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Interview zu Peer-Produktion und selbstbestimmter Kooperation

Beitragen statt tauschenDer freiberufliche Autor Peter Plöger („Arbeitssammler, Jobnomaden und Berufsartisten“) arbeitet derzeit an einem Buch über Menschen, „die der kapitalistischen Wirtschaftsweise ein Schnippchen schlagen“. Dafür hat er mit mir ein Interview über Peer-Produktion und Peer-Ökonomie, über selbstbestimmtes Leben und die Hürden auf dem Weg zu einer kooperativeren Gesellschaft geführt.

Bis Peters Buch erscheint, wird es noch eine Weile dauern (Veröffentlichungstermin ist September 2011), aber mit seiner freundlichen Genehmigung veröffentliche ich die Interviewfragen und -antworten hier vorab. Wer informiert werden will, wenn das fertige Buch erscheint, kann sich bei pploeger ät freenet Punkt de melden.

Peer Production hat in einigen Punkten Ähnlichkeiten mit Tauschringen. Wie viel verdankt das Konzept älteren Ideen zu alternativen Formen der Ökonomie?

Ich denke dass eventuelle Ähnlichkeiten mit Tauschringen bei der Peer-Ökonomie, so wie ich sie in meinem Buch beschreibe, nur sehr oberflächlich sind. Bei Tauschringen muss ja jede/r für sich etwas machen, was sie oder er dann den anderen anbieten kann. Produziert wird einzeln, die anderen sind eigentlich nur als potenzielle Tauschpartner/innen von Interesse.

Peer-Produktion ist dagegen von Anfang an gemeinschaftlich: man tut sich mit anderen zusammen und produziert gemeinsam, was einem/einer wichtig ist. Auch wenn, wie ich es in meinem Buch vorgeschlagen habe, es dann noch gewisse Regeln gibt, um den entstehenden Aufwand aufzuteilen (wer macht was und wie viel davon?), ändert das nichts daran, dass die Produktion gemeinschaftlich erfolgt, in loser Koordination zwischen den Beteiligten, die als „Peers“, als Gleichberechtigte, zusammenarbeiten.

Inzwischen glaube ich auch, dass die formelle Ebene des Aufwand-Abrechnens typischerweise ganz verzichtbar sein dürfte. Bei Freier Software und anderen heute verbreiteten Formen von Peer-Produktion funktioniert es ja auch ohne Aufwands-Abrechnung, und ich denke inzwischen, dass Ähnliches auch in der materiellen Welt möglich ist. Darüber schreibe ich in meinem neuen Text über „Selbstorganisierte Fülle“.

Sehr wichtig für meinen Ansatz waren die Erfahrungen der Freien-Software– und Freien-Kultur-Bewegung, wo neue Formen einer gemeinsamen, bedürfnisorientierten Art zu produzieren entstanden sind. Wichtig war außerdem Marx’ Kritik und Analyse des Kapitalismus („Das Kapital“), weil sich daraus ergibt, was eigentlich die tieferen Gründe für die Probleme des Kapitalismus sind, die oft auch von Alternativansätzen nicht aufgelöst werden. So basieren Tauschringe wie der Kapitalismus auf dem Prinzip des Tauschens (von privat produzierten Produkten) statt auf dem Prinzip der Beiträge (gemeinsame Produktion). Daher können sie keine grundsätzliche Alternative sein.

Ausgangsthese meines Buches ist: Die Menschen ahnen allmählich, dass wesentliche Bedürfnisse in unserer marktwirtschaftlich-kapitalistisch organisierten Gesellschaft nicht befriedigt werden. Würdest du dieser Beobachtung prinzipiell zustimmen? Und ist die Ahnung der Menschen richtig?

