Rezension Annette Schlemm »Fortschritt als Fehlschritt? Eine rettende Kritik«

[Die Rezension wurde von der Gewerkschaftszeitung Erziehung und Wissenschaft Niedersachsen abgelehnt, weil sie zu wenig Landesbezug aufweist. Bei der Gewerkschaft handelt es sich um die GEW.]
Mit Fortschritt als Fehlschritt? Eine rettende Kritik legt Annette Schlemm eine umfassende, historisch gestaffelte und politisch engagierte Auseinandersetzung mit einem der zentralen Leitbegriffe der Moderne vor. Der Fortschrittsbegriff wird dabei weder vorschnell verabschiedet noch ungebrochen verteidigt. Vielmehr verfolgt Schlemm das ambitionierte Ziel, ihn einer „rettenden Kritik“ zu unterziehen: Die ideologischen Überhöhungen, kolonialen Verzerrungen und zerstörerischen Wirkungen sollen offengelegt werden, ohne den emanzipatorischen Kern preiszugeben.
Ausgangspunkt ist ihre eigene Ernüchterung gegenüber früheren Fortschrittshoffnungen. Fortschritt ist weder zwangsläufig noch irreversibel. Diese Einsicht wird im weiteren Verlauf konsequent vertieft. Schlemm stellt infrage, ob angesichts ökologischer Zerstörung, sozialer Regression und wachsender Ungleichheit überhaupt noch sinnvoll von Fortschritt gesprochen werden kann. Zugleich weist sie darauf hin, dass materielle Verbesserungen keineswegs automatisch zu Glück, Freiheit oder gesellschaftlicher Zufriedenheit führen.
Einen großen Raum nimmt die Analyse unterschiedlicher Zeitlichkeitsvorstellungen ein. Schlemm zeigt, dass der moderne, lineare Fortschrittsbegriff historisch kontingent ist und auf spezifischen westlich‑modernen Zeitregimen beruht. Zyklische, mehrzeitige und nichtlineare Zeitauffassungen – in vormodernen oder außereuropäischen Kulturen – widerlegen die Vorstellung einer einheitlichen, aufsteigenden Weltgeschichte. Die Autorin verbindet philosophische, kulturhistorische und anthropologische Perspektiven, die den Fortschrittsbegriff aus seiner scheinbaren Selbstverständlichkeit lösen.
Schlemm rekonstruiert die Geschichte des Fortschrittsdenkens von der Antike über Christentum und Aufklärung bis hin zu Marxismus, Kritischer Theorie und Postmoderne. Freiheit meint nach Hegel, „dass sich die Menschen tendenziell ihrer Abhängigkeiten immer mehr bewusst werden und ihre Beziehungen immer stärker selbstbestimmt gestalten können“ (S. 55 f.). Ob dieser Fortschritt im Denken heute noch zutrifft? Die Verfasserin arbeitet die Ambivalenz des Fortschritts heraus: Einerseits erscheint er als Träger von Befreiungsversprechen, Freiheit und Emanzipation, andererseits ist er verknüpft mit Naturbeherrschung, Kolonialismus, Technokratie, Ausbeutung und Gewalt. Mit Günther Anders ist ein Auseinanderfallen von technischen, ökonomischen, sozialen und moralischen Fortschritten zu konstatieren (S. 118 f). Schlemm würdigt in der Auseinandersetzung mit dem Marxismus dessen emanzipatorische Intentionen, kritisiert jedoch deterministische Lesarten und produktivistische Verkürzungen, die ökologische und soziale Kosten systematisch unterschätzen.
Ein zentrales Verdienst des Buches liegt in der systematischen Kritik an teleologischen, also zweckgerichteten, und deterministischen Fortschrittsmodellen. „Scheinblüten wie die Entwicklung in China oder Indien oder die Versprechungen auf einen „Grünen Kapitalismus“ mögen den Blick noch eine Weile täuschen“ (S. 135). Fortschritt ist nach Annette Schlemm weder ein automatischer Prozess noch ein Subjekt der Geschichte. Er ist immer interessengebunden, konfliktträchtig und widersprüchlich. Damit wendet sie sich gleichermaßen gegen naiven Fortschrittsoptimismus wie gegen postmoderne oder kulturpessimistische Totalverabschiedungen des Begriffs.
Postkoloniale, posthumanistische und weitere Kritiken werden differenziert diskutiert. Um die Ressourcen durch und für den Industriekapitalismus zu mobilisieren, brauchte man „Legitimationserzählungen, die einen Entwicklungsvorsprung der Industrieländer“ behaupteten. „Die spürbaren Kosten des Fortschritts wurden als unvermeidlich, aber letztlich lohnend angesehen“ (S. 102). Es entstand – so sagt es Dipesh Chakrabarty – eine eurozentrische Perspektive der Geschichtsschreibung. Die Verfasserin zeigt diese wichtigen Einsprüche gegen Eurozentrismus und Anthropozentrismus, warnt jedoch vor einer Entpolitisierung, die konkrete Macht‑ und Herrschaftsverhältnisse aus dem Blick verliert.
Im letzten Drittel entwickelt Schlemm ihre „rettende Kritik“. Fortschritt soll nicht mehr als finanzgetriebenes Höher – Schneller ‑ Weiter verstanden werden, sondern als kontextabhängige, defensive und emanzipatorische Bewegung: ein „Besser‑als“ gegenüber bestehenden Zuständen. Maßstab sind nicht Wachstum oder technische Innovation, sondern die Minderung von Leid, die Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten, die Sicherung des Überlebens und die Abwehr von Rückschritten – ökologisch, sozial und politisch. In diesem Sinne erhält der Fortschrittsbegriff eine ausdrücklich normative Ausrichtung.
Stärken des Buches sind die Materialfülle, die interdisziplinäre Breite und der Mut, an einem kontaminierten Begriff festzuhalten, ohne ihn zu beschönigen. Gleichzeitig fordert die enorme Dichte der Argumentation die Leserin und den Leser heraus. Die Vielzahl historischer Exkurse, theoretischer Positionen und begrifflicher Differenzierungen beeindrucken und verlangen Konzentration. Es bleibt offen, wie das neue Fortschrittsdenken sich in Denkbewegung und dann praktisch umsetzt. Wenn wir „weg von menschlicher Anpassungsfähigkeit und langfristigem Überleben“ kommen müssen, so zitiert Schlemm die amerikanische Publizistin Ursula K. Le Guin, was bleibt dann als wünschenswerte lebensfähige Alternative übrig? Das kann nur eine Gesellschaft sein, deren Hauptanliegen der Fortbestand der eigenen Existenz ist (S. 173).
Fortschritt als Fehlschritt? ist ein lehrreiches und deshalb notwendiges Buch. In einer Zeit, in der sich beide – Fortschrittsgläubigkeit und Fortschrittsverzweiflung – erschöpft haben, bietet Annette Schlemm einen dritten Weg: Fortschritt nicht als Heilsversprechen, sondern als verantwortungsvolle, konflikthafte und stets zu begründende Praxis zu denken. Gerade darin liegt die Aktualität und politische Relevanz.
Zeitgleich zu Fortschritt als Fehlschritt? erschien bei Suhrkamp Fortschritt und Regression von Rahel Jaeggi. Es wäre schön, wenn Jaeggi hier besprochen werden könnte.