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Nationalismus (III): Das notwendige Scheitern des nationalen Versprechens …

Das Versprechen einer konkreten Allgemeinheit des Staates ist innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise Ideologie.[1] Der kapitalistische Staat bedarf der Verwertung und ist damit unhintergehbar parteiisch. Doch selbst wenn der Staat in seiner Souveränität zu sich selbst kommen würde, wäre die konkrete Allgemeinheit nicht möglich. Das Argument würde den Rahmen dieses Essays sprengen, so möchte ich nur ein Moment des Arguments notwendig verkürzend darstellen.

Wir erdenken uns einen (hiermit sozialistischen) demokratischen Staat, der die Re/Produktion nach Bedürfnissen lenkt und gestaltet. Er würde einen gesellschaftlichen Plan entwerfen wieviel Kindergartenplätze, Schrauben, Mehl etc. notwendig sind und würde diese Planziele an die Produzent*innen weitergeben, die durchaus auch bei der demokratischen Aushandlung des Planes einbezogen wurden. Nun jedoch die Crux: Was tun, wenn sich einige Produzent*innen den Planzielen verweigern und somit die Konsistenz des Gesamtplans gefährden? Ein Staat ist keine Institution die bloß Vorschläge macht, ein Staat ist eine souveräne Institution, die ihre Entscheidungen durchsetzt. So auch den Plan. Dies muss nun keinesfalls mit direkter physischer Gewalt geschehen. Nein, historisch hat es sich schon im Realsozialismus als effektiver herausgestellt Konsummöglichkeiten an die Einhaltung der Planvorgaben zu koppeln. Wer nicht für den Plan arbeitet, soll auch nicht durch ihn Befriedigung erhalten. Ob man diesen leistungsvermittelten Konsum nun Arbeitszwang nennt oder nicht, er bedarf auf jeden Fall der Verstaatlichung der Konsummittel – und somit konsequent auch der Produktionsmittel. Meines Erachtens ist Staatlichkeit somit notwendig mit Arbeit(-szwang) und Eigentum verbunden. Der Staat stellt Allgemeinheit auf Kosten des Besonderen her, Kooperation unter Drohung des Ausschlusses vom gesellschaftlichen Reichtum, Bedürfnisbefriedigung durch Zwang. Jede staatliche Allgemeinheit wird abstrakte Allgemeinheit bleiben. „Die ignorierte Form siegte über alle Versuche, sie zu instrumentalisieren […] Die Linken hatten den Staat nur interpretiert, darum ging die Logik der Politik über sie hinweg“ (Bruhn 1994/2019: 68). Da der Nationalismus Allgemeinheit jedoch mit dem Staat und nicht mit der Gesellschaft gleichsetzt muss er notwendig scheitern – selbst wenn er eine (wohl selbst-widersprüchliche) globale Form annehmen würde. Einzig die Demokratie könnte sich aus den Verstrickungen noch lösen, würde sie ihre staatliche Form befragen. Nun in diese realisierte Staatssouveränität sind die meiste Staaten gar nicht erst gekommen. Ihr Versprechen konkreter Allgemeinheit wurde schon durch die Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise gebrochen.

… und die Suchen nach den Feinden

„Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wer ist schuld?“                                               (Claussen 2000: 181, zit. nach: Mense 2016: 75)

Die Nation ist notwendig gespalten. „Das das Ganze die Nation sei, ist reine Ideologie“ (Horkheimer 1988: 33, zit. nach Mense 2016: 84). Ich möchte die Feindkonstruktion zuerst am französischen ‚Befreiungsnationalismus‘ kurz illustrieren.

Den ersten Feind macht der französische Nationalismus in der sozialen Gruppe aus, die ihr arbeitsloses Einkommen und leistungsunabhängigen Privilegien verteidigen. Der ‚Vater der französischen Verfassung‘ Abbé Sieyès schreibt in seiner damals hochpopulären Schrift „Was ist der dritte Stand?“: „Es ist wirklich ein eigenes, aber ein falsches Volk, welches, da es aus Mangel nützlicher Organe durch sich selbst nicht existieren kann, sich einer wirklichen Nation wie die Schmarotzerpflanzen anhängt, die nur vom Saft der Bäume, die sie belasten und austrocknen, leben können.“ Als nun aber die Staatsmacht vom König auf das imaginierte Kollektivsubjekt Volk übergeht gibt es weiterhin die Konflikte zwischen Bäuer*innen und Grundbesitzer*innen, Unternehmern und Arbeiter*innen. Die ausgebliebene nationale Erlösung will erklärt werden. Die wohl beliebteste Erklärung war eine ‚aristokratische Verschwörung‘, welche innerhalb und außerhalb von Frankreich alles daran setzte die junge Nation zu teilen und zu vernichten.

