„Solidarische Care-Ökonomie“ von Gabriele Winker (Rezension)

Im Keimform-Blog lese ich seit längerem und häufig von den Beiträgen inspiriert mit. Weil Gabriele Winker und ich, wenn wir von solidarischer Gesellschaft sprechen, einen Ansatz vertreten, der mit den Vorstellungen eines ‚Commonismus‘ große Ähnlichkeit hat, möchte ich hier Gabrieles neues Buch vorstellen. Ich hoffe, dass die Darstellung Leser*innen des Blogs anregt, das Buch zu lesen, und dass es ebenfalls Gedankenprozesse anstößt oder zu Kritik führt, die für uns hilfreich ist.

Motivation für ihr Buch war zunächst die Empörung über eine Gesellschaftsform, die insbesondere Menschen mit umfangreichen Sorgeaufgaben unter immer größeren Druck setzt, und der Wunsch, dem etwas entgegenzusetzen. Beides war schon Thema in ihrem Buch „Care Revolution“, das neue Buch ist sozusagen eine Fortsetzung und eine Zuspitzung von „Care Revolution“. Die Entwicklungen der letzten Jahre legten dabei das Thema des neuen Buchs nahe: Zum einen waren die Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern und Pflegeheimen oder auch die viel zu niedrigen Altersrenten von Frauen, die viel Familienarbeit geleistet haben, Gegenstand vieler Medienberichte und gewerkschaftlicher wie politischer Proteste. All dies traf zum anderen erst recht auf die Klimakatastrophe zu. Auch hier ist die Bedrohlichkeit der Entwicklung überall in Zeitungen und Fernsehen präsent, auch hier hat sich eine kräftige Protestbewegung entwickelt, und dennoch ändert sich viel zu wenig. 

Beide Themen zu verknüpfen, stößt auf Workshops, in Diskussionsrunden und bei Aktionen auf viel Zustimmung; gleichzeitig sind die Entwicklungen einfach bedrückend. Wenn die Lebensgrundlagen von Milliarden Menschen teils zerstört, teils beeinträchtigt werden, und wenn soziale Beziehungen zwischen Menschen zunehmend beeinträchtigt werden, läuft uns die Zeit weg, dem etwas entgegenzusetzen. Radikale, die Produktionsweise selbst umfassende Veränderungen sind erforderlich und weder die Hoffnung, eine anders zusammengesetzte Regierung möge dafür sorgen, noch die, dass allein soziale Experimente auf hinreichend viele Menschen ausstrahlen und zur Nachahmung anregen, werden der Dramatik gerecht. 

In einem ersten Schritt geht Gabriele Winker den Ursachen der bedrückenden Veränderungen nach. Sie betrachtet zunächst getrennt, wie einerseits beruflich und familiär Sorgearbeitende überlastet werden und zum anderen die Emission von Treibhausgasen längst nicht im erforderlichen Maß zurückgefahren wird. Bei der Frage nach den Ursachen stößt sie darauf, dass sowohl die Sozialpolitik wie auch die Klimapolitik gegenwärtig vor allem als wirtschaftspolitische Maßnahmen gestaltet sind; deswegen ist das Ergebnis dieser Politiken für die Sorgearbeitenden wie für das Klima zwangsläufig „too little, too late“. Das kann in einer Produktionsweise, die auf Konkurrenz beruht und die ohne Wachstum nicht auskommt, auch nicht anders sein. Diese Überlegungen werden mit Gedanken aus der feministischen Ökonomiekritik verbunden: Unentlohnte Arbeit und Naturprozesse werden, weil sie keinen Preis haben, als stets vorfindbare und immer nutzbare Ressourcen behandelt und entsprechend ebenso wie die Bedingungen ihrer Reproduktion weitgehend ignoriert. Da die Probleme auf der Ebene der Gesellschaftsform zu verorten sind, muss auf dieser Ebene nach einer Lösung gesucht werden: Letztlich müssen wir raus aus einer Gesellschaft, die durch Marktvergesellschaftung und Äquivalententausch, durch Lohnarbeit und Geld als Mittel der Zuteilung des gesellschaftlich Produzierten und eben auch durch die Sphärentrennung in entlohnte und unentlohnte Arbeit gekennzeichnet ist. Letztere ist durch diese Sphärentrennung notwendig abgewertet; ihre (Reproduktions-)Bedürfnisse bleiben ebenso irrelevant wie die der Erhaltung stofflicher Kreisläufe. Eine Gesellschaft, die auf Geld und Lohnarbeit verzichten kann und deren Funktionsweise die wechselseitige Unterstützung bei der Befriedigung von Bedürfnissen – Sorge und Solidarität – fördern: Hier ist die Parallele zum Commonismus.

