Der Ausdehnungsdrang moderner Commons (4/5)

geschrieben von Marcus Meindel am 15. November 2018, 12:00 Uhr

Transpersonales Commoning zur Weiterentwicklung der Keimformtheorie.

9. Bedürfnispriorisierung

Ein letztes Mal Marx zu seinem Verein freier Menschen: „Nur zur Parallele mit der Warenproduktion setzen wir voraus, der Anteil jedes Produzenten an den Lebensmitteln sei bestimmt durch seine Arbeitszeit. Die Arbeitszeit würde also eine doppelte Rolle spielen. Ihre gesellschaftlich planmäßige Verteilung regelt die richtige Proportion der verschiednen Arbeitsfunktionen zu den verschiednen Bedürfnissen. Andrerseits dient die Arbeitszeit zugleich als Maß des individuellen Anteils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuell verzehrbaren Teil des Gemeinprodukts“ (MEW23, S.93). Um zu zeigen, wie eine transparente Gesellschaftsorganisation funktionieren kann, macht Marx ein Verhältnis von der individuell geleisteten Arbeitszeit zur Gesamtarbeitszeit auf und misst daran den individuellen Anteil am Gesamtprodukt. Da im Commoning immer erst produziert wird, sobald ein Bedürfnis ansteht, gibt es kein Gesamtprodukt, das verteilt werden muss. Was es dagegen gibt, ist eine Gesamtanzahl von anstehenden sinnlich-vitalen Bedürfnissen. Statt einer Verteilung im Nachhinein kann somit eine Gewichtung bzw. Priorisierung von Bedürfnissen im Vornherein stattfinden. Da Selbstauswahl der Tätigkeit ein zentraler Aspekt des Commonings ist, kann es sich dabei nie um mehr als einen Handlungsvorschlag handeln. Menschen setzen sich in der Auswahl der Tätigkeiten zwar eigene Ziele und Prioritäten (M/S, S.189), aber trotzdem gibt es ein objektives Anliegen, das allen Commoning-Prozessen zu Grunde liegt und ohne das etwa die eigene Zielsetzung und Selbstauswahl nicht möglich wäre: Die Herstellung und Erhaltung der Commons-Struktur selbst.

Die Priorisierung von bestimmten Bedürfnissen ist kein Prozess, der von Menschen gesteuert werden soll und die Einzelne soll auch nicht „das Wohlergehen aller“ in ihrer Auswahl der Tätigkeit im Kopf behalten. Durch die mechanische Priorisierung soll im Moment der Selbstauswahl eine Richtung nahegelegt werden, die sowohl zum eigenen Vorteil ist, als auch die Commons-Struktur herstellen und erhalten soll. Sinnlich-vitale Bedürfnisse können in der Commons-Struktur von Anfang an beliebig viele anstehen, da zu ihrer Befriedigung keine Gegenleistung verlangt wird. Da das Leben der Lohnabhängigen aber von sachlichen Zwängen bestimmt ist, kann anfangs nur ein Bruchteil davon befriedigt werden. Aus dieser unbegrenzten Menge anstehender Bedürfnisse sollen also diejenigen priorisiert werden, welche für einen Übergang aus den sachlichen Zwängen heraus am notwendigsten sind, die Commons-Struktur gegen das kapitalistische Umfeld stabilisieren und damit ermöglichen, dass immer mehr sinnlich-vitale Bedürfnisse über Commoning befriedigt werden können. Da aber keine Tätigkeit die „Bedürfnisse einer Gesellschaft“ – auch nicht die einer Commons-Struktur – befriedigt, sondern immer nur die Bedürfnisse konkreter Personen, müssen die sinnlich-vitalen Bedürfnisse von denjenigen priorisiert werden, welche selbst priorisierte sinnlich-vitale Bedürfnisse anderer befriedigen. Was wie ein Zirkelschluss klingt bedeutet aber, dass diejenigen, welche Zeit im Commoning investieren und damit auch gesellschaftliche Produktionsmittel erzeugen, auch dafür die Zeit frei von sachlicher Herrschaft bekommen, indem die Befriedigung ihrer sinnlich-vitalen Bedürfnisse im Commons-Netzwerk nahegelegt wird, sprich, sie zunehmend von der Lohnarbeit unabhängig werden.

