Inter-, Trans- und Metapersonalität

geschrieben von Benni Bärmann am 3. Juni 2018, 21:09 Uhr

[1]Bei den Diskussionen über meine holprigen [2] theoretischen [3] Versuche [4] in den letzten Wochen ist mir immer wieder aufgefallen, dass ein Begriff am häufigsten für Un- oder Missverständnisse sorgt. Und zwar der Begriff der Transpersonalität. Zum einen habe ich festgestellt, dass manche Leute Probleme hatten überhaupt zu verstehen, dass es neben der direkten interpersonalen Ebene noch etwas gibt, was sich nicht darin erschöpft. Im Grunde geht es da vermutlich um ein Verständnis von Gesellschaftlichkeit überhaupt. Zum anderen habe ich mit anderen wiederum, die durchaus den Sinn einer solchen Unterscheidung verstanden haben, große Unterschiede darin bemerkt, was wir darunter zu verstehen scheinen. Nach langen Überlegungen und Grübeleien bin ich zum Schluss gekommen, dass wir eigentlich über unterschiedliche Dinge gesprochen haben. Deswegen halte ich es für nötig, neben der Inter- und der Transpersonalität einen weiteren Begriff einzuführen, nämlich den der Metapersonalität. Im Folgenden versuche ich also nun genauer zu bestimmen, worum es bei den drei Begriffen geht. Hintergrund von all diesen Überlegungen ist immer noch die Frage, wie eine Transformation zum Kommunismus funktionieren kann. Die Begriffe müssen also vor allem für diesen Anwendungsfall überzeugen.

Zunächst die alt bekannten Begriffe in neuer kurzer und prägnanter Formulierung:

  • Eine Beziehung zwischen Personen ist dann im wesentlichen interpersonal, wenn die konkreten Personen mit ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen in ihrer Gesamtheit in ihr wichtig und nicht austauschbar sind.
  • Eine Beziehung zwischen Personen ist dann im wesentlichen transpersonal, wenn die konkreten Personen mit ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen in ihrer Gesamtheit in ihr nicht wichtig und austauschbar sind.

Dazu zunächst einige Anmerkungen:

  • Wie die Formulierung „im wesentlichen“ schon andeutet, gibt es nicht nur Beziehungen, die in ihrer Reinform nur in die eine oder nur in die andere Kategorie fallen. Es geht also um eine analytische, begriffliche Unterscheidung.
  • Jede transpersonale Beziehung ist im Prinzip interpersonalisierbar, wenn auch meist nur mit großem Aufwand. Umgekehrt gilt das nicht. Ich kann im Prinzip die vietnamesische Näherin meines T-Shirts ausfindig machen, aber ich kann meine Kinder nicht austauschen.

Die Versuchung liegt nahe, Gesellschaftlichkeit als transpersonal zu verorten und viel in unserer bisherigen Diskussion geht auch in diese Richtung. Tatsächlich denke ich aber, dass diese Bestimmung die eigentliche gesellschaftliche Ebene noch gar nicht erreicht, sondern auf der Ebene von Institutionen verbleibt. Institutionen werden geradezu dadurch definiert, dass die Menschen in ihnen austauschbar sind und sie trotzdem bestehen bleiben. Gesellschaft ist aber mehr als eine Summe von Institutionen.

Ich werde nun zunächst einige Beispiele auflisten, von denen ich denke, dass an ihnen besonders deutlich wird, dass sie mit bloßer Transpersonalität noch nicht wirklich erfasst werden:

