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Die lange Welle bricht

Ich beschäftige mich ja seit einiger Zeit mit der Theorie der langen Wellen. Ursprünglich wurde mein Interesse geweckt durch Überlegungen, dass es eine langfristige Auswirkung von Moores Law auf die gesamte Wirtschaft – und nicht nur den IT-Sektor – geben könnte. Meine erste These war, dass Moores Law das Ufer ist an dem die lange Welle bricht, ich hab das damals ökonomische Singularität genannt.

Ich bin dann zwischenzeitlich davon wieder abgekommen, weil bis vor kurzem die lange Wellen Voraussage einfach zu gut auf die Wirklichkeit gepasst hat. So schrieb Joshua Goldstein 2005:

„Historically, interest in long waves has waxed and waned, with greatest interest during bad times when the idea of a cycle suggest a brighter future. During good times, interest in cycles diminishes, since a cycle theory suggests that the good times will not last. This, sadly, is exactly the conclusion I draw regarding the good times of the 1990s. I hope I am wrong, but the long wave sequence leads to the depressing thought that the peace and prosperity of the 1990s may be the best conditions we are going to see for decades. I have elsewhere pointed to the dangers of a coming up-tick in inflation as the costs of the War on Terror begin to hit home in the coming years.“

Was erstaunlich korrekt ist und schon aus seinen Vorrausagen in den 80er-Jahren ableitbar. Doch dann geht es weiter:

„On the bright side, the war danger that I associate with the 2020s is still decades away, and perhaps tractable as world politics evolves. Meanwhile there could be much economic growth still to enjoy, at least for those with long-term fixed-rate mortgages who will be positioned to ride out a new round of inflation.“

Und das ist genau der Punkt an dem ich jetzt glaube, dass es so nicht mehr stimmen kann. „Meanwhile there could be much economic growth still to enjoy“ ist einfach aus der aktuellen Lage sehr unwahrscheinlich, denn seit ein paar Tagen wird immer absehbarer dass der globale Kapitalismus gerade in eine Krise schlittert die mindestens so groß ist wie die Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.

Also ist vielleicht doch was dran an meiner ursprünglichen These: Moores Law erfasst immer größere Bereiche der Wirtschaft und bricht damit die lange Welle. Manchmal ist der erste Gedanke wohl doch der beste.

Diese Frage ist für uns von enormer Wichtigkeit weil es darum geht über welchen zeitlichen Rahmen wir hier eigentlich reden. Geht es darum innerhalb von 5 Jahren eine neue Gesellschaft bauen zu können/wollen/müssen oder doch eher um 500 Jahre? Daraus folgt natürlich enorm viel für unsere persönliche Betroffenheit. Das ist der Punkt an dem sich Theorie und Praxis gute Nacht sagen. Wenn sich nun aber an Moores Law die lange Welle bricht heißt das wohl, dass sich in den nächsten 50 (oder gar 5?) Jahren entscheidet, wie die nächsten 500 Jahre aussehen werden. (Was im übrigen auch das ist, was Wallerstein aus einer anderen Perspektive vertritt.)

Kategorien: Feindbeobachtung, Praxis-Reflexionen, Theorie

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26. September 2008, 10:33 Uhr   9 Kommentare

1 Christian Siefkes (26.09.2008, 11:24 Uhr)

Also ich finde es ja schon eine seltsame These zu postulieren, dass entweder die Lange-Wellen-Theorie stimmt oder der Kapitalismus aufgrund von Moore’s Law zusammenbrechen müsse – das ist eine falsche Dichotomie, weil sie übersieht, dass es ja noch allerhand andere Möglichkeiten gibt (dass es Lange Wellen als generelles und vorhersagefähiges Phänomen nicht gibt, der Kapitalismus aber auch noch nicht vorm Zusammenbruch steht, z.B.).

Aber nehmen wir mal die Lange-Wellen-Theorie in der von Goldstein formulierten Variante an: da scheinen mir die aktuellen Entwicklungen durchaus gut zu passen. Laut deinem Konspekt setzt er den letzten through (Tiefpunkt) einer Langen Welle um 1940 an (danach ging es wieder lange aufwärts), den letzten Produktionspeak (Hochpunkt) um 1968 (danach ging es abwärts). Also wenn die jetzige Krise den nächsten Tiefpunkt darstellt – knapp 70 Jahre nach dem letzten – würde das durchaus gut in die Lange-Wellen-Theorie passen.

2 benni (26.09.2008, 11:38 Uhr)

Also zunächst mal prognostiziere ich nicht das Ende des Kapitalismus. „Ökonomische Singularität“ sagt nur, dass es ein Punkt in der Geschichte ist an dem alles passieren kann.

Der Tiefpunkt war ja aber schon 1980 laut Goldstein. 70 Jahre wäre ausserdem der längste Zyklus aller Zeiten. Was ja dann auch schon eine Aussage wäre…

3 Christian Siefkes (26.09.2008, 12:14 Uhr)

@benni:

Der Tiefpunkt war ja aber schon 1980 laut Goldstein.