Die Priorisierung bezieht sich dabei auf die Tauschlogik seines kapitalistischen Umfeldes, kann also auch mit einer Abwandlung ihrer Kategorien gemessen werden. Der Wert einer Tätigkeit misst sich in der Marktwirtschaft an der investierten Arbeitszeit, der Arbeitsintensität, unter Anwendung gesellschaftlich durchschnittlicher Produktionsmittel zur Herstellung am Markt nachgefragter Produkte. Der Faktor der individuellen Verausgabung kann für die Transformation beibehalten werden, die Anwendung gesellschaftlich-durchschnittlicher Produktionsmittel verliert in der kollektiven Verfügung ihren Sinn und die Richtung, hier nachgefragte Produkte für den Markt, muss von der Verwertung in die Unabhängigkeit von der Verwertungsstruktur umgeleitet werden. Angenommen also in einem Land ohne medizinische Grundversorgung mangelt es an Ärzten und die Nachfrage nach medizinischer Versorgung ist dabei sehr hoch. Kapitalistisch betrachtet hat medizinische Versorgung daher einen hohen Wert, commonistisch betrachtet gibt es eine hohe Anzahl an entsprechenden sinnlich-vitalen Bedürfnissen. Ohne die Priorisierung der Bedürfnisse von denjenigen, die das Bedürfnis nach medizinischer Versorgung innerhalb der Commons-Struktur stillen, hätte es zur langfristigen Sicherung der eigenen Lebensbedingungen für niemanden einen Vorteil, sich einem jahrelangen Medizin-Studium hinzugeben und sich dann nicht dem Markt zur Verfügung zu stellen. Mit der Priorisierung wird eine Ärztin tendenziell unabhängig von Lohnarbeit und ebenso müssen diejenigen, die von ihr versorgt werden, weniger Zeit in Lohnarbeit investieren, um die hohen Kosten der medizinischen Versorgung im kapitalistischen System zu stemmen.

Wie Meretz und Sutterlütti im Kapitel „Konflikte in der Inklusionsgesellschaft“ (M/S, S.183) beschreiben, kann es auch innerhalb der Commons-Struktur zu Auseinandersetzungen zur Verwendung von gesellschaftlichen Produktionsmitteln kommen, die aber bewusst und zwischenmenschlich ausgetragen werden müssen. Die Autoren bezeichnen die Konflikte als „Entscheidungen über die Priorisierung von Zielen“ (ebd.) und die mechanische Priorisierung einzelner Bedürfnisse darf hier nicht entscheidend wirken, aber kann als äußere Bewertungsinstanz bei Entscheidungsfindungen behilflich sein. Ein Konflikt um die Verwendung eines gesellschaftlichen Produktionsmittels hat dabei drei zentrale Elemente: 1. Das Commons mit der höheren Priorisierung sitzt, zumindest psychologisch, am längeren Hebel. Der Konflikt verläuft nicht auf Augenhöhe, das aber zu Recht, da die Priorisierung anzeigt, welcher Prozess notwendiger für die Herstellung und den Erhalt der gemeinsamen Lebensbedingungen und die Aufhebung des Kapitalismus ist. 2. Die innere Logik beider Commoning-Prozesse ist inklusiv. Die Menschen beider Commons befriedigen gleichermaßen nicht die eigenen, sondern sinnlich-vitale Bedürfnisse allgemeiner-anderer und daher ist eine Absprache und Suche nach einer gemeinsamen Lösung auch zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse sinnvoll. 3. Indem die Bedürfnisse derjenigen priorisiert werden, die selbst an Commoning-Prozessen mitwirken, haben die Produzierenden beider Commons im Konflikt um die Verwendung eines gesellschaftlichen Produktionsmittels einen eigenen Vorteil, diesen Konflikt für sich zu entscheiden. Ein Konflikt innerhalb der inklusiven Logik der Commons-Struktur hat somit einen exklusiven Moment, das heißt, dass es im Konflikt Sinn macht, die Produzierenden des anderen Commons von dem Produktionsmittel auszuschließen. So lange aber Commoning nicht die bestimmende gesellschaftliche Produktionsweise ist, findet dieser exklusive Moment der inklusiven Struktur aber in einem gesellschaftlichen Rahmen des sachlichen Zwanges statt. Diese Form der Priorisierung auf Grund dieses Momentes vermeiden zu wollen bedeutet damit auch zuzulassen, dass wir in einem Umfeld aus viel schwerwiegenderen exklusiven Konflikten gefangen bleiben.

