Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Und was ist mit gewaltsamer Aneignung?

Ich halte keinen Vortrag zum Thema Commonismus in welchem nicht mal die Frage nach Gewalt kommt. Entweder nach dem Umgang mit zwischenmenschlicher Gewalt wie Mord, psychische Gewalt, etc. oder Gewalt zur Aneignung von Ressourcen. Dieser Text beschäftigt sich mit der zweiten Form von Gewaltfrage. Wir hatten die Frage ja auch schon bei unseren Theorie-Treffen und ich bin mit meinen (und unseren) Antworten dort und bei Vorträgen nur teilweise zufrieden. Mit diesem Dialog-Text laden ich dazu ein, über das Thema nochmal weiter nachzudenken. Lisa ist auch wieder dabei, aber diesmal ist die kritische Stimme Karsten: Have fun 🙂

Karsten: Okay, schön und gut eure Inklusionsgesellschaft klingt ja ganz toll mit all diesen netten Menschen, die ständig andere einbeziehen und lieb zueinander sind. Aber, was ist nun wenn nicht alles das Spielchen mitmachen und sich bspw. einfach mit Gewalt materielle Mittel aneignen? Was machen dann die ach-so friedfertigen Commoners?

Lisa: Zuerst würde ich gern mal fragen warum das Leute tun sollten. Unter den heutigen Bedingungen der strukturellen, gegenseitigen Ausgeschlossenheit scheint es uns ziemlich normal unsere Bedürfnisse durchzusetzen indem wir eine ausschließende Verfügung einfach real herstellen. Im Commonismus gibt es aber eine Vielfalt an Möglichkeiten meine Bedürfnisse einzubringen. Ich kann stigmergisch darauf hinweisen oder in Konflikte eintreten, wenn begrenzte Ressourcen dies verlangen. Diese Verfügungsmöglichkeiten sind im Commonismus für mich ganz normal, sie sind mir sozusagen in „Fleisch und Blut“ übergegangen, ich muss gar nicht groß drüber nachdenken, sie sind alltäglich, die nahegelegte Form meine Bedürfnisse hörbar zu machen. Eine Entscheidung für Gewalt oder andere exkludierende Durchsetzungsverfahren sind also eine Entscheidung gegen meine jetzige erlebte und erfahrende gesellschaftliche Realität.

Karsten: Ja ja, aber es kommt ja trotzdem vor … du sagst ja selber immer, dass Inklusion zwar die dominierende Form der Beziehung ist, aber dass Exklusion auch auftritt …

Lisa: Ja, aber Exklusion muss nicht gleich so deutlich auftreten, Exklusion ist ja auch dann am Werk wenn ein Bambus-Verteilungs-Commons einige Male weniger inkludierende Entscheidungsvorschläge umsetzt. Und ich frage mich unter welchen Umständen Leute zu solchen Handlungen greifen werden. Mangel ist im Commonismus ja kein Normalzustand, sondern ist tendenziell auch an gesellschaftliche Koordination gebunden. Die Mittel die uns wirklich wichtig sind werden wir höchstwahrscheinlich zu genüge haben. Also ich glaub nicht, dass sich Menschen mit Gewalt Essen oder Wohnung oder so hohlen müssen, es wird in dieser Gesellschaft sicher sehr wichtig sein und in Konflikten häufig zu Entscheidungen führen, dass solch wichtige Bedürfnisse gedeckt sind. Besonders wenn man auf heutige technische Produktivkräfte blickt, so grundlegend diese auch umwelt- und menschengerecht umgeformt werden müssen. Ich glaube also, dass Mangel und Konflikt weniger bei so vitalen, bedeutenden Bedürfnissen auftritt, sondern eher bei in Konflikten nicht so präsenten Bedürfnissen wie „nutzen wir die Stahlfabrik dazu Stahl für Raumfahrt oder Freizeitparks herzustellen“ oder so was.

Und zusätzlich darf nicht vergessen werden, dass wir, unsere Bedürfnisstruktur, sich verändert hat. Ich glaube materielle Bedürfnisse wie „Ich will die Yacht“ oder „das Haus am See“ wird es noch immer geben, aber sie werden nicht mehr so viel Anziehung haben. Unsere Bedürfnisstruktur wird in vielerlei Hinsicht auf soziale Mittel bezogen sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass es uns wichtiger ist, dass der soziale Prozess möglichst inkludierend abläuft, dass die gesellschaftliche Strukturen Sicherheit und Aufgehobenheit vermitteln. Wenn die Inklusionsgesellschaft gerade eine herrschaftsfreie Gestaltung unserer Beziehung, des Sozialen erst erlaubt, befreit und in den Mittelpunkt rückt, dann wird sich dies auch in unserer Bedürfnisstruktur niederschlagen.

