Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Kritische Auseinandersetzung mit Frithjof Bergmann

Was schon länger fällig war, hole ich jetzt nach: Auf der heutigen Veranstaltung im Stadtteilzentrum Bassena in Wien, bei dem der dritte große Anlauf zur Auseinandersetzung mit neuen selbstorganisierten Arbeitsprozessen im Kontext mit New Work – Ideen erfolgt, halte ich zur Einführung und zur Einstimmung folgendes Referat:

Was heißt „Neue Arbeit“? – eine kritische Auseinandersetzung mit Frithjof Bergmann

1. Ich möchte heute versuchen, eine Gratwanderung zu machen. Eine Gratwanderung insofern, als ich das Konzept von Frithjof Bergmann, das sich „Neue Arbeit Neue Kultur“ nennt, nicht nur für grundsätzlich sinnvoll halte, sondern auch selbst seit meiner ersten Begegnung mit Frithjof im Jahr 2004 immer wieder versucht habe, es unter die Leute zu bringen und zu realisieren. Auf der anderen Seite steht die Erfahrung, dass sich dieses Konzept nicht  durchgesetzt hat …. Wir haben zwei große Anläufe in Wien unternommen, mit Diskussionsveranstaltungen und Workshops, an denen Frithjof immer wieder teilgenommen hat, und es war die Erfahrung, dass er auf der einen Seite mit traumwandlerischer Sicherheit einen ganz sensiblen Nerv getroffen und gleichzeitig etwas zum Schwingen und Tanzen gebracht hat. Das große gesellschaftliche Tabuthema, die heilige Kuh der „Beschäftigung“, die Arbeitsreligion, mit der auf das Abschmelzen der existenzsichernden Lohnarbeit reagiert wurde, das greift er an, und zwar nicht irgendwie, sondern frontal, gekonnt. Und er zeigt zugleich, dass die Arbeit längst die Seiten gewechselt hat, dass vieles von dem, was wir als Arbeit betrachten, längst in die Haushalte gewandert ist und uns gerade durch die Produkte der Industrie ständig mehr Spielraum verfügbar wird, ohne dass uns das bewusst wird und ohne, dass es wirklich fruchtbar gemacht werden könnte.

2. Damit füllt er Säle, damit erntet er Begeisterung. Auch hier in Wien. Hunderte Menschen sind durch dieses Begeisterungserlebnis durchgegangen, haben zunächst auch herzlich mitgelacht und mitgedacht beim Nachweis, dass in Wirklichkeit schon längst niemand mehr an die Beschäftigung und die Arbeitsplätze glaubt, die angeblich ständig durch jede Menge Entlassungen gesichert werden müssen. Und viel Zustimmung erntet Frithjof, wenn er dagegen hält: Arbeitslosigkeit ist kein temporäres Phänomen, sondern eine universelle Tendenz. Die Lohnarbeit ist am Ende, weil die Maschinen viele Dinge effizienter und vor allem billiger tun können – und zwar auch im berühmten Dienstleistungssektor.  Die mikroelektronische Revolution, die Automatisierung der Fabriken und der Banken, der globale Produktionskampf, das alles hat die Kalkulation der normalen Menschen auf ein Einkommen durch Arbeit auf den Kopf gestellt. Es entspricht offensichtlich voll und ganz der persönlichen Erfahrung vieler Menschen, was Frithjof im Unterschied zu den verlogenen Predigten der sogenannten Experten über Arbeit und Beschäftigung zu sagen hat: Hier wird sich von selbst nichts mehr verbessern, hier kann es nur weiter bergab gehen.

3. Und so ist es auch: Die unbarmherzigen Rituale mit denen Arbeitslose traktiert werden, um „vermittelbar“ zu werden, gleichen immer mehr religiösen Veranstaltungen, in denen irrationaler Glaube und grundlose Hoffnung durch Bewerbungsgespräche und Selbstbewusstseinstrainings beschworen werden, während gleichzeitig die allgemeinen Zukunftsbilder immer düsterer werden. Man soll sich selbst und seine Motivation finden, ohne dass man im Arbeitsprozess selbst noch eine bestimmende Rolle zu spielen oder auch nur ein klares Lebensbild oder Angebot vor Augen hätte. Freiheit als bloße Auswahl zwischen fremdbestimmten Alternativen – das ist keine Freiheit. Die Erlebnisse von Konkurrenz und Mobbing am Arbeitsplatz machen krank, kränken oft viel mehr als die Monotonie und das Tempo der Arbeit selbst. Jederzeit auswechselbar zu sein, eine lästige Größe in der betriebswirtschaftlichen Kalkulation zu sein, sich anonymen und undurchschaubaren Prozessen anpassen und unterordnen zu müssen und dafür auch noch miserabel bezahlt zu werden; die „milde Krankheit Arbeit“ ist genauso unerträglich wie die erzwungene Stillegung von Können und Aktivität auf der anderen Seite. Und es ist nicht abzusehen, wie beides durch ein wenig Umverteilung besser werden sollte, außer dass der Streit und die Sorge um Geld noch weiter angefacht wird.

4. Aber Bergmann verfällt nicht in die übliche Larmoyanz gewerkschaftlicher Vertretungsrhetorik von den geknechteten Lohnabhängigen oder sozialarbeiterischer Beteuerung, dass es eben nichts anderes gibt. Er zeigt, dass zu diesem prekären Benutzungsverhältnis Verhältnis zwei Seiten gehören, dass die Anpassungsleistung eine fundamental freiwillige ist, die mit nichts besser beschrieben werden kann als mit Hegels Redewendung von der „Armut der Begierde„: ein Wille, der sich seinen Inhalt von außen vorgeben lässt, weil er gar nicht über die Mittel verfügt sich zu realisieren. In einprägsamen Bildern beschreibt Frithjof diese allgemeine Armut, wie in dem vom Erstarren der kanadischen Indianer, die auf das Postflugzeug mit den Sozialversicherungsschecks warten, zu „Stümpfen im Schnee“. Das Kapitel über die Armut der Begierde mündet in dem Satz: „Wenn überhaupt irgendetwas eine Flamme in ihnen entzünden kann, dann ist es ihre verschwommene Wahrnehmung, dass es irgendwo doch noch etwas gibt, das sie tatsächlich wollen.

5. Man spürt: Diese Bilder sind nicht ganz von der Hand zu weisen, die fundamentale Passivität und das Desinteresse sind tatsächlich anerzogene Grundkonstanten einer industriellen Gesellschaft, die auch in ihrer sozialistischen Variante Kreativität und Selbstverwirklichung als etwas behandelte, das nur wenigen vorbehalten ist, störend und gefährlich ist. Frithjof Bergmanns epochaler Vorschlag ist, dass die stillgelegte Arbeitskraft radikal aufhören muss sich als einerseits als schuldig und minderwertig, andererseits als Betreuungs- und Versorgungsfall zu betrachten. Sie muss sich bei Strafe des Unterganges auf die Hinterbeine stellen, selbst etwas unternehmen und die eigenen Zeit- und Wissenspotentiale autonom aktivieren – und kann dies auch angesichts der zunehmend intelligenter, kleiner und verfügbarer werdenden Produktionsmittel. Aus seinen Schriften und Vorträgen kommt uns eine Verheissung von Freiheit entgegen, die wir in der Realität längst verloren oder nie gehabt haben – und die doch angeblich unser höchstes Gut sein soll. Wir ahnen freilich schon lange, dass der Übergang von der sozialstaatlichen Betreuung zum Terror gegen die Überflüssigen und Unnützen fließend ist und unvermeidlich wieder Schreie laut werden, das Arbeitsvolk irgendwann in staatlichen Dienst zu nehmen und nicht einfach endlos durchzufüttern. Hier zuvorzukommen und in einem „Tanz von Ying und Yang“ die Potentiale menschlicher Emanzipation zu suchen, die in der (Wieder)Erfindung des verschütteten Selbst auf der subjektiven, im Strukturwandel der Technologie auf der objektiven Seite liegen, das ist eine wichtige und richtige Idee und ein bleibendes Verdienst von Frithjof.

