Die Utopie der Transformation: Der Metacommons-Zugang zur Inklusionslogik

Soeben habe ich in aus meinem Buch über Inklusionslogik das Kapitel über Commons und Kommunen veröffentlicht. Nach dem letzten Treffen des Commons-Instituts habe ich mir verstärkt dazu Gedanken gemacht, die Inklu-Theorie »anschlussfähiger« zu machen, also die Theorie auf der Grundlage praktisch umsetzbarer Ideen zu entwickeln statt umgekehrt. Im Ergebnis bin ich zu folgender praktisch realisierbarer Konzeption von »Metacommons« gelangt, zu der ich den aktuellen Stand der Überlegungen nun vorstellen möchte:

Universelle zweckoffene Gemeinschaften

Wir wollen eine inklusionslogische Welt bauen, und wir bauen solch eine Welt durch Metacommons. Ursprünglich als bloße Organisationseinheiten »on top of« den bekannten Praxiscommons gedacht, soll hier eine deutlich weitreichendere Konzeption vorgestellt werden; die Konzeption einer universellen Organisationseinheit, welche die Beschränkungen und Exklusionen der bekannten Organisationsstrukturen unseres* Systems eliminiert und die Möglichkeit bietet, aus dem inklusionslogischen Kern heraus, den sie selbst darstellen, jedwede wünschenswerte Veränderung am globalen Organisationsgefüge auf den Weg zu bringen.

Es geht darum, überall in der Gesellschaft Orte für Menschen, inklusive Orte für Entwicklung zu schaffen; dafür ist das Wachstum der Commons so wichtig, aber eben auch der Aufbau weitreichenderer Strukturen: Gemeinschaften, die sich nicht bloß mit einem eng abgesteckten Aufgabenfeld beschäftigen, was ja notwendigerweise immer exkludierend ist, da nur die Menschen einbezogen werden, bei denen genau diese Sache grade irgendwie in ihr Leben reinpasst, sondern Orte, an denen Menschen als Menschen, mit allem was sie ausmacht, ankommen können, und die sich dafür sorgen, ihr Leben, und letztlich die gesamte Gesellschaft, an ihren Bedürfnissen auszurichten. Metacommons, wie sie im Kapitel Commons und Kommunen vorgestellt werden, sollten als solche Orte gedacht werden: Sie sind Zuständig für das große Ganze, dafür, die Menschen mit all ihrer Persönlichkeit anzunehmen, die Commons zu koordinieren und nach ihren Bedürfnissen auszurichten, für das Träumen, Planen und Feiern der gesamten Commoning-Aktivität und letztlich des gesamten Lebens.

Metacommons dieser radikalen Konzeption nach sind also zweckoffene Gemeinschaften, die damit zunächst einmal den Grundgedanken verbindungsorientierter Utopie verwirklichen, dass nicht erst eine Tätigkeit oder ein Erzeugnis erschaffen werden sollte, um das herum sich Menschen dann (als »verbindender Zweck«) vereinigen, sondern dass die Verbindung selbst der Zweck der Vereinigung sein sollte. Zweckoffenheit heißt dann, dass Metacommons nicht auf ein bestimmtes Ziel beschränkt sind, sondern dass die Erfüllung jeglicher (Verbindungs- und Individual-)Bedürfnisse ihrer Mitglieder in ihnen gesucht werden kann. Dies ist insbesondere auch deshalb möglich, da aus Metacommons heraus auch Praxiscommons und Kommunen geschaffen werden können.

Utopie der Transformation

Jeder Utopieentwurf muss sich den großen »Wer Macht dann«-Fragen stellen: Wer macht dann die »Regierung«, und wer macht dann dann die »unliebsame Arbeit«? Eine explizite Antwort hierauf zu geben (im Sinne eines Verfahrens, nachdem über solche Zuständigkeiten entschieden wird) muss immer unbefriedigend bleiben.

Der Versuch, eine Gesellschaft »auf dem Reißbrett« zu entwerfen hat halt immer sowas Beliebiges: Irgendwer muss sich finden, der in irgendeiner Weise bestimmte gesellschaftlich notwendige Tätigkeiten übernimmt, und wenn wir* dann irgendwen rauspicken, hat das halt sowas beliebiges, und dann wirft sich die Frage auf: »Ja, aber warum grade diese Leute, warum nicht irgendwer anderes?« Und diese Reaktion ist ja durchaus berechtigt, denn wenn wir* irgendwem irgendeinen Job zuweisen, dann kennen wir* deren konkrete Situation und Motivation und wie die Person sich dabei fühlen und was sie darüber denken würde ja nicht, und deshalb wird sich aus dem Nichts heraus keine befriedigende statische Antwort auf dieses Allokationsproblem finden lassen.

