Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Revolutieren, Reformieren oder Commonisieren?

Auf der Attac-Sommerakademie durfte ich kurz Commons vorstellen. Aber v.a. nachher die inszinierte Diskussion ist nett wo Reforma (Antikapitalistische Sozialdemokratin), Revoluzza (Sozialistische Revolutionärin), Anarchia (Antistaatliche Revolutionärin) und Commuja (könnt ihr euch ja denken) miteinander diskutieren. Für die Attacis haben wir geschaut, dass es keine klare Entscheidung gibt :). Den Text will ich eigentlich nochmal überarbeiten und einsprechen … Danke MrMarxismo für die Aufnahme (aber nicht für den Zwischenruf) und Mischa und Jojo für die Teilnahme!

Kategorien: Commons, Eigentumsfragen

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6. Oktober 2019, 13:47 Uhr   14 Kommentare

1 Gabriele Weis (06.10.2019, 18:09 Uhr)

Meine Denkansätze zu möglichen Wegen findet Ihr hier:
https://diskursblickwechsel.wordpress.com/2019/10/01/brauchen-wir-messlatten-gesellschaften/
Schaut mal ob Ihr was damit anfangen könnt und mögt…

2 Simon (06.10.2019, 23:50 Uhr)

Ich habe es jetzt nur überfolge Gabriele, aber ich glaube unsere Utopien unterscheiden sich ganz schön. Bei einem kurzen Überblick scheint es mir so als würde es bei dir noch immer Geld, Staat etc. geben …

3 Gabriele Weis (07.10.2019, 10:47 Uhr)

Richtig, Simon, und nicht richtig..
Was die heutigen Sackgassen kennzeichnet, ist u.a. ihr weltweiter Gleichförmigkeits-Sog..
Ich sehe nicht, dass Gesellschaften je historisch reine Allmende-Wirtschafts-Konglomerate gewesen wären..
Allmenden, Commons, bieten künftig für ggf. sogar überwiegende Teile menschlicher Lebensgrundlagenproduktion mit Sicherheit den optimalen Ansatz.Ohne auch Markt-, also Tauschwirtschafts-Mittel nutzende Ergänzungs-Akteure sehe ich nicht, dass sich in absehbaren Zeiträumen so etwas wie ganze Weltregionen aus lauter Cecosesolas  (vgl.: https://autopoietischesnetzwerk.home.blog/2019/08/25/427/) auf den Weg bringen ließen..
Also hätte unsere Begleitsuche der Bildung von Räumen zu gelten, in denen Commons bedarfsgerecht entstehen und die örtlichen Strukturgefüge beleben und zu sich zunehmend verändernden Akzentsetzungen anregen können    –    im Zusammenspiel von mehr oder minder traditionellen Privatwirtschaftlichen, gemeinnützig bürgerschaftlichen und Commons-Unternehmungen   – – –   im Rahmen dazu geeignet grundlegend anders aufzustellender und entwicklungsfähig gemachter Staatlichkeit ….
So meine Überlegungen, die auf ein in neue Fruchtbarkeit gebrachtes Zusammenwirken tradierter wie neu entwickelter Mentalitäten und Organsations-Ideen wie -Vorlieben setzt… (!!)  – – –   dabei weit über das, was Du in Deiner Video-Rolle als ´Reformatorer´ als Schritt-für-Schritt-Reformziele anführst !

Wär schön, von Dir dazu was zu erfahren  –  merci!

4 Gabriele Weis (08.10.2019, 12:38 Uhr)
5 Umbruchszeiten – – – also entwerfen & gestalten wir unsere Verhältnisse neu ! | diskurs blickwechsel (08.10.2019, 12:46 Uhr)

[…]       Simon Sütterlis Post auf keimform   (https://keimform.de/2019/revolutieren-reformieren-oder-commonisieren/#comment-1417324)  habe ich wie folgt kommentiert:     Gabriele Weis (06.10.2019, 18:09 Uhr)       Meine […]

6 Silke Helfrich (14.10.2019, 13:32 Uhr)

Ein Satz, an dem ich hängen blieb: „Die Utopie zu bestimmen ist aber auch herrschaftlich.“ 🙂

Ansonsten fällt mir immer wieder auf, dass dieser Anlauf: „mit oder ohne Staat“ (ein Entweder-Oder Framing) schon eine Dingifizierung des Staates voraussetzt und natürlich von Kategorien der Trennung ausgeht: wir hier – Staat woanders. Mir scheint, dass es das ist, was letztlich dazu führt dass man zu jedem Beispiel, dass Du bringst, ein Gegenbeispiel bringen kann.  Dass also das, was Du analysierst sich nicht mit den Erfahrungen im Leben deckt.
Ich sag’s nochmal: Ich kann zunehmend mit Ausdrücken wie DER Staat oder DER Markt nichts anfangen. Für DEN Tausch (der auf Keimform oft mit ‚Äquivalententausch unter Bedingungen des nationalstaatlich verfassten Kapitalismus bezogen auf eine labor theory of value` gleichgesetzt wird) gilt das allemal.

