Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Commonsbasierte Zukunft

[Quelle: Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de, 35-37/2015, Kapitalismus und Alternativen, Lizenz: Creative Commons by-nc-nd/3.0/de/]

Wie ein altes Konzept eine bessere Welt ermöglicht

Von Friederike Habermann

Heute ist es einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus – so bringen Theoretiker wie Slavoy Žižek oder Frederic Jameson die allgemein empfundene Alternativlosigkeit zum Kapitalismus auf den Punkt.[1] Doch: „Ein neues Wirtschaftssystem – die Kollaborativen Commons – betritt die ökonomische Weltbühne.“ Mit diesem Satz beginnt der Ökonom Jeremy Rifkin sein 2014 erschienenes Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“. [2] Und beschreibt dabei das, was sich seit Beginn dieses Jahrtausends in vielen Bereichen als neue Formen der Organisation des Lebens abzeichnet: in Ansätzen anderen Wirtschaftens, in Sozialen Bewegungen, in dem Boom des sharings. Dies zusammengenommen ergeben sich bislang ungeahnte Möglichkeiten einer sozioökonomischen Basis emanzipatorischer Visionen. Denn im Gegensatz zu dem, was viele glauben, bedeutet solidarisch zu wirtschaften nicht, dass dies nur in kleinen Gemeinschaften möglich wäre. Der Begriff „Commons“, den Rifkin bereits in seinem Eingangssatz benutzt, ist dabei entscheidend. Rifkin betont zu Recht die globalen Potenziale: „Was die Commons heute relevanter denn je macht, ist der Umstand, dass wir zurzeit an einer globalen Hightech-Plattform arbeiten, deren konstituierende Eigenschaften potenziell genau die Werte und Prinzipien optimieren, die diese uralte Institution beseelen.“[3]

Im folgenden Abschnitt skizziere ich, was unter Commons zu verstehen ist, und wie bereits existente Ansätze anderen Wirtschaftens als commonsbasierte beziehungsweise -schaffende Produktionsweise interpretiert werden können. Dies fasse ich als „Ecommony“, um das gesamtgesellschaftliche Potenzial zu betonen. Dieses findet sich auch immer wieder in Rifkins Vision, die ich anschließend beschreibe. Abschließend stelle ich Überlegungen zu dem Prozess einer möglichen Transformation an.

Von den Commons zur Ecommony

Im Grunde nichts anderes bedeutend als das aus dem Mittelhochdeutschen hervorgegangene Wort „Allmende“, Gemeingut, das jedoch Bilder der Vergangenheit hervorruft, werden inzwischen mit dem Begriff „Commons“ facettenreiche Aspekte gegenwärtigen und möglichen zukünftigen Wirtschaftens verbunden. In die Diskussion kam die Bezeichnung in den vergangenen Jahren zunächst für bestimmte Güter: „natürliche Commons“ wie Klima oder Weltmeere auf der einen Seite, also Bereiche, in denen die herkömmliche Warenlogik nicht funktioniert, und „digitale Commons“ wie Wikipedia oder Linux auf der anderen, die von freiwillig Beitragenden gemeinsam geschaffen wurden und bei denen keine Rivalität im Konsum besteht. Doch aus Sicht jener, die hierin die Grundlage eines anderen Gesellschaftsmodells erblicken, ist es eine grundlegende Frage, welche Güter als Commons gelten. Und dass alle Güter Commons sein könnten und sollten.

Rifkins Vision einer kollaborativen, lateral (horizontal verknüpft) organisierten Produktions- und Lebensweise entspricht dem, was der Harvardprofessor Yochai Benkler als „commonsbasierte Peer-Produktion“ bezeichnet,[4] also auf Commons beruhende Produktion unter Ebenbürtigen – jenseits von Hierarchien, und ohne den Zwang zur (Lohn-)Arbeit. Die deutsche Publizistin Silke Helfrich nennt es, inhaltlich präziser, „commons-schaffend“[5] – denn Commons beziehungsweise Gemeingüter vernutzend ist auch der Kapitalismus; in den Wirtschaftswissenschaften wird von „externalisierten Kosten“ gesprochen.[6]