Muss das heißen, dass es grundsätzlich keine befriedigenden Utopieentwürfe geben kann – denn die einzige Alternative zur Beantwortung dieser wichtigen Fragen wäre ja, ihnen auszuweichen? Nun, das kommt drauf an, ob ihr* die hier vorgestellten Ideen als »Utopieentwurf« bezeichnet möchtet (und ob ihr* diese »zufriedenstellend« findet); tatsächlich ist der hier eingeschlagene Weg dergestalt, sich mehr auf den Transformationsprozess als auf ein fixiertes Endziel zu konzentrieren, unter Anerkennung der Einsicht, dass wir niemals »fertig« sein werden und uns daher vielmehr von der Bewegung als von einer statischen Idee antreiben lassen sollten. Wenn wir uns nämlich bewusst machen, dass die Welt nicht aus dem Nichts erschaffen wird, sondern dass es immer ein Bestehendes gibt, wo alle Dinge in konkreten Beziehungen konkret geregelt sind, dann stellen sich die zuvor genannten Probleme eben nicht mehr.

Die hier vorgestellten Ideen sind, so ließe sich sagen, eine »Utopie der ständigen Transformation«, also die positive Leitvorstellung liegt gerade darin, stets in der Lage zu sein, die Dinge effektiv zum Besseren weiterzuentwickeln. (Wer mit den produktiven Bedürfnissen aus der Kritischen Psychologie vertraut ist, erkennt, dass unter diesen Umständen die Dinge bereits »gut« sind.) Mit diesem Grundgedanken der Utopie der Transformation im Kopf wollen wir nun also auf die Aufgaben der Metacommons schauen:

Zunächst also die Frage nach der »Verteilung« der (unliebsamen) Arbeit: Wir leben also in einer konkreten Welt, in der diese Arbeiten auf konkrete Weise organisiert sind, und das wird auch immer so sein; Die Frage darf also nicht sein: »Wie können wir aus dem Nichts eine Gesellschaft konzipieren, in der diese Probleme optimal gelöst sind?«, denn dieser Versuch wird zum Scheitern verurteilt sein, sondern es muss darum gehen, jederzeit in der Lage zu sein, aus der gegebenen Situation, die wir vorfinden, etwas Besseres zu machen.

Und hieran können wir erkennen, inwiefern die Inklusionsgesellschaft eine Utopie der Transformation darstellt: Unter den gegebenen Verhältnissen ist es (manchen Leuten) halt möglich, all die unliebsame Arbeit auf andere abzuwälzen, weil deren Bedürfnisse ihnen egal sein können, weil es nicht nahegelegt wird, diese einzubeziehen. Aber wenn wir es einmal in die Inklu »reinschaffen«, dann wird die Arbeit eben »auf einmal« nicht mehr von Menschen gemacht, die mir* egal sind, sondern die mir* u.U. sehr wichtig sind, und bei denen ich* absolut nicht will, dass sie so viel von dieser Arbeit machen müssen. Und deshalb werde ich* mich* dann dafür einsetzen, dass diese Arbeit besser gestaltet und gerechter verteilt wird, und werde natürlich auch gewillt sein, meinen* eigenen Beitrag dazu zu leisten.

Und dann haben wir eben nicht das Problem, dass niemand bereit ist, diese Arbeit zu machen, weil wir* halt sehen, dass sie notwendig ist, und nicht wollen, dass andere Menschen, die uns am Herzen liegen, mit dieser Arbeit belastet werden. Einen ähnlichen Mechanismus, der zur Bereitschaft zur Übernahme von Arbeit auch ganz ohne altruistische Motivation führt, beschreibe ich im Kapitel über Commons und Kommunen.

Ähnlich verhält es sich mit der Frage nach Regierungs-/Koordienierungs-/Vermittlungsinstanzen: Ein derartiges System wird ja niemals perfekt sein, sondern es wird immer Menschen geben, deren Bedürfnisse dadurch nicht zu vollster Zufriedenheit erfüllt werden können. Deshalb kann es nicht darauf ankommen, sich einmal ein ausgeklügeltes statisches System auszudenken, sondern eben darauf, unsere* Fähigkeiten zu entwickeln, Vermittlungsstrukturen dynamisch wachsen zu lassen. Genau hierauf ist die Konzeption der Metacommons ausgelegt: Ein Metacommons ist quasi genau so eine Vermittlungsinstanz, wobei völlig offen ist, auf welcher Ebene es »operiert«; entscheidend ist eben der Grundgedanke, solche Metacommons dynamisch entstehen lassen und transformieren zu können.