Neben der Unterstützung zur Selbstauswahl und im Konfliktfall, spricht ein weiterer Aspekt für die Priorisierung von Bedürfnissen: Die Anknüpfung an der Normalität innerhalb des kapitalistischen Systems. Marx: „Erst in dem 18. Jahrhundert, in der „bürgerlichen Gesellschaft“, treten die verschiedenen Formen des gesellschaftlichen Zusammenhangs dem einzelnen als bloßes Mittel für seine Privatzwecke entgegen, als äußere Notwendigkeit“ (MEW42, S.20). Im Commoning sind die gesellschaftlichen Zusammenhänge keine bloßes Mittel zum Privatzweck, aber aus dem heutigen Alltag heraus ist das schwer zu begreifen. Ohne Priorisierung und ohne theoretisches Hintergrundwissen über Warenfetisch, sachliche Herrschaft, Ausbeutung, Klassendynamik, kurz: die Auswirkungen des kapitalistischen Systems als Ganzen, ist eine Produktionsweise nach den Prinzipien der Freiwilligkeit und kollektiven Verfügung schwer für jemanden verständlich, für den eine 40-Stunden-Woche etwas vollkommen natürliches ist. Das Bewusstsein in einem kapitalistischen System ist durch Verwertungslogik geprägt und so fällt es schwer zu verstehen, warum jemand etwas „geschenkt“ bekommt, wenn er sein Bedürfnis in ein Programm einspeist oder für jemanden arbeiten soll, ohne dafür Geld zu bekommen. Auch jemand, der durch den Konkurrenzkampf im Kapitalismus etwa zum Chauvinismus oder zur Habgier gebracht wurde, hat keinen Grund sein Verhalten zu ändern, wenn er seine sinnlich-vitalen Bedürfnisse befriedigen kann, ohne sich selbst dabei einzubringen. Commoning muss daher innerhalb der Transformation auch ein Lernprozess sein, den eine Gesellschaft als Ganzes, durch die Einzelerfahrungen seiner Mitglieder, durchmacht. Es muss schrittweise erfahren werden, dass durch die Befriedigung der Bedürfnisse allgemeiner-anderer, auch die eigenen Bedürfnisse besser befriedigt werden. Mit Bedürfnispriorisierung wird daher ernst genommen, dass die Gesellschaft der bestimmenden Produktionsweise folgt und nicht die Produktionsweise einer revolutionierten Gesellschaft.

Erst durch die Priorisierung von Bedürfnissen ergibt es im bestehenden System für einzelne Lohnabhängige überhaupt Sinn, die freie Zeit für Commoning aufzuwenden. Angefangen in einem Umfeld aus sachlichen Zwang, ist es für einzelne Personen anfangs notwendig, priorisierte Tätigkeiten zu erledigen, damit sie selbst einen Vorteil davon haben und sich aus den Zwängen des Kapitals befreien können, indem die eigenen Bedürfnisse tendenziell durch andere Commoning-Prozesse befriedigt werden. Über die Befriedigung dieser priorisierten Bedürfnisse wird die Commons-Struktur aufgebaut, die Masse an gesellschaftlichen Produktionsmitteln nimmt zu, Commons treten nicht mehr nur vereinzelt auf, die Arbeitsteilung innerhalb der Commons wächst an und immer mehr Menschen können immer effizienter ihre Lebensbedingungen über die Commons-Struktur herstellen. So wie das Zwangsmoment der kapitalistischen Struktur abnimmt und Commoning sich vermehrt etabliert, verliert es an Wichtigkeit selbst priorisierte Bedürfnisse zu befriedigen. Die intrinsische Motivation kann sich entfalten, indem sich vermehrt den Aufgaben zugewendet wird, in denen ein Sinn für die eigene Weiterentwicklung gesehen wird. Indem sich die inkludierenden Strukturen ausbreiten und sämtliche Tätigkeitszusammenhänge transparent sind, wird sich gesellschaftlich dem Zwangscharakter der Teilhabe enthoben und sich dem Ideal der Freiwilligkeit angenähert.

 

10. Interpersonales und transpersonales Commoning als parallele Funktionen

Spätestens mit der äußeren und objektiven Bedürfnispriorisierung wird klar, dass es sich bei dem transpersonalen Commoning nicht um eine Veränderung der Keimform auf Basis der interpersonalen Ebene handelt, sondern um einen parallel dazu verlaufenden Prozess im Sinne des Fünfschritts nach Klaus Holzkamp (Grundlegung der Psychologie [1] [GdP], S. 78-81. Einführend: M/S, S. 202-205). Transpersonales und interpersonales Commoning sind verschiedene, aber sich ergänzende Beziehungen der Einzelnen zur Gesellschaft (Funktionen), die aus den selben kapitalistischen Entwicklungswidersprüchen heraus resultieren, aber auf verschiedenen Vorbedingungen aufbauen. Die zu erreichenden Qualitäten – Freiwilligkeit und kollektive Verfügung innerhalb von Re/Produktionsprozessen zur Befriedigung von Bedürfnissen (vgl. M/S, S.210) – sind dieselben. Folgend soll dargestellt werden, inwiefern sich beide Prozesse ergänzen und unterscheiden.