Dabei möchte ich an dieser Stelle etwas unterscheiden, was in der Diskussion immer wieder durcheinander geht: Geht es darum, wie Gemeingüter – um einen normalerweise als Synonym verwendeten Ausdruck zu verwenden – vom Kapitalismus ausgebeutet werden, oder um Commons im Sinne von nicht nur offen zugänglich, sondern auch gemeinschaftlich verwaltet? Nur in diesem zweiten Fall macht es Sinn, mit dem Historiker Peter Linebaugh davon zu sprechen: „There is no commons without commoning“.[7] Er führt das Verb ein, um es von der Vernutzung eines gemeinsamen Gutes zu unterscheiden, doch im Deutschen lässt sich dies nicht übersetzen. Um also eine ähnliche sprachliche Unterscheidung treffen zu können zwischen dem, was kritisiert wird, und dem, was vertreten wird, schlage ich die Unterscheidung in „Gemeingüter“ (im Falle einer Vernutzung) und in „Commons“ (im Falle gemeinschaftlicher Organisierung) vor.

Statt von commonsbasierter oder auch commonsschaffender Peer-Produktion spreche ich allerdings von „Ecommony“, um mithilfe dieses Sprachspiels die darin liegende Möglichkeit eines gesamtgesellschaftlichen nicht-kapitalistischen Wirtschaftens zu betonen. Im Nachgang meines Buches „Halbinseln gegen den Strom“[8] über Ansätze alternativen Wirtschaftens im deutschsprachigen Raum wurde mir bewust, dass jüngere Initiativen, das heißt ungefähr seit der Jahrtausendwende, wesentlich den Prinzipien der „commons-based peer production“ entsprechen. Diese werden im Folgenden dargestellt.

Besitz statt Eigentum

„Commons“ bedeutet nicht, dass jemand auf Ihr T-Shirt deuten und sagen kann: „Das nehme jetzt ich.“ Commons sind auch kein Gemeinschaftseigentum einer bestimmten Gruppe. Stattdessen wird etwas solange behalten, wie es „besessen“ wird. Die Unterscheidung zwischen Besitz und Eigentum findet sich auch im deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch: Während das Verhältnis der Eigentümerin rein abstrakt ist und sich nicht zuletzt darauf bezieht, ein Gut in eine Ware verwandeln zu können, ist der Besitzer derjenige, der das Gut braucht und gebraucht. Dies lässt sich am Beispiel einer Wohnung verdeutlichen: Der Mieter ist der Besitzer, die Vermieterin die Eigentümerin. Doch was genau sich unter „Besitzrechten“ verstehen lässt, ist abhängig von jeder Gesellschaft und jeder Situation.

Entsprechend dieser Unterscheidung in Besitz und Eigentum können Immobilien als Commons gedacht werden: Wer in einer Wohnung wohnt, der besitzt sie auch, kann sie aber nicht verkaufen – dies wurde bis 2011 in Kuba praktiziert. Land ist der Prototyp für die „Allmende“; im Mittelalter wurde nicht nur Weideland, sondern auch Ackerland als Allmende betrachtet und unter den Dorfbauern aufgeteilt. Der Kampf gegen deren Privatisierung ist dabei durchaus nicht nur ein historischer: Nichts anderes geschieht derzeit durch Land verschlingende Großprojekte der „neuen Energien“, so zum Beispiel in Oaxaca/Mexiko.[9]

Nicht-rivale Güter wie Software sind prädestiniert für einen freien Zugang, denn sie zu kopieren, schränkt die Nutzung für niemanden ein. Das gleiche gilt für alle öffentlichen Güter wie Straßenbeleuchtung oder Sicherheit. Aber auch unreine öffentliche Güter wie Straßen und Wege, Wasserver- und -entsorgung oder allgemein jede Art öffentlicher Verkehrsmittel und Infrastruktur, bei denen eine gewisse Rivalität im Konsum herrscht, können nach dem Prinzip „Besitz statt Eigentum“ organisiert werden – oder wer führe den ganzen Tag Bahn, nur weil es umsonst ist? Bedürfnisse sind relativ bald befriedigt.

Selbst Essen – um das wohl rivalste unter den rivalen Gütern zu nennen – lässt sich entsprechend mit „Besitz statt Eigentum“ fassen: Denn „in Besitz“ kann Essen nur genommen werden, wenn es gegessen wird. Jeder Hotelgast beim Frühstück weiß um diesen Unterschied zwischen In-Besitz-Nehmen und Zum-Eigentum-Machen – und wenn nicht, dann wird der Hotelier dafür sorgen, indem er den mit Picknickvorräten bestückten Gast darauf hinweist. Menschen widerstrebt es zunehmend wieder, Essen wegzuschmeißen, wenn es über ihren eigenen Bedarf hinausgeht, nur weil es ihr Eigentum ist, wie die in fast allen größeren Städten Deutschlands und Österreichs entstehenden sogenannten Foodsharing-Initiativen zeigen.