Karsten: Das klingt ja alles schön und gut, aber trotzdem bleibt die explizite Exklusion möglich. Und es ist die Frage wie damit umgegangen wird. Kann mich der Commonismus dagegen gut schützen?

Lisa: Okay, ich will nur nochmal kurz betonen, dass diese Situation darauf hinweist, dass die normale Form der Verfügung über Hinweise und Konflikten wahrscheinlich versagt haben. Die Vermittlung hat wahrscheinlich schon nicht so gut geklappt, Menschen oder Menschengruppen hatten das Gefühl, dass ihre Bedürfnisse in dem Koordinationsprozess nicht genügend vorkamen. Aber gut. Nehmen wir mal an eine Person, oder eine Gruppe fand die Auseinandersetzung über das Haus am See nicht-inkludierend oder hatte keinen Bock auf den Konflikt und sie haben sich das Haus einfach geholt. Ich glaube nicht, dass die erste Reaktion nun mit gleichen Mittel wäre und sich eine Gruppe findet und die Leute da mit Gewalt wieder hinauswirft.

Karsten: Na toll, dann wird so ein Verhalten sogar noch belohnt …

Lisa: Nein, ich glaube es wird wahrscheinlich anders mit solchem Verhalten umgegangen werden. Nämlich inkludierend: Die Leute, die sich um den Konflikt kümmern, werden wahrscheinlich zuerst mal verstehen wollen, wieso die Personen so gehandelt haben. Wo haben die bestehenden Koordinationsmöglichkeiten ihnen nicht ausgereicht? Wie wurden sie übergangen? Dieses Verhalten wird als Hinweis dienen, um über Koordination zu reflektieren. Diese Menschen würden also nicht ausgeschlossen werden und für kriminell erklärt, sondern ein Verständnisprozess wird eingeleitet. Dies erlaubt die Wurzel des Konflikts anzugehen und somit zu verhindern dass diese Menschen das nochmal machen oder andere in eine ähnliche Situation kommen. Diese Schlussfolgerungen sind ähnlich dem Konzept von „transformative justice“ wo es auch nicht darum geht individuelles (Fehl-)Verhalten zu bestrafen, sondern Herrschafts- und Unterdrückungsstrukturen zu beseitigen welche deren Wurzeln sind.

Karsten: Aber es scheint ja trotzdem so zu sein, als würden diese Leute keine schlimmeren Konsequenzen zu fürchten haben, also ist in es in einem Konflikt eine durchaus mögliche Entscheidungsoption und du fragst ja immer danach „Welche Bedingungen legen den Konfliktparteien nahe sich gegenseitig einzubeziehen und in einen Kooperationsprozess einzutreten?“. Ich würde sagen, solche eine Bedingung wie „Ich kann mir das Haus einfach holen und hab da eigentlich nichts zu befürchten“ senkt auf jeden Fall die Bereitschaft von Konfliktparteien in einen Kooperationsprozess einzutreten.

Lisa: Nicht schlecht 😊.

Karsten: Na siehste ich pass auch mal auf. Also ich bin im Konflikt und merke der wird nicht gut ausgehen und denke mir: Ach die gute alte Option des privaten Aneignens und Nutzens ohne Zustimmung der anderen Konfliktparteien ist mir aber jetzt ganz schön naheliegend.

Lisa: Ich sehe schon, dass deine Position drauf abzielt auf solche explizit Konflikt-ignorierende Handlungen deutlich repressiver zu reagieren, um diese Möglichkeit in Konflikten nicht nahezulegen, sondern ihre „Opportunitätskosten“ zu erhöhen. Ich glaube es gibt noch eine weitere Sache die in dem Konflikt nicht vergessen werden darf, wenn eine (oder mehrere) Konfliktparteie(n) in einem Konflikt so deutlich übergangen werden, dann werden sicher auch einige Leute motiviert sein, diesen Personen eine gute Alternative zu bieten um ihre „Schädigung“ wiedergutzumachen.