Im Kapitalismus ist die Bedürfnisbefriedigung immer nur Mittel zum Zweck. Der eigentliche Zweck der Produktion ist die Wertverwertung, das heißt die Verwandlung von Geld in mehr Geld. Bedürfnisse werden nur befriedigt, sofern das diesem Zweck dient. Deshalb können im Kapitalismus immer nur zahlungskräftige Bedürfnisse befriedigt werden. Wer ein Bedürfnis hat, aber kein oder wenig Geld, bleibt meistens auf der Strecke – und das betrifft sehr viele, nicht nur einen Großteil der Menschen in der „Dritten Welt“, sondern auch hierzulande alle, die auf Hartz IV angewiesen sind, die keine oder nur schlechtbezahlte Jobs finden oder wenig Zeit zum Arbeiten haben (z.B. Alleinerziehende). Und das werden tendenziell immer mehr.

Aber auch wenn man Geld hat, wird die Bedürfnisbefriedigung durch die Erfordernisse der Wertverwertung immer wieder verzerrt. Produkte werden mit eingebauter „Sollbruchstelle“ verkauft, um den Markt für Nachfolgeprodukte nicht zu verkleinern; Software und andere Informationsgüter dürften nur für die vorgesehenen Zwecke verwendet werden – man hat kein Recht, sie an andere weiterzugeben oder den eigenen Bedürfnissen anzupassen. Und wo es um den Umgang mit Menschen geht, wo beispielsweise die Pflege von Alten und Kranken zur Dienstleistung, also zur Ware wird, geht das zwangsläufig auf Kosten der Bedürfnisse dieser Menschen, weil die Zeitsparlogik des Kapitalismus nur eine effiziente Massenabfertigung erlaubt.

Und natürlich gibt es viele Bedürfnisse, die sich durch den Konsum von Waren überhaupt nicht befriedigen lassen. Auch die bleiben oft genug auf der Strecke, weil neben dem Zwang, zu arbeiten, sich für den Arbeitsmarkt fit zu machen oder (oft genug vergebens) nach Arbeit zu suchen, viel zu wenig Zeit und Muße für anderes und andere bleibt. Und weil die Notwendigkeit, sich ständig mit anderen zu messen und im kapitalistischen Konkurrenzkampf bestehen zu müssen, natürlich auch psychische Spuren hinterlässt und einem genuin menschlichen Miteinander entgegen läuft.

Wie sieht für dich das „gute Leben“ aus? Wie groß ist die Bedeutung von Selbstbestimmung darin?

Was das „gute Leben“ ist, kann nur jede/r selbst herausfinden, natürlich in Interaktion mit den Menschen in seiner/ihrer Umgebung. Heute fehlt es aber vielen Menschen am Nötigsten zum Leben oder sie können sich nur schlecht und recht durchschlagen; oder es wird ihnen vermittelt, dass sie nicht gebraucht werden und eigentlich „überflüssig“ sind. Andere müssen schuften bis fast zum Umfallen, so dass ihnen gar keine Zeit mehr bleibt, sich um anderes zu kümmern, rauszufinden, was ihnen eigentlich wichtig ist, oder das Leben zu genießen. Dass das alles kein akzeptabler Zustand ist, versteht sich ja wohl von selbst.

Warum ist Selbstermächtigung auch in Staaten wie unserem wichtig, der seinen Bürgern mutmaßlich so viele Freiheiten einräumt? Sind es die falschen Freiheiten?

Das „Einräumen von Freiheiten“ drückt ja schon ein sehr beschränktes Verständnis von Freiheit aus – Freiheiten habe ich immer nur innerhalb des vom Staat, vom Souverän, vorgegebenen Rahmens. Das ist heute nicht anders als in allen früheren Staaten, nur dass heute die Gesetze idealerweise demokratisch, d.h. per Mehrheitsentscheidung gemacht werden. Heute kann daher die Mehrheit die Minderheit unterdrücken, während es früher oft genug andersherum war. Das ist ein Fortschritt, aber kein riesengroßer.

