Produktivkräfte, Destruktivkräfte und historischer Materialismus

Die Arbeiter (auf dem Mars) begehren auf und sprengen ihre Ketten – Screenshot aus dem sowjetischen Film Aelita von 1924.

Nur wenige Menschen versuchen über den Kapitalismus hinauszudenken. Diejenigen, die das dennoch tun, bauen diese Überlegungen meist auf zwei unterschiedlichen Fundamenten auf: Entweder auf die Annahme, dass sich die erwarteten Veränderungen sowieso und unabhängig von den Wünschen der Menschen vollziehen, oder aber auf die Überlegung, dass solch eine Gesellschaft besser wäre – für die Menschen, vielleicht auch für die Natur – und es sie daher herzustellen gilt. Prägnant und zweifellos etwas verkürzt kann man das erste Fundament als „materialistische Perspektive“, das zweite als „utopische Perspektive“ betrachten.

Die bekanntesten Verfechter der materialistischen Perspektive – traditionell „historischer Materialismus“ genannt – sind Karl Marx und Friedrich Engels, die sich vehement für diese Perspektive ausgesprochen haben und zugleich versucht haben – nicht wirklich erfolgreich –, die utopische Perspektive zu Grabe zu tragen. In seinem 1880 veröffentlichten Text „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ rechnet Engels mit utopischen Entwürfen von frühen Sozialisten wie Henri de Saint-Simon, Charles Fourier und Robert Owen ab, die er als „unreife Theorien“ und „reine Phantasterei“ verwirft (MEW 19, 194). An diesen „Utopisten“ (wie er sie nennt) kritisiert er, dass sie ihre Gesellschaftsentwürfe als „Ausdruck der absoluten Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit“ ansehen, die „nur entdeckt zu werden [braucht], um durch eigne Kraft die Welt zu erobern“ (ebd., 200).

Engels setzt dem die „materialistische Geschichtsauffassung“ entgegen, dass „die kapitalistische Produktionsweise […] die Notwendigkeit ihres Untergangs“ schon in sich trägt. Der Kapitalismus kann gar nicht anders, als sich durch sein eigenes Funktionieren selbst zu Grabe zu tragen – und auch die ihm folgende, in Engels Terminologie „sozialistische“ Gesellschaft ergibt sich in ihren logischen Grundzügen zwangsläufig aus der Weise, in der der Kapitalismus funktioniert und in der er untergehen wird. Das macht die Beschäftigung mit dem noch gar nicht existierenden Sozialismus in Engels’ Augen zur „Wissenschaft“ anstatt zur reinen Utopistik (ebd., 209).

Materialistische Ansätze haben gemeinsam, dass sie den Kapitalismus als seinen eigenen Totengräber ansehen – er kann gar nicht anders, als durch sein Operieren gemäß seiner eigenen Logik an einen Punkt zu kommen, wo er kollabiert, untergeht und durch eine andere Produktionsweise ersetzt wird. („Der Kapitalismus“, wie ich meistens kurz und knapp anstelle des von Marx und Engels bevorzugten genaueren Ausdrucks „die kapitalistische Produktionsweise“ schreibe, ist natürlich keine Person und hat keinen eigenen Willen. Was bei solchen scheinbaren Personifizierungen gemeint ist, ist dass die Menschen, die im Kapitalismus leben und ihn durch ihr Verhalten kollektiv gestalten, gar nicht anders können, als sich so zu verhalten, dass dieses Ergebnis notwendige Konsequenz ihres aus ihrer Sicht zweckmäßigen Verhaltens ist. Das werde ich im Folgenden nicht immer genau ausführen, aber Personifizierungen von abstrakten Konzepten wie „der Kapitalismus“ oder „der Staat“ sind immer in dieser Form zu verstehen.)

Führt Monopolbildung zur Enteignung der Enteigner?