Vorbedingungen für den Umschlag der Quantität zur Qualität bei Meretz und Sutterlütti sind besonders die Intersubjektivität („[…] die Bedürfnisse anderer Menschen wahrnehmen und zur Prämisse des eigenen Handelns machen“ [M/S, S.210]), die Erkenntnisdistanz („Wir sind unseren Wahrnehmungen, Emotionen und der Welt nicht direkt ausgeliefert, […]“ [M/S, S.211]) und die verallgemeinerte Motivation („Unsere Motivation kann auch die Bedürfnisse anderer Menschen einbeziehen und zwar sogar Bedürfnisse »allgemeiner Anderer«, also von Menschen, die wir gar nicht kennen“ [ebd.]). All das sind allgemein-menschliche Voraussetzungen, die nicht von einer kapitalistischen Entwicklung abhängig sind. Zwar wird folgend auch „globale Vernetzung“ (ebd.) und eine „Technikentwicklung“ (M/S, S.212) angesprochen, wobei sie „diese historischen Vorbedingungen im Konjunktiv belassen“ (M/S, S.211) und die für die weitere Entwicklung ihrer Keimform keine Rolle spielen.

Dagegen baut das transpersonale Commoning besonders auf den historische entstandenen Qualitäten einer kapitalistischen Gesellschaft auf: Die durch Verwertungslogik erreichten Mittel zur globalen Kommunikation und arbeitssparenden Produktion, die allgemein-zugängliche gesamtgesellschaftliche Vernetzung (wenn ihr auch durch die in Konkurrenz zueinander stehenden Produktionen Schranken gesetzt sind) und die fortschrittliche Kooperation zum gesellschaftlichen Gesamtprodukt.

Die „objektiven Veränderungen der Außenweltbedingungen“ (GdP, S.79) bzw. die Entwicklungswidersprüche, welche innerhalb einer Gesellschaft subjektiv empfunden werden (vgl. M/S, S.212), sind für die interpersonale und transpersonale Funktion gleichermaßen in der Entwicklung des kapitalistischen Systems zu finden. Als subjektiv empfundenen Widersprüche, also Widersprüche zwischen „den Bedürfnissen der Menschen und den gesellschaftlichen Möglichkeiten ihrer Befriedigung“ (M/S, S.212) nennen Meretz und Sutterlütti etwa die soziale Isolation, Umweltzerstörung, verunmöglichte Familienplanungen und Angst vor einem möglichen Ausschluss vom gesellschaftlichen Gesamtprodukt (vgl. M/S, S.214). Als objektive Veränderung in Bezug auf Klassen wären noch die stetige Zunahme von Menschen in der Situation der Lohnabhängigkeit zu nennen, bei stetiger Abnahme der Handlungsmöglichkeiten für einzelne Lohnabhängige. Die erwähnten Außenweltbedingungen gelten dabei nur in Bereichen, welche als Wert erschlossen sind. Gesellschaftsteilnehmer, die sich zunehmend der Commons-Struktur zuwenden, erlangen dort eine Unabhängigkeit von der kapitalistischen Produktion, damit speziell von ihren Krisen und allgemein ihrer ausschließenden Logik.

Was durch den Entwicklungswiderspruch aus den Vorbedingungen für Meretz und Sutterlütti als „Keimform des Commonismus“ (M/S, S.219) hervorgeht, sind die „Inklusionsbedingungen auf interpersonaler Ebene“ (ebd.). Wie zu Beginn dieses Textes gezeigt wurde, kann diese Keimform nicht ausreichend sein, damit Commoning gesellschaftlich bestimmend wird. Während die interpersonale Keimform von Meretz und Sutterlütti auf Räumen aufbaut, in denen durch Freiwilligkeit und kollektiver Verfügung Bedingungen herrschen, in denen es sinnvoll ist, die Bedürfnisse anderer in das eigene Handeln mit einzubeziehen, ist die Herstellung der Funktion des transpersonalen Commonings ein bewusster Prozess, bedingt durch die historisch gewordenen Fähigkeiten des Menschen und den Fortschritt der Technik im kapitalistischen Konkurrenzdruck. Dieser qualitative Sprung entsteht somit nicht von selbst, sonder er wird gemacht, das heißt, er wird konstruiert und programmiert. Die neue Spezifik ist das Programm als zentrale Instanz zur Selbstorganisation und Zwecksetzung gesellschaftlicher Mittel. Mit den dadurch ermöglichten Beziehungen der Einzelnen zur Allgemeinheit, also mit einer transpersonalen Vermittlung als elementare Handlungsweise, kann schließlich das bestehende System gestützt werden (siehe auch: 11.2 Ausdehnung…).