„Besitz statt Eigentum“ kann sich aber auch auf Gebrauchsgegenstände beziehen. Zum einen solche, bei denen serielle Nutzung möglich ist, da sie nach Gebrauch nicht mehr benötigt werden. Der Boom sogenannter Öffentlicher Bücherschränke, inzwischen nicht nur in Städten, sondern auch in zahlreichen Dörfern zu finden, sind ein Ausdruck davon, dass immer mehr Menschen es richtig finden, ihre nicht mehr genutzten Gebrauchsgegenstände anderen frei zur Verfügung zu stellen. Ein weiterer sind die rund hundert Umsonstläden im deutschsprachigen Raum, die wie Second-Hand-Läden funktionieren, nur ohne Geld und ohne Tauschlogik: Wer etwas hat, was er nicht mehr möchte, bringt es; wer etwas im Laden entdeckt, was sie gebrauchen kann, nimmt es. Obwohl auch manchmal „Schenkläden“ genannt, sind sie in diesem Sinne jedoch gerade nicht als Orte zu verstehen, wo Dinge von Privateigentum zu Privateigentum übergehen, sondern als Orte, wohin Gegenstände gebracht werden, die, da nicht mehr genutzt, „aus dem Besitz gefallen“ sind, und zur erneuten Inbesitznahme zum (so der Name eines Ladens in Potsdam) „Umverteiler“ gebracht werden.

Auch parallele beziehungsweise alternierende Nutzung ist möglich: bei Werkzeugen beispielsweise, die – anders als ein Buch – nicht irgendwann „ausgebraucht“ sind. In Deutschland finden sich hierfür Nutzungsgemeinschaften, Leihläden (einer Bibliothek entsprechend) sowie offene Werkstätten, ausgestattet mit Werkzeugen für Holz- oder Metallbearbeitung, als Fahrrad- oder Nähwerkstätten oder als sogenannte FabLabs mit 3D-Druckern.

Denn nach dieser Logik sollten auch Produktionsmittel im Besitz jener sein, die sie (ge)brauchen. Alstair Parvin, als frischgebackener britischer Absolvent der Architektur im Krisenjahr 2008 sofort erwerbslos geworden, kritisiert, dass Architekten fast immer nur für das reichste ein Prozent einer Gesellschaft arbeiten, und plädiert dafür, deren Schaffenskraft freizusetzen für die hundert Prozent, indem sie ihre Logik von groß auf klein und von professionell auf amateurhaft verändern. Dabei nimmt er Bezug auf commonsbasierte Peer-Produktion und 3D-Drucker, die eine solche dezentrale Produktion ermöglichen. Mithilfe offener Onlinebibliotheken für die Software lässt sich unter anderem herunterladen, wie ein 3D-Drucker von einem anderen ausgedruckt werden kann. Parvin selbst stellt online Bausätze für Häuser zur Verfügung, die mittels computergesteuerter Zuschneidemaschinen hergestellt werden können, gegebenenfalls aus Sperrholz. Die Lösung für die Frage, wer die Produktionsmittel kontrollieren sollte, sieht er dadurch beantwortet mit: „Niemand. Alle.“[10]

Abgeben, was aus dem eigenen Besitz fällt, weil es über den eigenen Nutzen hinausgeht, lässt sich auch mit dem zweiten Prinzip beschreiben: „Teile, was du kannst“. Dieses Prinzip impliziert darüber hinaus auch das Teilen von Wissen („Wissensallmende“) und das Teilen von Fähigkeiten; dies wiederum geht über in das dritte Prinzip „Beitragen statt Tauschen“.