Karsten: Na toll, noch besser. Ich übergehe andere und kann mich dann noch gut fühlen, weil der Konflikt dann noch mal mehr Ressourcen bekommen wird und der Mangel, der zu dem Konflikt geführt hat, beseitigt wird. Also ist meine konflikt-ignorierende Handlung sogar noch inkludierend. Sich scheiße verhalten und trotzdem Menschen helfen, das klingt ja fast nach Smiths „unsichtbarer Hand“. Das überzeugt mich jetzt wirklich, dass ich Konflikt nie direkt-ausschließenden lösen soll …

Lisa: Ja ich sehe ein, dass diese konflikt-ignorierende Handlungen nicht unterstützt werden sollte, aber gleichzeitig sehe ich auch nicht ein warum inkludierende Umgangsweisen nicht der Lösung angemessener sind.

Karsten: Ich verstehe einfach nicht, dass du da nicht siehst, dass hier Gesetze notwendig sind…

Lisa: Was eine Institution einschließt welche Herrschaftsmittel besitzt um diese Gesetze durchzusetzen und die somit jede inkludierende Konfliktführung bedroht und beschädigen würde.

Karsten: Ja von mir aus, keine Gesetze, sondern lokale Anwendung von Gewalt. Ich find das ja auch nicht gut. Aber im schlimmsten Fall bleibt ja noch immer die Möglichkeit der Gewalt.

Lisa: Ja, im allerschlimmsten Fall bleibt noch die Wieder-Aneignung, Ent-Eignung und Vergesellschaftung. Die aber nicht gewaltförmig sein muss. Es geht ja um die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, wenn die Gruppe bspw. ne Fabrik privatisiert hat, und produzierten Mittel, bei dem Haus am See, welche diese Gruppe privatisierte. Vergesellschaftung ist das Ziel und nicht zuerst das Verprügeln und Bestrafen der Privatisierer*innen. Sie könnten im Angesicht einer ganzen Gesellschaft die sich darauf vorbereitet sie zu enteignen auch durchaus den Weg nehmen, die Mittel selbst wieder unter kollektive Verfügung stellen. Ich glaub ich muss auch noch weiter darüber nachdenken …

Karsten: Während du da nachdenkst hätte ich noch eine weitere Frage, die damit zusammenhängt: Du meinst ja immer, dass Exklusion immer nur eine untergeordnete Rolle in der dominanten Inklusionslogik spielt. Ich frag mich: Kann die Inklusionsgesellschaft überhaupt sicherstellen, dass sich soziale Beziehungen, die ausschließliche Verfügung für die In-Group verteidigen und durchsetzen, nicht ausbreiten werden? Wenn die größer werden könnten die attraktiv für Menschen werden, die sagen „Yey, wenn ich da mitmache dann hab ich größere Teilhabe an der Verfügung, weil ich da viel mehr Sicherheit habe meinen Traum einer Yacht, eines Space-Shuttle, einer Villa etc. zu erhalten“.

Lisa: Ich glaube da wird grundsätzlich durch die angestiegene Arbeitsteilung erschwert. Der Commonismus wird ja komplex in großen Regionen, hoffentlich sogar schnell global, re/produzieren. Wenn ich als Gruppe beginne die kollektive Verfügung in ausschließende Verfügung und somit in Privat- oder Gemeinschaftseigentum umzuwandeln, dann wird dies zuerst nur lokal möglich sein. Diese Gruppe ist also weiterhin auf die Re/Produktion und damit die Freiwilligkeit anderer angewiesen. Und das wird ihnen enorm erschweren an Ressourcen ranzukommen. Es ist nicht sehr motivierend Mittel zu erhalten oder herzustellen, welche dann privatisiert werden, über welche ich die Verfügung verliere und die nicht so eingesetzt werden, dass in ihrer Nutzung die Bedürfnisse möglichst vieler vermittelnd einbezogen werden. Auch wenn ich mir gut vorstellen kann, dass an solch exkludierende Gruppen noch Nahrung geliefert wird. Diese Gruppe wird sich aber auf jeden Fall von Anfang an ganz schöner Kooperationsverweigerung gegenübersehen. Ich glaub, das wird auch das Wachstum dieser Gruppe grundsätzlich dämpfen. Solch ein Herstellen von Verfügungsbeziehungen des Privateigentums scheinen mir wirklich besser unter Verhältnissen der geringen Arbeitsteilung zu funktionieren. Bspw. im europäischen Mittelalter konnte eine kleine Gruppe bewaffneter Raubritter schnell soviel Ressourcen unter ihre ausschließende Verfügung bekommen, dass das Mitmachen bei ihnen zur eigenen Versorgung attraktiv war. Bei komplexer Arbeitsteilung sieht das anders aus. Gleiches gilt ja auch für Bestrebungen der Selbstversorgung, welche sich heute der tauschförmigen Arbeitsteilung verweigern wollen, aber dabei häufig mit Einbußen der v.a. materiellen, aber auch sozialen und symbolischen Bedürfnisbefriedigung leben müssen, auch wenn dies noch immer attraktiv sein kann weil die Beziehungen welche sich in diesen versorgenden Communities erhalten und herstellen besonders schön, kooperativ, absichernd, inkludierend, entfaltungs-erlaubend, etc. sind. Deine oben angesprochene Gruppen sind da aber auch nochmal anders. Gruppen welche sich die hergestellten* Mittel anderer aneignen, statt diese selbst möglichst herrschaftsarm zu re/produzieren, haben notwendigerweise eine ziemlich beschissene Sozialstruktur. Ihre Grundlage des Raubs, der Ausbeutung setzt sich in ihren eigenen Strukturen weiter fort.

