Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Aufstand und Konstruktion

Plakat von Crimethinc

Seit der Schwarze US-Amerikaner George Floyd am 25. Mai in Minneapolis vom Polizisten Derek Chauvin und seinen Kollegen umgebracht wurde, tobt in den USA ein Aufstand von einem Ausmaß, das es seit Jahrzehnten, seit der Ermordung Martin Luther Kings nicht mehr gegeben hat. Es gibt sowohl Demonstrationen als auch militante Auseinandersetzungen mit der Polizei und Plünderungen. Der Rückhalt, den diese Aktionen in der US-Bevölkerung haben, ist erstaunlich. So gaben bei einer repräsentativen Umfrage 54% der Befragten an, dass sie das Anzünden der Polizeiwache in Minneapolis gerechtfertigt finden (Quelle). Während Trump wenig überraschend eine harte Linie fährt, hat der Stadtrat von Minneapolis beschlossen, seine Polizeibehörde aufzulösen – die Bewegung zeigt also schon deutliche Erfolge. Auch in Deutschland gab es am vergangenen Wochenende Massenproteste in Solidarität mit der „Black Lives Matter“-Bewegung, die auch rassistische Polizeigewalt hierzulande thematisierten.

Das alles findet inmitten einer immer noch anhaltenden Pandemie statt, doch die überwiegende Mehrzahl der Protestierenden trägt Mund-Nasen-Schutz-Masken und versucht auch sonst, Hygiene-Maßnahmen einzuhalten. Auch wenn Massenansammlungen aus epidemologischer Sicht noch nach wie vor kritisch zu sehen sind, muss dem Fakt Rechnung getragen werden, dass es neben dem Covid19-Virus eben auch noch andere tödliche Gefahren gibt, die es zu bekämpfen gilt – und Rassismus ist eine davon.

Um diese Bewegung zu verstehen, muss man auch den ökonomischen Kontext verstehen, in dem sie stattfindet. Denn Rassismus ist nicht nur eine Ideologie, die sich durch mehr Antirassismus-Trainings, etwa für Polizist*innen, auflösen könnte, sondern hat eine materielle Basis in der kapitalistischen Produktionsweise. Er ist das Schmiermittel, das die Ausplünderung des globalen Südens, rassistische Arbeitsteilung und die Differenz von Ausbeutung und Überausbeutung legitimiert. Dieser Zusammenhang ist von materialistischen Antirassist*innen herausgearbeitet worden, und wird etwa sehr gut in Bafta Sarbos Vortrag zur Einführung in die materialistische Rassismuskritik dargestellt.

Rassismus reproduziert sich selbst, indem Kolonialismus und Sklaverei ungleiche Ausgangsbedingungen geschaffen haben, die zu Ungleichheitsverhältnissen führen, die mit rassistischer Ideologie gerechtfertigt werden, welche wiederum diese Ungleichheitsverhältnisse zementiert.

Somit sind vor allem Schwarze und People of Color von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen und können ihre Existenzgrundlage öfter als Weiße nicht innerhalb des legalen Rahmens sichern, was sie wiederum häufiger Polizeigewalt aussetzt. In dieser Gewalt können Polizist*innen dann wiederum ihre rassistischen Affekte ausleben. Auch George Floyd wurde festgenommen, weil er verdächtigt worden war, mit einem gefälschten 20$-Schein bezahlt zu haben.

Diese Verhältnisse werden verschärft durch die Corona-Pandemie: In den USA sterben verhältnismäßig mehr Schwarze an der Pandemie, u.a. weil sie schlechteren Zugang zum Gesundheitssystem haben, und viele sind in Folgen des Lockdowns und der Wirtschaftskrise arbeitslos geworden.

Während die Bewegung derzeit durchaus Erfolge erzielt, wie etwa die Verhaftung des Täters Derek Chauvin oder die Entscheidung des Stadtrates von Minneapolis, seine Polizeibehörde aufzulösen, wird wohl der Rassismus und die Polizeigewalt, der Schwarze Communities ausgesetzt sind, erst verschwinden können, wenn auch der Kapitalismus überwunden wird. Um Strategien entwickeln zu können, wie diese Überwindung real werden kann, braucht es eine Vermittlung zwischen den bisher eher abstrakten Überlegungen zur Überwindung bzw. Aufhebung des Kapitalismus und den konkreten Kämpfen der Menschen, die derzeit unter diesen Verhältnissen leiden und gegen sie aufstehen.