Bei Peer-Produktion gibt es keinen „Souverän“ mehr, dem sich die Menschen unterordnen müssen. Statt um knappe Mehrheitsentscheidungen geht es im Allgemeinen darum, einen „groben Konsens“ zu finden, mit dem die meisten gut leben können. Und Freiheit ist nicht die kapitalistische Freiheit, das eigene Eigentum bzw. (wenn man sonst nicht zu verkaufen hat) die eigene Arbeitskraft zu Markte zu tragen und zu verkaufen, sondern die Freiheit, gemeinsam mit anderen Projekte zu gestalten und das zu tun, was einem oder einer wichtig ist.

Kooperation wird sowohl von den „Leuten auf der Straße“ als auch den Ökonomen in seiner Bedeutung für wirtschaftliche Interaktionen offenbar unterschätzt. Wie groß schätzt du die Widerstände gegen eine Peer-Ökonomie ein und wie könnten wir sie überwinden?

Einer der interessantesten Aspekte von Freier Software und anderen Formen von Peer-Produktion ist ja, dass sie sehr vielen nutzen, auch Firmen und Staaten. Nicht allen natürlich – Microsoft und Brockhaus sind z.B. nicht glücklich, dass Freie Software und die freie Wikipedia den Markt für ihre Produkte zerstören – aber vielen. Freie Software, Freies Wissen und tendenziell auch andere Formen Freier Produktion reduzieren Kosten und vermeiden Abhängigkeiten, das nutzt fast allen, auch Firmen und Staaten.

Deshalb gibt es da viele tatsächliche oder potenzielle Verbündete oder Halb-Verbündete; die übliche Grenze zwischen „uns“ und „denen“ existiert so nicht. Das gilt zumindest so lange, wie die Peer-Produktion nicht so stark ist, dass sie immer weitere Märkte überflüssig macht und damit natürlich auch immer mehr Firmen gegen sich aufbringen wird. Aber wenn es erstmal soweit ist, dürfte diese Bewegung auch kaum mehr zu stoppen oder zu unterdrücken sein, so wie die Freie-Software- und -Kultur-Bewegung heute schon so stark ist, dass sie nicht mehr unterdrückt werden könnte.

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Theorie

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22. Oktober 2010, 08:12 Uhr   3 Kommentare

1 Marx (22.10.2010, 14:18 Uhr)

Sowohl Kapitalist als auch Sozialist gehen davon aus, dass Arbeit einen gewissen Tauschwert hat  (und einen darüber liegenden „Mehrwert“, den der Kapitalist einsteckt und der Sozialist „sozialisiert“).  Gegen diesen Tauschwert kann man die Früchte der Arbeitskraft des Anderen in Anspruch nehmen – ganz gleich ob dem „Anderen“ dieses wichtig erscheint oder nicht.  Das ist auch gut so – woher soll man wissen, ob es einem anderen „wichtig“ ist, ob man überlebt oder nicht und ob es sich für einen Anderen lohnenswert erscheint, dafür zu arbeiten.  Das beschriebene System setzt diesen Mechanismus der Anonymisierung des Tauschwertes ausser Kraft und hat nichts mit Kapitalismus oder Antikapitalismus zu tun. Es schafft noch mehr Abhängigkeiten als die anderen Systeme schon enthalten.

2 Benni (22.10.2010, 15:26 Uhr)

@Marx: Dein Namensvetter hat diesen Zusammenhang ja kritisch beschrieben und nicht wie Du als unausweichlich. Abhängigkeiten gibt es bei Menschen immer. Im Kapitalismus wird die Abhängigkeit nur anonymisiert, eben als Abhängigkeit von Wert statt von Menschen. Nicht die Abhängigkeit von anderen Menschen an sich ist das Problem, sondern wenn diese Abhängigkeiten asymmetrisch werden.

3 StefanMz (22.10.2010, 16:07 Uhr)

@Karl Marx (abwesend): Warum müssen deine Nachfolger fortdauernd die Kritik der politischen Ökonomie mit ihrer Anwendung verwechseln?

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