Wenn dann jemand feststellt, dass unter den zum entsprechenden Zeitpunkt gegebenen Vermittlungsinstanzen (seien es Metacommons oder »konventionelle« Instanzen) die Bedürfnisse dieser oder einer verbundenen Person nicht angemessen berücksichtigt werden, dann soll diese Person im Zweifelsfall in der Lage sein, ein neues Metacommons ins Leben zu rufen, das die Dinge besser regelt. Dieses neue Metacommons kann dann Vorschläge an bestehende Instanzen richten, wie sie sich verhalten sollten um ihre bisherigen Ziele im Einklang mit den »neu hinzugekommenen« Bedürfnissen zu erfüllen. Und wenn im Zuge dieses Prozesses das Handeln einer Instanz von den Empfehlungen des neuen Metacommons vollkommen determiniert wird (also wenn es sich bewährt, voll und ganz nach dessen Vorschlägen zu handeln), dann kann diese alte Instanz quasi »away-withern«, da sie im Zuge dieses Prozesses durch eine bessere Instanz ersetzt wurde. Neben diesem friedlichen, einvernehmlichen Aufhebungsprozess kann es natürlich auch eine Aufhebung aus dem Moment des Ungehorsams heraus geben: Die Leute merken, dass in den Metacommons viel bessere Entscheidungen getroffen werden, und sind deshalb nicht mehr bereit, den Entscheidungen der alten Institutionen Folge zu leisten.

Auf dieselbe Weise löst sich auch die Frage auf, wie wir denn aus dem Bestehenden heraus die Governance-Strukturen der befreiten Gesellschaft aufbauen sollten, denn mit diesem Prozess der Bildung von Metacommons, die Handlungsanweisungen an bestehende Autoritäten oder auch alternative Pläne entwickeln und diese Autoritäten dadurch letztlich überflüssig machen, können wir ja jetzt bereits anfangen.

Metacommons als Einstieg in die Inklu-Theorie

Metacommons eignen sich natürlich, um das Konzept des Inklu-Potenzials1 einzuführen, da sie genau die nach dieser Theorie idealtypischen Eigenschaften besitzen, bzw. da sich anhand dieser Theorie sehr gut weiter konkretisieren lässt, wie so ein Metacommons »aussehen« sollte. Das Konzept zyklischer Kausalität ließe sich ganz einfach so erklären: Im Metacommons organisieren wir* die uns* (primär) betreffenden Re*produktionsprozesses. (Wie zuvor geschildert, ist der Gegenstand der Utopie der Transformation gerade, die Metacommons so zu strukturieren, dass wir* in »unseren*« Metacommons bestmöglich dazu in der Lage sind, die uns* betreffenden Angelgenheiten – und nach Möglichkeit auch nur diese – zu regeln.) Der dabei entstehende »Plan« ist das gemeinsame Ereignis, von dem letztlich sowohl eure* als auch meine* Bedürfniserfüllung abhängt. Die Erstellung dieses Plans ist aber ein kreativer Prozess, mit der Folge, dass dessen Qualität maßgeblich von den Kapazitäten und der Motivation der Beteiligten, also auch von euch*, abhängt. Eure* Kapazitäten und Motivationen hängen wiederum wesentlich von eurer* Bedürfnislage ab, etwa ob ihr* alles habt, was ihr* braucht um klar und konstruktiv denken zu können, wie stark ihr* in diesem Prozess sozial eingebunden seid, wieviel Aufmerksamkeit und Anerkennung ihr* für eure* »Leistungen« erfahrt, ob ihr* Stabilität und Sicherheit erfahrt oder ob es Dinge gibt, die euch* Sorgen bereiten oder anderweitig eure* Aufmerksamkeit erfordern und die ihr* daher als »Mental Load« mit euch* rumtragen müsst etc.

In dieser Situation sind wir* also doppelt inklusionslogisch verbunden:

  • Einerseits die nicht-kausale Verbindung durch das gemeinsame Ereignis (Organisation des Re*produktionsprozesses): Eine gelungene Organisation kommt uns* allen zugute, deshalb werde ich*, indem ich* mich* um eine solche bemühe, indirekt zugleich eure* Bedürfnisse fördern. Bis hierhin ist die Erfüllung eurer* Bedürfnisse selbst aber nocht nicht ursächlich für meine Erfüllung, daher nicht-kausal.
  • Andererseits die kausale Verbindung: Eure* Erfüllung trägt über den kreativen Prozess zur Qualität des gemeinsamen Ereignisses bei, welches wiederum Ursache meiner* Erfüllung ist. Auf diesem Pfad ist die Erfüllung eurer* Bedürfnisse also kausal für meine* Erfüllung.

Die Kombination ergibt eine zyklisch-kausale Verbindung: Eure* Erfüllung ist ursächlich für das gemeinsame Ereignis, und das gemeinsame Ereignis ist umgekehrt ursächlich für eure* Erfüllung.