6. Und doch liegt etwas seltsam Abstraktes in den Vorschlägen der Neuen Arbeit, ganz gerade so als ob sie sich selbst noch der Gesellschaft als alternatives Betreuungs- und Beschäftigungsprogramm für Arbeitslose anbieten würde. Frithjofs Stellung zu seinen eigenen Vorschlägen, was denn die Arbeitslosen tun sollen, ist zumindest ambivalent: Auf der einen Seite dienen rote Elektroautos, einfache Kühlschränke und Handies als Illustrationsbeispiele: Das könntet Ihr selber tun und produzieren. Auf der anderen Seite sind sie ernst gemeint, sollen wirklich umgesetzt werden, in Unternehmen der neuen Arbeit – dennoch motivieren und inspirieren diese Beispiele nicht allzuviele, sind zu sehr durchschaubar als Abziehbilder der ohnehin schon bestehenden Produkteflut. Dieser aufgesetzte Charakter ist auch den anderen konkreten Vorschlägen Frithjofs zueigen: Für uns Europäer muten vertikale Gärten seltsam an und wir haben oft gar nicht die Raumstruktur, um so etwas zu realisieren. Und das Dorf, das Frithjof vorschlägt, mit dem aufgeblasenen Betondom als Werkstätten- und Kulturzentrum, das verlagern wir im Geist und in der Realität nach Afrika. Es geht uns eigentlich nichts an, es ist ja auch nicht unser Dorf. (Wir wollen’s auch nicht so genau wissen, das weiß auch Frithjof. Alles was wir wirklich wissen müssen ist, dass dort der Erlöser geboren wird)

7. Bleibt nur die Hoffnung auf den alleinseligmachenden Erlöser, nein, das ist nicht Jesus, sondern – der Fabrikator. Die Universalmaschine mit der es dem Individuum möglich ist, alleine und ohne gesellschaftliche Vermittlung Reichtum an Gütern zu produzieren, die dann möglicherweise noch dazu langlebig, haltbar, nachhaltig, sinnvoll, aufregend, bunt und individuell sein sollen. Nicht, dass es nicht hunderte Beispiele gibt, dass sich viele Segmente gesellschaftlicher Produktion in Richtung dezentraler Automation bewegen, ist das Kritikable hier – sondern dass diese Beispiele als rein plakative Belege für das Kommen einer Erlösungsmaschine genommen werden, der uns jeden Gedanken über das aufwändige Gestalten von Produkt- und Stoffketten erspart und gesellschaftliche Produktion in die unmittelbare individuelle Disposition stellt. Wer dann entdeckt, dass der Einsatz von Fabrikatoren auf wenige und möglicherweise problematische Materialien beschränkt ist, dass sie langsam und immer noch teuer sind, der reagiert dann mit Enttäuschung.

8. Ich habe viele Gläubige erlebt in der Bewegung für Neue Arbeit – Menschen, die sich sehr begeistern ließen von der Aussicht auf Erlösung aus dem Jammertal der Arbeit, die sofort missionarischen Eifer entwickelten und selber in Arbeitsgruppen organisierten etc. Ich habe erlebt, dass diese Menschen bitter enttäuscht waren, dass sich die Vorschläge der neuen Arbeit als pseudopraktisch und ihre Heilserwartungen als zu jenseitig erwiesen. Einige haben der Neuen Arbeit die Treue gehalten, weil sie den Mythos aus irgendeinem Grund als nützlich empfanden – als Zutat in ihrer Arbeit als Arbeitslosenbetreuer etwa. Die meisten gehen der Neuen Arbeit aber verloren, weil sie das Gefühl kriegen, dass sie ihnen nicht hilft bei den Problemen der Lebensbewältigung. Viele davon reagieren heute mit Feindschaft und Verbitterung, aber das spielt noch keine Rolle, denn neues Publikum strömt ja immer noch in die Hörsäle.

9. In guten Momenten ist Frithjof das alles klar, das weiß ich aus persönlichen Gesprächen. Und ich weiß um die Tragik und kann sie nachvollziehen: dass einerseits mit Händen zu greifen ist, dass ein immer größerer Entfremdungsprozess zwischen Wirtschaft und Arbeit passiert, dass die Arbeit als zentrales Element der menschlichen Kulturbildung eine immer traurigere Rolle spielt, dass die im einzelnen „durchrationalisierte“ und effiziente Produktion in ihrem Zusammenhang zunehmend irrational und ineffektiv wird – auch und gerade in den sogenannten Dienstleistungssektoren. Dass die Chancen auf den Erwerb von Wissen, Kompetenz und Können sich andererseits mit den neuen Technologien der Information und Kommunikation verhundertfachen (Gegentendenz siehe unten). Dass eine Selbstorganisation der Arbeit also nicht nur ein Gebot der Stunde, sondern auch eine reale Möglichkeit darstellt. Andererseits sich aber Passivität und Depression sehr weit vorgefressen haben in die Massen, inklusive Tribalisierung, Brutalisierung und Realitätsflucht, auch und gerade durch Schnäppchenjagden in der Konsumwelt und virtuelle Heldentaten in Computerspielen . „Sie hören mir nur zu, wenn ich konkrete und appetitmachende Beispiele bringe“ sagt Frithjof, und er hat in gewissem Sinne auch recht. Viele können ihm aber gerade wegen der immer wiederkehrenden Topoi auch schon gar nicht mehr zuhören.

10. Dabei wäre die Welt voll mit Beispielen von Versuchen, sich in das postindustrielle Zeitalter vorzutasten. Aber diese Beispiele widersprechen in vielem der Botschaft von der sich wie ein Wirbelwind durchsetzenden, effizienten, konkurrenzfähigen, mühelosen Do it yourself-Produktion, das Frithjof mit seinen Klodeckeln auf Knopfdruck aus dem Produktionscafe erzeugt, die der Sehnsucht nach der reinen Selbstverwirklichung paßgenau entgegenkommt. Sie sind vielmehr verbunden mit großem persönlichen Einsatz, mit der Bereitschaft zu lernen und sich zu verändern, Kompetenz zu erwerben – auch und durchaus im Sinn der traditionellen Meisterschaft im Handwerk. Sie entstehen in Nischen, die oft nicht verallgemeinerbar sind, wie Ökodörfern oder anderen kreativen Millieus. Sie benötigen Netzwerke, die aufwändig zu organisieren sind und jeweils im Einzelfall ganz verschieden funktionieren. Solche Netzwerke der professionellen Amateure sind geboren im beständigen Kampf mit Industrien, die einerseits gerne die Gratisarbeit von afficionados als Marketinginstrument verwenden, andererseits deren Abhängigkeit von den eigenen Produkten und deren Zyklen nicht gerne in Frage stellen lassen. Sie sind nicht eindeutig zuordenbar und oft Welten auseinander. Im System wird immer mehr Arbeitskraft hinausgeschmissen und dann als „Verselbständigte“ wieder hereingeholt – weils billiger ist. Digitale Boheme und Cultural Industries bevölkern als Masse an auftragsheischenden Kleinstfirmen gentrifizierte Quartiere. Sie haben oberflächlich mit den Armen nichts zu tun und auch kein Interesse an ihnen, obwohl es ihnen so gut nicht geht. All dies ist eher eine „Multitude“ als eine einheitliche Bewegung, und dies müsste mit aller Ehrlichkeit zugegeben werden. Neue Arbeit wäre dann eher eine Vermittlungsarbeit zwischen diesen Welten als ein weiterer monolithischer Block.

Mit diesen 10 Thesen wäre eine erste Annäherung und zugleich notwendige Kritik an Frithjof Bergmann geleistet. Die Schlussfolgerung heißt: Lest ihn, hört ihn, aber glaubt nicht, dass er auf alle Fragen, die er aufwirft, auch eine Antwort parat hat. Die Antworten liegen weitgehend in Eurer eigenen Fähigkeit des Erkennens und Entdeckens und Eurer eigenen Phantasie.

Im Anhang noch fünf Thesen zur Diskussion.

ANHANG

11. Beispiele wie die freie Softwarebewegung, Wikipedia, OpenDesign, OpenSourceEcology etc. zeigen, dass sich reale gesellschaftliche Macht durch Addition und Multiplikation der Kompetenzen der unmittelbaren Produzenten herauszubilden vermag. Dass sich die Eigenarbeit in unbeschränkt großen Netzwerken des Informationsaustausches zu vernetzen imstande ist, ist die wichtigste Grundbedingung ihrer „Konkurrenzfähigkeit“ und nicht eine „natürliche Überlegenheit der Kleinproduktion“. Das Aufrechnen durchrationalisierter Fabriken mit perfekter Logistik gegen Werkstätten ohne Management-Overhead ist dabei ziemlich witzlos: Beide Seiten können vermutete Produktivitäts- und Effizienzvorteile für sich reklamieren. Die ernstzunehmendsten Erfolge erwachsen dort, wo Design und Denkarbeit global vergesellschaftet werden. Sträflicher Optimismus wäre es also, sich beim Entwurf „neuer Arbeit“ auf die isolierte Eigenarbeit zu verlassen. Dass die Neue Arbeit aber gerade keine Theorie der Zusammen – Arbeit und der gesellschaftlichen Organisation von Eigenarbeit vorlegt, sondern die Dualität von „Betrieben“ und „Unternehmen“ auf der einen Seite und monadischen Individuen auf der anderen Seite fortschleppt, macht ihren größten Mangel aus. Komplexe Netzstrukturen und Kommunikationsflüsse die gerade Verlässlichkeit und Autonomie fördern können, werden nicht thematisiert.