Zu den eher abstrakten Überlegungen gehört die Keimform-Theorie, die betont, dass eine neue Re/Produktionsweise (je nach bevorzugter Schreibweise Kommunismus oder Commonismus) nicht einfach vom Himmel fällt, sondern sich ihre Vorformen (die Commons) bereits in der alten Gesellschaft entwickeln und dann im Dominanzwechsel gegenüber der alten Form (der Warenform) dominant werden und diese verdrängen. Noch nicht ganz klar ist bisher, wie dieser Dominanzwechsel aussehen kann und damit zusammenhängend, wie viel und was genau bereits vorher aufgebaut/konstruiert werden muss. Aufgrund der – sehr wichtigen – Betonung der Konstruktion, fehlt in deutschsprachigen Commons-Kontexten oftmals ein Blick für soziale Kämpfe, der bisweilen hin zu einem weltfremden Pazifismus führt. Der Dominanzwechsel wird dann entweder gedacht als das Ergebnis einer friedlichen Ausdehnung der Commons oder als Gelegenheit einer tiefgreifenden Krise, in der die alten Formen nicht mehr funktionieren und sich deshalb die Commons-Form verallgemeinern kann. Während der erste Ansatz keine Antwort auf die Frage finden kann, wie sich eine Commons-Bewegung denn friedlich die materiellen Mittel, die es fürs Commoning braucht, aneignen soll, ist dem zweiten Ansatz grundsätzlich zuzustimmen. Jedoch gilt es, ihn mit dem realen Krisengeschehen zu vermitteln.

Die Verwertungskrise des Kapitalismus ist nämlich kein Ereignis, das plötzlich passiert in dem Sinne, dass gestern noch alles glatt lief und heute die Geldautomaten keine Scheine mehr ausspucken. Vielmehr ist sie Resultat eines „prozessierenden Widerspruchs“ (Marx): Einerseits ist der Kapitalismus auf Verwertung von Arbeit angewiesen, andererseits müssen die Produzent*innen, getrieben von der Konkurrenz, ihre Waren so billig wie möglich produzieren, was bedeutet, die menschliche Arbeit zu minimieren. Die mikroelektronische Revolution liefert seit der letzten Hälfte des letzten Jahrhunderts stets neue Möglichkeiten, genau dies zu tun. Somit gerät einerseits die Verwertung in eine Krise (was mit der Aufblähung der Finanzmärkte versucht wird, weiter zu verschieben) und andererseits werden immer mehr Arbeitskräfte aus dem Verwertungsprozess ausgestoßen und können ihre Arbeitskraft nicht, oder nur noch unter sehr prekären Bedingungen, verkaufen. Aufgrund der oben skizzierten Verknüpfung von Kapitalismus und Rassismus, ist es kein Wunder, dass diese fürs Kapital „Überflüssigen“ überwiegend Schwarze und People of Color sind.

Die Verwertungskrise ist deshalb kein einmaliges Ereignis, das mehr oder weniger alle Menschen gleichmäßig betrifft, sondern sie äußert sich in immer wiederkehrenden Krisenschüben, die eine wachsende Anzahl von Menschen hervorbringt, die ihre Bedürfnisse über die von Markt und Staat vorgesehenen Wege noch schlechter befriedigen können als dies schon vorher oftmals ohnehin der Fall war – während es für andere Teile der Gesellschaft noch einigermaßen gut läuft.

Diese prekären Lebenslagen sind Ausgangspunkt von sozialen Kämpfen wie denen der aktuellen Bewegung in den USA. Einerseits wird darin das Ende der Polizeigewalt, der die Schwarzen Communities ausgesetzt sind, gefordert und bisweilen in tätiger Auseinandersetzung durchgesetzt, andererseits wird mit Plünderungen auch praktische Kritik am Eigentum geübt und sich das, was man nicht (mehr) über die legalen von Markt und Staat vorgesehenen Formen bekommen kann, einfach genommen.