7 Stefan Meretz (14.10.2019, 16:24 Uhr)
@Silke: Der Witz der Analyse ist in der Tat, gerade nicht bei Trennungen zu landen. Aber auch nicht im Beliebigen zu verbleiben, wo gar nichts mehr kapiert werden kann. Die Alternative ist das Begreifen von Unterschieden. Unterscheiden heißt, den Zusammenhang zu erhalten, aber die unterscheidbaren Qualitäten nicht zu übergehen. Das spricht aus meiner Sicht dafür, die Kategorien Staat, Markt und Tausch kategorial aufzuklären, anstatt sie zu ignorieren. Denn mit bestimmten Qualitäten, die heute von Staat, Markt und Tausch verkörpert werden, können aus meiner Sicht Commons langfristig nicht leben. Heute müssen wir uns mühsam davor schützen (und entsprechende Muster ausbilden ;-)). Vielleicht kannst du bis hierhin mitgehen.
Für mich heißt das allerdings auch, dass auch die Formen, die das heute tragen, eben die Staatsform, die Marktform und die Tauschform, auch nicht bleiben können. Das, was sie tragen – die gesellschaftliche Vermittlung i.w.S. – wird langfristig andere Formen finden (müssen). Da unterscheiden wir uns vielleicht.
8 Stefan Meretz (14.10.2019, 16:27 Uhr)

Ach, Tausch übrigens, ist für mich viel schlichter die Kopplung von Geben und Nehmen. Davon ist Äquivalententausch nochmal zu unterscheiden.

9 Silke Helfrich (14.10.2019, 16:53 Uhr)

Erstmal zum Tausch:
Ich bin ja inzwischen der Meinung, dass wir ein viel differenzierteres Vokabular brauchen. Beispiel: in unserem Buch haben wir das, was gemeinhin „sharing“ / „teilen“ genannt wird aufgedröselt in: „dividing up/aufteilen“ (wenn bezogen auf rivale Güter), sharing/weitergeben (wenn bezogen auf nicht rivale Güter) and using together/gemeinsam nutzen (wenn gleichzeitige Nutzung).
Sofern die Analyse es erfordert, müssen eben auch die Begriffe differenzierter sein.

Deswegen ist es problematisch einfach nur zu sagen: Tausch = Kopplung von Geben und Nehmen, denn die unmittelbare, kurzfristige, direkte, „gleichwertige“ Kopplung ist das Eine, aber langfristige, indirekte, bedürfnisbezogene, in Beziehungsdynamiken eingebettete Kopplung ist was Anderes und eben nicht des Teufels. All das „Tausch“ zu nennen und dann zu sagen – „geht gar nicht“- hilft nicht nur analytisch nicht weiter, sondern muss geradezu in Missverständnisse führen.

Das aufzudröseln ist ja der Witz daran, prozessuale/ relationale Kategorien einzuführen statt „dingifizierte“ (und der direkte Artikel ist für Letzteres immer ein guter Anzeiger.

10 Silke Helfrich (14.10.2019, 17:07 Uhr)

@Stefan: „Vielleicht kannst du bis hierhin mitgehen.

„Ich fürchte nicht und die kürzestes Art das zu sagen ist, dass Du nicht von Kategorien ausgehen kannst, die die Trennung schon in sich tragen, wenn Du die Trennung überwinden willst.
Dh. ich halte nicht das Anliegen für problematisch sondern den Ausgangspunkt.

Das ist der Grund, warum ich versucht habe, konsequenter von Staatsmacht zu reden (Kapitel 9 in Frei, Fair und Lebendig; ist freilich nur ein Versuch), weil dann zum Beispiel klar wird, dass immer konkrete Personen oder PErsonengruppen / Interessensgruppen (nicht DER Staat) Macht bekommen (sic – das ist ein Prozess an dem wir alle beteiligt sind), dann hat/ ausübt usw. und diese Macht aber auch wieder verlieren kann. Und es wird klar, dass es in jedwedem Staatsgebilde unzählige solcher Beziehungen gibt und es darum gehen könnte, in solch einem Gebilde all diese Beziehungen zu transformieren, so dass eine ganz andere Organisationsform entsteht, die aber auch eine Form von Staatlichkeit ist, wie @Simon das neulich für Rojava bemerkte – nur setzt dort nicht eine „von den Menschen getrennte“ Macht die Regeln durch. (Puh, es fällt schwer, gerade in diesen Tagen so abstrakt über Rojava zu schreiben).
Mensch kann jetzt also all diese Beziehungen so transformieren wollen, das wäre dann Reforma im obigen Rollenspiel: Oder (und das ist unser Job) Formen von Staatlichkeit – nix anderes als transpersonale Governance – denken/entwickeln/vorstellbar machen, in denen die Beziehungen nicht „Macht über andere“ ausdrücken und gewaltsam durchsetzen.
Es geht also nicht um „aufklären“ vs. „ignorieren“ sondern um unterschiedliche Qualitäten davon, was wir „Kategorie“ nennen. Ich hoffe, wir finden in Hiddinghausen Zeit das zu diskutieren.