Beitragen statt Tauschen

Statt die eigenen Fähigkeiten in Quantitäten ummünzen zu müssen, wird in einer commonsschaffenden Peer-Produktion aus einem Bedürfnis heraus aktiv gehandelt; das muss nicht unbedingt Spaß an der Sache bedeuten, sondern es kann auch Verantwortungsgefühl sein. Nicht zufällig sind es überwiegend feministische Theoretikerinnen, die aus der Anerkennung einer fast lebenslangen gegenseitigen Abhängigkeit heraus diese Bandbreite von Motivationen betonen. Die österreichische Commons-Spezialistin Brigitte Kratzwald bringt es auf den Punkt mit „zwischen Lust und Notwendigkeit“;[11] die in der Schweiz lebende Theologin Ina Praetorius bezeichnet solche Handlungsmotivationen als die „Wiederentdeckung des Selbstverständlichen“.[12]

Ohne Tauschlogik muss niemand sich darauf begrenzen, welche Fähigkeiten er oder sie am Markt verwerten kann – entweder beschränkt durch Niedrigqualifikation oder verengt auf eine spezielle Qualifikation, die ein Leben lang ausgeübt werden muss. Es braucht auch niemand in Eigenarbeit alles selbst machen. Aber es wäre ein Ende des „strukturellen Hasses“ auf dem wettbewerbsorientierten (Arbeits-)Markt; ein System struktureller Gemeinschaftlichkeit,[13] indem wir aufbauen auf dem, was andere schaffen. Doch ohne die Enge von Gemeinschaft, und ohne, dass wir bessere Menschen sein müssten. Wir lebten lediglich in einem System anderer Selbstverständlichkeit.

Nicht jede Tätigkeit wäre beliebt, doch abgesehen vom sogenannten Nerd-Law („Given enough people you will find a nerd for every task that has to be done“), dessen Wahrheit sich immer wieder bestätigt findet, gäbe es zahlreiche Möglichkeiten, Tätigkeiten maschinell zu ersetzen, angenehmer zu gestalten, unter allen Betroffenen auszulosen oder auch einfach darauf zu verzichten. Denn wo wir niemanden durch ungerechte Wirtschaftsstrukturen ausbeuten können, wird vielleicht das ein oder andere nicht mehr produziert werden – doch das ist dann eine bewusste Entscheidung.[14]

Auch Sorgetätigkeiten würden mit dem Prinzip „Beitragen statt Tauschen“ abgedeckt, denn die Unterscheidung zwischen produktiven und reproduktiven Tätigkeiten wird in einer commonsschaffenden Peer-Produktion obsolet und damit einer alten feministischen Forderung gerecht. Das ist alles andere als selbstverständlich in Ansätzen alternativen Wirtschaftens. Tätigkeiten wie das Kind zu Bett bringen befinden sich auch in allen noch in Tauschlogik verankerten Entwürfen alternativen Wirtschaftens in einem Dilemma: Entweder werden sie ähnlich wie in der traditionellen Frauenarbeit wieder in die Privatsphäre verschoben und damit nicht als Arbeit gewertet. Oder sie werden, quasi als „Erwerbsarbeit“, in die Tauschlogik einbezogen und damit Rationalisierungsprozessen sowie Entfremdung unterworfen. Welche Folgen das hat, erfahren wir unter heutigen Verhältnissen spätestens im Pflegeheim. Nur in einer Form des Wirtschaftens, in der diese Unterscheidung hinfällig wird, nur dann, wenn Tätigkeiten nicht dem Tauschzwang unterliegen, ist diese Zwickmühle zu lösen.

Commons als Paradigma des 21. Jahrhunderts

Jeremy Rifkin geht davon aus, dass die technologische Entwicklung zum Absterben des Kapitalismus beiträgt. Dies begründet er wesentlich, wenn auch nicht nur, mit den auf (nahezu) null schrumpfenden Produktionskosten für jede weitere Ausbringungseinheit durch eine „Dritte Industrielle Revolution“, wie sie derzeit stattfinde, vor allem in den Bereichen Kommunikation, Energie, Logistik sowie 3D-Druck. Hierdurch spitze sich der fundamentale Widerspruch im Herzen des Kapitalismus zu: Die Steigerung der Produktivität als Motor des Systems bewirke einen gnadenlosen Wettlauf, der an Fahrt gewinne bis zu dem Punkt, an dem die optimale Effizienz und damit der Höchststand der Produktivität erreicht seien. Durch das „Internet der Dinge“ komme es zu einer dramatischen Steigerung von Effizienz und Produktivität, die die Kosten für die Produktion zusätzlicher Einheiten von Gütern und Dienstleistungen, abgesehen von den anfänglichen Investitions- und den Fixkosten, so gut wie eliminierten. Doch wenn Güter und Dienstleistungen „damit praktisch umsonst sind, verliert das kapitalistische System seinen Einfluss auf die Knappheit und damit die Fähigkeit, von der Abhängigkeit eines anderen zu profitieren“; „die Profite trocknen aus, der Austausch von Eigentum auf den Märkten kommt zum Erliegen, und das kapitalistische System geht ein“.[15]