Jenseits der genannten Gemeinsamkeit unterscheiden sich materialistische Ansätze aber dadurch, welche genaue Ursache und welchen Wirkmechanismus sie als Auslöser für den Untergang des Kapitalismus ansehen. Engels sah zunehmende Konzentrationsprozesse als diesen Auslöser: Große Unternehmen sind konkurrenzfähiger als kleinere, verdrängen diese deshalb oder kaufen sie auf, bis schließlich in jedem Industriezweig nur noch ein gigantischer „Trust“ übrigbleibt, der eine Monopolstellung genießt und entsprechend ungeniert abkassieren kann. Dies zwingt den Staat, einzugreifen und die Trusts zu verstaatlichen, auch weil sich „[k]ein Volk […] eine so unverhüllte Ausbeutung der Gesamtheit“ langfristig gefallen lassen würde (ebd., 221). Das ist allerdings noch nicht das Ende des Kapitalismus, sondern hat zunächst nur den Effekt, dass der Staat nun selbst zum „Gesamtkapitalist“ wird, der seine eigenen Bürger:innen als „Lohnarbeiter, Proletarier“ ausbeutet (ebd., 222).

Engels Auffassung nach ändert sich das jedoch, sobald das „Proletariat […] die Staatsgewalt“ ergreift und jetzt selbst die Zwecke der Produktion bestimmt. Damit wird der Staat als „Organisation der […] ausbeutenden Klasse […] zur gewaltsamen Niederhaltung der ausgebeuteten Klasse“ überflüssig – weil ja nun das Proletariat selbst die Macht hat und es somit keine ausgebeutete Klasse mehr gibt – und „stirbt ab“. Denn „[a]n die Stelle der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen“, wofür seiner Ansicht nach offenbar kein Staat benötigt wird (ebd., 223 f.). Der Weg über den zunehmend monopolisierten Kapitalismus zum Staatssozialismus und von da weiter zur staaten- und klassenlosen Gesellschaft war für Engels so schon vorgezeichnet.

Auch Marx teilte diese Erwartung – im Kapital, Band 1, macht er, wenn auch in knapperer Form, ganz ähnliche Ausführungen (MEW 23, 790 f.). Zu beachten ist, dass Marx und Engels diese erwarteten Veränderungen nicht als Automatismus ansehen, der sich quasi unabhängig vom Willen der Menschen vollziehen wird. Stattdessen erwarteten sie, dass die veränderte gesellschaftliche Situation die Wünsche und Ansprüche der Menschen selbst so beeinflussen würde, dass diese die weiteren Veränderungen bis hin zum Staatssozialismus und darüber hinaus selbst einfordern und durchsetzen würden. So schreibt Marx: „Mit der [zunehmenden Konzentration] wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse,“ bis diese schließlich die Nase voll hat. Dann wird die „kapitalistische[] Hülle“ des Produktionsprozesses „gesprengt“ und die großkapitalistischen „Expropriateurs werden expropriiert“ (ebd.).

Auch wenn primär das „gesellschaftliche[] Sein“ der Menschen „ihr Bewußtsein bestimmt“, wie Marx anderswo geschrieben hatte (MEW 13, 9), ist dies doch keine Einbahnstraße: vielmehr erzwingen Veränderungen im Bewusstsein wiederum Veränderungen im Sein.

Aus heutiger Sicht sind so viele Fehler in diesen Erwartungen von Marx und Engels zu erkennen, dass sie so vermutlich niemand mehr vertritt. Um nur ein paar Probleme in Form von Fragen anzureißen: Gibt es wirklich in allen Branchen eine so starke Tendenz zu Konzentration und Monopolbildung, oder nur in einigen? Wenn es diese Tendenzen wirklich gibt und zwar so stark, dass sie dem Kapitalismus selbst gefährlich werden könnten, können die Staaten dem durch Anti-Trust-Gesetze nicht entgegenwirken (wie sie es ab Ende des 19. Jahrhunderts dann ja auch taten)? Wenn in einem Land erst einmal der Staatssozialismus herrscht, wird das dann wirklich zum Überflüssigwerden und Absterben des Staates führen (die Erfahrungen aus der Sowjetunion und den Ostblockländern deuten eher in eine andere Richtung)?

Oder werden uns die Maschinen retten?