  • Sprache ist offensichtlich nicht bloß transpersonal. Sprache wird sowohl in inter- wie auch in transpersonalen Beziehungen verwendet. Neben der Verwendung auf mehr oder weniger inter- oder transpersonale Weise habe ich aber auch immer beim Sprechen oder Schreiben eine Beziehung zu allen vergangenen Sprechern dieser Sprache. Die Sprache ist geschichtlich geformt von Millionen von Menschen, die auf diesem Weg einen – wenn auch meist winzigen – Einfluss auf die Beziehung haben, in der diese Sprache benutzt wird.
  • Kultur im weiteren Sinn sind auch allerlei Gebräuche und Gewohnheiten, Etiketten und Mythen, Referenzen und Religionen, die in jede Beziehung hinein wirken ohne dass sie aus der Beziehung selbst erklärbar sind, sei diese jetzt inter- oder transpersonal.
  • Wissenschaft erzeugt Wissen, dass im Idealfall sehr schnell für die gesamte Menschheit verfügbar ist, ohne dass ich mit irgendeinem Wissenschaftler eine Beziehung haben müsste. Dennoch wirken wissenschaftlich generierte Wahrheiten in alle Beziehungen mit rein.
  • Ähnliches gilt auch für andere Formen von Diskursen, z.B auch Verschwörungsdiskurse.
  • Technik und ihre Artefakte beeinflussen unseren Umgang mit der Welt ohne dass ich mit irgendeinem Techniker auch nur eine transpersonale Beziehung haben müsste.
  • Wie ich bei einem Vortrag von Eva lernte: Die heteronormative Matrix ist nicht erklärbar auf rein institutioneller Ebene, sie durchzieht die gesamte Gesellschaft. Sie bestimmt Beziehungen und wird nicht von Ihnen bestimmt, außer in einem abstrakten gesellschaftlich durchschnittlichen Sinn.
  • Und zuletzt noch das vermutlich umstrittenste Beispiel: Die Warenproduktion. Kaufen und Verkaufen und damit auch der Tausch sind zwar transpersonal erklärbar. Wir kaufen Waren und meistens ist uns egal von wem. Wir verkaufen sie und auch da ist uns meist wichtiger, dass wir verkaufen als an wen. Die Elementarform des Kapitalismus beschränkt sich aber eben nicht auf den Tausch als dessen elementare Handlung (Für diese Unterscheidung siehe These 11 hier [3]). Und im weiteren Sinne ist sie dann eben auch nicht mehr transpersonal, sondern metapersonal. Der Preis einer Ware bestimmt sich nicht durch Beziehungen, seien sie auch transpersonal, sondern durch den gesellschaftlichen Durchschnitt dieser transpersonalen Beziehungen. Ob sich also Kapital wirksam verwertet entscheidet sich nicht einfach in einem transpersonalen Tauschakt sondern erst im indirekten Kontakt mit der gesamten gesellschaftlichen Produktion.
  • Habt ihr noch Beispiele? Schreibt es in die Drunterkommies!

Mit diesen Beispielen voraus geschickt kann ich jetzt eine Definition versuchen:

  • Alle inter- und transpersonalen Beziehungen zwischen Personen werden auf vielfältige Weise metapersonal beeinflusst. Ein solcher Einfluss liegt dann vor, wenn Handlungen von Personen, die nicht Teil der Beziehung sind, eine Beziehung transpersonal beeinflussen.

Auch zu dieser Definition wieder einige Anmerkungen:

  • ein einfacher interpersonaler Einfluss reicht nicht als Kriterium, weil es ja nicht darum geht, wenn Egon und Erna über Paul reden.
  • Metapersonalität ist nicht einfach nur eine „höhere Stufe“, also irgendwie Level 3, wenn Interpersonalität Level 1 ist und Transpersonalität Level 2, es liegt eher quer zu dieser Unterscheidung.
  • Gesellschaft konstituiert sich in allen drei Formen, also sowohl inter-, als auch trans- und metapersonal. Metapersonal sind diejenigen Beziehungen, die sich rein auf gesellschaftlicher Ebene abspielen.