Wichtig werden folgend die Unterschiede des interpersonalen und transpersonalen Commonings im Dominanzwechsel – also dem zweiten qualitativen Entwicklungsschritt, indem „alte und neue Funktion ihre Position [wechseln]: Die neue Funktion setzt sich durch und bestimmt fortan die Dynamik des Systems, die alte Funktion tritt zurück“ (M/S, S.205). Nach Klaus Holzkamp ist dabei zu beachten, dass sich „der Übergang zur neuen Entwicklungsstufe nicht auf einer einzelnen Dimension vollzieht, sondern die Umkehrung des Verhältnisses zweier für sich kontinuierlich veränderter Dimensionen darstellt“ (GdP, S.80). Weiter: „Eine solche Umkehrung des Verhältnisses zwischen bestimmender und nachgeordneter Funktion als Dominanzwechsel ist, obwohl sich beide Funktionen in der Entwicklung kontinuierlich darauf zubewegen, selbst nicht kontinuierlich, sondern ein punktuelles Umkippen“ (ebd.). Interpretiert auf das transpersonale Commoning sind die beiden sich stetig verändernden Dimensionen der Wert der Dinge und die Zwecksetzung zur Bedürfnisbefriedigung. Ein einzelnes Objekt ändert seinen Charakter dabei nicht kontinuierlich, sondern kann nur entweder Wert sein – und damit Verwertungsmittel – oder als kollektiv zur Verfügung stehendes Mittel zur Bedürfnisbefriedigung dienen; es kippt zwischen den Zuständen, während gesamtgesellschaftlich eine kontinuierliche Bewegung stattfindet.

Über transpersonales Commoning wird die Zwecksetzung zur Bedürfnisbefriedigung allgemeingültig konkretisiert und ist nicht von einer „interpersonal verabredeten Außerkraftsetzung der exkludierenden Wirkung des Eigentums“ (M/S, S.151) abhängig. Durch die zentrale Instanz wird der Re/Produktionsprozess durchsichtig und „transpersonales Vertrauen“ (M/S, S.151) kann entstehen und muss nicht vorausgesetzt werden. Da die Gesellschaft durch Selbstorganisation auf transpersonaler Ebene, das heißt ohne einem abstrakten Verwertungsprozess, so funktioniert, wie sie mir im Alltag gegenübertritt, entsteht auf interpersonaler Ebene die Möglichkeit, „dass ich mein Bewusstsein über mein Nahumfeld hinaus auf gesellschaftliche Zusammenhänge zur Bewusstheit erweitere“ (M/S, S.150). Die interpersonalen Momente sollen somit nicht durch die transpersonale Ebene negiert werden, sondern durch diese Ebene überhaupt erst ihre Möglichkeit finden. Andersherum ist transpersonales Commoning von den interpersonalen Strukturen und etwa der Möglichkeit abhängig, „andere Menschen als bedürftige Individuen mit eigenen Wünschen und Wahrnehmungen zu erkennen und sie auf Augenhöhe in die eigenen Wünsche und Wahrnehmungen einzubeziehen, anstatt sie nur instrumentell den eigenen Bedürfnissen unterzuordnen“ (M/S, S.210). Transpersonales Commoning setzt dabei nur den Rahmen, während Commoning als materiell schaffender Prozess auf interpersonaler Ebene stattfindet.

Folgend wird transpersonales Commoning in den vier Szenarien des Dominanzwechsels von Meretz und Sutterlütti (Effizienz, Ausdehnung, Staat, Krise. M/S, S.223-233) untersucht.

 

Dominanzwechsel 1: Effizienz des Commonings

Als erstes Szenario des Dominanzwechsels (M/S, 224-226) überlegen Meretz und Sutterlütti, ob Commoning effizienter werden kann als es des Kapitalismus ist. Sie stellen dabei fest, dass innerhalb der Warenproduktion die „lokale und partielle Effizienz immer einhergeht mit gesamtsystematischer Ineffizienz – gemessen an menschlicher Bedürfnisbefriedigung“ (M/S, S.225. Hervorheb. M.M.). Weiter: „Die commonistische Inklusionslogik erreicht […] eine wesentlich höhere Gesamteffizienz der Bedürfnisbefriedigung, die aber unter Umständen einhergehend mit verwertungsbezogener »Ineffizienz« […] ist“ (ebd., Hervorheb. M.M.). Hier zeigt sich, warum sich die Effizienz der kapitalistischen Produktion und Commoning so schwer vergleichen lassen: Sie beziehen sich auf zwei völlig verschiedene Dinge. Einmal auf Verwertung (des Wertes), das andere mal auf Bedürfnisbefriedigung.

