prinzipiell heranziehen können, wenn wir unbezahlt für andere tätig werden. Ein anderer Aspekt ist, dass wir mit den nach Unterstützung suchenden Personen verwandt oder mit ihnen befreundet sind. Neben chronischen Krankheiten können wir außerdem weitere Lebensumstände einbeziehen, wie (relative) Armut oder alleinerziehend sein. Insofern diese Lebensaspekte vermittel- und gegebenenfalls verifizierbar sind (im besten Fall außerdem die Privatsphäre der Betroffenen dabei gewahrt wird), können Informationen darüber an offene Aufgaben angehängt werden, welche in Richtung der Bedürfnisbefriedigung dieser Personen gehen. Beteiligte brauchen schließlich die Möglichkeit, angeben zu können, was ihnen persönlich wichtig ist: Für Personen da zu sein, die viel für andere tun (ganz allgemein oder spezifiziert); für Personen da zu sein, die von Armut oder Krankheit betroffen sind; für Personen da zu sein, mit denen sie verwandt oder mit denen sie befreundet sind etc. pp.
Durch das Zusammenspiel solcher Angaben mit den Informationen über die Lebensaspekte der Bedürfnisvermittler:innen, ergibt sich schließlich eine persönliche Relevanz von offenen Aufgaben, die vollständig individuell ist, sich also von Person zu Person unterscheidet. Angenommen die damit einhergehenden informationstechnischen Herausforderungen werden adäquat gelöst, können Beitragende aber davon ausgehen, dass der Re/Produktionsprozess sich in Richtung ihrer persönlichen Werte bewegt, wenn sie sich nur Aufgaben annehmen, die für sie als persönlich relevant markiert wurden. Siehe diese ausführliche Grafik, wer möchte.

„Aber“, muss jeder zünftige Arbeitszeitler jetzt ausrufen, „das ist ja wieder dieselbe nervige Gleichsetzung von Arbeitszeit mit irgendwas!“. Und recht habt ihr damit! Die Berücksichtigung von Arbeitsleistung ist die wesentliche Motivation sich einzubringen und wird Arbeitsleistung kaum oder wenig berücksichtigt, wird auch tendenziell weniger getan und den Armen und Kranken ist damit auch nicht geholfen. Innerhalb von auf Freiwilligkeit basierenden Zusammenhängen ist die Berücksichtigung von Arbeitsleistung das, was die entsprechende Gesellschaftlichkeit sowohl aufbaut als auch erhält. Die Designer:innen entsprechender Software-Werkzeuge tun also gut daran, eine solche Berücksichtigung von Arbeitsleistung nahezulegen und hilfreich wäre auch eine Kultur, welche diese entsprechend hochhält. Ob die beitragende Person dieser digitalen oder kulturellen Nahelegung nachgeht oder nicht, liegt alleinig in ihrem Ermessen. Wir können es nur hoffen.
Abschließende Anmerkungen
Tatsächlich haben komplexere Produktionsketten in Commons-Verhältnissen noch ganz andere Herausforderungen als Motivation alleine. Damit solche Ketten einem Plan nach funktionieren, muss die prinzipiell offene Verfügung (eine Grundeigenschaft von Commons) zumindest soweit eingeschränkt werden, dass alle in der Planausführung entstehenden Ressourcen dem Zweck des Plans untergeordnet sind oder die Produzierenden zumindest darüber entscheiden dürfen, wofür das von ihnen hergestellte Produkt eingesetzt wird: sprich, für den nächsten Produktionsschritt. Ist die offene Verfügung nicht auf eine solche Weise einschränkbar, kann prinzipiell jeder nach jedem Produktionsschritt reingrätschen und einen neuen Verwendungszweck für die Ressource einfordern. Für das sozialistische Planungs-Ich ist das ganz schlimm, doch bedeutet ein solches Reingrätschen auch — insofern es sich durchsetzt und im Kontext als gerechtfertigt anerkannt wird — dass es für dieses entstandene Produkt notwendigere Einsatzmöglichkeiten zu geben scheint, die im digitalen Raum alleine nicht erkannt wurden. Das „Reingrätschen“ ist damit weniger ein Störfaktor, sondern vielmehr die bedürfnisorientierte Gesellschaft selbst, die zu ihrem Recht kommt. Für die beitragende Person allerdings, welche ursprünglich ganz bestimmte Personen unterstützen wollte, heißt das dann Folgendes: lieber alles einmal doppelt machen, dann klappt’s vielleicht.
Auch abgesehen von der Abhängigkeit vom Digitalen und der Löchrigkeit individueller Wertebestimmung kann eine solche commonsgemäße Arbeitszeitberücksichtigung nicht gesellschaftstragend sein. Die Schelle von Silke van Dyk und Tine Haubner aus Community-Kapitalismus sitzt schließlich noch immer und es muss die Frage gestellt werden, wer sich am Ende ganz freiwillig um den pflegebedürftigen alten Nazi kümmert. Solange wir diese Verantwortung nicht auf den „neuen Menschen des Kommunismus“ schieben wollen, wird das wohl kaum jemand machen. Auf dem Weg zu einer besseren Welt steht es uns Commonern daher gut an, Arm in Arm unter der roten Fahne des Sozialismus mitzumarschieren, ohne dabei allen stetig mit unseren hohen Idealen der Freiwilligkeit und offenen Verfügung auf den Nerv zu gehen. Ob dieser Sozialismus dann mit Geld oder Arbeitszeit hantiert, ist dann auch erst einmal nicht ganz so wichtig. Aber Arbeitszeit ist besser.