Karsten: Hmm hmm, also die gute alte Kooperationsverweigerung. Was ist aber wenn diese Gruppe ein zentrales Commons das Mangelmittel herstellt*, also von mir auch Mikrochips, seltene Erden, etc. unter ihren Besitz bekommt, oder wenn die Leute, welche in diesem Commons aktiv sind auf dieselbe Idee kommen und versuchen durch ihre Verfügung über diese Mangelmittel Druck auf Entscheidungsfindung auszuüben, quasi die Gesellschaft erpressen?

Lisa: Ich glaube da gilt auch wieder die Antwort von oben. Fast alle Arten von Herstellung* und v.a. jene welche materielle Mittel herstellen – welche v.a. Mangel erzeugen können – sind auf eine große Anzahl von Vorprodukten, Lebensmitteln etc. angewiesen. Eine Verweigerung der Kooperation mit kollektiver Verfügung ausgehend von dieser Gruppe, wird auch die Kooperation mit der restlichen Welt enorm erschweren. Wenn an diesen Ort, mit diesen Produktionsmittel wirklich enorm zentrale Mangelmittel hergestellt* werden, was ich bezweifle und wiederum die Frage warum diese Leute überhaupt auf die Idee kommen sollten, dann könnte sich die inkludierend kooperierende Commons-Welt bspw. auch darauf einigen eine Zeit lang mit denen ein Tausch-Geschäft zu machen bis die Mittel ersetzt werden können oder bis zuerst mal genug ertauscht wurde. Wie üblich werden vor Kooperationsverweigerung andere Kommunikationswege beschritten werden, die eher versuchen die Handlung der Exkludierenden zu verstehen und ihre Bedürfnisse nachzuvollziehen und vielleicht neu einzubeziehen.

Karsten: Und es bleibt ja die Möglichkeit der Gewalt.

Lisa: Du meinst die Vergesellschaftung, die wie oben angedeutet ja nicht gewaltförmig sein muss und es wahrscheinlich auch nicht sein wird. Und v.a. gar nicht auf Gewalt zielt. Eine Inklusionsgesellschaft wird viele andere Wege haben exkludierendes Verhalten...

Karsten: Die Frage nach Vergesellschaftung ist ja auch für die Transformation ganz spannend …

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14. Januar 2019, 09:29 Uhr   8 Kommentare