Folgend geht es um die von Meretz und Sutterlütti nur kurz in Form des Wissenskommunismus (Beispiel: Wikipedia) angedachte Möglichkeit, das Feld der Warenproduktion zu verlassen (vgl. M/S, S.225), hier, durch das transpersonale Commoning. Die einzige Gemeinsamkeit kapitalistischer Produktion und Commoning ist dabei die (Möglichkeit zur) Anwendung von privaten Produktionsmittel; die kapitalistische Produktion basiert darauf, während sie im Commoning verwendet werden können, um gesellschaftliche Mittel zu produzieren bzw. sinnlich-vitale Bedürfnisse direkt zu befriedigen. Sind also gesellschaftliche Produktionsmittel nicht bzw. nur im Verhältnis zu den privaten Produktionsmitteln geringer Anzahl vorhanden, muss Commoning mit diesen privaten Produktionsmitteln durchgeführt werden. Das heißt, diese müssen durch einen politischen Prozess überführt (siehe  Dominanzwechsel 3: politisches Commoning) oder von einzelnen Produzierenden privat angekauft werden. Der private Ankauf arbeitssparender Produktionsmittel findet dabei seine realistische Möglichkeit durch die Konkurrenz innerhalb der kapitalistischen Produktion. Die Effizienz eines Produktionsmittel innerhalb der Verwertungslogik ist darin relativ zur Effizienz der Produktionsmitteln anderer Unternehmern. Der Wert des Produktionsmittels misst sich dabei daran, ob mit ihm marktgerecht produziert werden kann. Ist dem nicht so, verliert es an Wert und kann für Lohnabhängige erschwinglich werden, deren Interesse nicht in einer Produktion für den Markt liegt, sondern in einer Produktion zur Unabhängigkeit von dem Markt. Außerhalb des Marktes wird sich auf ein Produktionsmittel nur seinem arbeitssparenden Charakter nach bezogen und diese Form der Effizienz steigt dabei absolut mit dem Fortschritt der technischen Entwicklungen. Ein Umstieg auf eine Produktionsweise zur Bedürfnisbefriedigung wird daher – innerhalb dieser rein materiellen Perspektive – umso einfacher, je fortgeschrittener die Technik innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise schon ist.

In der Anwendung privater Produktionsmittel für das Commoning werden die durch das Privateigentum definierten Grenzen kapitalistischer Unternehmen ab dem ersten Moment überschritten und die einzelne Tätigkeit gliedert sich in eine gesamtgesellschaftliche Kooperation nach Inklusionslogik ein. Die Wege der Produktion nach Verwertung und nach Bedürfnisbefriedigung trennen sich daher von Anfang an und damit klärt sich auch die Frage, wie der Kapitalismus übernommen werden kann: Er kann es nicht. Die heutige Wirtschaftsstruktur entsteht durch den abstrakten Geldverwertungsprozess, durch die Suche nach der hohen Profitrate und nicht um Bedürfnisse zu befriedigen. Commoning ist keine Übernahme der Struktur, sondern eine Aufhebung. In der Entstehung des Kapitalismus in England wurden auch nicht die feudalen Bauernhöfe übernommen, sondern die Felder in gewinnbringendere Schafweide verwandelt (vgl. MEW23, S.744). Die Logik eines neuen Produktionsverhältnisses ist nicht auf die Struktur des bestehenden übertragbar und selbst die innerhalb eines bestimmten Produktionsverhältnisses produzierten Produktionsmittel unterscheiden sich voneinander. Was gesellschaftlichen Produktionsmittel dabei speziell ausmachen muss, hat die Open Source Ecology herausgestellt und folgende sind die wichtigsten sechs Vorgaben: (1) Die Baupläne sind öffentliches Eigentum. (2) Modularität [Das heißt, eine größere Maschine besteht aus mehreren für sich stehenden Komponenten, die auch an anderer Stelle eingesetzt bzw. leicht ausgetauscht werden können. M.M.] (3) Geringe Kosten [allgemeiner formuliert: Wenig gesellschaftlich-notwendige Arbeitszeit. M.M.] (4) Auslegung auf lebenslange Haltbarkeit. (5) Effizienz muss sich mit den Industriestandards des Marktes messen können. (6) Einsetzbarkeit in verschiedenen Arbeitsbereichen. (vgl. OSE-wiki [2], Übersetzung M.M.).

