Offene Verfügung oder garantierter Besitz?

geschrieben von Simon Sutterlütti am 12. Januar 2019, 20:25 Uhr


Wir hatten in letzter Zeit immer wieder Diskussionen, ob die positive Bestimmung gegenüber Eigentum nun „kollektive Verfügung“ oder „Besitz“ ist. Wobei Besitz häufiger verknüpft ist mit einer Vorstellung lokaler Regeln, welche meine Nutzung über bestimmte (materiellen) Mittel wie Wohnung absichert und dabei auch sicherstellen, dass die Verfügung nicht immer offen ist. In diesem Dialog hab ich versucht ein paar Gedanken dazu zu entwickeln. Wünsche Spaß beim Lesen 🙂

Lisa: Was bedeutet kollektive Verfügung genau? Kollektive Verfügung meint zuerst einmal eine prinzipiell offene Verfügung. Nichts geht aufgrund abstrakter Regeln (Gesetze) in die ausschließliche Verfügung einer bestimmten Gruppe oder einer Person über. Ausschließlich bedeutet hierbei, dass diese Person langfristig, immerdar, garantiert über diese Mittel verfügt. Menschen nutzen Mittel zeitweise und bringen sie somit in Besitz. Dieser Besitz wird aber häufig gleichgesetzt mit einer zeitweisen ausschließenden Verfügung: Die Fabrik oder die Zahnbürste ist nun mein Besitz, und deshalb darf nur ich/meine Gruppe darüber verfügen. Und die Wohnung oder Zahnbürste verbleibt auch in meiner ausschließenden Verfügung wenn ich sie gerade mal nicht nutze. Ich würde es anders, vl radikaler formulieren: Menschengruppen bringen Dinge unter Besitz, sie nutzen sie, aber ihr Anspruch ist niemals durch sich selbst gerechtfertigt, sondern notwendig offen für Disputation. Ihr zeitweiser Nutzen ist Teil eines sozialen Prozesses, in welchem sie nun diese Mittel nutzen. Alles ist radikal offen. Alles ist grundsätzlich für jede*n verfügbar. Wenn die Nutzung bspw. von Maschinen durch eine andere Person oder Gruppe infrage gestellt wird kommt es zum Konflikt. Es gibt verschiedene Nutzungsideen und diese müssen vermittelt werden.

Nahuel: Nein. Wir brauchen Besitz. Besitz ist eine zweitweise garantierte Nutzungsverfügung. Wenn ich eine Wohnung eingerichtet, hergerichtet, schön gemacht habe, dann will ich sie auch nutzen können. Ich sollte das Recht darauf haben sie nutzen zu dürfen –

Lisa: Es gibt kein Recht. Erst Recht kein Recht, dass wie Lockes Eigentumsbegründung funktioniert: Ich habe etwas hergestellt und deshalb habe ich nun Verfügung darüber. Ich habe meine Arbeit mit einer Ressource vermischt und diese ist nun mein Eigentum.

Nahuel: Gut von mir aus kein Recht. Aber schränkt es nicht meine Selbstbestimmung ein, meine selbstzwecksetzende Tätigkeit, wenn ich nicht über die Produkte meiner Tätigkeit verfügen kann?

Lisa: Dann wären dies Produkte deiner Arbeit. Du würdest Mittel herstellen, über welche du dann auch ausschließliche Verfügung hast, bzw. mit den anderen Leuten, welche diese Mittel mit dir hergestellt haben. Freiwilligkeit bedeutet, dass niemand dich zu etwas Zwingen kann, oder positiv, dass du das tust wozu du motiviert bist. Es beinhaltet kein Recht auf das Produkt deiner Tätigkeit.

Natürlich ist es zeitlich-lokal in deiner Verfügung, deiner Nutzungsmöglichkeit. Du hast es gerade hergestellt und kannst es an jmd weitergeben oder behalten. Da die meisten Tätigkeiten arbeitsteilig sein werden, wirst du es eher für jmd anderes hergestellt haben. Aber unter gesellschaftlichen Bedingungen meist nicht für eine konkrete Andere, sondern eine allgemeine Andere. Wenn du es für allgemeine Andere hergestellt hast, dann ist das Ziel deiner Tätigkeit höchstwahrscheinlich, dass du Mittel herstellen oder erhalten wolltest, die möglichst gut andere Bedürfnisse befriedigen. Mittel welche die Handlungsfähigkeit anderer, definiert als das Kennlernen, Entfalten und Befriedigen von Bedürfnissen, möglichst gut befriedigen. Dann ist es für dich eh nahegelegt dem gesellschaftlichen, inkludierenden Hinweis- und Konfliktprozess deine Mittel zu übergeben, da dieser deinem Wunsch nach der inkludierendsten Nutzung am ehesten nachkommen wird.

