Kritik an Christian Siefkes „Produktivkraft als Versprechen“ – Teil III

Der Kapitalismus muß akkumulieren, da er anderweitig in der Krise steckt. Jeder Gleichgewichtszustand ist ein Krisenzustand, der in der dynamischen Wirtschaft nur zum Zusammenbruch oder zu neuem Aufstieg führen kann. Jede Gleichgewichtslage widerspricht damit der kapitalistischen Wirklichkeit und kann sich nie auf diese selbst beziehen, sondern höchstens auf eine methodische Annahme, um besondere Eigenarten des dynamischen Wirtschaftsablaufs herauszuschälen. (Paul Mattick)[1]

Wirtschaftswachstum und kapitalistischer Luxuskonsum

Siefkes untersucht, ob das von ihm festgestellte gegenseitige Aufschaukeln der beiden Abteilungen realistisch sei, wenn er den Kapitalist*innen-Konsum absolut konstant hält: „Im beschriebenen Szenario, in dem nur Pm und ALm[2] wachsen können, kommt es zu einem Patt“ (Siefkes (2016): 6). Der Prozess komme von selber ins Stocken. Mit antizipierter Überproduktion erklärt Siefkes, „was wir heute beobachten: Große Mengen ungebundenes Kapital sind global auf der verzweifelten Suche nach aussichtsreichen Investitionsmög­lichkeiten, die sich aber kaum finden“ (ebd.: 6). Anders formuliert: Unterkonsumtion/Überproduktion führen zu Überakkumulation.

Um Abhilfe zu schaffen, greift Siefkes doch auf Marx‘ Modell zurück. Dort wird eine Hälfte des Mehrwerts konsumiert und die andere investiert. Die Wirtschaft wächst langsamer als im ‚Modell Siefkes‘. Während bei fest- (und auf Dauer klein) bleibendem Kapitalistenkonsum – ‚Modell Siefkes‘ – der Output in fünf Jahren mehr als 100% zulegt, steigt er im ‚Modell Marx‘ nur um 80%. Die Neuinvestitionen sind à la longue niedriger, weil von den Kapitalist*innen mehr Mehrwert konsumiert wird. Bei proportionalem Kapitalist*innen-Konsum – sagt Siefkes – sei dieser KK der Wachstumstreiber. Das Wachstum durch KK ziehe Wachstum in den anderen Bereichen nach sich. Die Aussage kann nicht belegt werden. Alle drei ‚Branchen‘ wachsen tatsächlich um 80%, alle drei benötigen zusätzliche Arbeiter*innen, alle drei brauchen zusätzliche Produktionsmittel. Es bleibt unklar, warum Siefkes die Luxusgü­terbran­che so auszeichnet: „Grundsätzlich haben die Kapitalist*innen es in der Hand (…). Steigern sie ihren Privatkonsum, dann führt das einerseits zu zusätzlicher Nachfrage nach investierbarem Kapital und andererseits zu einem reduzierten Angebot an ebendiesem“ (Siefkes (2016): 7). Das ist nicht nachvollziehbar.

Im Fall, dass nicht akkumuliert und der Mehrwert von den Kapitalist*innen komplett konsumiert wird[3], gibt es logi­scherweise kein Anlage suchendes Kapital. „Lange vor Erreichen dieses Extrems dürfte ein Gleichgewichtspunkt erreicht sein, wo das Wachstum des kapita­listischen Privatkonsums und des neu akkumulierten Kapitals im richtigen Verhältnis zuei­nandersteht, um (theoretisch) dafür zu sorgen, dass das Kapital Erfolg versprechende Anlagemöglich­keiten findet“ (ebd.: 7). Meint Siefkes mit Marx, dass der ‚Gleichgewichtspunkt‘ durch eine Krise eintritt, „um das rich­tige Verhält­nis zwischen notwendiger und Surplusarbeit, worauf alles in letzter Instanz beruht, wieder­herzustel­len“ (MEW 42: 360)? Die interessante Frage bleibt offen.

