Stigmergie (von GeorgieBC)

[Deutsche Fassung des Textes Stigmergy von GeorgieBC, Lizenz CC-by-nc-sa, zur Übersetzung vgl. Anmerkung]

Stigmergy ist ein Mechanismus indirekter Koordination zwischen Beteiligten oder Aktivitäten. Das Prinzip basiert darauf, dass eine in einer Umgebung gelegte Spur die Ausführung der nächsten Aktivität anregt — durch die gleiche oder eine andere Beteiligte. Auf diese Weise tendieren die jeweils nachfolgenden Aktivitäten dazu, sich zu verstärken und aufeinander aufzubauen, was zu einer spontanen Emergenz kohärenter und offensichtlich systematischer Aktivitäten führt. Stigmergie ist eine Form der Selbstorganisation. Sie erzeugt komplexe, offensichtlich intelligente Strukturen ohne jeglichen Bedarf nach Planung, Kontrolle oder auch direkter Kommunikation zwischen den Beteiligten. — Wikipedia (en)

Ein personenbasiertes System kann ohne Repräsentation niemals eine massenhafte Zusammenarbeit im globalem Maßstab ermöglichen, wie das bei solchen Organisationen wie den Vereinten Nationen zu sehen ist. Wenn sich die Welt von Repräsentation weg bewegen und es allen Stimmen ermöglicht werden soll, gehört zu werden, dann brauchen wir ideen- und aktionsbasierte Methoden der Zusammenarbeit. Konzentrische Nutzer_innen-Gruppen bestehend aus epistemischen Gemeinschaften und Wissensbrücken könnten für ideenbasierte Systeme funktionieren; für die Aktivitäten ist Stigmergie die beste Option.

Gegenwärtig ist die typische Reaktion auf eine Situation, die eine Aktivität erfordert, die Bildung eines Komitees, einer Komission, einer Organisation, eines Unternehmens, einer NGO, einer Regierungsbehörde etc. Viel zu oft findet die Aktivität überhaupt nicht statt, wenn der Fokus stets auf die Organisation und involvierten Personen gerichtet ist.

Die meisten Systeme werden gegenwärtig von konkurrierenden Organisationen betrieben. Konkurrenz erzeugt Redundanz, ist langsam und verschwendet Ressourcen für den Schutz von Ideen, Werbung und mehr. Konkurrenz benötigt außerdem Geheimhaltung, was Fortschritt blockiert und Überwachung erfordert, und führt zum Verlust von Möglichkeiten und Ideen. Patente und Copyrights begrenzen ferner die Geschwindigkeit und das Potenzial, massenhaften Input von Ideen zu nutzen. Eine Zusammenarbeit zwischen den Menschen mit der größten Expertise findet nicht statt, sofern sie nicht vom gleichen Projekt angestellt werden.

Die Alternative zur Konkurrenz ist traditioneller Weise die Kooperation. Diese ist nur für Gruppen mit zwei bis acht Menschen das effektivste Mittel. Für Gruppen mit mehr als 25 Leuten funktioniert Kooperation quälend langsam. Fragen der Aufgabenverteilung degenerieren schnell zu endlosen Diskussionen und faulen Kompromissen, sind extrem anfällig für Provokateure und bringen nur sehr selten irgendetwas Nützliches hervor. Kooperation operiert traditonell auf Basis demokratischer Prinzipien, wonach alle Stimmen gleichberechtigt sind, so dass Leiter_innen oder Nutzer_innen mit größerer Expertise, Energie oder Einblick nicht mehr Einfluss haben als periphere Personen. Kooperation verschwendet durch Diskussionen und Diskussionen über Diskussionen Zeit und Ressourcen in großem Ausmaß. In aktionsbasierten Systemen sind solche Diskussionen nur selten erforderlich, da die Meinung derjenigen, die nicht die Arbeit erledigen, von geringem Wert ist — es sei denn, sachkundige und vertrauenswürdige Personen werden um Rat gebeten.

Kooperations- und Konsens-Systeme werden gewöhnlich von extrovertierten Persönlichkeiten dominiert, die danach streben, die Arbeit anderer zu kontrollieren, was ihnen zu recht von jenen verübelt wird, die tatsächlich die Arbeit machen. Den meisten Beteiligten gefällt ein hierarchisches System nicht (vgl. die folgende Grafik), da sie Autonomie, Steuerung und die kreative Kontrolle über ihre eigene Arbeit verlieren. Das Gefühl am unteren Ende verändert sich nicht — egal, ob die Entscheidungen von einer horizontalen oder hierarchischen Struktur getroffen werden. Kooperative Systeme nutzen häufig Konsens oder Abstimmungen, um Entscheidungen für die ganze Gruppe zu treffen. Solche Methoden erzeugen nicht die besten Ergebnisse, da viele Leute die Tätigkeiten, die sie nicht selber tun, nicht verstehen, und dann Dinge fordern, die sie niemals selber tun würden. Konsensbasierte Systeme neigen ferner dazu, sich die Anerkennung für individuelle Ideen und Tätigkeiten kollektiv anzueignen, was weitere Verstimmungen hervorruft.