12. Die Emphase der Arbeit – von Frithjof selbst immer wieder zurückgenommen in die Dualität von Arbeit und Kultur, aber eben einer Kultur, die sich im wesentlichen als eine Kultur der neuen Arbeit versteht – bewirkt eine Abstraktheit im Lebensentwurf auch noch der Neuen Arbeit. „Anders Leben“ hat einen Inhalt und der liegt zwar nicht komplett „neben“ der Arbeit, aber auch nicht „in“ der Arbeit. Eine Perspektive, die der Arbeit per se einen Sinn zuspricht, muß fehlgehen: wenn Frithjof sagt: „Es ist möglich, die Arbeit so zu verändern, dass sie beides erreichen kann – sowohl eine unvergleichlich produktivere und zugleich unvergleichlich menschlichere Wirtschaft, als auch den Berggipfel einer wahrhaften Spiritualität“ und den Inhalt dieser Spiritualität darin bestimmt, dieses eine Leben so intensiv wie möglich zu leben (NANK 414 und 416), dann verzichtet er bewusst darauf dieses Leben  jenseits der Arbeit zu entdecken und material zu beschreiben. Emphatisch ließe sich dagegen halten, dass Arbeit immer das Reich des Notwendigen und nicht das Reich der Freiheit ist und dass der wahrhafte Sinn der Arbeit allemal darin besteht, ihre eigene Notwendigkeit zu verringern – außer sie hat einen meditativen oder kommunikativen Charakter (ist dann aber auch nicht Arbeit im engeren Sinne). Die neue Arbeit leidet an diesem Punkt an einer Armut der kulturellen Utopie, der Formen, die die Feier des Lebens selbst zum Inhalt haben und aus der Arbeit allemal erst ihren Sinn bekommt. Sonst würde sie sich vielleicht mehr an der Armseligkeit der Ziele stoßen, die sie in Aussicht stellt. Ein Beispiel ist die längst ins breite Bewusstsein getretene Absurdität des Automobils: Ein neues Auto zu produzieren, soll alles sein was wir wirklich wirklich wollen? Gibt es nicht viel reichere und spannendere und vielfältigere Formen der Mobilität? Und die Reihe läßt sich endlos fortsetzen. Nehmen wir das Wohnen: Unser gesamtes Leben ist in Schachteln eingepackt, die unsere Passivität voraussetzen. Raum ist die reale Gesellschaftlichkeit und muss vollkommen neu geschaffen und gestaltet werden. Dabei spielen auch die Ästhetik, die Wiederannäherung an die Natur und ökologische Gesichtspunkte eine Rolle – auch sie werden kaum thematisiert.

13. Doch vor all dem steht die reale Möglichkeit für eine große Anzahl von Menschen, tatsächlich dem von Frithjof beschriebenen ungeheuren Zwang der ökonomischen Versklavung in ihren vielfältigen Formen zu entfliehen. Die Frage ist ganz banal zu formulieren: Wo kriege ich meine Brötchen her? Die Neue Arbeit hat bis jetzt keine überzeugende Antwort auf diese Frage vorlegen können, außer dass es eine Brotbackmaschine gibt, die aber wiederum mit Mehl, Wasser, Strom, Zeit und Aufmerksamkeit gefüttert werden will – die auch nicht jeder aufbringt. Es gilt, als Ausgangspunkt die ärgerliche Grundtatsache zu akzeptieren, dass in dieser „Gesellschaft des maximalen Kaufens“ alles vom Geld abhängig ist. Ein gesellschaftstheoretisches Konzept, das wesentlich geprägt ist durch Selbst-Organisation und Selbst-Gestaltung, das Subsidiaritäts- und Solidaritätsprinzipien berücksichtigt und in das sich das Konzept der Neuen Arbeit mit Fragen des Grundeinkommens, regionaler Währungen, regionaler Bildungszentren und vieler anderer Bausteine und Muster einer neuen Gesellschaft synergetisch vermittelt – das ist ein weiteres Manko der neuen Arbeit, (noch) kein wirkliches Thema für sie. Grundeinkommen oder besser Grundauskommen – warum soll das automatisch zur Passivität führen?  Der Schluss ist vollkommen verkehrt: Unglaubliche Chancen der Aktivierung tun sich auf im Wechselspiel von gewonnenen Zeitpotentialen mit Technologie, Bildung und Innovation, um die „Gesellschaft des Kaufens“ allmählich zurückzudrängen. Hier und gerade hier, hätte ein „Mentoring“ anzusetzen, in einer Welt realer Chancen und Mittel.

14. Ohne radikale Gesellschaftstheorie werden wir dabei nicht auskommen. Wir können nicht so tun, als wäre die Wirtschaft in der Lage, das Abschmelzen der Arbeitskraft als zentraler Quelle der Verwertung des Wertes ohne schwerwiegende Deformationen und Dysfunktionalitäten zu überstehen. Frithjof spricht von der „Krise hinter der Krise“, und doch wird selten thematisiert, was es bedeutet, wenn konkurrierende Kapitale in der Investition in physische Produktion keinerlei Wachstumschance mehr sehen. Der Finanz- und Spekulationsberg, der sich in den letzten Jahrzehnten aufgetürmt hat, um die Abrechnung gigantischer verfehlter Investitionen hinauszuschieben, ist nur eine Erscheinungsform einer amoklaufenden Wirtschaft. Ene andere ist die mit diesen Investitionen noch immer angeheizte aggressive Produktion selbst, die Ressourcen jenseits unserer Vorstellungskraft freisetzt, um völlig überflüssige Gegensätze und Inkompatibilitäten in die Welt zu setzen, die Kunden binden und in Abhängigkeiten von Produktzyklen bringen sollen. Dazu gehört auch die planmäßige Unbrauchbarmachung und Entwertung dessen, was noch gestern als der letzte Schrei angepriesen wurde. Oder die verbissene Arbeit an der Bezollung sogenannten geistigen Eigentums,u m von der Landwirtschaft über die industrielle Produktion bis hin zur Kultur jede andere Tätigkeit, jeden Gebrauch von natürlichem und gesellschaftlichem Reichtum schlicht und einfach verbieten zu können. Es verbietet sich von selbst, hier frisch und fröhlich zur Selbstentfaltung durch Arbeit aufzufordern, ohne nicht auch ständig die permanente latente und manifeste Bedrohung zu sehen, die dieser entgegensteht. Diese äußert sich nicht nur in Rechtsunsicherheit und juristischer Bedrohung, sondern auch in ganz banalen Fragen der operativen Gestaltung. Bildlich gesprochen steht hinter jedem neuen Schraubengewinde die Festlegung der Eigenarbeit auf vorgestanzte Abläufe. Kein Wunder, dass unter diesen Bedingungen nicht nur die Materialien und Vorbedingungen einer wirklich aus sich heraus gestaltenden Arbeit dahinschwinden, sondern auch das Wissen über die Prozesse und Verfahren, die dazu notwendig sind. Diese Schraube wird immer weiter angezogen und Eigentätigkeit, so phantastisch auch die prozessorgesteuerten miniaturisierten Produktionsmittel sein mögen, hängt zunehmend am Tropf einer fremdbestimmenden Industrie. Was den meisten Leuten zumeist nur daran auffällt, was eben heute alles nicht mehr geht. Ganz elementare Grundlagen handwerklicher Souveränität müssen mühsam zurückgewonnen werden, ganze Bereiche von Technik gegen die Industrie neu erfunden werden. Dieser Prozess hat in ernsthafter Form eben erst begonnen, und er liegt ebenfalls unter dem Radar der Neuen Arbeit.

15. Resume: die Neue Arbeit ist ganz und gar unvermittelt, aber sie könnte vielleicht gerade deswegen eine ganz große Rolle als Vermittlungsbewegung spielen. Darüber bin ich mir in seltenen guten Momenten mit Frithjof einig. Aber wie sieht das aus? Das ist die offene Frage, für die ich nur einige Anhaltspunkte zusammentragen konnte.

Wien, am 15. Oktober 2008

Franz Nahrada

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Praxis-Reflexionen, Theorie

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17. Oktober 2008, 09:28 Uhr   18 Kommentare

1 Annette (17.10.2008, 19:16 Uhr)

Hallo Franz,

vielen, vielen Dank für diese schöne würdigende Kritik des NeueArbeit-Konzepts. Wir waren/sind ja auch sehr fasziniert davon – aber es ist wirklich ziemlich weit weg von der konkret machbaren Arbeit. Aber wir nähern uns den Gedanken, die daraus wertvoll sind, immer wieder an, begegnen ihnen immer wieder in neuen Kontexten, aus denen heraus die „neue“ Arbeit dann oft schon wieder manchmal veraltet wirkt.
Also basteln wir weiter an unseren Netzwerken, nicht kritiklos, synergetisch und mit Spaß an der Sache…

Ahoi Annette

2 Zukunftswerkstatt Jena » Blog Archiv » Neue Arbeit reloaded (17.10.2008, 19:42 Uhr)

[…] Nun gibt es eine sehr gute Kritische Auseinandersetzung mit Frithjof Bergmann. […]

3 Thomas Kalka (18.10.2008, 07:07 Uhr)

Franz, Danke für diesen Text.

Er bringt vieles auf den Punkt, was bei meinen Gesprächen über NeueArbeit immer wieder durchschimmerte.

4 Franz Nahrada (18.10.2008, 08:35 Uhr)

Ich denke dass Frithjof und die Neue Arbeit zu wichtig ist, als dass wir die immer deutlicher werdenden Schwachstellen übertünchen könnten. Viele Leute die ich kenne haben den Schluss gezogen dass sie über ihn nur mehr lästern und sich witzig machen. Mir tut das weh.