11 Stefan Meretz (16.10.2019, 10:26 Uhr)

@Silke zum Tausch: Es freut mich, dass du auf meine alte (und damals von dir kritisch beäugte) Gütersysthematik zurückgekommen bist 😉

All das, was du als Beispiele von Nutzungsmöglichkeiten anhand einer bestimmten Beschaffenheit von Gütern nennst finden ich gut – hat aber eben gerade nichts mit Tausch zu tun, weil es die Kopplung (auf individueller Ebene) aufhebt. Du schreibst:

die unmittelbare, kurzfristige, direkte, „gleichwertige“ Kopplung ist
das Eine, aber langfristige, indirekte, bedürfnisbezogene, in
Beziehungsdynamiken eingebettete Kopplung ist was Anderes

Sehe ich auch so, „direkt“ und „indirekt“ sind die wichtigen Stichworte. Ich drücke das Gleiche anders aus: Wir sollten unterscheiden, auf welcher Ebene die Kopplung geschieht: auf individueller, kollektiver oder gesellschaftlicher Ebene. Hinzu kommt die zeitliche Dimension, aber die halte ich für eine zusätzliche Dimension. Die Qualität, die Commons ausmachen, ist, dass sie die Kopplung auf individueller Ebene in der Regel aufheben und auf die kollektive Ebene verschieben. Für die Solawi insgesamt muss das Budget aufgehen, nicht für mich in Bezug auf meinen Gemüseanteil. Das ist ein wichtiger Schritt! Ziel kann meiner Meinung nach nur sein, die Kopplung auf die gesellschaftliche Ebene zu schieben und auch die einzelnen Commons von der Kopplung zu entlasten (aber das ist Utopie und hat weitere Implikationen).

Es geht also gerade nicht darum „all das Tausch“ zu nennen, sondern analytisch sorgsam zu unterscheiden, was da jeweils der Fall ist.

12 Stefan Meretz (16.10.2019, 10:35 Uhr)

@Silke zum Staat: Na, da lass uns hoffentlich wirklich in Hiddy diskutieren. Du benutzt ja auch den Staatsbegriff und fokussierst dabei auf eine Dimension. Let’s talk 🙂

13 Simon (19.10.2019, 10:04 Uhr)

@Silke: Ich verstehe nicht ganz dein Beziehungsdenken – bevor ich nun eine falsche Verallgemeinerung darüber mache schaue ich mir lieber dein Buch noch genauer an …

Wenn ich den Staat kritisiere, dann kritisiere ich eine Institution welche Macht besitzt bspw. bestimmte Regeln allgemeinverbindlich durchzusetzen – seien dies nun Eigentumsansprüche oder Sanktionen gegenüber den „Commoners “ die sich nicht passend verhalten. Noch deutlicher wird dies, wenn dieses Beziehungsgeflecht/beziehungsstrukturierende Instanz Staat in die Re/Produktion eingreift und diese plant. Denn dann muss er die Leute auch dazu bringen können, sich an seinen Plan zu halten sonst war dies nur ein Vorschlag und keine staatliche Entscheidung. Durchsetzen geht am besten dadurch den Konsum an Leistung/Arbeit zu koppeln. Das ist auf jeden Fall das Ende von jedem Commoning. Aber wir bereiten zur Staatskritik nochmal was längeres her …

14 Silke Helfrich (19.10.2019, 11:02 Uhr)

hm @Stefan, daran, dass ich auf Deine Gütersystematik zurückgegriffen habe, kann ich mich gar nicht erinnern :-). Ich habe ein Beispiel dafür gebracht, wie wir Begriffe differenzieren müssen um auch ausdrücken zu können, was sich in der Realität in unterschiedlicher Weise vollzieht. Dafür habe ich das Beispiel „Sharing/Teilen“ benutzt und es aufgedröselt in unterschiedliche Begriffe für „das Teilen von Wasser“, „das Teilen von Wissen“.  Dass es den Unterschied zwischen „rival und nicht rival“ (bzw. substractable gibt), ist ja schon in der klassischen Gütermatrix von Samuelson/Buchanan und später Ostrom deutlich.

Ich habe nicht gesagt, dass das „Tausch“ sei. Natürlich nicht. 
Zum weiteren Abschnitt: Ich glaube nicht, dass sich der Unterschied auf den ich hinweisen wollte (der ein Unterschied IN DER QUALITÄT DES AUTAUSCHENS ist), durch die „Zuweisung“ von Ebenen (individuell, kollektiv, gesellschaftlich) aufgehoben ist. Sehr grob gesagt kannst Du im Prinzip alle Arten der Reziprozität auf all diesen Ebenen haben.

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