Legitimierung und Stabilisierung wird viel einfacher durch die Konstruktion eines homogenisierenden und mobilisierenden Gegenbilds – eines Feindes. Jeissmann analysierte die Reden der französischen Nationalsversammlung und kam zu dem Schluss, dass die Kriegserklärung an Österreich – und damit an den europäischen Adel – v.a. auch der inneren Stabilisierung diente. „Alle Mitbürger werden gezwungen sein, Stellung zu nehmen; alle Parteien werden verschwinden; die Fackeln der Zwietracht werden erlöschen und durch das Feuer der Kanonen und durch das Bajonett ersetzt werden“ (Ein Abgeordneter der Assemblée, zit. nach Jeismann 1992: S. 126/FN 71, zit. n. Haury 2002: 81). Der Krieg wurde zum einigenden Kreuzzug der Freiheit, der ‚Feind der Nation‘ zum ‚ennemi du genre humain‘. Dies ging einher mit einer Ausweitung der inneren Feinderklärung vom Adel auf eidverweigernde Priester, aber auch Großhändler und Unternehmer als ‚Spekulanten‘ und ‚Wucherer‘, schlussendlich auf alle, die sich nicht offen zur Revolution und damit zur Nation bekannten (Haury 2002: 76).

Interessant ist, dass selbst im französischen ‚staatsbürgerlichen‘ Nationalismus eine Ethnisierung des Feindes stattfand. Der Adel wurde als siegreiche ‚Erobererrasse‘ der germanischen Franken fantasiert, die seit dem frühen Mittelalter die gallo-romanische Bevölkerung knechten. Noch einmal Sieyès: „Warum sollte man nicht all diese Familien, die die Anmaßung aufrechterhalten, von der Rasse der Eroberer abzustammen und in die Rechte der Eroberung eingetreten zu sein, in die Wälder des alten Franken zurückschicken? Die als dann gereinigte Nation wird sich, denke ich, trösten können, nur aus Abkömmlingen der Gallier und Römer zusammengesetzt zu sein“ (Sieyes 1989: 35, zit. nach Haury 2002: 80). Weshalb aber diese Ethnisierung? Weshalb wird der demos zum ethnos?

Mobilisierung und Ethnisierung

Vielerlei Begriffe fassen die exkludierende Formierung des Nationalismus. Sei es die heutzutage unbeliebte Unterscheidung eines westlichen, staatsbürgerlichen, friedlichen Vernunftstaates und des östlichen, ethnischen, aggressiven Kulturstaates, der staatsbürgerlichen demos zum kulturalistischen ethnos, oder aus dem ‚Kleinen Lexikon der Politik‘:

„Inklusiver N. [Nationalismus] bezeichnet jene moderate Form von Nationalbewußtsein oder Patriotismus, die alle polit.-kulturellen Gruppen einschliesst und legitimierende Wirkung entfaltet […] Exklusiver N. ist gekennzeichnet durch ein übersteigertes Wertgefühl, dass in Abgrenzung zu anderen Staaten oder Nationen die eigenen nat. Eigenschaften überhöht bzw. sie anderen gegenüber als höherrangig ansieht. Die Forderung nach Übereinstimmung von ethnischen und politischen Grenzen korreliert mit der Ausgrenzung anderer Ethnien und der radikalen Ablehnung von ‚Fremdherrschaft'“ (zit. nach Mense 2016: 26) – Liebe zum Eigenen vs. Hass auf das Andere.

Bruhn unterscheidet einen demokratischen Nominalismus mit dem Grundsatz: „Volk ist, was man daraus macht“ und einer autoritären Ontologie, die einen objektiven Inhalt des Volkes als Naturkategorie kennt, die es endlich geistig anzuerkennen und politisch zu bezeugen gilt (Bruhn 1994/2019: 49). Spannenderweise passen diese Unterscheidungen auch zu Strömungen der demokratischen Theorie, während die liberale Tradition den Staat eher als neutraler Garant der Ordnung versteht, möchten ihn Rousseau aber auch Konservative als Repräsentant des Volkes. Die Gesichter der Demokratie scheinen zu den Janus-Kopfes des Nationalismus zu passen.