Die Frage ist nun, ob solche aufständischen Bewegungen auch zu einem Dominanzwechsel, also zu einer gesamtgesellschaftlichen Überwindung von Kapitalismus und Staat, führen könnten. Dafür wäre einerseits entscheidend, dass innerhalb dieser Bewegungen Alternativen, also Keimformen, aufgebaut werden, und andererseits dass die Bewegung nicht vom Staat zerschlagen werden kann. Ersteres geschieht derzeit an einigen Stellen; zu einem der interessantesten Projekte zählt dabei etwa die in Seattle errichtete autonome Zone Capitol Hill. Letzteres wird wohl nur gehen, wenn wirklich weite Teile der Bevölkerung Polizei und Militär die Legitimität entziehen und sie an der Durchsetzung des Gewaltmonopols hindern. Denn wenn eine aufständische Bewegung zu klein ist, wird sie sich auch militant nicht auf Dauer gegen die staatliche Gewalt zur Wehr setzen können. Ich glaube nicht, dass das Maß, in dem diese Entziehung von Legitimität geschehen muss, sich vorab quantitativ bestimmen lässt. Letztlich wird die Geschichte zeigen, wann eine aufständische Bewegung zu einer revolutionären werden kann. Fest steht nur, dass es seit der Wirtschaftskrise von 2008ff global immer wieder zu Aufständen kommt. Zwischenzeitlich schienen sie von der Bildfläche verschwunden, kehrten jedoch letztes Jahr wieder zurück. Und aufgrund der selbstzerstörerischen Tendenzen des Kapitals ist kein Ende in Sicht. Die Frage ist nur, wie wir uns dazu verhalten.

In Deutschland scheinen solche aufständischen Situationen, wie wir sie derzeit in den USA erleben, noch weit entfernt. Aber das heißt nicht, dass wir uns nicht auf sie vorbereiten könnten.

Für Aktivist*innen, die sich dem Aufbau von Commons widmen, stellt sich dabei meines Erachtens aus der hier skizzierten Perspektive die Herausforderung, ihre Praxis stärker in den Kontext sozialer Kämpfe zu stellen und sich dabei auch zu fragen, wer aufgrund seiner*ihrer gesellschaftlichen Position in Konflikt zu den Formen von Markt und Staat gerät und ein Interesse an einer Alternative haben könnte. Solidarische Landwirtschaften, in denen sich wohlhabende Grünen-Wähler*innen mit frischem Bio-Gemüse versorgen können, sind zwar auch ganz nett, aber mehr transformatorisches Potential könnte Commoning meines Erachtens entfalten, wenn es z.B. mit Menschen in migrantischen, von Armut geprägten Vierteln gemacht wird, und zwar im Kontext ihrer Kämpfe, etwa gegen Gentrifizierung und rassistische Polizeigewalt, die es eben auch hierzulande gibt. Die Frage, was überhaupt konkret vor dem Dominanzwechsel aufgebaut werden muss, kann dahingehend beantwortet werden, dass es u.a. Strukturen braucht, die widerständiges Handeln ermöglichen, und eine Infrastruktur für Aufstände bieten können. In Aufständen könnten sich die darin entwickelten Beziehungsweisen des Commoning dann entfalten und schließlich verallgemeinern.

Vor allem für Aktivist*innen die, wie ich selber, aus eher privilegierten Verhältnissen stammen (ich bin etwa weiß und habe Mittelschichts-Eltern), ist es dabei wichtig, dass solche Projekte nicht FÜR die Menschen in diesen Vierteln gemacht werden (das wäre Charity), sondern MIT ihnen (das wäre Commoning). Dafür ist es schließlich auch notwendig, die eigenen Verstrickungen in die Strukturen von weißer Vorherrschaft zu hinterfragen und zu reflektieren, um Solidarität, Commoning und einen gemeinsamen Kampf aller, die ein Interesse an der Überwindung von Kapitalismus und Herrschaft haben, zu ermöglichen.

Kategorien: Praxis-Reflexionen, Theorie

11. Juni 2020, 23:47 Uhr   7 Kommentare

1 Annette (12.06.2020, 14:02 Uhr)

Danke, Jojo für diesen Beitrag.

Als die Oekonux-Debatte einst in der Commons-Debatte aufging, in sie überging, erhoffte ich mir auch, dass damit auch die Perspektive der Notwendigkeit der Kämpfe (wie sie bei den weltweiten Kämpfen um die Erhaltung und Ausdehnung der Commons ja unübersehbar waren und sind) in unsere damalige Konzeption einfließt (die meiner Einschätzung nach ziemlich stark von der  Hoffnung geprägt war, das Neue ließe sich durch ein nicht so besonders kämpferisches „Auskooperieren“ des Alten durchsetzen).