Gleichzeitig zeichne sich, so Rifkin, „in der Abenddämmerung der kapitalistischen Ära“ ein neues Wirtschaftsmodell ab.[16] Was Rifkin an Stelle des Kapitalismus kommen sieht, ist eine Wirtschaft, in der immer mehr Güter und Dienstleistungen durch in Peer-to-Peer-Netzwerken getragene Kommunikation, Energiegewinnung und Produktion entstehen.[17] Auf diese Weise werde die neue Ökonomie – statt durch vertikal integrierte Unternehmen, die auf dem kapitalistischen Markt der Profitlogik folgen – das Gemeinwohl durch lateral integrierte Netzwerke in kollaborativen Commons optimieren.[18] „Das Zusammentreffen von Kommunikations-, Energie- und Logistikinternet in einem Internet der Dinge liefert sowohl das kognitive Nervensystem als auch die physischen Mittel, die ganze Menschheit in einem vernetzten globalen Commons zu integrieren, das die gesamte Gesellschaft umfasst.“[19]

Als Grundgedanken hinter dem Internet der Dinge sieht Rifkin die Optimierung der lateralen Peer-Produktion, universellen Zugang sowie Offenheit für alle, denn der eigentliche Sinn der neuen Technologien bestehe in der Förderung einer Teil- und Tauschkultur: „Kurzum, es deckt sich mit all dem, worum es bei den Commons geht. Es sind eben diese Besonderheiten im Design des Internets der Dinge, die die sozialen Commons aus ihrem Schattendasein holen und ihnen eine Hightech-Plattform geben, die sie zum dominanten ökonomischen Paradigma des 21. Jahrhunderts machen wird. (…) Die Plattform verwandelt jeden in einen Prosumenten und macht jede Aktivität zur Zusammenarbeit. Das Internet der Dinge verbindet potenziell jeden Menschen mit jedem anderen in einer weltumspannenden Gemeinschaft.“[20]

Hier finden sich die oben genannten Prinzipien einer commonsbasierten/-schaffenden Peer-Produktion beziehungsweise Ecommony wieder: Der (weitgehend) offene Zugang setzt das Prinzip des Eigentums (weitgehend) außer Kraft, denn Eigentum, wo nicht gleichzeitig Besitz, definiert sich über den Ausschluss der Nutzung durch andere. Stattdessen wird „geteilt“, im Sinne von zugänglich gemacht, was über den eigenen Gebrauch hinausgeht. Gleichzeitig werden „Prosumentinnen“ aktiv, um – motiviert von Lust und/oder Notwendigkeit – Güter zu erzeugen, die dann wiederum als Commons dienen können.

So sehr sich die vertikal integrierten Monopole der Zweiten Industriellen Revolution des 20. Jahrhunderts auch des Angriffs zu erwehren versuchten, so Rifkin weiter, ihre Bemühungen erwiesen sich als fruchtlos.[21] „Nicht der Markt bändigt die Commons, sondern die Commons werden den Markt bändigen: das ist eine Realität, der sich all die noch werden stellen müssen, die sich der Illusion hingeben, eine Sharing Economy sei eher eine Marktchance als etwas, was den Kapitalismus verschlingt“.[22] Ähnlich wie der oben zitierte Alstair Parvin geht Rifkin so weit zu formulieren: „Die Demokratisierung der Fabrikation bedeutet, dass irgendwann schließlich jeder Zugang zu den Produktionsmittel hat, was die Frage, wer sie besitzen und darüber verfügen soll, irrelevant macht und den Kapitalismus mit ihr.“[23]

Demokratisierung der Fabrikation bedeutet aber nicht, dass alle in ihren eigenen Kellern 3D-Plastikmüll ausdrucken und darauf hoffen, dass andere derweil das gesellschaftlich Notwendige herstellen. Wirtschaft auf die Prinzipien Lust und Notwendigkeit aufzubauen meint auch nicht, im Alltag nach dem Ausschlafen zu überlegen, was getan werden könnte. Doch demokratisches Wirtschaften hebt den Mythos auf, Demokratie sei von Ökonomie zu trennen – mit dieser Begründung verhungern heute täglich Zehntausende, ohne dass davon gesprochen wird, ihr Menschenrecht sei verletzt. Stattdessen braucht es dezentrale, kollaborative, offene Strukturen, in denen Produktionsentscheidungen getroffen und umgesetzt werden, in denen zählt, wer von was wie betroffen ist, und in denen die eigene Stimme an andere delegiert werden kann, aber nicht muss.