1 Michaela Lusru (14.01.2019, 15:13 Uhr)

Ich verstehe Karsten.Ich verstehe Lisa.Beides passt nicht zusammen, da wesentliche Fakten menschlichen Verhaltens grundsätzlicher Art nicht eingearbeitet, möchte sagen nicht mitbedacht sind.Die menschliche Gesellschaft ist von ihrer biologischen Basis wie ihrer daher zwingend geprägten sozialen Verfügtheit eine Unterschiedsgesellschaft, die darauf beruht, dass sich selbst verstoffwechselnde Wesen Mensch die Fähigkeit erwarben, Unterschiede über sich und ihre Umwelt zu erfassen, wahrzunehmen als Informationen und diese auf das jeweilige Ganze  und seine erforderliche Emergenz zur eigenen Erhaltung und Entwicklung zu verarbeiten, zu verwenden.Dieser Prozess ist bei dem sozialen Wesen Mensch folglich auf das Vorhandensein und Erkennen von Unterschieden angewiesen.Wer nun meint, dererlei Unterschiede müssten zwingend Gewalt zur Durchsetzung der jeweils als erforderlich erkannten Unterschiedsfolgen führen, irrt. Als soziales Wesen gab sich Mensch irgendwann der Illusion hin, Vorstehende Problematik im Blick haltend, diese lösen zu müssen, und -und zu können: Die Demokratie wurde als das Verfahren ALLER zur Herstellung des erforderlichen Ausgleiches erfunden, alle nehmen gleichberechtigt teil, haben teil an Aufwand und Ertrag bzw. Lösung.Demokratie ist also vor allem anderen, z.B. grosse Politik, das Verfahren, was sich im Laufe von Jahrhunderten als zwar unvollständiges und beschränkt wirkungsmächtiges aber dennoch unverzichtbar weil einzig überhaupt und dazu gewaltfrei machbares Instrument zum Ausgleich sozial entstandener Unterschiede herausgestellt und behauptet hat.Demokratie, ist zwar meist eine unzureichende und dennoch unverzichtbare gesellschaftliche Umgangsweise, da sie die einzige ist, die wir als gewaltfrei  praktizierbar kennen, sie ist damit ein Instrument zur Durchsetzung erfolgreicher Kooperation in der Gesellschaft und als solche zu lehren, zu üben, auszuüben und das zu schützen.Nun können wir die Frage stellen, was zu tun sei, falls jemand aus dem gesellschaftlichen unterschiedsbedingten Kooperationsverständnis ausbüchsen möchte und auch Gewalt dabei nicht verschmähen möchte – schlicht: Kooperieren, notfalls (lediglich dafür!) gesellschaftliche Gewalt einsetzen, um diese Kooperation wieder herzustellen.Mensch hat nichts Besseres, als dieses Verständnis und Verfahren, um allgemein gutes Leben für alle nicht nur herzustellen, seine eigenen und die der Anderen Unterschiede zu ordnen, zu auszugleichen, sondern auch zu wahren, usw., usw., …Demokratische Kooperation verhindert Gewalt, so sie denn die tatsächlichen nie vermeidbaren Unterschiede frühzeitig erfasst und deren Ausgleich betreibt.Das nicht erst im Commonismos, sondern schon um dahin zu gelangen, am besten gleich, hier und heute.

2 Annette (15.01.2019, 13:06 Uhr)

„Auch wenn ich mir gut vorstellen kann, dass an solch exkludierende
Gruppen noch Nahrung geliefert wird. Diese Gruppe wird sich aber auf
jeden Fall von Anfang an ganz schöner Kooperationsverweigerung
gegenübersehen.“

Ich denke, diese Frage ist zentral. Irgendwie bin ich bisher immer davon ausgegangen, dass in der vollständigen Verwirklichung der kategorialen Utopie jede und jeder immer genügend für die eigene Reproduktion bekommt. Liege ich damit falsch? Ohne dies gäbe es ja doch eine Art Zwang, sich so zu verhalten, DAMIT man dies bekommt. In den meisten früheren und aktuellen Utopien musste sich vor allem jede/r am Arbeiten beteiligen (Morus Utopia, Campanelles Sonnenstadt, Cabets Ikarien, Bellamys Jahr 2000, Bogdanows Roter Planet, Wells „Menschen, Göttern gleich“, Skinners Walden II, Le Guins Anarres, Callenbachs Ökotopia, Grüner Mars von Robinson, …).

In Russells „Planet des Ungehorsams“ wird die „Geschichte vom faulen Jack“ tradiert, der sich lange durch-„nassauert“, bis er schließlich von niemamden etwas bekommt und sich schließlich erhängt… In der Utopie aus DDR-Zeiten (del Antonio) werden Leute, die nichts tun, ins Krankenhaus geschickt…

In „Andymon“ (Steinmüllers) werden explizit die Konflikte bei den Entscheidungen um die Verwendung der Ressourcen thematisiert… Über die „Mühen der Ebene“, wenn die Utopie in die reale Welt herabgestiegen ist, auch hervorragend Kim Stanley Robinsin in der Marstrilogie…