Zwei Elemente kommen im exklusiven Nationalismus zusammen. Zum einen die Ethnisierung des demos zum ethnos. Zum anderen die autoritäre Formierung des Staates. Auch Salzborn unterscheidet eine politische Komponente der Ethnizität, die Autorität herstellt, und eine soziale Komponente, die der „gruppennarzisstischen Identifikation, Verklärung und Verschmelzung“ (Salzborn 2011: 160). Es scheint nicht unsinnig, die beiden Elemente zu verbinden, wobei sie – so will ich behaupten – zwei unterschiedliche Herkünfte haben: der eine staatlich-strukturell, der andere subjektiv. Ich beginne mit dem staatlich-autoritären, den meines Erachtens Joachim Bruhn am deutlichsten macht:

„Die staatsbürgerliche Gesinnung soll den Fahneneid ablegen, damit die Individuen mobilisiert und rekrutiert werden können […] Das krude Leben innerhalb der deutschen Grenzen, deutsche Sprache, Kultur, deutsches Brauchtum und Folklore – sie genügen nicht mehr. Das Subjekt hat den Anforderungen der Macht Folge zu leisten; passive Identifikation alleine langt nicht mehr […] Gerät der Souverän in die Zwickmühle der Krise, so gibt er jedem Deutschen den Befehl, nichts anderes zu sein als ein bloßes Exemplar des deutschen Wesens, das sich in ihm vergegenständlicht und das der Staat definiert […] Nach Maßgabe seiner Krise erhöht der Staat seine Anforderungen ans produktive Subjekt und treibt dessen Funktionalisierung ins Extrem. ‚Das deutsche Wesen‘ ist der Inbegriff der totalen Kapitalfunktionalität des Individuums […] So besteht die ‚Identität‘ des Deutschen darin, sich am genauen Ort, wo Vernunft Platz hätte, freiwillig die Staatsräson zu implantieren“ (Bruhn 1994/2019: 48). „Die Ideologie dieser Unterwerfung heißt: Volk; die Legitimation der Diktatur: Nation, das Programmwort ihrer terroristischen Praxis: Rasse“ (Bruhn 1994/2019: 60).

Der Historiker Reinhard schreibt: „Napoleons Erfolge beruhten auf der Verbindung der Professionalität der alten Berufsarmee mit dem nationalen Enthusiasmus eines Volkes in Waffen […] Die höchstmögliche Steigerung der politischen Partizipation durch Demokratie und die höchstmögliche Steigerung der Identifikation des Bürgers mit dem Staat als Nation erwiesen sich zugleich als Weg zur höchstmöglichen Steigerung der Staatsgewalt zum totalen Staat“ (Reinhard 2016: 90). Man wird keinen Text über Nationalismus finden, der sich nicht über seine beeindruckende Integrationskraft verwundert.

Hier ist auch klar, dass die Nation ihren Schein der konkreten Allgemeinheit aufgeben muss. „A nation is a grand solidarity constituted by the sentiment of sacrifices which one has made and those that one is disposed to make again“ (Renan 1994: 17). Die Nation wird, was sie immer war: abstrakte Allgemeinheit. Der exklusive Nationalismus ist die Form des mobilisierten Staates.

Aber weshalb soll das demos ethnos werden? Könnte die Mobilisierung der Individuen nicht weiter unter dem rationalen Gemeinwohl, des Interesses für den Gesamtbetrieb Staat o.ä. laufen? Ich bin mir nicht sicher. Aber sicherlich überzeugend ist, dass es starke Nahelegungen und damit gute Gründe gibt die Nation zu ethnisieren. Tom Nairn argumentiert: Nationalismus muss nicht demokratisch sein, aber populistisch. Damit er funtkioniert braucht er eine “sentimental culture sufficiently accessible to the lower strata now being called to battle. This is why a romantic culture quite remote from Enlightenment rationalism always went hand-in-hand with the spread of nationalism. The new middle-class intelligentsia of nationalism had to invite the masses into history; and the invitation-card had to be written in a language they understood“ (Nairn 1994: 70). Die ethnische Formierung wäre hier ein Produkt einer populistischen Strategie. Fragwürdig wird dieses Argument, wenn es von einer natürlich ethnischen Denkweise der ‚Massen‘ ausgeht – besser aber, wenn Ethnie als eine der wenigen möglichen Verbindungen zwischen Kapitalist*innen, Intellektuellen, Staatsbediensteten, Bäuer*innen und Lohnarbeiter*innen aufgefasst wird.