Transformation braucht politisches Handeln

Schwups – weg ist es!? So einfach stellt auch Rifkin sich das „Eingehen“ des kapitalistischen Systems nicht vor. Zum einen geht er von einigen Jahrzehnten aus, wobei allerdings seine Zeitangaben schon für die Verdrängung der Zweiten durch die Dritte Industrielle Revolution, also dem Übergang von kapitalintensiver Produktion durch vertikal organisierte Großkonzerne zu kapitalextensiver und dezentraler, vage sind: „höchstwahrscheinlich im Lauf der nächsten drei Jahrzehnte, zumindest teilweise“.[24] Zum anderen lässt sich seinen deutlich zweckoptimistischen Prognosen – die das Potenzial von Entwicklungen aufzeigen – kaum entnehmen, dass es politischen Handelns bedarf, damit dieser Prozess nicht in eine nicht-emanzipatorische Richtung abdriftet, in der beispielsweise Internetmonopole eine beherrschende Stellung einnehmen. Ob die jetzigen Chancen auf eine dezentral-vernetzt produzierende Gesellschaftsform sich verwirklichen können, wird weniger von technologischem Fortschritt als von unserem (politischen sowie alltäglichen) Handeln abhängen. Bei Rifkin heißt es: „Das Ringen zwischen ‚prosumierenden‘ Kollaboratisten und investierenden Kapitalisten gestaltet sich, obwohl noch im Anfangsstadium, zur ökonomischen Entscheidungsschlacht der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts.“[25]

Ein Beispiel hierfür könnte kollaborativer Verkehr werden. Der Vermittlungsdienst Uber wurde in Deutschland aus guten Gründen als wettbewerbswidrig verboten. Doch diese Gerichtsentscheidung ändert nichts an der Tatsache, dass angesichts der technischen Möglichkeiten die Tage des traditionellen Taxis gezählt sind. Es gibt keinen Grund zuzusehen, wie Uber oder ein anderes Unternehmen mit einem neuen kommerziellen Konzept aufwartet – eine von der „Peer-Philosophie“ geschaffene Alternative, die auf Profit verzichtet, ist ökonomisch immer preiswerter und damit konkurrenzfähiger. Theoretisch zumindest: Bei den gegebenen monopolartigen (Macht-)Verhältnissen im Internet ist es mehr als schwierig, gegen ein Unternehmen anzutreten, das wie Uber auf die Infrastruktur des finanziell beteiligten Giganten Google aufbauen kann. Entsprechend betont der Big-Data-Spezialist Evgeny Morozov die Gefahren eines Internets der Dinge. Er benennt zwei problematische Entwicklungen: erstens das social engineering durch Unternehmen: eine intransparente, verdeckte Manipulation der uns verfügbaren Optionen; zweitens die sogenannten wohlgemeinten Schubse durch staatliche Organisationen, um Menschen gemäß ihres vermeintlich eigenen Wohls zu beeinflussen. Aber ebenso kritisiert er die Debatte um Big Data als rückwärtsgewandt in dem Sinne, dass sie auf die Notwendigkeit reduziert geführt werde, private Daten vor Unternehmen oder vor dem Staat zu schützen. Dies sei nicht hilfreich, wenn es um die zukünftige Gestaltung unserer Gesellschaften gehe; darum, „das zu sein, was wir sein könnten“.[26]

Transformation ist „keine Modifikation auf einem längst eingeschlagenen Pfad, sondern ein Pfadwechsel“, betonen Bernd Sommer und Harald Welzer in ihrem Werk „Transformationsdesign“;[27] diese sei immer mit Veränderungen von Machtverhältnissen verbunden. Die anstehende und – so betonen auch sie – erforderliche Transformation werde „weder eine Sache der besseren Technologie noch der überlegenen wissenschaftlichen Befunde und Argumente sein, sondern eine Sache des Durchstehens von Kämpfen und Konflikten“.[28]