Huch? In deinem Konspekt steht aber 1968/1980 als peak (Hochpunkt) verzeichnet. Ja was denn nun?

Aber wenn 1980 schon der Tiefpunkt war, dann könnte mal wohl 2000 als nächsten Hochpunkt auffassen – seitdem ging’s tendenziell abwärts. Das schöne an den Langen Wellen ist, dass man sie anscheinend fast nach Belieben legen kann – der Nachteil ist natürlich, dass das ihre Vorhersagefähigkeit dann auch stark reduziert 😉

4 benni (26.09.2008, 12:25 Uhr)

@Christian: Ja, sorry. Ich hab „Stagnation“ mit „through“ verwechselt. Erstere startet mit dem Price-Peak, der war 1980. Das ändert aber nix dran, dass wir gerade eigentlich in einer „expansion“-Phase sein müssten.

Generell stimmt es natürlich, dass man die lange-Wellen-Theorie nicht wirklich zur Vorraussage benutzen kann. Ich denke aber schon, dass sie im Rückblick in der Variante von Goldstein im wesentlichen stimmt und dass das was über den Kapitalismus aussagt.

Nochmal zum Dichotomie-Vorwurf: Klar, Vorraussetzung war, dass man Goldsteins Theorie für im wesentlichen richtig hält. Wenn Goldstein aber recht hätte und wenn die momentane Krise nicht nur eine momentane ist, sondern eine in der Größenordnung der 30er Jahre und wenn das widerum seiner Theorie widersprechen würde, dann könnte man folgern, dass die langen Wellen brechen. Zugegeben ziemlich viele wenns 😉 Wirklich wissen wird man das vielleicht erst in 10 Jahren oder so.

5 Annette (29.09.2008, 18:57 Uhr)

Hallo WellenreiterInnen… 😉

Die Bemerkung von Benni („Diese Frage ist für uns von enormer Wichtigkeit weil es darum geht über welchen zeitlichen Rahmen wir hier eigentlich reden. „) macht mir auch wieder deutlich, warum mir so unwohl dabei ist. Ich denke, die Theorie der Langen Wellen sagt dazu recht wenig. Aussagen über den zeitlichen Rahmen können wir nur mit Hilfe der Beurteilung der konkreten Prozesse machen, also mit konkreten ökonomischen, politischen und ökologischen Analysen. Rein ökologisch (Klimaveränderung) ergibt sich auf jeden Fall, dass in den nächsten bis 50 Jahren etwas Maßgebliches passiert, denn ein „Weiter so“ ist unter diesen Umständen definitiv nicht möglich. Allein die Ernährungssicherheit geht verloren, wie da eine kapitalistische Umstrukturierung gelingen soll, ist unklar (sie haben ja noch nicht mal Pläne dafür). Das heißt natürlich nicht, dass dann automatisch die guten Zeiten kommen, sondern es kann eine ganz lange Zeit schlimmes Elend und Barbarei mit Kämpfen „Jeden gegen Jeden“ geben (vgl. die Endzeitsituation in „Malevil“, wo die Überlebenden ihr Weizenfeld mit Waffengewalt gegen hungernde „Plünderer“ verteidigen müssen, wenn sie nicht selbst verhungern wollen).
Auch die Ertragbarkeitsschwelle für Menschen ist nicht in Langen Wellen errechenbar, da kann manchmal ganz schnell was passieren und ich glaube nicht, dass man das mathematisch in solche Rhythmen wie die Langen Wellen der Ökonomen (oder eben der Global-Scaling-Leute) reinfitten kann oder überhaupt versuchen sollte…

Ahoi Annette

6 benni (29.09.2008, 21:16 Uhr)

@Annette: Moores Law ist doch ein konkreter Prozeß. Ich nehme die Lange Wellen ja nicht als für immer gegeben an. Mir gehts ja gerade darum konkrete aktuelle Prozesse dingfest zu machen in dem ich sie an dieser Theorie messe.

7 Die sechs Stufen der Krise — keimform.de (23.10.2008, 10:54 Uhr)

[…] eins langen Zyklus (Stufe 3). Das interessante daran ist, dass diese lange Welle dann insgesamt extrem kurz war, es wäre die kürzeste in der Geschichte des […]

8 Martin (23.12.2009, 18:32 Uhr)

Karl Heinz Roth hat jetzt ein Buch rausgebracht, das die langen Wellen auf die aktuelle Krise anwendet. Laut Roth erleben wir das Ende eines Akkumulationszyklus (seit ca. 1967), die Krise ist eine für das Wellenende typische Überakkumulationskrise. Könnte ganz interessant sein …

9 Projektpartner_innen gesucht « Bedeutungswirbel (28.04.2012, 14:45 Uhr)

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