Diese spezifische materialistische Erwartung – qua Konzentration und Zentralisation erst zum Staatssozialismus und von da zum staatenlosen Kommunismus – kann heute aufgrund dieser offensichtlichen Probleme wohl als obsolet und widerlegt gelten. Beliebter und verbreiterer ist hingegen ein anderer mutmaßlich ebenso zwingender Weg vom Kapitalismus in den Kommunismus, der sich auf andere – erst posthum veröffentlichte – Überlegungen von Marx stützt. Gemeint ist das kurze „Maschinenfragment“ (MEW 42, 590–609) aus dem von Marx 1857/58 verfassten Manuskript Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie – ein Vorentwurf zum Kapital, der erst um 1940 veröffentlicht wurde. Marx argumentiert hier, dass mit Voranschreiten der kapitalistischen Produktivkraftentwicklung materielle Produktionsmittel – Maschinen aller Art – und Wissen im Produktionsprozess zunehmend an Bedeutung gewinnen, während die lebendige Arbeit immer mehr zurückgedrängt wird.

Deshalb erwartet er, dass sich der Kapitalismus aufgrund seiner fortschreitenden Produktivkraftentwicklung zwangsläufig seine eigene Grundlage entzieht – die menschliche Arbeit: „Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein […] bricht die auf dem Tauschwert ruhnde Produktion zusammen, und der unmittelbare materielle Produktionsprozeß erhält selbst die Form der Notdürftigkeit und Gegensätzlichkeit abgestreift.“ Damit verwandelt sich die kapitalistische, auf der Ausbeutung von „Surplusarbeit“ basierende Gesellschaft scheinbar zwangsläufig in eine, die die noch verbleibende „notwendige[] Arbeit […] zu einem Minimum,“ reduziert, um so der „freie[n] Entwicklung der Individualitäten“ vollen Raum zu geben und ihre „künstlerische, wissenschaftliche etc.“ Entfaltung zu ermöglichen (ebd., 601). Nicht „mehr die Arbeitszeit, sondern die disposable time“, also die Freizeit bzw. frei verfügbare Zeit wird dann zum „Maß des Reichtums“ (ebd., 604).

Marx sieht in diesem Fragment diese Entwicklung als zwangsläufiges Ergebnis des im kapitalistischen Verwertungsprozesses selbst angelegten „Widerspruch[s]“, wonach dieser einerseits „die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren strebt, während e[r] andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt“ (ebd., 601). Der Kommunismus (oder wie immer man die postkapitalistische Gesellschaft nennen will) kommt auch in diesem Ansatz zwangsläufig, allerdings aus anderen Gründen als in den von Marx und Engels veröffentlichten Werken.

Ab den 1990er Jahren, d.h. seit dem weitgehenden Ende des real existierenden Staatssozialismus, hat diese alternative materialistische Perspektive eine weite Verbreitung gefunden. Zahlreiche Bücher bauen auf diesem Ansatz auf – von in den 1990ern erschienen Werken wie Robert Kurz, Der Kollaps der Modernisierung (1991), Jeremy Rifkin, Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft (1995), André Gorz, Arbeit zwischen Misere und Utopie (1999, franz. Original 1997) bis hin zu solchen, die im letzten Jahrzehnt erschienen, etwa Ernst Lohoff und Norbert Trenkle, Die große Entwertung (2012), erneut Rifkin, Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft (2014), Paul Mason, Postkapitalismus (2016, engl. Orig. 2015), Nick Srnicek und Alex Williams, Die Zukunft erfinden (2016, Orig. 2015) sowie Aaron Bastani, Fully Automated Luxury Communism (2019).

Ich habe früher selbst auf Basis entsprechender Überlegungen argumentiert, etwa in Produzieren ohne Geld und Zwang (2011) – wobei ich die Transformation hin zum „Commonismus“ allerdings immer nur als Möglichkeit sah, nicht als zwangsläufige Notwendigkeit. Später allerdings sind mir grundsätzliche Zweifel daran gekommen, ob sich der Kapitalismus durch die zweifellos immer mehr zunehmende Automatisierung wirklich den Boden unter den eigenen Füßen wegzieht – auch weil sich empirisch kein klares „Ende der Arbeit“ oder „Schrumpfen der Arbeitsmenge“ feststellen lässt und weil sich Marx’ Überlegungen als wenig fundiert erweisen, wenn man versucht sie mathematisch-logisch zu überprüfen. Für Details sei auf Dank Produktivkraftentwicklung zur neuen Gesellschaft?, Geht dem Kapitalismus die Arbeit aus? und Produktivkraft als Versprechen verweisen.