Das schöne an solchen zyklisch-kausalen Verbindungen, neben dem Aspekt der Kausalität selbst, ist dass es sich immer um ganzheitliche Verbindungen handelt, da eben all eure* Bedürfnisse einen Einfluss auf den kreativen Prozess haben, den das gemeinsame Ereignis umfasst. (Natürlich lässt sich nicht »beweisen«, dass jede zyklisch-kausale Verbindung auch ganzheitlich ist, aber es gibt gute Argumente, warum hinter zyklischer Kausalität generell eine kreative Verbindung zu vermuten ist und daher dieser Mechanismus wirkt; ich erspare euch die Argumentation an dieser Stelle.)

Anschließend lässt sich auch das Konzept von Überlagerung und Durchschlag vorstellen: Wenn wir* regelmäßig im Metacommons zusammentreffen, dann ist mir* also stets daran gelegen, dass es euch* möglichst (auf allen Ebenen) gut geht, wenn wir* uns* das nächste mal dort treffen. Das werde ich* auch dann berücksichtigen, wenn wir* zwischenzeitlich in einem Kontext zusammentreffen, der an sich kein derartig starkes Inklu-Potenzial besitzt (etwa in einem Praxiscommons): Auch dort ist es mir* dann nahegelegt, bereits vorsorglich eure* Bedürfnisse mit einzubeziehen, um ihre Erfüllung beim nächsten Zusammentreffen im Metacommons zu sichern. Auch im Praxiscommons wird mir* inkludierendes Handeln also nahegelegt, selbst wenn bei einer ausschließlichen Verbundenheit durch das Praxiscommons keine derartigen Tendenzen bestünden.

Das wäre dann vielleicht ein Anknüpfungspunkt, um den Blick auf den vierfachen Inklu-Durschlag zu erweitern und darüber dann die Konzepte im Zusammenhang mit Erwartungen und Vertrauen, der Dispositionskenntnis und den Verschleierungsstrategien der interpersonalen Kommunikation einzuführen.

Weiterhin für sinnvoll halte ich es, nachdem all diese Konzepte eingeführt wurden, den Bogen zur Vermittlung zu schlagen, indem aufgezeigt wird, wie beschränkt die interpersonellen Möglichkeiten zur Herstellung von Inklu stets bleiben müssen und dass daher Vermittlung die Schlüsselstrategie sein muss. Dann ließe sich natürlich wieder gut der Bogen zurück zu den Metacommons schlagen und damit der Blick wieder von der Mikrotheorie auf das große ganze richten, indem zu zeigen wäre, welche Rolle Metacommons als Vermittlerinnen zukommt.

Ich denke, nachdem diese konkreten Strukturen als Bestandteile einer utopischen Inklusionsgesellschaft vorgestellt und anhand der Inklu-Theorie analysiert wurden, ist es eine gute Gelegenheit, um diese Gedankengänge zu verallgemeinern und von Metacommons über Kreativgemeinschaften auf Wipro-Gemeinschaften allgemein auszuweiten und damit die Diskussion um die Revolution von Wipro-Systemen anzustoßen, sowie auch Intercare-Gemeinschaften als besonders potenzialträchtige Wipro- und Vermittlungsstrukturen einzuführen.

Von diesen Gedankengängen ließe sich dann wieder der Bogen zurück zu den Metacommons schlagen, die letztlich gerade dergestalt erdacht werden sollten, dass darin genau der Aufbau derartiger Strukturen geübt und praktiziert werden kann. Denn während Metacommons natürlich nicht alle Bedürfnisse selbst erfüllen können, streben sie gemäß der grundsätzlichen Konzeption als zweckoffene Gemeinschaften aber doch nach einem universellen Blick, um potenziell Möglichkeiten zur Erfüllung sämtlicher Bedürfnisse schaffen zu können. Metacommons sind daher primär Wipro- und Kreativgemeinschaften (Lernorte), in denen die Fähigkeiten erworben werden, um einen Platz in der Welt einnehmen zu können, sobald die dafür benötigten gesellschaftlichen Verhältnisse entsprechendend gestaltet wurden.

Von ganz praktischer Bedeutung schließt sich hier letztlich die Überlegung an, in Metacommons die Welt virtuell zu gestalten und Gestaltungsmöglichkeiten spielerisch auszuprobieren. So verschmelzen Theorie und Praxis in Metacommons, das kreative Utopisieren und das handfeste Planen realer Veränderungen werden zu zwei Seiten derselben Medaille.

  1. Das ist Gegenstand des noch nicht veröffentlichten ersten Kapitels.
    Teilnehmende des CI-Herbsttreffens 2025 kennen das Konzept, und im Folgenden erkläre ich es ja auch. ↩︎

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