Das Keimformkonzept leidet auch hier an seinem Herkommen aus der Evolutionsbiologie, weil es da bei Transformationen zu neuen Arten oder neuen Qualitäten innerhalb von Arten nicht wirklich solche Kämpfe gibt. Für die geschichtlichen Transformationen stimmen zwar die alten vereinfachten Vorstellungen vom Klassenkampf auch nicht, aber ohne entsprechende Kämpfe gegen Altes kam da das Neue nie auf die Welt.

2 Jojo Klick (13.06.2020, 22:42 Uhr)

@Annette: Ja, ehrlich gesagt habe ich mir auch die Frage gestellt, ob denn ein Konzept aus der Evolutionsbiologie so einfach auf Gesellschaft übertragen werden kann, als wir „Kapitalismus aufheben“ im Lesekreis gelesen haben. Aber hat Holzkamp den Fünfschritt nicht einfach als Explizierung des dialektischen Konzepts vom Umschlag von Quantität in Qualität gedacht? Dann würde es naheliegen, das eben auch auf Gesellschaft anzuwenden. Aber trotzdem muss bei gesellschaftlichen Umschlägen natürlich mitgedacht werden, dass es Gruppen mit entgegengesetzten Interessen gibt, und das geht wohl unter bei einer zu direkten Übertragung des Fünfschritts aus der Evolutionsbiologie auf Gesellschaft. Ich fände es spannend von dir oder Stefan oder wer noch so dabei war mal ausführlich die Genese der Keimformtheorie zu hören 🙂

3 Jojo Klick (13.06.2020, 22:56 Uhr)

Noch ein paar ergänzende Gedanken, die es nicht mehr in den Artikel geschafft haben:

Benni hat uns auf diesen interessanten Twitter-Thread zu Elinor Ostroms Forschungen zur Polizei aufmerksam gemacht:
https://twitter.com/a_vansi/status/1270406823158468614
Demnach kam ihr Interesse an Commons aus der Beobachtung, dass je kleiner die Polizei ist, desto zufriedener die Menschen in der Gemeinde sind – eben weil dies bedeutet, mehr Selbstorganisation zu betreiben. Auch wenn Ostrom noch nicht die Abschaffung der Polizei forderte, sind das interessante empirische Befunde. Daran angeschlossen hat Benni die These formuliert, dass die Black Lives Matter Proteste in dem Maße wie sie ihren Fokus auf „Defund the police“ oder „Abolish the police“ setzen, von einer Bürgerrechts- zu einer Commons-Bewegung werden. Dieser Einschätzung würde ich voll zustimmen. Es wird spannend sein zu sehen, wie sich die Bewegung weiter entwickelt!

4 Annette (14.06.2020, 10:53 Uhr)

@ Joho und Dialektik:

Ja, Holzkamp verstand seine Methode als eine „methodische Konkretisierung des dialektischen Grundgesetzes des Umschlags von Quantität in Qualitäten für unseren Gegenstandsbereich“.

Das mit der „Konkretisierung“ kann sehr schnell verleiten, schematisch zu werden. Marx hatte das Lesen der „Logik“ von Hegel, gerade zu dem Zeitpunkt, als er in inhaltlichem Material erstickte, sehr geholfen, dieses Material zu strukturieren. Aber er hat nicht bloß diese Dialektik „konkretisiert“. Schon die Übertragung der Logik des Gedachten (bei Hegel) in historische Prozesse ist nicht einfach möglich – Marx war sich dessen (im Unterschied zu Engels) auch bewusst: siehe z.B. seine Bemerkung: „Es wäre also untubar und falsch, die ökonomischen Kategorien in der Folge aufeinander folgen zu lassen, in der sie historisch die bestimmenden waren.“

D.h. er konnte der Gefahr einer eher schematischen „Konkretisierung“ entgehen. Geleitet von der Vermutung, dass die dialektischen Aufeinanderfolge-Argumentations- und Darstellungsmuster auch in anderen Bereichen funktionieren könnten, untersuchte er durchaus die „eigentümliche Logik“ seines „eigentümlichen Gegenstands“ (Marx). Insofern ist allen „Anwendungs-„Gedanken hier kritisch gegenüber zu stehen!!!!