Was bleibt vom historischen Materialismus?

Wenn nun weder die These von der zunehmenden Konzentration noch die von der zunehmenden Automatisierung eine plausible Begründung für einen zwangsläufig kommenden Selbstmord des Kapitalismus darstellt, was bleibt dann noch? Ist die „materialistische Geschichtsauffassung“, wonach „die kapitalistische Produktionsweise […] die Notwendigkeit ihres Untergangs“ schon in sich trägt (Engels, wie oben zitiert) damit krachend gescheitert? Dass das manche so sehen, sieht man unter anderem an einer in den letzten Jahren zunehmenden Renaissance der von Engels kritisierten „Utopisten“ (und Utopistinnen). Diese setzen für die erhoffte Gesellschaftsveränderung nicht auf die zwangsläufigen Konsequenzen von sich im Kapitalismus notwendigerweise vollziehenden Prozessen, sondern auf die Anziehungskraft der von ihnen entworfen Utopie. Damit handeln sie sich allerdings wiederum die Probleme ein, die Engels schon kritisiert hatte, als er diesen Ansatz für veraltet erklärte.

Was an der materialistischen Perspektive auf jeden Fall bewahrenswert bleibt, ist die Prozessorientierung – die Frage nach dem Prozess, der von dieser in eine andere Gesellschaft führen wird. Dieser Prozess hat einen bestimmten Anfang und einen bestimmten Verlauf, und sein (vorläufiger) Endpunkt – die andere Gesellschaft – wird durch diese Voraussetzungen selbstverständlich geprägt sein. Die Utopist:innen fangen hingegen hinten an: Sie entwerfen (oder skizzieren) zuerst die Traum- oder Idealgesellschaft, um sich danach zu fragen, wie die Menschheit von hier nach da kommen kann. Dass das nicht gutgehen kann, ist eigentlich naheliegend – es ist wie beim Bau eines Hauses mit dem Dach beginnen zu wollen – doch ich werde im nächsten Artikel noch mehr auf die Probleme eingehen, die der utopische Ansatz mit sich bringt.

Zunächst ist festzuhalten, dass der materialistische Ansatz zwar in seinen konkreten Ausprägungen gescheitert ist: Konzentrationsprozesse haben nicht zu einem Ende des Kapitalismus geführt, und es ist absehbar, dass die zunehmende Automatisierung das auch nicht tun wird. Das heißt aber nicht, dass die Frage: „Was tut der Kapitalismus, um sich selbst (unfreiwillig) zu zerstören?“ zwangsläufig falsch ist – falsch sind nur die typischerweise gegebenen Antworten. Inzwischen, wo der – nicht nur allgemein menschengemachte, sondern in erster Linie vom und im Kapitalismus gemachte – Klimawandel nicht nur in aller Munde ist, sondern in seinen Konsequenzen auch immer spürbarer wird, muss man die Frage stellen: Werden es am Ende die Destruktivkräfte des Kapitalismus sein, die ihn zu Grabe tragen – die zerstörerische Seite seiner Produktivkraftentwicklung?

Sollte dem so sein, kann das für die künftige Gesellschaft natürlich nicht ohne Folgen bleiben: Der Kapitalismus wird nicht sang- und klanglos untergehen, ohne Spuren zu hinterlassen, sondern die Veränderung der Erdatmosphäre hat langfristige Auswirkungen, die wahrscheinlich noch in Zehntausenden von Jahren – mindestens aber in den kommenden Jahrhunderten – spürbar sein werden. Jede Utopie, die die Folgen des Klimawandels ignoriert oder so tut, als ob sie in ihrer Traumgesellschaft magischerweise keine oder fast keine Rolle mehr spielen würden – und das sind die meisten – kann heute schon deswegen keinerlei Relevanz mehr besitzen. Sie beschreibt, wenn sie so aussieht, nicht mal eine unwahrscheinliche Möglichkeit, sondern eine Unmöglichkeit.

[Fortsetzung: Utopiekritik, Utopistik und die Probleme des „Modells Zukunftswerkstatt“]

5 Kommentare

Einen Kommentar hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.