Helmut Leitner hat mich auf weitere Widersprüche aufmerksam gemacht, die ich glatt vergessen hatte. Einer der wichtigsten ist der, dass Frithjof wenig anfangen kann mit der Intensität, mit der ein Muhammad Yunus sich für das soziale Unternehmen als neues Paradigma einsetzt, dabei liegt der Zusammenhang zur Neuen Arbeit auf der Hand: Wenn das Profitmotiv als Sinngeber wegfällt, dann liegt als Existenzgrund von Unternehmen notwendigerweise etwas anderes vor. Oder wie Helmut sagt: „Es fehlt z. B. der Hinweis auf das Konzept der sozialen Unternehmen als Brückenköpfe für ein Wirtschaften,
das sinnbezogen und wachstumsideologiefrei sein kann.“ Frithjof müsste dieses immense entstehende Vakuum aufgreifen und sich mit Yunus zusammentun, dabei eine wirkliche und umfassende Theorie und Praxis des Mentoring entwickeln.

Helmut schrieb mir auch: „Es fehlt auch der Hinweis auf die riesigen Bereiche der Gesellschaft, deren Handeln nicht durch ökonomische
Rationalität bestimmt ist (etwa das weibliche Handeln in der Familie, das ehrenamtliche Handeln etc.) und in deren Stärkung ein weiterer Schlüssel zur Entwicklung liegt.“

In dem Sinn ist, wie Annette geschrieben hat, mein Artikel ein Beitrag zu einer „Neuen Arbeit Reloaded“, es geht nicht um die persönliche Befindlichkeit von Frithjof, es geht um die wichtige Rolle die er tatsächlich in der Vermittlung der vielen gewachsenen positiven Gegenkräfte spielen könnte. Dazu müsste er aber die Vorstellung aufgeben, selber ein eigenes, supereffizientes, profitables, riesiges, für Investoren attraktives, in allen Erdteilen aktives, mächtiges Unternehmen aufzubauen, die bei ihm in jeder Faser noch mitschwingt.

Gibs auf, Frithjof, möcht ich ihm sagen, Du bist kein Steve Jobs und kein Bill Gates. Du bist ein Philosoph und als solches vielleicht ebenso wichtig und wirksam. Dies zur weiteren Ergänzung und Klärung.

5 Hilmar Kunath (21.10.2008, 12:44 Uhr)

Eine Antwort auf Franz Nahradas ‚Kritische Auseinandersetzung mit Frithjof Bergmann’.

Hallo Franz, hallo alle,

Franz schreibt in seiner Bergmann-Kritik diesen bestätigend: „Die Lohnarbeit ist am Ende, weil die Maschinen viele Dinge effizienter und vor allem billiger tun können – und zwar auch im berühmten Dienstleistungssektor. Die mikroelektronische Revolution, die Automatisierung der Fabriken und der Banken, der globale Produktionskampf, das alles hat die Kalkulation der normalen Menschen auf ein Einkommen durch Arbeit auf den Kopf gestellt. Es entspricht offensichtlich voll und ganz der persönlichen Erfahrung vieler Menschen, was Frithjof im Unterschied zu den verlogenen Predigten der sogenannten Experten über Arbeit und Beschäftigung zu sagen hat: Hier wird sich von selbst nichts mehr verbessern, hier kann es nur weiter bergab gehen.“

Genau diese gemeinsame Voraussetzung möchte ich bezweifeln. Sie beruht m.E. auf einem begrifflichen Unverständnis der Lohnarbeit, die hier nur „Arbeit“ genannt wird. In diesem unseren vorherrschenden Wirtschaftssystem KANN im Kern (also dem produktiven Kapital) nur Kapital die Lohnarbeit einsaugen und sich dadurch verwerten, d.h. auf seine Weise „leben“. Handels- und Finanzkapital, können sich nur krisenhaft relativ davon abheben, aber nicht lösen. Finanzblasen platzen und Handelsschwankungen (egal ob bei Rohstoffen wie Öl oder ‚Fertigprodukten’ wie Immobilien oder Autos) sind gebunden an die jeweils darin hineingesteckte gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, die den Wert bestimmt. Wenn z.B., wie beim Öl, die natürlichen Vorräte ihrer Neige entgegengehen („peak of oil“), steigt der Wert des geförderten Barrels, wenn für die Förderung (z.B. von Ölsanden) mehr gesellschaftlich nötige Arbeitskraft aufgebracht werden muss. Der Preis kann natürlich kurzfristig bedeutend über oder unter wem Wert liegen, je nach Stand der Spekulationen und der Nachfrageschwankungen. Wenn sich eine ganze Gesellschaft auf einen gewissen Erdöl- und Erdgasverbrauch eingestellt hat und schwer davon loskommt, kann es m.E. auch den Effekt haben, dass sich der Preis eine ganze Weile über dem Wert halten kann. Die Gesellschaft wird dann zur Geisel ihrer vorherigen Festlegung.

Gleichzeitig sind die Riesenfirmen natürlich bestrebt, ihre Prospektions, Förder- , Veredelungs- und Verteilungskosten zu senken. Es wird also weiterhin weniger menschliche Arbeitskraft in einem Barrel Erdöl, bzw. Benzin oder Heizöl stecken. Das ändert aber an der NOTWENDIGEN Rolle der menschlichen Arbeitskraft sowohl für den Arbeitsprozess als auch für den Verwertungsprozess des Kapitals NICHTS. Das gilt auch für die sogenannte „mikroelektronische Revolution“:
Zwar wird in gewaltigem Umfang menschliche Arbeitskraft freigesetzt. Das heißt aber nur, dass die verbliebene menschliche Arbeitskraft umso wirksamer eingesetzt wird und weiterhin unabdingbar bleibt. Franz und viele andere sehen nur auf den „automatischen“ Prozess, während die weiterhin nötige Rolle der menschlichen Arbeitskraft sich eher auf Entwicklung, Kontrolle und Reparatur des Fertigungsprozesses usw. konzentriert. Die Lohnarbeit ist keineswegs am Ende, sie ändert nur gerade umfassend ihre Gestalt und ihre jeweils nötigen Qualifikationen. Auch mechanischer Webstuhl und Dampfmaschine haben schon gewaltig menschliche Arbeitskraft „freigesetzt“ Die Tatsache der Produktion einer (vormals „industriellen“) Reservearmee von erwerbslosen Arbeitskräften ist so alt wie der Kapitalismus selbst. Neuer wäre nur , wenn der NACHWEIS gelänge, dass diese Dauererwerbslosigkeit neben dem zyklischen Moment ein anhaltendes, Zunehmendes enthalten würde, dass eine zunehmende Unfähigkeit des Gesamtkapitals anzeigen würde, menschliche Arbeitskraft zu verwerten. Das erachte ich als möglich. Nur müsste es m.E. nachgewiesen werden. Franz, Frithjof und viele andere behaupten es einfach. Genauso willkürlich könnte man das Gegenteil behaupten. Diese Vorhersagen sind reine Glaubenssätze.

Franz schreibt: „Die Erlebnisse von Konkurrenz und Mobbing am Arbeitsplatz machen krank, kränken oft viel mehr als die Monotonie und das Tempo der Arbeit selbst. Jederzeit auswechselbar zu sein, eine lästige Größe in der betriebswirtschaftlichen Kalkulation zu sein, sich anonymen und undurchschaubaren Prozessen anpassen und unterordnen zu müssen und dafür auch noch miserabel bezahlt zu werden; die “milde Krankheit Arbeit” ist genauso unerträglich wie die erzwungene Stillegung von Können und Aktivität auf der anderen Seite. Und es ist nicht abzusehen, wie beides durch ein wenig Umverteilung besser werden sollte, außer dass der Streit und die Sorge um Geld noch weiter angefacht wird.“

Was ist das anders als eine (willkürlich zu vermehrende) Beschreibung des „Normalkapitalismus“, die vor über 100 Jahren bestimmt auch schon sehr ähnlich zutraf, eben dass der Verwertungsprozess den Arbeitsprozess ständig umgestaltet und die menschlichen Arbeitskräfte dem ausgesetzt sind – auch sich hin und wieder diesen Druck noch untereinander weitergeben …

Franz behauptet in Bezug auf das Lohnarbeitsverhältnis, „dass die Anpassungsleistung eine fundamental freiwillige ist, die mit nichts besser beschrieben werden kann als mit Hegels Redewendung von der “Armut der Begierde“: ein Wille, der sich seinen Inhalt von außen vorgeben lässt, weil er gar nicht über die Mittel verfügt sich zu realisieren. In einprägsamen Bildern beschreibt Frithjof diese allgemeine Armut, wie in dem vom Erstarren der kanadischen Indianer, die auf das Postflugzeug mit den Sozialversicherungsschecks warten, zu “Stümpfen im Schnee”. Das Kapitel über die Armut der Begierde mündet in dem Satz: “Wenn überhaupt irgendetwas eine Flamme in ihnen entzünden kann, dann ist es ihre verschwommene Wahrnehmung, dass es irgendwo doch noch etwas gibt, das sie tatsächlich wollen.”“

Es ist m.E. eine grausame Verkürzung von Franz – Frithjof, das Lohnarbeits-Kapitals-Verhältnis von Seiten der Lohnarbeitenden als bloßes „Willensverhältnis“ dazustellen. Hier liegt eher eine „Armut“ an Fähigkeit vor, sich in das Lohnarbeiterdasein (das den Formulierenden vielleicht fremd sein mag..) hineinzuversetzen. Immerhin ist der „freiwillige“ Zwang, seinen Lebensunterhalt über Lohnarbeit verdienen zu müssen, ein geschichtlich gewachsenes Verhältnis (dass sich so ausgeprägt durchgesetzt hat, dass es längst den Schein der „Natürlichkeit“ für sich beansprucht). Dadurch, dass jedoch alle Lohnarbeitenden traditionell bestrebt sind, ihre Neigungen so gut sie es jeweils vermögen innerhalb dieses allgemeinen (Selbst-)Verwertungszwanges unterzubringen, binden sie immer wieder ihre besten Neigungen an den Zwang zur Lohnarbeit und den Verwertungszwang des Marktes. Zum dritten sind alle Elemente der Wertvergesellschaftung – die Funktionen von Kauf und Verkauf genauso wie die Rolle als Lohnarbeiter tätig sein zu müssen, oder die Arbeitskraft anderer Menschen verwerten zu wollen – tief verinnerlicht. Menschen die durch ein Unglück, durch eine Reise oder sonstige Umstände plötzlich von der materiellen und machtmäßigen Seite dieser Zwänge befreit wären, würden m.E. aus sich heraus alle Elemente der Wertvergesellschaftung wieder neu schaffen. Diese Verinnerlichung der Wertvergesellschaftung kann nur durch eine viele Jahre anhaltende davon merklich abweichende Lebenspraxis allmählich überwunden werden.