Hierarchisches System (Klicken zum Vergrößern)

hierarchical system

Konsens-Hierarchie (Klicken zum Vergrößern)

consensus hierarchy

In der folgenden Stigmergie-Grafik haben alle Aktiven die volle schöpferische Autonomie. Die Macht der Nutzer_innen-Gruppe liegt in der Fähigkeit, die Arbeit zu akzeptieren oder abzulehnen. Da es keine offiziell für eine Aufgabe ernannte Person gibt, haben die Nutzer_innen uneingeschränkt die Möglichkeit, Alterativen zu schaffen, falls sie nicht mögen, was andere angeboten haben. Alle haben unabhängig von Akzeptanz oder Ablehnung die schöpferische Freiheit. In der Grafik unten könnten einige Arbeiten von der größten Gruppe akzeptiert werden, einige Alternativen von einer anderen Nutzer_innen-Gruppe, einige nur von einer kleinen Gruppe, und manchmal bleibt die Kreative allein mit ihrer Vision. In allen Fällen haben die Kreativen die Freiheit das herzustellen, das sie wünschen. Die Geschichte hat gezeigt, dass sich keine wirklich innovativen Ideen unmittelbar im Mainstream durchsetzen, und die Geschichte zeigt auch, dass radikal neue Ideen am häufigsten das Ergebnis einer solitären Vision sind. Die Kontrolle dem Gruppenkonsens zu überlassen, bedeutet nur, die Innovation zu lähmen.

Stigmergy (Klicken zum Vergrößern)

stigmergy

In einer konkurrenzförmigen Umwelt wird eine neue Idee eifersüchtig gehütet, rechtlich geschützt und geheim gehalten. Großer Aufwand wird betrieben, um Unterstützer_innen für die Idee zu finden, während gleichzeitig die Idee mittels rechtlicher Schutzmaßnahmen wie Geheimhaltungsvereinbarungen weggesperrt wird. Die Idee bleibt untrennbar mit der Schöpfer_in verbunden bis sie rechtlich zu einer anderen Eigentümer_in übertragen wird. Alle Beitragenden arbeiten für die Eigentümer_in und nicht für die Idee. Beitragende müssen dann durch die Eigentümer_in honoriert werden, was das Entwicklungspotenzial weiter begrenzt und mehr Ressourcen für rechtliche Vereinbarungen, Prozesse etc. verschwendet. Beitragende haben kein eigenes Interesse daran, ob das Projekt erfolgreich ist oder scheitert, und keine Motivation mehr beizutragen als das, wofür sie bezahlt werden.

Wenn die Idee stattdessen in kooperativer Weise entwickelt wird, muss sie zunächst durch eine Initiator_in in die Welt gesetzt werden, die dann eine Gruppe davon zu überzeugen versucht, die Idee zu übernehmen. Die Gruppe muss mit der Idee und jedem Schritt ihrer Weiterentwicklung übereinstimmen. Der Hauptteil der Energie wird für Kommunikation, Überzeugung und personalem Management verwendet, und die Arbeitsumgebung ist mit Auseinandersetzungen und Machtkämpfen belastet. Weil das Projekt von einer — wenn auch kooperativen — Gruppe betrieben wird, steht es weiterhin in Konkurrenz zu ähnlichen Projekten und verschwendet weiter Energie für Geheimhaltung, Missionierung usw. Sowohl konkurrenzförmige wie kooperative Projekte sterben, wenn sich die Gruppe, die das Projekt betreibt, zurückzieht. Bei beiden Projekttypen werden Beitragende aufgrund der Persönlichkeiten in der bestehenden Gruppe angezogen oder abgestoßen. Beide sind hierarchische Systeme, in denen Einzelne jeweils um die Erlaubnis nachsuchen müssen, etwas beitragen zu dürfen. Beide fokussieren auf die Autorität von Personen, um eine Entscheidung zu verbessern, anstatt sich auf die Idee oder Aktivität selbst zu konzentrieren.

Stigmergie ist weder konkurrenzförmig noch im traditionellen Sinne kollaborativ.