Der Politikwissenschaftler Ulrich Brand unterscheidet Transformation von Transition und definiert letztere als „politisch-intentionale Steuerung“; erstere wird dagegen als „umfassender sozioökonomischer, politischer und soziokultureller Veränderungsprozess verstanden, in den Steuerung und Strategien eingehen, der darauf aber nicht reduzierbar ist“.[29] Insofern ist bewusstes Handeln nicht mit Planen zu verwechseln; eine solche Perspektive vergisst darüber hinaus, dass sich Menschen in dem Prozess der Transformation verändern. Der Medien-Ökonom Felix Stalder betont in diesem Sinne, wie sich durch die neuen Möglichkeiten „digitaler Solidarität“ Subjektivitäten verändern. In solchen „strukturellen Erfahrungen der Zusammenarbeit“ sieht er ein Schlüsselelement: „Diese Solidarität ist mehr als nur eine leere Worthülse, sie basiert auf konkreten Alltagserfahrungen, wird durch gemeinsames Handeln gestärkt und ist von der Überzeugung geleitet, dass die eigenen Ziele und Wünsche niemals gegen die anderen, sondern nur durch sie und gemeinsam mit ihnen erreicht beziehungsweise erfüllt werden können. Eine solche Solidarität, die in neue Erzählungen eingebettet ist und neue Horizonte für gemeinsames Handeln eröffnet, kann die Grundlage für neuartige kulturelle, wirtschaftliche und politische Formen abgeben.“[30]

Fußnoten

  • 1. Vgl. Slavoy Žižeks Rede bei Occupy Wall Street, 11.10.2011, »http://www.imposemagazine.com/bytes/slavoj-zizek-at-occupy-wall-street-transcript« (24.7.2015); Jameson, dem das Zitat oft als Urheber zugeschrieben wird, attribuiert es zu „someone“: Frederic Jameson, Future City, in: New Left Review, 21 (2003), »http://newleftreview.org/II/21/fredric-jameson-future-city« (24.7.2015).
  • 2. Jeremy Rifkin, Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus, Frankfurt/M. 2014.
  • 3. Ebd., S. 35.
  • 4. Vgl. Yochai Benkler, Coase’s Penguin, or, Linux and the Nature of the Firm, in: Rishab A. Ghosh (Hrsg.), CODE. Collaborative Ownership and the Digital Economy, Cambridge, MA 2005, S. 169–206.
  • 5. Silke Helfrich, Commons fallen nicht vom Himmel, in: OYA, 20 (2013), »http://www.oya-online.de/article/read/972-commons_fallen_nicht_vom_himmel.html« (24.7.2015).
  • 6. Der Welternährungsspezialist Raj Patel zitiert eine Studie, nach der ein Hamburger statt vier US-Dollar 200 US-Dollar kosten müsste, wenn alle damit verbundenen externalisierten Kosten im Preis berücksichtigt würden. Vgl. Nancy Dunne, Why a Hamburger Should cost 200 Dollars – The Call for Prices to Reflect Ecological Factors, in: Financial Times vom 12.1.1994; Ray Patel, The Value of Nothing – Was kostet die Welt?, München 2010, S. 44.
  • 7. Mit dem Begriff „commoning“ grenzt Linebaugh emanzipatorische Diskussionen hierzu von solchen der Weltbank ab; das ihm zugeschriebene Zitat lässt sich jedoch nicht belegen, anders als häufig angegeben enthält sein Werk The Magna Carta Manifesto: Liberties and Commons for All, Berkeley 2008, nur den Gedanken (S. 278), nicht jedoch das wörtliche Zitat.
  • 8. Friederike Habermann, Halbinseln gegen den Strom. Anders leben und wirtschaften im Alltag, Sulzbach 2009.
  • 9. Vgl. u.a. Laura Hoffmann, Luft als Ware – ein Kampf gegen Windmühlen, 3.6.2015, »http://www.boell.de/de/2015/06/03/luft-als-ware-ein-kampf-gegen-windmuehlen« (24.7.2015). Teilweise handelt es sich bei dem Land um Allmenden (mexikanisch: ejidos). Dies wird hier nicht explizit benannt, ist mir aus meinem jahrelangen Kontakt mit der im Artikel erwähnten Bettina Cruz jedoch bekannt.
  • 10. Alastair Parvin auf einer TED Conference, Februar 2013, www.ted.com/talks/alastair_parvin_architecture_for_the_people_by_the_people (3.8.2015). Vgl. für die Bausätze www.wikihouse.cc; ein ähnliches Beispiel für landwirtschaftliche und andere Maschinen findet sich unter http://opensourceecology.org.
  • 11. Brigitte Kratzwald, Das Ganze des Lebens. Selbstorganisierung zwischen Lust und Notwendigkeit, Sulzbach 2014.
  • 12. Ina Paetorius, Wirtschaft ist Care oder: Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen, Berlin 2015.
  • 13. Vgl. Stefan Meretz, Ubuntu-Philosophie. Die strukturelle Gemeinschaftlichkeit der Commons, in: Silke Helfrich/Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.), Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, Bielefeld 2012, S. 58–65.
  • 14. Wer sich ausrechnen möchte, wie viele Menschen im gegebenen System ihre Lebenszeit für unseren jeweiligen individuellen Wohlstand eintauschen müssen, kann sich dies mit Hilfe der Webseite »http://slaveryfootprint.org« errechnen. Als in Deutschland Lebende auf unter zwanzig slaves zu kommen, ist sicher selten.
  • 15. J. Rifkin (Anm. 2), S. 397, S. 107.
  • 16. Ebd., S. 21.
  • 17. Vgl. ebd., S. 99.
  • 18. Vgl. ebd., S. 100.
  • 19. Ebd., S. 325
  • 20. Ebd., S. 36.
  • 21. Vgl. ebd., S. 100.
  • 22. Ebd., S. 336.
  • 23. Ebd., S. 139.
  • 24. Ebd., S. 133.
  • 25. Ebd., S. 254.
  • 26. Evgeny Morozov, „Ich habe doch nichts zu verbergen“, in: APuZ, (2015) 11–12, S. 3–7, hier: S. 3.
  • 27. Bernd Sommer/Harald Welzer, Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München 2014, S. 222.
  • 28. Ebd.
  • 29. Ulrich Brand, Transition und Transformation, in: Michael Brie/Mario Candeias (Hrsg.), Transformation im Kapitalismus und darüber hinaus. Beiträge zur Ersten Transformationskonferenz des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin 2012, S. 49–69, hier: S. 52.
  • 30. Felix Stadler, Digitale Solidarität, Berlin 2014, S. 19, »http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Analysen/Analysen_DigitaleSoli.pdf« (24.7.2015).