Es scheint einfach zu sein, „selbst etwas [zu] unternehmen und die eigenen Zeit- und Wissenspotentiale autonom aktivieren“ zu können. Wie kommen Menschen in kleinen Schritten auf einen Weg, für ihre eigene Lebensführung überhaupt etwas wollen zu wollen? Der „freie Wille“ ist bei Frithjof ein Ideal, dass er „dem Unternehmer“ zu ordnet. Lohnabhängige sollen durch eindringliche Appelle daran, doch etwas wirklich zu wollen, aufgerüttelt werden… „selbst etwas zu unternehmen“, also gemeinschaftlich Unternehmer ihrer selbst zu werden. Waren- Geld- und Kapitalskritik bleibt für ihn weltfremde Spinnerei. Nur die Lohnarbeit soll sich erheben und sich von ihrer „Sklaverei“ befreien, weil sie sowieso in Zukunft nicht mehr gebraucht würde. Franz beschönigt dieses Konzept nur … unter anderem durch eine idealisierte „Selbst“findung, die m.E. hinter selbst-kritische Erkenntnisse von Freud und Lacan zurückfällt. Das „Selbst“ als Ich-Funktion wird „In einem Tanz von Ying und Yang“ als „verschüttetes“ Eigentliches erhoben. Das erinnert eher an den Hauptstrom der immer noch einflussreichen Esoterikbewegung. Aber vielleicht ist es ja anders gemeint.

Eine Kritik der ‚Aufblähung’ der Erfindung eines ‚Fabrikators“ als „Erlösungsmaschine“ kann ich so teilen. Auch die Schlusssätze von Franz finde ich spannend und eher richtig: „Ganz elementare Grundlagen handwerklicher Souveränität müssen mühsam zurückgewonnen werden, ganze Bereiche von Technik gegen die Industrie neu erfunden werden. Dieser Prozess hat in ernsthafter Form eben erst begonnen, und er liegt ebenfalls unter dem Radar der Neuen Arbeit.“ Genau das probieren wir in unserer Projektgemeinschaft in Hamburg: Die (Wieder-) aneignung von Reparaturfähigkeiten in der Gruppe.. um irgendwann überhaupt praktisch in die Lage zu kommen, entscheiden zu können, welche Technologie wir eigentlich wollen und welche nicht. Allerdings nicht „gegen die Industrie“ als solche müssen wir uns viele den lebendigen Menschen entzogene oder verloren gegangene Fähigkeiten wiederaneignen, sondern gegen ein vorherrschendes „Verwertungsmonster“, dass „die Industrie“ zu diesem heute sich so zeigenden Gebilde gemacht hat. Es ist immer die in sich widersprüchliche Einheit von Arbeitsprozess und Verwertungsprozess zu denken, vorbei der Verwertungsprozess eben den gegenwärtigen gesellschaftlichen Arbeitsprozess entscheidend mit umgestaltet hat. Deshalb können eine Reihe von Technologien gar nicht in den „Keimen“ für eine neue Gesellschaftsordnung verwandt werden.

Überhaupt halte ich die Beschreibung von Franz für weitgehend zutreffend, wie Frithjof massenhaft immer wieder Hoffnungen der Menschen mobilisiert („Gläubige“) und dann eine breite Spur von Enttäuschungen produziert. Ob Frithjof damit letztlich ein „Türöffner“ für weitere praktische Gesellschaftskritik ist oder diese durch sein Vorgehen umso gründlicher aus den Sinnen der davon berührten Menschen verbannt hat, wäre näher zu untersuchen.

„Sie hören mir nur zu, wenn ich konkrete und appetitmachende Beispiele bringe” sagt Frithjof, und er hat in gewissem Sinne auch recht. Viele können ihm aber gerade wegen der immer wiederkehrenden Topoi auch schon gar nicht mehr zuhören.“ Die Enttäuschungen hängen m.E. mit der Art der Ansprache durch Frithjof zusammen. Ich habe das selbst ein paar Male beobachtet. Er setzt ja nicht am jeweils vorgefundenen Alltag seiner vielen ZuhörerInnen an. Die Beispiele rufen eher ein diffuses Gefühl der Machbarkeit hervor. Im anschließenden Gespräch der „Gläubigen“ untereinander stellt sich oft schon heraus, dass die Zusammenkommenden fast nichts verbindet. Es wird dann auch keine alltagspraktische Solidarverbindung gesucht, sondern man „sammelt“ weitere Beispiele, die die „Machbarkeit“ der „Neuen Arbeit“ zeigen sollen. Dann suchen die Kreise vielleicht noch „Unternehmer“, die das mit ihrem Betrieb für sie realisieren sollen. Die Mobilisierten sind ja weder antikapitalistisch, noch praktisch-solidarisch miteinander, geschweige denn grundlegend wertkritisch…

Frithjof hätte ja auch sagen können: ‚Bildet Gruppen einer gegenseitigen Hilfe untereinander im Alltag. Lasst alle sicher noch existierenden Zwänge in und zur Erwerbsarbeit so gut es geht außerhalb eurer Gruppe. Helft euch auch bei der noch nötigen Erwerbsarbeit. Aber vor allem versucht den Bereich des abrechnungsfreien, direkt verabredeten Wirtschaftens füreinander systematisch auszuweiten. Verbindet euch mit ähnlichen Gruppen und schafft eine gruppenübergreifende verabredete Arbeitsteilung.’ Das würde weniger Leute „gläubig“ machen. Aber es ist m.E. ein realistischerer Weg aus der vorherrschenden Produktions- und Lebensweise.

„11. Beispiele wie die freie Softwarebewegung, Wikipedia, OpenDesign, OpenSourceEcology etc. zeigen, dass sich reale gesellschaftliche Macht durch Addition und Multiplikation der Kompetenzen der unmittelbaren Produzenten herauszubilden vermag. Dass sich die Eigenarbeit in unbeschränkt großen Netzwerken des Informationsaustausches zu vernetzen imstande ist, ist die wichtigste Grundbedingung ihrer “Konkurrenzfähigkeit” und nicht eine “natürliche Überlegenheit der Kleinproduktion”.

Hier zeigt sich ein recht unbestimmter Begriff, nämlich die „Eigenarbeit“. Was ist damit nur gemeint? Ist Eigenarbeit Arbeit des Einzelnen unmittelbar für sich (ich baue mir einen Schrank, ein Regal…)? Freie Software und auch Wikipedia sind sicher nicht aus Verwertungsmotiven heraus entstanden. Aber in einer Gesellschaft, in der die Warenproduktion (überwiegend durch sich damit verwertendes kapital) vorherrschend ist, spielen „Gratisprodukte“ zunächst nur die Rolle von „Zugaben“ für die Produkte, die das Geld bringen müssen. Ist Wikipedia durch „Eigenarbeit“ entstanden und wird durch diese erhalten? Ich glaube, das trifft es nicht. Zumindestens ist es unbezahlte Arbeit.