Bei der Stigmergie ist eine initiale Idee vorhanden, und das Projekt wird durch diese Idee und nicht durch Personen oder eine Gruppe von Personen angetrieben. Niemand benötigt eine Erlaubnis (Konkurrenz) oder einen Konsens (Kooperation), um eine Idee vorzuschlagen oder ein Projekt zu initiieren. Es gibt keinen Grund die Idee zu diskutieren oder über sie abzustimmen. Wenn die Idee spannend oder notwendig ist, wird sie auf Interesse stoßen. Das Interesse kommt von Leuten, die im System eingebunden und die bereit sind, Aufwand in das Projekt zu stecken, um es weiter zu bringen — statt leere Aussagen von Leuten mit geringem Interesse oder Engagement. Da geleistete Beiträge und nicht leere Versprechungen über das Fortkommen oder Scheitern des Projekts entscheiden, hat der Input von Leuten mit größerer Bindung an die Idee auch größeres Gewicht. Die Stigmergie ermöglicht Einzelnen die Kontrolle über ihre Arbeit. Sie brauchen keine Erlaubnis von der Gruppe, die ihnen sagt, was sie tun sollen oder wo sie einen Beitrag leisten können.

Es könnte sein, dass die Initiator_in der ursprünglichen Idee die Aufgabe nicht weiterführen will. Eine Gruppe, die sich für die Idee begeistert, könnte freiwillig für sie werben, unabhängig davon, ob sie diejenigen sein werden, die die Idee umsetzen oder nicht. Es ist unnötig, eine initiale Förderung oder Unterstützer_innen zu suchen. Wenn die Idee gut ist, wird sich die erforderliche Unterstützung finden. (In der Praxis stimmt das nicht, da nur wenige Menschen freie Zeit für freiwillige Projekte haben, weil die meisten innerhalb des bestehenden Finanzsystems in erzwungene Arbeiten eingebunden sind. Darüber hinaus leben wir noch in einem personengesteuerten System, in dem nur mächtige Personen gehört werden.) Geheimhaltung und Konkurrenz sind unnötig, da eine Idee, die einmal in der Welt ist, samt aller neuen Entwicklungen allen zur Verfügung steht, die mit ihr arbeiten wollen. Jede Aktive kann Beiträge zur Prüfung einreichen, die Idee kann nicht sterben oder von Personen zurückgehalten werden. Akzeptanz oder Ablehnung bezieht sich auf den Beitrag, nicht auf die beitragende Person. Alle Ideen werden auf Grundlage der Bedürfnisse des Systems angenommen oder abgelehnt.

Verantwortung und Rechte für das System verbleiben bei der gesamten Nutzer_innengruppe, nicht bloß bei den Schöpfer_innen. Es ist nicht nötig, das System aufgrund persönlicher Konflikte zu verlassen, da es keine Kommunikationsnotwendigkeit jenseits der Aufgabenfertigstellung gibt, und es gibt eine Menge von Jobs mit vollständiger Autonomie. Da niemand Eigentümer_in des Systems ist, ist es nicht notwendig, eine konkurrierende Gruppe zu starten, um die Eigentümerschaft zu einer anderen Gruppe zu verschieben.

Stigmergie bietet für Provokateur_innen wenig Angriffsfläche, da es nur um die Erfordernisse des Systems geht. Arbeitet jemand gegen die Systemfunktionen, so ist diese Person viel leichter zu sehen und zu stoppen als eine, die das Vorankommen durch endlose Diskussionen und Inszenierung persönlicher Konflikte blockiert. Weil das System allen gehört, gibt es keine einzelne Leiter_in als Angriffsziel.

Knoten

Wenn die Arbeit voranschreitet und Kernteam und Mitgliederzahl wachsen, entwickeln sich mehr interessante und engagierte Persönlichkeiten, deren Ausrichtung sich herauszubilden beginnt. Besondere Entwicklungen zeigen sich rund um das Kernteam, da dieses am meisten Arbeit leistet, was von der Nutzer_innengruppe anerkannt wird. Systeme jenseits eines bestimmten Komplexitätsniveaus verlieren in dem Maße Kohärenz, wie sich Energie und Fokus der Gruppe entsprechend der Interessen des Kernteams und der Verfügbarkeit von Ressourcen verengen. Teile des ursprünglichen Systems könnten ungetan liegen bleiben.