Je partieller die Commons-Struktur schließlich aufgebaut ist und je vereinzelter die einzelnen Commons sind, desto ineffizienter ist ihre Zusammenarbeit. Zu Beginn des Commonings werden nur Prozesse der ersten Stufe, sprich, zur direkten Bedürfnisbefriedigung möglich sein. Je mehr freie Zeit durch Commoning erreicht werden kann, desto mehr Zeit kann insgesamt zur direkten Bedürfnisbefriedigung aufgewendet werden, desto kooperativer kann die Bedürfnisbefriedigung sein. Fehlen gesellschaftliche Produktionsmittel zur Befriedigung von sinnlich-vitalen Bedürfnissen, kann ein Bedarf danach eingespeist werden. Gesellschaftliche Produktionsmittel sind der materielle Boden des Commonings und je mehr daher hergestellt wurden, desto mehr sinnlich-vitale Bedürfnisse können befriedigt werden, desto mehr freie Zeit für Commoning entsteht, desto komplexer können die einzelnen Bedürfnisse sein, die befriedigt werden können, desto speziellere Produktionsmittel entstehen, usw. Auf diese Weise entsteht und wächst die Struktur der modernen Commons und mit ihr wächst die Effizienz zur Bedürfnisbefriedigung stetig an. Das Verhältnis der Verwendung von privaten Produktionsmittel zu den gesellschaftlichen Produktionsmitteln (gPm+/pPm+) zeigt dabei an, inwieweit die Commons-Struktur von seinem kapitalistischen Umfeld unabhängig geworden ist. Im Gegensatz zu Lohnarbeitern ist der Wohlstand der am Commoning Beteiligten an die Eigenständigkeit der Commons-Struktur gekoppelt. Je effizienter diese schließlich wird, desto weniger muss getan werden bzw. desto höher wird der Lebensstandard der Produzierenden.

 

Dominanzwechsel 2: Ausdehnung der Commons-Struktur

Wodurch dehnt sich das transpersonale Commoning also aus, wenn die Bewegung des Commonings B- – C – B+ doch ausgleichend ist? Durch die Deckung des Bedarfs an gesellschaftlichen Produktions- und Lebensmitteln, der im Prozess zur Befriedigung von sinnlich-vitalen Bedürfnissen entsteht. Da die Bedürfnisbefriedigung über die Commons-Struktur keine Gegenleistung erfordert, werden immer Bedürfnisse anstehen, die es zu befriedigen gilt. In der zunehmenden Etablierung der Commons-Struktur können immer komplexere Bedürfnisse befriedigt werden und dafür werden immer mehr gesellschaftliche Produktionsmittel benötigt. Gesellschaftliche Produktionsmittel sind dabei nicht nur Maschinen und Rohstoffe, sondern auch Immobilien und Boden. Die ausgleichende Bewegung B- – C – B+ hat somit einen ähnlich expansiven Drang wie die kapitalistische Bewegung G – W – G‘.

In einer als Privateigentum erschlossenen Welt stößt dieser Drang allerdings schnell an seine Grenzen. Meretz und Sutterlütti beschreiben, dass der „transpersonale Vermittlungsraum durch den Äquivalententausch beherrscht wird“ bzw. der „transpersonale Raum schon besetzt [ist]“ (M/S, S.230). Weiter: „Das transpersonale Vermittlungsterrain müsste vom Äquivalententausch Stück für Stück übernommen werden. Das ist der Kern der Ausdehnungsidee“ (ebd.). Es geht hier um Überführung von kapitalistisch verwendeten Privateigentum in die Commons-Struktur bzw. um die bestimmende Deutung der Dinge; sind sie Zweck der Verwertung oder Zweck der Bedürfnisbefriedigung? Problematisch ist dabei, dass der Warenfetisch Kern der bürgerlichen Gesellschaft ist. Um das Problem fassen zu können, kann vor sich auf den Tisch eine Münze gelegt und der Versuch unternommen werden, in ihr nur ein Stück Metall zu sehen, ohne, dass der entsprechende Geldwert sich aufdrängt. Es mag die reinste Form des Fetisches sein, aber für jemanden, der sich dieses Prozesses nicht bewusst ist, ist es ähnlich schwer denkbar, dass in etwa eine Wohnung oder eine Maschine keinen Geldwert mehr haben soll. Aber genau diese Werteigenschaft als bestimmende Form aus den Köpfen zu bekommen – sie überflüssig zu machen – ist das Ziel der gesellschaftlichen Befreiung aus der sachlichen Herrschaft.

