Piccoletto – ein Bilderbuch

PiccolettoPiccoletto, ein Kinderbuch von Renato Rascel (Italien 1960), schildert den Weihnachtsabend des Schornsteinfegers Piccoletto. Wunderschöne Bilder, stark stilisiert, ein wenig an konstruktivistische oder neusachliche Malerei erinnernd, nichtsdestoweniger sehr kindgerechte, klar erkennbare Figuren. Die Farben sind matt getönt, von einer eher dezenten Buntheit.

Piccoletto ist ein sehr kleiner Mann, ständig verrußt und fühlt sich unter den Menschen auf der Straße äußerst unwohl. Umso lieber bewegt er sich auf den Dächern, von wo aus ihm alle Menschen klein erscheinen und niemand ihm zu nahe tritt. Seine einzigen Freunde auf dem Dach sind ein schläfriger Kater und eine langweilige Eule, die seine Stimmung an jenem Weihnachtsabend, an dem er sich sehr einsam fühlt, nicht aufbessern können. So beschließt er lieber zu arbeiten. Da spielt ihm ein weiterer Freund – der Wind – einen üblen Streich und versetzt ihm einen Stoß, sodaß er kopfüber in einen Kamin stürzt. Zum Glück landet er weich auf einem dichten Haufen erkalteter Asche. Piccoletto ist im Zimmer eines reichen Kindes gelandet, das ihn sofort mit dem Weihnachtsmann identifiziert und sich deshalb sofort schlafen legt, denn es weiß, daß der Weihnachtsmann bei seiner Arbeit nicht gestört werden darf.

Ach ja, die Reichen, bemerkt der Autor, wie erkennt man diese merkwürdigen Leute? Ich habe einen gesehen, sagt er und – glaubt es mir – er sah aus wie ich und du. Irritiert bewegt sich Piccoletto durch eine Welt fremder Objekte, die Spielsachen des Kindes. Viele davon sind Automaten, die sich bei der geringsten Berührung in Bewegung setzen und dabei den kleinen Mann in Panik versetzen. Schließlich macht er dabei aber doch eine angenehme Bekanntschaft. Es ist Marie-Claire, die denkende Puppe, die sofort eine Bürste nimmt und Piccoletto von der Asche befreit. Sie weist ihm auch den Weg zurück über die Stiegen des Kamins. Doch kaum hat der Schornsteinfeger seinen Rückweg angetreten, da tritt ihm von oben einer auf den Kopf. Und diesmal ist es tatsächlich der Weihnachtsmann. Der hält Piccoletto nun seinerseits für das reiche Kind und die Verwechslungen nehmen kein Ende, bis Marie-Claire den Irrtum aufklärt und dem Weihnachtsmann vom Missgeschick Piccolettos an diesem Abend erzählt. Nun ist der von dessen Schicksal tief gerührt und möchte dem kleinen Mann gerne helfen. Obwohl Piccoletto kein Kind mehr ist, lässt er ihn sich etwas wünschen. Der Schornsteinfeger wünscht sich groß zu werden, doch dieser Wunsch ist unerfüllbar. Picoletto lässt sich nicht vertrösten, bis er sich schließlich die Puppe Marie-Claire wünscht. Jemanden zu haben, der sich um einen kümmert, einem sogar verständig zuhört, das wäre doch etwas; was macht es da aus, daß man die Puppe jeden Abend mit dem Schlüssel aufziehen muß. Doch auch da muß der Weihnachtsmann passen, die Puppe gehört dem reichen Kind. So muß Piccoletto tief betrübt und unverrichteter Dinge davonziehen. Oben haben ihn seine Freunde schon besorgt erwartet. Sie beschließen ihren Kumpanen auf dem Weg zu seinem kalten und leeren Zuhause zu begleiten, wissend, daß sie nur leidige Tröster sind. Daheim angekommen öffnet jemand Piccoletto die Tür. Drinnen ist es warm, aufgeräumt und gemütlich, Kerzen brennen. „Fröhliche Weihnachten“ wünscht Marie-Claire, die jedoch keine Puppe ist, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut. Im letzten Bild sieht man den Weihnachtsmann mit einem Seufzer davon schreiten. Auch das wäre erledigt.

Was mich beeindruckt hat und was ich jetzt in Worte fassen kann: Die Armseligkeit der sozialen Beziehungen auf dem Dach, wobei die Individuen nicht denunziert werden, sondern es weht sogar ein Hauch von Gnade über diesem dürftigen Leben. Wenn die Sozialität auch kaum erbaulich ist, man steht letztendlich füreinander ein, so gut es eben geht. Dann aber vor allem die Erfahrung der Entfremdung im Kinderzimmer. Der Herr über eine Armee von Automaten, selbst unmündig, stellt sich schlafend um den (vermeintlichen) Knecht seine Arbeit tun zu lassen. Doch dieser zeigt sich keineswegs vertraut mit den Erzeugnissen menschlicher Arbeit, sie erscheinen ihm fremd und bedrohlich, bis er per Zufall ihre Nützlichkeit erkennt. Daß Maschinen den Menschen die Arbeit abnehmen, ist angenehm, aber es ist keine Emanzipation. Die Ware muß als Surrogat dafür dienen, daß echte Emanzipaton nicht möglich ist, Picoletto nicht wachsen kann. Der Weihnachtsmann steht dabei für den Sozialstaat oder den Sozialismus alter Prägung. Er kann nur verteilen, nicht aber Emanzipation ermöglichen und selbst was er verteilt entspricht nicht den individuellen Bedürfnissen. Das meines Erachtens gar nicht kitschige Ende ist die Utopie eines Sozialismus der Zukunft. Es drückt die Hoffnung aus, daß durch die Entfremdung hindurch die Warenförmigkeit der Beziehungen sich zum echten Reichtum menschlicher Beziehungen transformiert. Dann kann der Staat abdanken. Wie das gehen soll wird nicht gesagt, doch dafür dass es möglich ist, bedarf es der Treue. Piccoletto überlässt sich seiner Trauer, die anzeigt, dass er seine Utopie nicht aufgegeben hat. Auch seine Freunde halten ihm in ihrer Ohnmacht weiter die Stange.

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