Siefkes hält es für realistisch, dass zu zögerliches Konsumverhalten der Kapitalist*innen wesentliches auslösendes Element der Krise seit 2008 darstellt. Dafür bezieht er sich auf die im Maschinenfragment angesprochenen unterschiedlichen Entwicklungen von Wert- und Gebrauchswertproduktion: Produktivkraftsteigerungen führen nach Siefkes zu einer quantitativen oder qualitati­ven Steigerung der produzierten Gebrauchswerte, auch wenn die in diesen gebundene Wertmasse gleich bleibt oder gar fällt. Es stellt sich die Frage, ob nicht ein grundsätzliches Missverständnis vorliegt. Wenn im­mer weniger Wert herauskommt und dafür immer mehr Stoffe verbraucht werden müssen, um trotz­dem Steigerungen auf der Wertebene zu realisieren, so gerät die Welt in einen hohen Entropie­zustand[4]. Denn eines ist klar: Stoffe sind begrenzt, Wert strebt gegen unendlich.

Fazit

Siefkes Kritik an der Sichtweise, „dass sich der Kapitalismus aufgrund seiner fortschreitenden Produk­tivkraftentwicklung selbst die Grundlage entzieht“ (Siefkes (2016): 1), überzeugt nicht. Es überzeugt auch nicht, Probleme der Wertverwertung durch erhöhte Produktivkraftentwicklung aus den Grund­rissen gegen die erweiterte Reproduktion aus des zweiten Kapitalbandes ausspielen zu wollen.

Bezüglich des Schemas der erweiterten Reproduktion weist Siefkes nach, dass es ins Stocken gerät, weil das Kapital keine Anlagemöglichkeit findet und dadurch zu fiktivem Kapital wird, das sich auf Spe­kulation einlassen muss, eine Überakkumulationskrise.

Siefkes sieht eine Unterkonsumtionskrise im Luxussegment als Auslöser. Diese könne in einem ‚Gleichgewichtspunkt‘ behoben werden. Die Kapitalist*innen könnten – so klingt es – durch Konsu­m­erhöhung den Kapitalismus retten. Was dieses rettende Gleichgewicht[5] bestimmen soll, bleibt unklar. Zu Beginn des Teils III steht im Zitat von Mattick: „Jede Gleichgewichtslage widerspricht damit der kapitalistischen Wirklichkeit.“ Das ist das Gegenteil eines Gleichgewichtspunktes zwischen Akkumulation und Konsumtion.

Für Siefkes bedeutet Produktivkraftentwicklung, dass Menge und Qualität von Gebrauchswerten schneller wachsen als die produzierte Wertmenge. Diese Vorstellung steht im Kontrast zur kapitalistischen Entwicklungsdynamik (siehe Entropie). Ein rationales, an den Bedürfnissen der Menschen ansetzendes Vorgehen setzt die andere Gesellschaft voraus. Die in der „Menge und Qualität der Gebrauchswerte“ (Siefkes) liegende ökologische Dimension diskutiert er nicht.

Ein Hauptaspekt scheint es zu sein, sich von Zusammenbruchstheorien abzusetzen. Das ist in gewisser Weise verständlich. Dass es demnächst zur finalen Krise kommt, wird niemand annehmen. Das, was in der Vergangenheit von marxistischen Denkern als finale Krise angesehen wurde, hat sich noch jedes Mal selbst dementiert. Ergo: Den Kapitalismus gibt es auf ewig? – Sicher nicht. Zu Recht weist Siefkes am Ende seines Artikels darauf hin, dass der Weg in die postkapitalistische Gesellschaft kein Selbstläufer ist. Zu dem Beschreiten des Weges dorthin – dazu rät Siefkes – müssen die Krisen im Blick bleiben, weil die Krisenverarbeitung völlig andere Formen annehmen kann, als wir uns wünschen.

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Anmerkungen

[1] Mattick, Paul (1974): Krisen und Krisentheorien. In: Mattick/Deutschmann/Brandes (1974): Krisen und Krisentheorien. Frankfurt a. M. : Fischer-TB, S. 116.

[2] Pm und ALm = Produktionsmittel und Arbeiter*innen-Lebensmittel.

[3] Das ist der Fall der einfachen Reproduktion, der stationären Wirtschaft.

[4] Schütze, Christian (1989): Das Grundgesetz vom Niedergang. Arbeit ruiniert die Welt. München/Wien: Hanser.

[5] Marx zum Gleichgewicht: »Die Tatsache, daß die Warenproduktion die allgemeine Form der kapitalistischen Produktion ist, (…) erzeugt gewisse, dieser Produktionsweise eigentümliche Bedingungen (…) des normalen Verlaufs der Reproduktion, (…) die in ebenso viele Bedingungen des anormalen Verlaufs, Möglichkeiten der Krisen umschlagen, da das Gleichgewicht — bei der naturwüchsigen Gestaltung dieser Produktion — selbst ein Zufall ist.« (MEW 24: 490).

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