3 Simon Sutterlütti (15.01.2019, 17:32 Uhr)
„Irgendwie bin ich bisher immer davon ausgegangen, dass in der
vollständigen Verwirklichung der kategorialen Utopie jede und jeder
immer genügend für die eigene Reproduktion bekommt.“
Ich würde sagen, dass ist sehr wünschenswert und wird in Konfliktprozessen wohl auch immer wieder der Grundkonsens bei Konflikten sein, aber ich würde nicht einfach setzen, dass dem so ist. Bei Le Guins „Planet der Habenichtse“ gibt es ja auch die Situation aufgrund der katastrophalen ökologischen Bedingungen, dass Leute wirklich verhungern … Ich finde wenn das nicht mitgedacht wird, dann tendiert die Utopie schnell in Richtung einer Post-Scarcity/Post-Knappheits-Utopie, die dann häufig sehr technisch ausfällt. Aber Mangel ist immer eine subjektive Frage und von den gesellschaftlichen Möglichkeiten abhängig.
4 Wolfgang Tah (15.01.2019, 18:22 Uhr)

@Simon Sutterlütti (3)
Hallo Simon,
dein Zitat:
„Irgendwie bin ich bisher immer davon ausgegangen, dass in der
vollständigen Verwirklichung der kategorialen Utopie jede und jeder
immer genügend für die eigene Reproduktion bekommt.“
bezieht sich worauf?
Wem antwortest Du?

Heiter weiter …
Wolfgang Tah

5 Benni Bärmann (16.01.2019, 12:49 Uhr)
@annette: ich sehe das nicht so, dass sich in allen früheren utopien alle am arbeiten beteiligen mussten. zum einen gibt es die älteste aller utopien, das „schlaraffenland“. da ist das nicht so.
aber auch bei einigen der von dir aufgeführten beispielen ist es nicht so. in anares gibt es keinen arbeitszwang. es gibt sozialen druck in die richtung aber keinen zwang und es gibt auch leute, die sich dem entziehen. in der marstrillogie wird das glaube ich gar nicht wirklich thematisiert aber es gibt charaktere, die nichts anderes machen als jahrelang rumfahren oder umherschweifen.
übrigens in dem zusammenhang nicht ganz uninteressant. ein unterhaltsamer vortrag von robinson über seine begegnungen mit le guin: https://theinterval.org/salon-talks/02018/nov/13/learning-from-ursula-le-guin-robinson-ksr
6 Annette (17.01.2019, 11:02 Uhr)

@ benni: Ich habe nicht behauptet, dass die Beteiligung aller an der Arbeit in „allen“ Utopien vertreten worden wäre, sondern in den „meisten“. Und das fällt wirklich auch auf, wenn man sie alle mal durchgehen lässt. Schlaraffenland ist ja nicht wirklich als „mögliches wirkliches Leben“ vorgestellt, wie in den anderen Utopien. Es gibt auch andere Utopien ohne Arbeit, z.B. „Die Abteil Thélemè“ von Rabelais. Aber die bezieht sich bezeichnenderweise NUR auf ein kleine adlige Elite.

Ob man die von allen erwartete Beteiligung an der Arbeit aller nun „Zwang“ oder „sozialer Druck“ nennt, habe ich nicht differenziert. Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass es sogar für Utopiker sehr ungewöhnlich ist, die Beteiligung an der Arbeit als freiwillig zu denken. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel… (die gibts ja jetzt auch schon, aber damit sind wir ja wohl nicht zufrieden, oder?)

7 Annette (17.01.2019, 11:06 Uhr)

@ Simon: „Ich würde sagen, dass ist sehr wünschenswert und wird in
Konfliktprozessen wohl auch immer wieder der Grundkonsens bei Konflikten
sein, aber ich würde nicht einfach setzen, dass dem so ist.“
Danke für die Klarstellung. Das sehe ich auch so. Wir bewegen uns wieder auf der scharfen Kante zwischen absoluter kategorialer Utopie und der konkreten Welt der realen Bedingungen…

Zu der kategorialen Utopie passt wirklich das Schlaraffenland, wenn man noch hinzunimmt, dass die Leute nicht nur faul rumlliegen, sondern  auch irgendwie genug Lust haben, das konsumierte und benutze  Zeug auch herzustellen…. 😉

8 Benni Bärmann (17.01.2019, 14:24 Uhr)

@annette: ok, hatte ich anders verstanden. so formuliert stimmt es wohl (der vortrag ist aber wirklich nett 😉

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