In dem Maße wie neue Mitglieder hinzu kommen, erleben auch mehr Mitglieder Frust über begrenzte Nützlichkeit oder Autonomie. Einige dieser Mitglieder werden sich für die ungetanen Aufgaben interessieren und mit ähnlich gesinnten Mitgliedern und neuen Leuten neue Knoten gründen, um sich um die ungetane Arbeit zu kümmern. Alternativ dazu werden Gelegenheits-Nutzer_innen und Beobachter_innen des Systems, die weniger Wünsche oder Expertise haben, um beim ursprünglichen System aktiver einzusteigen, neue Knoten gründen, um neue Bedürfnisse einzubringen. Im Vergleich zum traditionellen Unternehmensmodell der endlosen Akquisition und Expansion fördert Stigmergie die Aufspaltung in verschiedene Knoten. Weil jede Einzelne für ihre eigene Arbeit verantwortlich ist und niemand eine Gruppe von Arbeitenden dirigieren kann, bedeutet Expansion mehr Arbeit für die Einzelne — eine selbstbegrenzende Perspektive. In dem Maße wie das System wächst, erfordert zusätzliche Arbeit entweder zusätzliche Ressourcen oder eine Aufspaltung. Da die Kommunikation leichter und die Autonomie in kleinen Gruppen höher ist, ist die Aufspaltung die wahrscheinlichere Folge des Wachstums.

Kommunikation zwischen den Knoten eines Systems findet so statt wie sie gebraucht wird. Transparenz ermöglicht den freien Fluss der Information zwischen den verschiedenen Knoten, wobei eine formale Beziehung zwischen den Knoten oder eine Kommunikationsmethode weder notwendig noch wünschenswert ist. Das Teilen der Information wird durch die Information angetrieben, nicht durch personale Beziehungen. Wenn Daten für mehrere Knoten relevant sind, werden sie sofort an alle übertragen. Formale Treffen zwischen offiziellen Personen sind nicht notwendig.

Jeder Knoten kann verschwinden ohne das Netzwerk zu beeinflussen, und die verbleibende notwendige Funktionalität dieses Knotens kann von anderen übernommen werden. Knoten, die feststellen, dass sie die gleichen Aufgaben erledigen, werden sich vermutlich zusammenschließen oder ein Knoten wird aufgrund fehlender Nutzung überflüssig. Neue Knoten werden nur gebildet, um ein neues Bedürfnis zu erfüllen oder um eine größere Funktionalität zu bieten. Es ist ineffizient, die gleiche Aufgabe zwei Mal auszuführen, und das passiert nur, wenn eine zweite Gruppe eine alternative Methode entdeckt, die die erste Gruppe nicht übernehmen will. In diesem Fall wird das beste System die größte Unterstützung der Nutzer_innen-Gruppe gewinnen, das andere wird sterben oder als wertvolle Alternative bestehen bleiben. Jede Nutzer_in kann zu dem Knoten beitragen, der am besten mit ihren Interessen und Fähigkeiten übereinstimmt, oder auch zu mehreren Knoten.

Die Zukunft

Ein neues System der Steuerung oder Kollaboration, das nicht dem konkurrenzförmigen hierarchischen Modell folgt, muss Stigmergie in den meisten seiner aktionsbasierten Systeme einsetzen. Es ist weder vernünftig noch wünschenswert, individuelle Gedanken und Aktionen einem Gruppenkonsens unterzuordnen in Bereichen, die die Gruppe nicht betreffen, und es ist offen gesagt unmöglich komplexe Aufgaben zu erledigen, wenn jede Entscheidung zur Prüfung vorgelegt werden muss — das ist die größte Schwäche des hierarchischen Modells. Der unglaubliche Erfolg so vieler Projekte ist das Ergebnis von Stigmergie, nicht Kooperation, und es ist Stigmergie, die uns helfen wird, schnell und effizient Ergebnisse zu produzieren, die weit besser sind als alles, was wir derzeit absehen können.

Anmerkung des Übersetzers

Für die Übersetzung verwendete ich das generische Femininum mit Gender Gap, Männer sind stets mitgemeint. Der englische Originaltext ist sehr systemisch und verdinglichend geschrieben. So wird das Wort »System« kontextabhängig in variablen Bedeutungen benutzt: als soziale Umgebung, als Organisation, als Projekt, als Knoten, als Summe von Knoten etc. Aus dem Kontext sollte sich die Bedeutung erschließen. Abweichend von der identischen Übernahme des Worts »Systems«, habe ich mich sonst teilweise für eine etwas freiere Übersetzung entschieden, um den Sinn besser ausdrücken zu können. Grundsätzlich gehen Fehler der Übersetzung allein auf meine Kappe — Stefan Meretz.

9 Kommentare

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