In meinen bisherigen Versuchen zur Theorie der gesellschaftlichen Transformation habe ich nur von Transpersonalität gesprochen und damit manchmal bis meistens Phänomene gemeint, die ich jetzt als metapersonal beschreiben würde. Das hat zu einiger Verwirrung geführt. Diese neue Bestimmung wird also auch meine Theorie von Geschichte und Transformation verändern. Ich bin noch nicht so weit, dass jetzt schon alles benennen zu können, aber ein paar Sachen sind mir schon klar, auch wenn mir noch nicht im Detail klar ist, was daraus folgt:

  1. Schon in der imperialen Phase ist die Elementarform oft stark transpersonal geprägt. Auch wenn ein Auswechseln des Herrschers zu enormen Verwerfungen führen konnte, bleibt die transpersonale Institution des Königs oder Kaisers meist unangetastet.
  2. Das Neue an der kapitalistischen Elementarform ist also nicht ihre Transpersonalität sondern ihre Metapersonalität.
  3. Jede private Aneignung, die halbwegs verlässlich ist und nicht bloß prekärer Raub benötigt Institutionen und somit Transpersonalität.
  4. Es ist eine Gesellschaft denkbar, die nur wenige bis hin zu fast keinen transpersonalen Elementen oder Institutionen enthält. Das allgemein menschlich-gesellschaftliche ist also nicht die Transpersonalität sondern die Metapersonalität.

Ich bin gespannt zu welcher Transformationstheorie mich das jetzt wieder führen wird und freue mich auf eure Gedanken dazu.

Vielen Dank an alle, die mir beim Denken geholfen haben, insbesondere Andrej, Jan, Bini, Eva, Simon und Franziska.

Update: Nach noch mal drüber schlafen und grübeln über Simons Kommentar bin ich auf eine wesentlich einfachere Bestimmung von Metapersonalität gekommen.

  • Metapersonal sind diejenigen Beziehungen, die sich prinzipiell nicht interpersonalisieren lassen.

Anmerkungen dazu:

  • Beispiele: Ich kann die Näherin meines T-Shirts ausfindig machen aber nicht den Erfinder der heteronormativen Matrix, einer Höflichkeitsregel, den Schuldigen an der Finanzkrise.
  • Damit wird Metapersonalität genauso wie Inter- und Transpersonalität wieder zu einer Eigenschaft von Beziehungen. Und das Ganze nimmt doch wieder eher den Charakter einer Hierarchie an.
  • Es wird klarer, warum sich Meta- und Transpersonalität intuitiv oft erst mal nicht so gut voneinander unterscheiden lassen. Es ist eben oft sehr schwer eine transpersonale Beziehung zu interpersonalisieren, auch wenn es prinzipiell möglich ist.
  • Eventuell gibt es Fälle, in denen ein Diskurs so stark von Einzelpersonen geprägt wird, dass die Unterscheidung schwierig wird. Ist das Gravitationsgesetz ein bloß transpersonales Phänomen nur weil man es auf Newton und Einstein zurück führen kann? Da bin ich unsicher.  Wird an dieser Stelle das Reden über Mittel nötig, wie es Simon vorgeschlagen hat? Wie ihr seht, es ist alles ein Work in Progress.

Update zum Update:

Ich bin nach weiterem Grübeln nun zum Schluss gekommen, dass _beide_ Definitionen richtig und wichtig sind um Metapersonalität zu fassen. Metapersonalität ist also gleichzeitig eine Eigenschaft von Beziehungen also Beziehungen, die nicht interpersonalisierbar sind, als auch der Einfluss dieser Beziehungen auf inter-oder transpersonale Beziehungen. Das widerspricht sich ja gar nicht! Heureka!


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[2] holprigen: https://keimform.de/2018/42-thesen-zu-geschichte-weltraum-und-kommunismus/

[3] theoretischen: https://keimform.de/2018/was-sind-und-warum-gibt-es-elementarformen/

[4] Versuche: https://keimform.de/2018/die-keimformtheorie-ist-tot-es-lebe-die-keimformtheorie/

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