Ohne Kampf kein Mampf?

Jüngst kommt eine neue Ausgabe der Zeitschrift »Exit« auf den Markt, in deren Editorial es heisst:

»Einen parallelen Versuch ähnlicher Art [wie John Holloway] haben Stefan Meretz und Ernst Lohoff in Krisis 31 vorgeführt. Die Szene, die damit bedient werden soll, ist die als „Ökonux“ firmierende Ideologisierung der „Freien Softwarebewegung“. Dort wird (etwas allgemeiner gefasst unter www.keimform.de) schon länger die Wunschidee vertreten, der Kapitalismus würde hinter dem Rücken seiner Subjekte „das Neue im Alten“ hervorbringen, das dann unverändert in die befreite Gesellschaft übernommen werden oder diese gar auf dem Wege einer kampflosen Ausbreitung herbeiführen könne.«

Damit ist in der Tat ein wichtiger Punkt angesprochen, nämlich der nach den Vorstellungen gesellschaftlicher Transformation. Dabei scheinen sich zwei Pole herauszukristallisieren: Einerseits die Vorstellung, eine Befreiung könne nur durch den bewussten Umsturz der alten Verhältnisse und rückstandlose Entfernung derselben geschehen; andererseits die Vorstellung, die alten Verhältnisse wachsen in neue Verhältnisse hinüber, befördert durch das mehr oder weniger bewusste Handeln der Menschen.

Früher diskutierte man diese scheinbar wiederkehrende Dichotomie unter der Überschrift »Revolution vs. Reform«. Doch klar ist, dass sich in der alten Polarität beide Pole positiv auf den Staat als Handlungsmacht bezogen, an dessen Hebel man per Umsturz oder Parlament oder einer Mischung aus beidem gelangen wollte. Dieses Theaterstück wird derzeit mal wieder aufgeführt (Linkspartei und Co), ich will es aber hier nicht weiter diskutieren.

Die neue Polarität kommt ohne Bezug auf den Staat aus, ja, ich unterstelle, beide Pole wollen ihn gar loswerden und sehen darin eine Bedingung für eine wirkliche Befreiung. Dann müssen sich die beiden (sicher überzeichneten) Pole Fragen gefallen lassen. Zunächst mal die Fragen an den Umsturzpol:

  • Welche Formen der Vergesellschaftung treten an die Stellen des Alten nach dem Umsturz? Wo kommen diese neuen Formen her?
  • Wie soll das Bewusstsein für einen Umsturz erreicht werden, per Aufklärung? Per Aktion?
  • Woher kommt das Bewusstsein für die neuen Formen der Vergsellschaftung? Wer denkt es sich aus?
  • (deine Frage hier)

Nun die Fragen an den Rüberwachspol:

  • Warum sollten sich die neuen Formen der Vergesellschaftung von den alten unterscheiden, wenn sie doch aus dem Alten kommen?
  • Wieso sollte es zu einer gesellschaftlichen Transformation kommen ohne Kampf gegen die alten Formen? Putzt das Alte nicht gleich das Neue wieder weg?
  • Warum solte in der Logik des Alten eine immanente Potenz zu Neuem liegen? Und warum sollte sich das Neue dann durchsetzen?
  • (deine Frage hier)

Die »Exit«-Position lässt sich auf dem Umsturzpol verorten. Sie entspricht nicht dem alten Revolutionsschema, weil sie eine irgendwie konstruierten positiven Bezug auf den Staat ablehnt — sie stellt also die Forderungen noch grundsätzlicher: Alle alten Formen müssen weg. Die Möglichkeit eines solchen Szenarios wird allerdings selbst als nicht sehr wahrscheinlich eingeschätzt:

»Eher können wir uns den Weltuntergang, die Zerstörung des Ökosystems Erde oder den kollektiven Selbstmord der Menschheit vorstellen als die Überwindung des Waren produzierenden Patriarchats.« (Editorial, erster Satz)

Was aber ist mit den oben zitierten Kritik, ist diese denn nicht wenigstens zutreffend? Gibt es die »Wunschidee … der Kapitalismus würde hinter dem Rücken seiner Subjekte „das Neue im Alten“ hervorbringen, das dann unverändert in die befreite Gesellschaft übernommen werden oder diese gar auf dem Wege einer kampflosen Ausbreitung«? Hier sind drei Stichworte genannt, die zu einer Strohpuppe zusammengebaut gebashed werden. Aber in Wirklichkeit sind damit drei Themen angesprochen, die auch der beste Basher selbst nicht los wird: Bewusstsein (»hinter dem Rücken«), Ressourcen des Neuen (»unverändert … übernommen«), Form der Transformation (»kampflose Ausbreitung«).

Jeder emanzipatorische Ansatz ist herausgefordert, (minimal) zu diesen drei Punkten Stellung zu beziehen, um letztlich die Frage zu beantworten: Wie soll sie gehen, die Transformation? Ok, man kann natürlich auch sagen, es geht gar nicht. Aber dann handelt es im engeren Sinne auch nicht um einen emanzipatorischen Ansatz.

Und was sagt nun keimform.de dazu? Na, jedenfalls nicht das, was die oben dargestellte Strohpuppe sagt — das kann ich wohl ohne jemandem auf die Füsse zu treten festhalten. Darüber hinaus gibt es keine einheitliche Meinung, sondern verschiedene Vorstellungen, die wir unter anderem hier diskutieren. Es ist halt nicht so einfach, es gibt keine einfache Weltformel (falls doch: bitte als Kommentar notieren, damit sie nicht verloren geht).

Mit dieser Unterschiedlichkeit stehen alle »Keimformansätze« allerdings doch ziemlich abseits einer Haltung des »Kampfismus«, die — vereinfacht gesagt — davon ausgeht, dass dort, wo nicht gekämpft wird, keine Emanzipation sein kann. Auch das ist ein Exit-Vorwurf. Als »Kampf« gilt hier allerdings nur der »Kampf gegen« und nicht der »Kampf für«, wobei sich letzteres oft selbst nicht als »Kampf« wahrnimmt, sondern einfach als Tun. Als viertes Thema könnte man also nach dem Kampf fragen: Was gilt als Kampf und wie unterscheidet er sich vom Tun? Ist »Kampf« nicht selbst eine Bewegungsform der Warengesellschaft?

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