Wenn es darum geht, wie wir dorthin kommen, welcher Weg uns am ehesten eine Chance lässt, sind Antworten auf zwei Fragen erforderlich: Welche Schritte und welche Akteur*innen meinen wir?

Was die Schritte betrifft, ist es Aufgabe „revolutionärer Realpolitik“ – Rosa Luxemburgs Begriff taucht schon im Untertitel auf – Konfliktziele zu formulieren, die Menschen handlungsfähiger dort machen, wo sie Probleme verspüren, und die gleichzeitig die Überlastung der Umwelt und der Sorgearbeit verringern. Die einzelnen Elemente, die Gabriele Winker vorstellt – beispielsweise Verringerung der Erwerbsarbeitszeit, bedingungsloses Grundeinkommen, Ausbau und Vergesellschaftung der Care-Infrastruktur wie Krankenhäuser oder Kitas, Unterstützung alternativer Wohn- und Betriebsformen – sind für sich genommen nicht neu. Entscheidend ist jedoch ihre Zusammenführung auf die Fragen hin, was sie zur Entlastung Sorgearbeitender und als Beitrag gegen den Klimawandel leisten. In diesem Kontext geht es zunächst darum, sich vergesellschaftete, demokratisch organisierte Bereiche noch innerhalb des Kapitalismus zu erkämpfen. Wenn solche Schritte gelingen, verschärfen sie die Krise der Kapitalverwertung. Eine Reparatur des Kapitalismus auf diesem Weg wird von Gabriele Winker weder angestrebt noch als möglich angesehen. Zudem: Was krisenverschärfend ist, stößt auf Widerstand der herrschenden Gruppen. Ob die Übergänge in eine andere Gesellschaft fließend oder als Bruch erfolgen, ob sie gewaltlos sind oder nicht – auf diese Fragen lässt sich keine Antwort in einem Buch vorwegnehmen. 

Gegenüber ihrem Buch ‚Care Revolution‘ von 2015 ist das Thema der Ökologie – am Klimawandel konkretisiert – hinzugekommen. Weil hierdurch nicht nur das Thema erweitert wird, sondern auch Erfolge drängender werden, um unumkehrbare Veränderungen abzuwehren, blickt Gabriele Winker auch anders auf das Thema der handelnden Subjekte. Sie geht den Spuren der vielen nach, die bereits jetzt in unterschiedlichsten Formen und auf verschiedenen Ebenen gegen Individualisierung, Entsolidarisierung und übermäßigen Leistungsdruck in ihrem eigenen Leben, andere unterstützend und gemeinsam mit ihnen vorgehen. Die nicht mehr mitmachen wollen oder auch nur am liebsten nicht mehr mitmachen würden, wenn sie einen Weg sähen, sind die natürlichen Verbündeten von Menschen, die in eine solidarische Gesellschaft wollen – oder in den Commonismus. Wenn wir besser darin werden, diese Millionen von Menschen anzusprechen und ihnen Handlungsperspektiven anzubieten, verbessern wir unsere Chancen auf gesellschaftliche Veränderung sehr. 

Gabriele Winker: Solidarische Care-Ökonomie. Revolutionäre Realpolitik für Care und Klima. 211 Seiten, Transkript, Bielefeld 2021 EUR 15,00

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