Kategorien: Commons, Eigentumsfragen, Praxis-Reflexionen, Theorie

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6. September 2015, 12:57 Uhr   1 Kommentar

1 Christian Siefkes (10.09.2015, 18:59 Uhr)

Ich muss sagen, dass ich Rifkins Vision eines langsamen „Absterbens des Kapitalismus“, in dem er ganz harmonisch und ohne gewaltige Konflikte immer weiter zusammenschrumpft, nicht besonders überzeugend finde. Rifkin vergisst, dass Kapitalismus ja bedeutet, Kapital (Geld) immer weiter zu verwerten und damit zu vermehren. Ein langsames Schrumpfen des Kapitalismus würde bedeuten, dass immer weniger Kapital verwerten werden kann — was wird dann aus dem anderen?

In Wirklichkeit würde ein solches Schrumpfen äußerst konfliktreich ablaufen — einerseits würde es ein gewaltiges Hauen und Stechen zwischen den Kapitalist_innen geben um die kleiner werdenden Bereiche, in denen erfolgreiche Kapitalvermehrung noch möglich scheint. Ausgetragen würde dieser verschärfte Konkurrenzkampf zwangsläufig auf dem Rücken der Beschäftigen und auf Kosten der Natur, die weiteren Verwüstungen ausgesetzt würde. Andererseits würden die Kapitalist_innen ihren ganzen beträchtlichen Einfluss einsetzen, um die commonsbasierten Alternativen, die ihr Geschäftsmodell bedrohen, einzudämmen und möglichst zu zerstören.

Ich will nicht sagen, dass eine solche sich verschärfende Konkurrenzsituation zwischen Kapitalismus einerseits und Commonismus andererseits nicht denkbar ist und dass sich die Commoners nicht zu guter Letzt durchsetzen könnten. Aber Rifkins Vorstellung einer harmonischen Koexistenz der zwei unterschiedlichen Paradigmen ist ganz und gar unplausibel.

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