Was das Infragestellen der „Absurdität des Automobils“ anbelangt, kann ich nur zustimmen. Ich sehe ebenfalls eine Unterbelichtung eines alltagspraktischen ökologischen Verhaltens in „Neue Arbeit-Kreisen. Das könnte auch bei uns besser sein…

Franz fasst zusammen: „Die Frage ist ganz banal zu formulieren: Wo kriege ich meine Brötchen her? Die Neue Arbeit hat bis jetzt keine überzeugende Antwort auf diese Frage vorlegen können, außer dass es eine Brotbackmaschine gibt, die aber wiederum mit Mehl, Wasser, Strom, Zeit und Aufmerksamkeit gefüttert werden will – die auch nicht jeder aufbringt. Es gilt, als Ausgangspunkt die ärgerliche Grundtatsache zu akzeptieren, dass in dieser “Gesellschaft des maximalen Kaufens” alles vom Geld abhängig ist. Ein gesellschaftstheoretisches Konzept, das wesentlich geprägt ist durch Selbst-Organisation und Selbst-Gestaltung, das Subsidiaritäts- und Solidaritätsprinzipien berücksichtigt und in das sich das Konzept der Neuen Arbeit mit Fragen des Grundeinkommens, regionaler Währungen, regionaler Bildungszentren und vieler anderer Bausteine und Muster einer neuen Gesellschaft synergetisch vermittelt – das ist ein weiteres Manko der neuen Arbeit, (noch) kein wirkliches Thema für sie. „

So ein angemahntes Konzept kann m. E. nicht mit Menschen entwickelt werden, die in ihren Begriffen nicht verstanden haben, was Ware, Geld und Kapital eigentlich sind. Franz beklagt einerseits, „dass in dieser “Gesellschaft des maximalen Kaufens” alles vom Geld abhängig ist.“, Er will andererseits jedoch „regionale Währungen“ als „Heilmittel“ gegen diese Wertorientierung einsetzen. Die allgewaltigen Zwänge des Marktes sollen mit einer angeblichen Reformierung der Märkte („solidarisch“, „regional“, „lokal“, „genossenschaftlich“, usw.) aufgelöst werden. Das kann m.E. nicht funktionieren. Er empfiehlt Frithjof, sich mit „Predigern“ der Kapitalismusrettung durch Kleinkredite an arme Menschen (wie Muhammad Yunus) „zusammenzutun.“ Was sind eigentlich „wachstumsideologiefreie, soziale Unternehmen“??

Franz schreibt: „Ohne radikale Gesellschaftstheorie werden wir dabei nicht auskommen.“ Da sehe ich auch so.

6 benni (21.10.2008, 14:12 Uhr)

Danke auch von mir, Franz. Wäre schön, wenn Du hier regelmäßig schreiben würdest. Zwei kleine Randbemerkungen kann ich mir aber nich verkneifen:

1. @franz: Bitte lass doch dieses kulturpessimistische rumgebashe auf Computerspielen. Du musst ja selbst diese Welt nicht verstehen, aber so vergraulst Du zielsicher ganze Generationen.

2. @Hilmar: Yin und Yang hat wenig mit Esoterik zu tun aber viel mit Daoismus, was durchaus als Weltreligion durchgeht und wahrscheinlich die anarchischste und dialektischste Religion auf diesem Planeten ist (natürlich immer noch eine Religion). Auch hier gilt: bashen hilft nicht.

Oft sind es solche Randbemerkungen die die Wirkungen von Texten auf Einzelne ausmachen und weniger die große Argumentationslinie.

7 Carola Möller (21.10.2008, 20:49 Uhr)

Franz Nahrada schreibt: Die Lohnarbeit ist am Ende,…

Diese Aussage stimmt m.E. nicht. Hilmar sagt mit recht: nur mit eingesaugter Lohnarbeit kann sich produktives Kapital verwerten.

Wie sieht der Alltag aus:
Die Situation der Lohnabhängigen hat sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert: Immer weniger Lohnabhängige bekommen einen Lohn, der ihre Existenz jetzt, bei Krankheit und im Alter sichert. Warum? Die Verwertung gelingt umso besser, je geringer die Lohnkosten sind. Dazu braucht das Kapital das „Lohngefälle“. Es hat mit der Agenda 2010 zusätzlich die Drohkulisse „Hartz IV“ geliefert bekommen, der unterste Punkt dieses Gefälles im bezahlten Bereich. Dazu gehören auch die 1- -Jobs, obgleich hier nicht von Lohn, sondern von Aufwandsentschädigung gesprochen wird.

Vergessen wird in den Analysen immer die „unbezahlte Arbeit“, also z.B. die Selbstbedienung an der Tankstelle, im Supermarkt, beim Online-buchen der Fahrkarte und vor allem die unbezahlte Hausarbeit, wo ja u.a. die Lohnarbeitenden wieder regeneriert und reproduziert werden. Die unbezahlte Arbeit umfaßt ca. 2/3 der gesellschaftlichen Gesamtarbeit. Der Erfindungsreichtum der Unternehmer, die Kunden unbezahlt für sich arbeiten zu lassen, ist enorm.

Ein Schwachpunkt im Text von Franz Nahrada ist der jeweils ungeklärte Begriff „Arbeit“. Soll das existenzsichernd bezahlte Lohnarbeit sein, unterbezahlte Lohnarbeit, ungeschütze (prekäre) Arbeit, Arbeit von Freiberuflichen oder unbezahlte Arbeit sein?
Es wäre für die Verständigung schon wichtig, genau zu wissen, was jeweils gemeint ist. Und die „Neue Arbeit“, welche Formen gibt es da? Und wie verhält sie sich im Kontext der anderen Arbeitsformen?

Noch ein Punkt: Immer wieder ist die Rede vom „garantierten Grundeinkommen“. Es wird gefordert, weil es als die große Befreiung gesehen wird. Aber nicht gesehen wird, dass wir alle den Kapitalismus tüchtig füttern müßten, damit das Grundeinkommen überhaupt bezahlbar ist.

Wollen wir das ?

8 Kleingärtner (22.10.2008, 13:05 Uhr)

Also so mit Währungen, wär doch schön, wenn wir die DM noch hätten! Der Euro ist ein Teuro – alles ist teurer geworden! Dahinter steckt die nackte Gier von Spekulanten vor allem an der amerikanischen Ostküste. Noch besser als die DM wäre eine gründliche Geldreform. Freigeld ist die Antwort auf viele Fragen. Geld ohne Zins! Dazu könnte es auch Freiland geben. Und viele kleine Betriebe von und mit Menschen, die ehrlich arbeiten wollen. Und nicht große Konzerne, die an der Börse rumzocken und alles verspielen! Niemand braucht Heuschrecken!

9 Einige Thesen zur P2P-Gesellschaft — keimform.de (26.10.2008, 00:45 Uhr)

[…] ich meinte mit etwas Lokalwährung und Sozialem Unternehmertum wäre alles in Butter (siehe Bergmann-Kritik). Es geht mir im wesentlichen um die Frage, was sind die Kernstrukturen und […]

10 Franz Nahrada (27.10.2008, 13:34 Uhr)

Ach da hat sich ja einiges angesammelt….

zu Hilmar K.:

Wenn ich sage „die Lohnarbeit ist am Ende“ dann ist das gemeint als: „Die Lohnarbeit als durchgängig durch die Gesellschaft sich ziehendes Arrangement ist am Ende“. Wenn Kapital von der Lohnarbeit lebt, in dem Sinn dass Einsaugung der lebendigen Arbeitskraft der zentrale gesellschaftliche Punkt ist, an dem das Wachstum des Kapitalwertes tatsächlich stattfinden kann, dann bedeutet das stetige Wegrationalisieren derselben eben nichts als einen sich ständig auf höherer Stufenleiter reproduzierenden Widerspruch: Produktion wird immer weniger lohnend im Sinn der Verwertung, während die Ansprüche akkumulierten und in noch viel höherem Maße spekulativ neugeschaffenen Kapitals an diese Verwertung ständig wachsen. Das RELATIVE Verhältnis zwischen eingesaugter Arbeitskraft und Kapitalgröße verschiebt sich immer mehr. Und dieser Widerspruch ist selbstbeschleunigend: es müssen daher auch immer größere Kapitalmengen eingesetzt werden um überhaupt noch „rentabel“ zu produzieren.

„Zwar wird in gewaltigem Umfang menschliche Arbeitskraft freigesetzt. Das heißt aber nur, dass die verbliebene menschliche Arbeitskraft umso wirksamer eingesetzt wird und weiterhin unabdingbar bleibt. Franz und viele andere sehen nur auf den „automatischen“ Prozess, während die weiterhin nötige Rolle der menschlichen Arbeitskraft sich eher auf Entwicklung, Kontrolle und Reparatur des Fertigungsprozesses usw. konzentriert. Die Lohnarbeit ist keineswegs am Ende, sie ändert nur gerade umfassend ihre Gestalt und ihre jeweils nötigen Qualifikationen.“

Wie das mit den Qualifikationen ist bekommen wir ja ständig mit, wenn einerseits Millionen Arbeitslose existieren und andererseits sich das Kapital beklagt dass es keine Leute findet. Qualifikationen werden beständig verändert und entwertet, die Folgen werden externalisiert. Norbert Wiener schrieb schon in der „Kybernetik“, dass die durchschnittliche Arbeitskraft das Hauptangriffsziel der Automatisierung sein würde, und das die qualifizierte Arbeitskraft eben ein Minderheitenprogramm bleiben würde.

Das „wirksam eingesetzt“ mag sich auf die stoffliche Seite des Produktionsprozesses beziehen, aber wertmäßig verschiebt sich das Verhältnis von konstantem und variablem Kapital enorm. Es entsteht immer mehr Reichtum (auch wenn die Gebrauchswertstruktur immer seltsamer wird) aber deswegen nicht mehr Wert. Neu ist, und das ist zwar nicht so sehr von Frithjof, aber z.B. von Robert Kurz und den Krisianern betont worden, dass nicht eine Branche rationalisiert wird und die Arbeitskraft weicht in einen anderen Sektor aus; sondern dass jeder neue produktive Sektor ab ovo schon als voll durchrationalisierter das Licht der Welt erblickt. Das ist es, was die Epoche der mikroelektronischen Revolution von allen anderen technologischen Umwälzungen der Vergangenheit unterscheidet.