Der Gegenstand von Holzkamp war Rekonstruktion der Evolution der Psyche und diese betrachtete er eingebettet in die biologische  Evolution.

Auch wenn bei Holzkamp eine meiner Meinung nach falsche  historisierende Lesart des „Kapitals“ vorliegt, war er sich für seine eigene Methode an vielen Stellen der Grenzen dieser „Konkretisierung“ auch bewusst.

Beim Keimformkonzept, wo das dann auch noch auf Geschichte und gar künftige Geschichte übertragen wurde, wurde über die Grenzen erst mal nicht systematisch nachgedacht.

Mehr dazu hab ich hier notiert: https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2019/05/01/5-2-keimformtheorie/
und hier: https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2019/05/02/5-2-2-fuenfschritt-in-der-aufhebungstheorie/
und weiter hier:https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2019/05/04/probleme-der-keimformtheorie-i/.

5 Annette (14.06.2020, 11:27 Uhr)

@ Jojo, du fragst noch zur Geschichte des Keimformkonzepts. Ich hab bei mir keinen ausformulierten Text dazu gefunden, weil ich ja selbst immer die evolutionstheoretischen Grundlagen aus meinem ersten Buch im Hinterkopf hatte (jetzt auch online: https://wiki.zw-jena.de/images/8/87/1996_Evolutionsprinzipien_aus_Buch_I.pdf). Von Holzkamp war für mich nur die Unterscheidung zwischen Funktions- und Dominanzwechsel neu und wichtig. Ansonsten war mir ja schon klar, dass es schon allein für Qualitätswechsel in der Biologie noch viel mehr zu beachten gab, als das, was im 5-Schritt erfasst war.
Welche Texte ansonsten zuerst für diesen Kontext wichtig waren, weiß ich nicht mehr, hier im Blog finde ich erst 2011 von Stefan was:
https://keimform.de/2011/fuenfschritt-methodische-quelle-des-keimform-ansatzes/
und: https://keimform.de/2011/faq-zum-fuenfschritt-und-zum-keimform-ansatz/

Aus dem ersten Text fällt mir auf: „Da der Fünfschritt allgemein den Umschlag von Quantität in Qualität
konkretisiert, ist er — aus meiner Sicht — bei allen dialektischen
Entwicklungsprozessen anwendbar, in denen es um die Herausbildung von
qualitativ Neuem geht. „
Das stimmt tatsächlich (wobei ich heutzutage aus methodischen Gründen immer zusammen zucke, wenn irgendwas „angewendet“ werden soll). Dass es noch viel mehr zu beachten gäbe (schon in der  Biologie), hab ich damals nicht ergänzungsbedürftig gefunden (Stefan kannte mein Buch). Für das, was Holzkamp aus der Evolutionsbiologie herausholte, reichte m.E das, was er schrieb. Es ging ihm ja auch „nur“ um die Evolution der Psyche und er musste sich nicht  mit allem beschäftigen, was die Evolution des Lebens im Allgemeinen betraf und ihn interessierte ja nur die „Logik“, nicht die Evolution selbst. 

Wenn dann Spätere dazu kommen, ist das vorher noch Mitgedachte (bei mir: „Also eigentlich muss eine echte Evolutionstheorie noch  mehr enthalten und enthält sie auch…“) dann gar nicht mehr transparent…

Ansonsten ist es sicher kein Zufall, dass mir meine Bedenken (aus den Links aus dem vorigen Kommentar) dann deutlich bewusst wurden, als ich gerade das Buch „Kapitalismus aufheben“ las.  Vorher wurde viel diskutiert und man weiß nicht, was wer noch im Hinterkopf hat dazu; da fühle ich mich nicht unbedingt angeregt, immer zu ergänzen, was m.E. noch fehlt. Aber das Lesen „Schwarz auf weiß“ in dem Buch forderte mich dann doch heraus, auch für mich selbst genauer zu bestimmen, was ich daran problematisch finde…

6 Simon Sutterlütti (17.06.2020, 14:00 Uhr)

Zu deiner Kritik der Keimformtheorie Annette: 

„Problem: Abhängigkeit von der Bestimmung der Gegenwart“ – das ist unvermeidbar. Wir müssen das Zukunftssystem bestimmen, um über den Weg zu sprechen. Du sagst wir bestimmen es falsch, das kritisiert unseren Inhalt, nicht aber die Keimformtheorie. 