Während der Ausdehnung der Commons-Struktur werden durch Bedürfnisbefriedigung tendenziell diejenigen Personen unabhängiger von der kapitalistischen Produktion, die sich selbst an an priorisierten Commoning-Prozessen beteiligen. Die zusätzlich zur Verfügung stehende Zeit kann – muss aber selbstverständlich nicht – wieder für Commoning aufgewendet werden, um eine noch weitreichendere Unabhängigkeit von Lohnarbeit zu erhalten. Falls sich entschieden wird die gewohnte Arbeitszeit beizubehalten kann die eingesparte Geldmenge in private Produktionsmittel für Commoning-Prozesse oder kapitalistische Konsumgüter investiert werden. Je nachdem wächst die Unabhängigkeit von der kapitalistischen Struktur oder steigt die eigene Lebensqualität. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene allerdings ändert sich mit der zunehmenden Etablierung der Commons-Struktur nichts an den Grundbewegungen einer bestimmenden Verwertungslogik: Da Lohnabhängige durchschnittlich weniger Geld benötigen, aber noch nicht ohne Geld überleben können, sinken tendenziell die Löhne in neuen Arbeitsverträgen. Da hierdurch mehr Lebenszeit verkauft werden muss, um den Lebensstandard zu halten, kann es sein, dass trotz der zunehmenden Etablierung der Commons-Struktur das Arbeitsvolumen für Lohnabhängige durchschnittlich nicht abnimmt bzw. der Lebensstandard nicht steigt.

Zur Veranschaulichung kann sich dafür vorgestellt werden, sämtliche sinnlich-vitalen Bedürfnisse nach Nahrungsmitteln könnten innerhalb eines Landes durch Commoning befriedigt werden. 2015 machten dabei in Deutschland die monatlichen Ausgaben für Nahrungsmittel 10,2% des Lohnes aus8 (zum Vergleich: USA – 6,4%. Thailand – 28,8%). Diese Kosten entfallen durch das Commoning, die Lebenskosten sinken damit um 10,2%, die Abhängigkeit von Lohn – etwa für Miete, Versicherungen, andere Konsumgüter, etc. – besteht aber weiterhin und damit ebenfalls die Dynamik zwischen den Arbeitern und den Arbeitslosen. Arbeitslose sind weiterhin gezwungen Arbeitsverträge anzunehmen, deren Lohnhöhe in erster Linie nur ihre Lebenskosten decken muss. Die Lohnhöhe kann damit um 10,2% geringer ausfallen, als es zu dem Zeitpunkt der Fall war, an dem das Bedürfnis nach Nahrungsmitteln noch über den Markt befriedigt werden musste. In reiner Perspektive auf die Arbeitsbedingungen wäre damit nichts gewonnen, aber darüber hinaus stützt sich die kapitalistische Produktion jetzt auf die Commons-Struktur (vgl. doppelte Funktionalität: M/S, S.204). Ein Zusammenbruch der Commons-Struktur würde bedeuten, dass die Löhne nicht mehr ausreichend den Lebensbedarf decken bzw. in den Branchen ausgegeben werden muss, die bisher über Commoning abgesichert waren. Das Warenkapital der anderen Branchen kann somit unregelmäßiger in Geldkapital verwandelt werden und die Wahrscheinlichkeit einer kapitalistischen Krise wird verstärkt (siehe: 11.4 Krisendynamik…). Aus einer Systemebene betrachtet, dehnt sich die Commons-Struktur somit unter der kapitalistische Gesellschaft aus und macht diese zunehmend abhängig von ihrer eigenen Stabilität.

(weiter zum letzten Teil [3], zurück zum dritten [4]. Überblick [5])


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[1] Grundlegung der Psychologie: https://archive.org/details/klaus-holzkamp-grundlegung-der-psychologie

[2] OSE-wiki: http://wiki.opensourceecology.org/wiki/ OSE_Specifications

[3] letzten Teil: https://keimform.de/2018/der-ausdehnungsdrang-moderner-commons-55/

[4] dritten: https://keimform.de/2018/der-ausdehnungsdrang-moderner-commons-35/

[5] Überblick: https://marcusmeindel.files.wordpress.com/2018/11/2018-11-08_c3bcberblick_ausdehnungsdrang.pdf

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