Ein indirekter „Nachweis“ ist, wenn Du so willst, die spekulative Aufblähung des Finanzsektors im Verhältnis zur Realwirtschaft. Natürlich hat das immer wieder auch einen Schub „produktiver“ Investitionen zur Folge, das habe ich ja auch angemerkt, aber das Spekulieren und Lotteriespielen wird zur Hauptbeschäftigung von Kapital WEIL es in der „Realwirtschaft“ seine Wachstumsansprüche nicht mehr befriedigen kann. Ich wage den Umkehrschluss: die Finanzspekulation hat den längst fälligen Offenbarungseid einer nicht mehr rentablen Produktion nur verschleppt. Wir sind durch 20 Jahre einer simulativen „keynesianischen“ Akkumulation gegangen, die durch das beständige Defizitmachen vor allem der Amerikaner am Leben erhalten wurde. Mittlerweile steht nicht mehr der rentable Produktionsprozess als „marktfähige Sicherheit“ dafür gerade, sondern nur mehr die reale Versklavung verschuldeter Menschen. Die wird jetzt vom Staat übernommen, was uns für die Zukunft nichts Positives erwarten lassen sollte. soviel zu

„Neuer wäre nur , wenn der NACHWEIS gelänge, dass diese Dauererwerbslosigkeit neben dem zyklischen Moment ein anhaltendes, Zunehmendes enthalten würde, dass eine zunehmende Unfähigkeit des Gesamtkapitals anzeigen würde, menschliche Arbeitskraft zu verwerten.“

Natürlich hat das Kapital auch in der Produktion selbst einige Dinge in bewegung gesetzt, die als absolut neu zu bezeichnen sind; sie bedeuten tatsächlich das nie gekannte Mobilisieren von Einsparungspotentialen durch die „Selbstbedienung“ der Kunden bis hin zum strategischen Bezollen von produktiven Schlüsselprozessen durch Patente und Lizenzen. Damit ist etwas geschehen, das der vorher benannnten Versklavungstendenz widerspricht: „Arbeit“ trennt sich selbst begrifflich und real immer mehr von der Lohnarbeit. Sie wird zur Arbeit von Zulieferen, Zeitarbeitern, Freelancern und so fort. Das hat nichts mit einem Ende der Arbeit zu tun, wie unschwer einzusehen ist. Dies auch zu Carola.

Zum Arbeitsbegriff: Arbeit ist eine antizipative Tätigkeit im Stoffwechsel von Mensch und Natur, und je komplexer dieser wird, umso mehr Arbeit braucht es um ihn zu gestalten. Und doch ist Arbeit gleichzeitig die Tätigkeit, die die Verminderung ihrer eignen Notwendigkeit zum Ziel hat.. Lohnarbeit ist eine historische Form der Organisation von Arbeit und wird wohl etwas mit mit dem Entwicklungsstand von Produktivkräften und Wissen und Herrschaft zu tun haben. Die Neuen Formen der Arbeit deuten sich erst keimformhaft an, werden ermöglicht durch Netzwerke der synchronen symbolischen Kommunikation, der Automation, der Miniaturisierung, aber auch des gestiegenen Wissensgrades über die Organisiertheit des Lebens und neue menschliche Eingriffsmöglichkeiten. Was in der bisherigen feindlichen Entgegensetzung und Trennung von Hand- und Kopfarbeit stillgelegt zu sein schien, wächst auf neue Art wieder zusammen. Hier ist tatsächlich das Potential zu sehen das dem Kapital historisch seine Unnötigkeit bedeuten wird – wenn nicht vorher die impliziten Versklavung wieder zur offenen weitergetriebenen wird.

Deine Bemerkungen, Hilmar, zur historischen Verfestigung des (Selbst)verwertungszwangs (eben mehr als ein bloßes Willensverhältnis) sind für mich nur die Kehrseite der „Armut der Begierde“. In arte lief gerade der Film „Liebe und Revolution“ und die authentischen Dialoge der Studenten von Nanterre mit den Arbeitern im Jahr 1968 waren einer der tragischsten Momente in diesem an Tragik so überreichen, großartigen, wahrhaftigen Film.

Diese Verinnerlichung der Wertvergesellschaftung kann nur durch eine viele Jahre anhaltende davon merklich abweichende Lebenspraxis allmählich überwunden werden.

Durchaus richtig: aber wie kommen „wir“ zu dieser Lebenspraxis? Ist es nicht doch richtig auf die Kraft des Beispiels zu setzen?

Frithjofs optimistische Betrachtung der Psychologie der Armen („Sie sollen grün werden vor Neid“) teile ich übrigens nicht, denn die Zurschaustellung dessen was man sich leisten kann (und daher auch „wert ist“) ist tatsächlich noch ein Element dieses Selbstverwertungszwanges.

Frithjof bewegt sich auch hier in einer etwas verzweifelten Situation, wenn er einerseits die Leute auffordert „etwas zu unternehmen“ und andererseits an anderer Stelle den Boom der Kleinselbständigkeit treffend damit kommentiert, dass es auch eine „Sklaverei des Marktes“ gibt, der sich die Leute unterwerfen.

Dieses Dilemma hat er bis heute nicht wirklich aufgelöst und ist aber grad an der Schwelle zum Begreifen, wenn er auf dem österreichischen Sozialforum letzte Woche die richtige Parole ausibt: „Wir müssen einander wechselseitig unterstützen“. Wie das geht, steht leider nicht im Roten Buch. Er könnte sich bei Dir die weiteren Losungen abholen, das ist senkrecht! Aber die andere Seite darfst Du nicht so einfach durchstreichen:

Wie kommen Menschen in kleinen Schritten auf einen Weg, für ihre eigene Lebensführung überhaupt etwas wollen zu wollen? Der „freie Wille“ ist bei Frithjof ein Ideal, dass er „dem Unternehmer“ zu ordnet. Lohnabhängige sollen durch eindringliche Appelle daran, doch etwas wirklich zu wollen, aufgerüttelt werden… „selbst etwas zu unternehmen“, also gemeinschaftlich Unternehmer ihrer selbst zu werden. Waren- Geld- und Kapitalskritik bleibt für ihn weltfremde Spinnerei. Nur die Lohnarbeit soll sich erheben und sich von ihrer „Sklaverei“ befreien, weil sie sowieso in Zukunft nicht mehr gebraucht würde. Franz beschönigt dieses Konzept nur … unter anderem durch eine idealisierte „Selbst“findung, die m.E. hinter selbst-kritische Erkenntnisse von Freud und Lacan zurückfällt. Das „Selbst“ als Ich-Funktion wird „In einem Tanz von Ying und Yang“ als „verschüttetes“ Eigentliches erhoben. Das erinnert eher an den Hauptstrom der immer noch einflussreichen Esoterikbewegung. Aber vielleicht ist es ja anders gemeint.

Das „Selbst“ hat natürlich eine gesellschaftliche Dimension, ist also nicht in der abstrakten Monade zu finden, sondern wenn man so will in einer Resonanz von Traum und Welt. Die begriffliche Unterscheidung von „Selbstverwirklichung“ und „Selbstentfaltung“ macht durchaus Sinn, aber was nicht durchgestrichen werden kann ist dass dieser Prozess in jedem einzelnen Menschen stattfinden muss. Hinter dieses Versprechen – auch wenn die Alternativen die die heutige Freiheit bietet nicht gerade weltbewegend sind – will heute offensichtlich niemand wirklich zurückfallen, und es ist das historische Versäumnis der Linken diese Kultur der Freiheit nicht weiterentwickelt zu haben. Frithjof betont ja auch in jedem zweiten Satz dass es um eine neue Kultur ginge, die auf der freiwilligen Assoziation fusst, und irgendwie gehts doch auch hier in keimform.de darum.

Es geht mir auch keineswegs um die völlige Abschaffung von gemeinschaftlich betriebenen Produktionsprozessen auf grosser Stufenleiter; doch hat das „Verwertungsmonster“ eben auch viele Produktionsprozesse künstlich hochskaliert und einen völlig irrationalen vergesellschaftungsgrad geschaffen. Aber es scheint mir dass wir uns an diesem Punkt ohnehin einig sind. Auch der Schluss ist vollkommen richtig: statt vieler isolierter Produktionsprozesse müsste ein kooperativer Kreislaufschluss und eine wechselseitige „Leverage“ dieser Prozesse über direkte Verabredung stattfinden. DAS wäre der „Königsweg“ einer „Neuen Arbeit Reloaded“.

Aber in einer Gesellschaft, in der die Warenproduktion (überwiegend durch sich damit verwertendes kapital) vorherrschend ist, spielen „Gratisprodukte“ zunächst nur die Rolle von „Zugaben“ für die Produkte, die das Geld bringen müssen. Ist Wikipedia durch „Eigenarbeit“ entstanden und wird durch diese erhalten? Ich glaube, das trifft es nicht. Zumindestens ist es unbezahlte Arbeit.