„Problem: Einlinigkeit“ und „Problem: Verlust der Möglichkeitsfelder“ – Ich weiß nicht was der Vorwurf soll. Die Keimformtheorie kann auch auf andere Gesellschaftsformen angewendet werden. Heute finden wir auch faschistische, staatssozialistische etc. Keimformen, aber wir sehen uns halt die befreiende Form. 

„Problem: Reduzierung der Sicht auf die Vielfalt der Faktoren“ und „Problem: Verschleierung der Sicht auf Kämpfe“ – Verschiedene Bedingungen denkt eine (kluge) Keimformtheorie in den Entwicklungswidersprüche etc. mit. Aber es bleibt die zentrale Aussage: Zentral für das Neue ist der Faktor der Keimform. Und war die Keimformtheorie kampfblind, aber das hat nicht die Theorie produziert, sondern die Theoretikerinnen glaub ich. Und ich würde dir auch in der Aussage zustimmen „Historisch gesehen ist auch die in der Aufhebungstheorie von Simon und Stefan gestellte Forderung, den Weg und das Ziel nicht zu trennen, nicht haltbar“ – aber im Weg muss die Keimform enthalten sein und sich verallgemeinern, sonst wird das Ziel nicht erreicht. In unserem Buch ist das noch zu platt, darum das nächste Buch  

„Problem: Finalistische Perspektive“ – Also wirklich nicht, wir bringen doch nicht alles unter einer Fortschrittsmythologie. Wir fragen nur wie es zum Commonismus kommen kann, dafür können wir die KFT nutzen. 

„Problem: „Träger“ der Irreversibilität“ – Darüber macht die KFT keine Aussage. Vom Commonismus kann es wieder zurückgehen in den Kapitalismus. 

Ich hab die Kritik vor längerer Zeit gelesen und weiß damals noch, dass ich mich geärgert habe. Jetzt weiß ich wieder warum. Mir kommt es wirklich so vor, als würdest du der KFT jede Menge Dinge einfach unterstellen und nicht wirklich aus ihrer Theorie herleiten. Und ja, ich stimme dir zu das Kämpfe da zu wenig vorkommen, und in dem biologischen Denken ist das angelegt, aber da gilt es die Keimformtheorie nunmal gegenstandsangemessen zu verwenden – also rein in die Kämpfe 🙂 

7 Annette (17.06.2020, 18:13 Uhr)

@ Simon, wir müssten wirklich mal drüber reden. Tatsächlich war es lange so, dass ich in die Keimformtheorie (KFT) auch alles reininterpretiert habe, von dem ich dachte, dass es reingehört; so in dem Sinn: „Ist doch drin“!.
Dann hab ich Eure Interpretation davon gelesen. Du kannst ja gerne schreiben, dass das noch „zu platt“ gewesen sei, aber wenn jemand ein Buch schreibt, gehe ich schon davon aus, dass es so ernst gemeint ist, dass ich mich auf den Wortlaut beziehen kann, so wie es halt ist. Und da fiel mir auf, dass ich dabei nicht richtig mitgehen kann.

Da Ihr Euch da nicht explizit kritisch-weiterentwickelnd auf das Holzkampsche Konzept bezieht, sondern eher affirmativ, es benutzend, habe ich dort mal nachgeschaut, was von den Problemen, die sich strategisch jetzt auch zeigen, da schon drin steckt.

Und dort sind mir Besonderheiten aufgefallen, die an den spezifischen Gegenstand bei Holzkamp gebunden sind (und dort gerechtfertigt und auch z.t. artikuliert sind), die aber bei einer Übertragung auf andere Gegenstande und andere Zwecke als PROBLEME auftauchen, zu denen man sich m.E. verhalten muss. Zu einem VORWURF wird es erst, wenn sich niemand dazu produktiv verhält, sondern das Problem einfach weggewischt wird.

Ich will keinen Ärger auslösen, sondern eine Weiterentwicklung des Transformationskonzepts. An Deinen Fragen sehe ich, dass Du meine Perspektive gar nicht verstehst, da kommen wir wohl hier erst mal nicht weiter.

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