Nahuel: Aber was ist wenn ich in interpersonalen Beziehungen herstelle*? Für konkrete Andere? Sei es für mich oder für eine bekannte Person, oder eine bestimmte Person die mich danach gefragt hat. Dann war ich in dieser Tätigkeit nicht dadurch motiviert die Bedürfnisse allgemeiner Anderer, der Menschheit, der gesamten Gesellschaft zu befriedigen – wodurch die Verteilung ja tatsächlich am besten durch inkludierende Hinweis- und Konfliktprozesse gewährleistet wäre – sondern einer konkreten anderen Person. Würde es nicht meine Motivation rückwirkend infrage stellen, die Grundlagen auf welche die Motivation entstanden ist zerstören, wenn der Ausgangspunkt meiner Motivation zerstört würde? Ich bin motiviert diese Wohnung herzurichten, weil ich darin gerne wohnen will, oder weil ich mir wünsche, dass Karl und Franzi darin wohnen sollen. Wenn aber zum Schluss iwelche andere Menschen da einziehen dann wurde meine Motivation, meine Freiwilligkeit zerstört.

Lisa: Hmm … Ich kann das was du sagst nachvollziehen. Du hast Bock was zu machen, hast es gemacht, aber dann wir es anders genutzt als warum du Bock hattest es herzustellen. Du fühlst dich vielleicht betrogen, nicht ernst genommen, übergangen. Aber dies wäre ja v.a. der Fall wenn du in den Entscheidungsprozess was mit der Wohnung passieren sollte nicht einbezogen wurdest, oder? Du richtest die Wohnung für Karl her, aber dann zieht Louise ein. Das fühlt sich natürlich schlecht an, wenn Karl da eig rein wollte, aber von Louise irgendwie ausgetrickst, übergangen wurde, aber das kann Louise wiederum nur, wenn sie den Konfliktprozess iwie ausgewichen ist, wenn sie die kollektive Verfügung verletzt hat und einfach ihre Bedürfnisse durchgesetzt hat. Du würdest dich also schlecht fühlen, weil die Grundidee kollektiver Verfügung, eine Bedingung von Inklusion, gebrochen würde, oder?

Nahuel: Du meinst also, wäre ich an dem Prozess beteiligt gewesen oder hätte ich zumindest die Möglichkeit gehabt da mitzuentscheiden und eine gemeinsame Lösung zu erwirken, dann würde sich für mich die Nutzungsentscheidung am Ende nicht schlecht anfühlen. Auch wenn ich mit einer anderen Motivation gestartet bin, hat die kollektive Verfügung eine andere Nutzungsmöglichkeit hervorgebracht. Aber nicht jenseits von mir, auf Kosten von meiner frühen Motivation, sondern in notwendiger Auseinandersetzung und Abstimmung mit meinen Bedürfnissen.

Lisa: Ja. Vielleicht versuchen wir es noch an ein anderen Fall: Nehmen wir an einige Leute produzieren Holz weil sie eine schöne Holzschule in Tübingen bauen wollen. Es ist also auch eine Form interpersonaler Produktion: für ein ganz bestimmtes Ziel.

Nahuel: Wenn jetzt die Holz-Verteilungs-Crew das Holz einfach woanders hinbringen würde, dann hätte sie nicht nur die Motivationsgrundlage der Holzherstellenden* ignoriert, sondern im gleichen Maße die kollektive Verfügung verletzt. Sie hat einfach ihre Nutzungsidee durchgesetzt. Sie hätten ja eine andere Holznutzungsidee haben können, aber dann hätten sie diese mit den Holzherstellenden* abstimmen müssen, vielleicht hätte diese ja auch überzeugend gefunden, dass Holz lieber für Möbelherstellung oder sonst was zu verwenden.

Also willst du darauf hinaus, dass Motivationsgrundlagenmissachtung eigentlich etwas ganz ähnliches ist, wie Missachtung kollektiver Verfügung. Und somit Freiwilligkeit/Selbstbestimmung in der Tätigkeit nicht gegen kollektive Verfügung ausgespielt werden kann. Freiwilligkeit ist in kollektive Verfügung enthalten und umgekehrt. Hmm hmm …

Aber so sehr ich das auch nachvollziehen kann und gut finde, ist das nicht auch mega anstregend? Ständig steht alles zur Debatte, ständig muss ich bereist sein in Konflikte über Dinge einzutreten, ständig muss ich meine Bedürfnisse und Wünsche gegen andere verteidigen?

Lisa: Ich glaub hier ist es wichtig zu betonen, dass die Hinterfragung deiner Nutzung an Mangel geknüpft ist. Nur wenn zu wenig Zahnbürsten, Fabriken, Wohnungen, Häuser am See etc. verfügbar sind wird ein Konflikt darüber notwendig sein. Das bedeutet gleichzeitig, dass wir glaube ich bei vielen Mitteln nur wenig Konflikte haben werden. In einer Gesellschaft der Freiwilligkeit werden wir mit Sicherheit gut drauf aufpassen, dass wir genug Nahrung, Wohnmöglichkeiten etc. haben, sodass wir da nicht immer mit Konflikten rechen müssen. Vielleicht gibt es auch – und hier fang ich mit dem Auspinseln an – in bestimmten Communities stigmergische Hinweise wo Menschen signalisieren können ob sie eher bereit sind Ressourcen zu teilen, oder eine andere Nutzung zu besprechen, so dass du die (tendenzielle) Möglichkeit hast auch Konflikte mal zu vermeiden. Konflikte werden v.a. an Orten wo Ressourcen sehr begrenzt vorhanden sind und genau da gehören sie ja auch hin.


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