Die Wikipedia würd ich nicht so heruntermachen, sie ist tatsächlich zu neunundneunzig bis hundert Prozent ein Produkt freiwilliger Anstrengungen, die man „direkt vergesellschaftete Eigenarbeit“ nennen könnte. Die beschränkten Horizonte der „next ten free things“ von Jimmy Wales haben mich aber sehr gründlich gestört, mit fielen wichtigere Felder ein.

Franz beklagt einerseits, „dass in dieser “Gesellschaft des maximalen Kaufens” alles vom Geld abhängig ist.“, Er will andererseits jedoch „regionale Währungen“ als „Heilmittel“ gegen diese Wertorientierung einsetzen. Die allgewaltigen Zwänge des Marktes sollen mit einer angeblichen Reformierung der Märkte („solidarisch“, „regional“, „lokal“, „genossenschaftlich“, usw.) aufgelöst werden. Das kann m.E. nicht funktionieren. Er empfiehlt Frithjof, sich mit „Predigern“ der Kapitalismusrettung durch Kleinkredite an arme Menschen (wie Muhammad Yunus) „zusammenzutun.“ Was sind eigentlich „wachstumsideologiefreie, soziale Unternehmen“??

Die idiosynkratische Reaktion gegen regionale Währungen, Community Currencies, Tauschkreise, soziale Unternehmen (siehe die Definition von Yunus als wirtschaftliche Einheiten ohne Profitmotiv) und gegen bedingungsloses Grundeinkommen kann ich verstehen, aber nicht wirklich billigen. Im Herausarbeiten aus der Diktatur der Märkte sollten tausenderlei Experimente zugelassen werden. Ich finde die Hauptstossrichtung geht heute nicht dahin, ein neues Gesellschaftssystem aufzubauen, sondern die totalitäre Kontrolle der neofeudalen Verwertungsdiktatur über jede Lebensregung zurückzudrängen.

Zur letzten Frage von Carola nach dem garantierten Grundeinkommen: Du schreibst selbst, dass eine riesige Menge (Zwei Drittel) der Beiträge die zum gesellschaftlichen Zusammenhalt geleistet werden, die unseren Reichtum ausmachen, unbezahlt geleistet werden. Vieles davon ist nicht einmal indirekt monetär. Dann nimm nochmal die Staatsquote dazu, das sind nochmal fünfzig Prozent. Ein wenig „Anschubfinanzierung“ um den Menschen die enormen brachliegenden Kompetenzen und Potentiale ihrer Selbstorganisation zu erschließen ist hundertmal realistischer und hundertmal billiger als die Summen, die gegenwärtig für alle sichtbar verbrannt werden, um das Feuer des wechselseitigen Kreditierens für eine immer luxuriöser werdende Wirtschaft am Laufen zu halten. Ich halte das bedingungslose Grundeinkommen keineswegs für eine hinreichende, aber möglicherweise höchst notwendige Bedingung, so etwas wie „Neue Arbeit“ massenhaft in die Gänge zu bringen.

11 Franz Nahrada (27.10.2008, 14:19 Uhr)

Zum Kleingärtner fällt mir nichts ein außer der Aufforderung an ihn, sich über die modernen Formen des Geldes kundig zu machen. Eine sehr sachliche und starke Einführung enthalten die ersten 20 Minuten des Films „ZEITGEIST:ADDENDUM“ unter der Webadresse http://www.zeitgeistmovie.com/. Wer dann noch alles über einen Leisten schlägt, dem ist nicht zu helfen.

12 finnsland» Blogarchiv » Frithjof Bergmann und die Zukunft der Arbeit (19.06.2011, 16:19 Uhr)

[…] wenn es an Bergmanns Vision einiges zu kritisieren gibt, sie ist eine positive Vorstellung davon, wie wir selber die neuen Entwicklungen und […]

13 christian röske (03.01.2013, 15:31 Uhr)

Mal ganz nebenbei: das ganze schöne Land, die ganzen Produktionsmittel fürs selbstbestimmte Leben, die kann man sich kollektiv erhungern? jede Form von Lohnarbeit und deren Überwindung ist abhängig von der Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel. Ich habe in der ganzen Diskussion oben nirgendwo das Wort: ENTEIGNUNG gefunden. Ohne sehr konkrete Pläne zur Vergesellschaftung von Grund und Boden und Fabriken bleibt ihr hier in sehr sympathischen Blasen schweben.
Grüße
chris 

14 Neue Arbeit Neue Kultur | Medien & Gesellschaft (10.06.2013, 23:23 Uhr)

[…] Nahrada F. (2008). Kritische Auseinandersetzung mit Frithjof Bergmann Download am 6.6.2013 von http://keimform.de/2008/kritische-auseinandersetzung-mit-frithjof-bergmann/ […]

15 Nazienkel (31.03.2014, 01:43 Uhr)

Ich arbeite in einem Projekt, welches sich ein Verein, der sich namensmäßig und „ethisch“ (wenn man das so nennen kann) auf die schmalen Ideen Bergmanns und die „Neue-Arbeit“ bezieht. In der Praxis wird nichts anderes gemacht, als Sinnlos-Maßnahmen für ALGl2er anzubieten. Oder es werden sich z.B. ESF-Projekte gekrallt, wo es aber selbstverständlich nur um das Abgreifen von Projektgeldern geht. Und zur Legitimierung dieser Maßnahmen, wo es wirklich nur um Müllsammeln oder Müllbasteln, oder das „verschönern“ von Wänden im Vereinsbereich geht, wird eben das schmale Werk von Bergmann heran gezogen. Ansonsten geht es aber knallhart einzig um das Gewinnen von „Klienten“ für die Maßnahmen. Und darum, den Erfüllungsgehilfen für die BA zu spielen. Ach ja, und natürlich darum, mit dem Elend anderer Leute Geld zu verdienen.

Ja, es ist elend, Menschen einer sinnlosen Beschäftigung auszusetzen, und dabei ethisch und moralisch glänzen zu wollen.Insgesamt ein schlechtes Beispiel für die Sozialbranche^^, aber ja leider nichts neues.

Ich würde mich selbst als Utopisten bezeichnen – aber Nachbarschaftsgärten kann man auch so realisieren. Und die gab es auch vorher schon…

…und wenn solche „Ideen“ (ja, welche Ideen eigentlich? Die der 20-Stunden-Woche? Die, etwas WIRKLICH WIRKLICH zu wollen) einzig zur Realisierung von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zum Zeit absitzen von Arbeitslosen ausgenutzt werden, und um solcherlei zweckgerichteten Vereinen einen progressiven und sozialen^^ Anstrich zu geben, dann ist doch ersichtlich, dass sie lediglich den Zwecken einiger weniger Nutzen bringen…

16 Franz Nahrada (01.04.2014, 17:19 Uhr)

naja, das kanns nicht wirklich sein. Ich denk mir, wir brauchen massenhaft Evaluation von solchen Projekten. Was Du schreibst hat je mit Frithjof nichts zu tun.

Ich kenne in unserem Umfeld zumindest einen erfolgreichen Fall wo eine Visionsgruppe im herkömmlichen BA / AMS – Umfeld realisiert wurde – es handelt sich allerdings um einen Fall in Deutschland. Udo Weinig aus Adendorf bei Lüneburg ist nicht nur Initiator der dorfgeist community (http://www.dorfgeist.de/impressum.php), er betreibt auch mit seiner Frau Uta  einen zertifizierten Bildungsträger namens „Bildung mit Wirkung“ (http://bildung.dorfgeist.de/bildungstraeger/bildungstraeger-und-philosophie.php), der mit zunehmendem Erfolg „Visionscamps“ abhält.

Eine sehr lebendige Schilderung eines solchen Camps findet man im Weblog von Martin Bartonitz: http://faszinationmensch.com/2013/10/05/visionscamping/

17 Franz Nahrada (02.04.2014, 16:09 Uhr)

„Die Europäische Statistikbehörde hat neueste Arbeitslosendaten veröffentlicht. Resultat: in der Eurozone herrscht mit 23,5% die höchste Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Noch schockierender jedoch ist das Ergebnis nach Ländern: So sind in Griechenland über 58% der Menschen unter 25 Jahren arbeitslos. In Spanien sind es über 53%.“

Kann es einen deutlicheren Hinweis dafür geben, dass wir massive Unterstützung von regionalen Selbstorganisationsprozessen inklusive der dafür notwendigen Produktionsmittel brauchen? Und nicht, um damit irgendwelche zukünftigen Arbeitsmärkte zu versorgen, sondern um Menschen die schiere Lebensbasis zu sichern?

und kann es ein deutlicheres Indiz dafür geben, wie ignorant, dumm und verwerflich eine Politik ist, die nicht schon längst in diese Richtung agiert hat, sondern „business as usual“ betreibt?

Darum noch einmal zu Dir, Nazienkel….es ist leicht mit Fingern auf andere zu zeigen, aber es ist auch sehr billig. Was wir brauchen sind Modelle der Transformation, die sich zumindest in Ruhe entfalten können sollen.

 

18 Blog – Postwachstum (27.08.2014, 13:32 Uhr)

[…] sollte. Schnell stellte sich heraus, dass in der SSM bereits seit Jahren weite Teile von Frithjof Bergmanns einflussreichem Konzept der “Neuen Arbeit” umgesetzt werden. Bergmann geht davon aus, […]

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