Benedict Anderson argumentiert: Ethnische Gemeinschaft scheint überindividuell, vorpolitisch und natürlich – „Gerade weil solche Bindung nicht bewußt eingegangen werden, erhalten sie den höheren Schein, hinter ihnen steckten keine Interessen“  (Anderson 1988: 144). Einzig die nicht-egozentrische, interessenslose Solidargemeinschaft der Ethnie (ob nun religiös, sprachlich-kulturell oder biologisch) scheint angemessen, sie verspricht Solidarität ohne Hintergedanken, ohne Instrumentalisierung, ohne Gewalt. Oft wird die Faszination des Nationalismus mit einer Religion verglichen, mir schien dies immer etwas weit hergeholt, da kritische Theoretiker*innen dazu neigen vieles was ihnen nicht passt zu einer Religion zu erklären, egal ob es nun Kapitalismus, Fußball oder Segelfliegen ist, jedoch: Der*die Nationalist*in wird Teil eines „überzeitlichen Kollektivs; diese Zugehörigkeit beginnt weit vor der Geburt und endet nicht einmal mit dem Tod […] Teil von etwas Übergeordneten und Überzeitlichen zu sein“ (Mense 2016: 88f). Hierzu passt Hitlers Ansprache zu den Gefallenen beim Parteitag der NSDAP 1934 in Nürnberg: „Ihr seid nicht tot. Ihr lebt. Ihr seid Deutschland“. Ethnie verspricht eine naturgegebene, lebensüberschreitende Zugehörigkeit. „Diese Semantik stellt die Identität einer Gruppe von Individuen und zwischen diesen Individuen und ›ihrem‹ Staat her. Die Nation wird beiden Verhältnissen vorausgesetzt und erhält wenigstens tendenziell den Rang einer Gewißheit und nicht weiter hintergehbaren Letztinstanz“ (Holz 1997: 55, zit. nach Haury 2002: 51). Gerade für Individuen, die sich in allseitiger Konkurrenz behaupten müssen, ist „die Vorstellung eines Unabgeleiteten, das an sich, vor jedem Nutzen und vor jeder Brauchbarkeit, allgemein ist und wahr: die Nation“ (Bruhn 1994/2019: 48) von großer Attraktivität. Zusätzlich ist nach Bruhn die Nation weniger Vergangenheit als Versprechen: „Das Volk ist, gerade Gegenteil von Herkunft, die Zukunft der bürgerlichen Gesellschaft“ (Bruhn 1994/2019: 66).

Schlussendlich erlaubt die Ethnie eine einfache Konstruktion des Feindes. „Feindbilder legitimieren und stabilisieren politische Herrschaft in dem Maße, in dem der politischen Führung die Aufgabe des Schutzes vor der wahrgenommen Bedrohung durch den Feind zugetraut und anvertraut wird“ (Bergem 2011: 182). State makes war, and war makes nation:

„‘Daß der Staat ein auf Tod und Leben verbundenes Ganzes sey, […] erkennen seine Teilnehmer im Friedenszustande sehr schwer, da nehmlich ist jeder Teilnehmer viel mehr gegen seinen Mitteilnehmer, als gegen den benachbarten Staat, aufmerksam und feindlich eingestellt.‘ Nach einer längeren Friedenszeit bedürfe es dann eines längeren Krieges, der ‚durch die Nothwendigkeit, ein gesellschaftliches Ganzes dem Feinde gegenüber zu stellen‘ diesem Auflösungsprozeß wieder entgegenwirke. Erst Kriege gäben somit den Staaten ‚ihre Umrisse, ihre Festigkeit, Individualität und Persönlichkeit‘“  (Müller 1922, zit. nach Haury 2002: 58).

Abschluss

Der Nationalismus ist die Ideologie des modernen Staates, er verspricht Identität von Staat und Bevölkerung. Dies ist sowohl in den ‚Nationen ohne Staat‘ zu erkennen, die um einen eigenen Staat ringen, der ihrer Kultur, Geisteshaltung oder Interessen ausdrückt, als auch in dem italienisch und deutschen ‚Einigungsnationalismus‘, der Versuch der amtierenden Regierung ihre Entscheidungen als Gemeinwohl auszugeben oder der französisch-revolutionären Reformierung des Staates. Der Nationalismus reckt überall sein Haupt wo eine politische Bewegung ‚ihren Staat‘ fordert. Aber erst in Krise, Desintegration und Delegitimierung erhebt er sich als autoritär-ethnischer Nationalismus. Ein demokratischer Nationalismus ist möglich, solange die Stimmen der Gegner als Teil des demos oder ethnos akzeptiert werden. Dies mag oft einher gehen mit dem Nationalismus als einer offenen Aufgabe wie Weiszäcker sagte:  Es ist „unsere Sache, dem Begriff ‚deutsch‘ einen Inhalt zu geben. Mein Deutschsein ist kein unentrinnbares Schicksal, es ist eine Aufgabe“ (zit. nach Bruhn 1994/2019: 19). Der demokratische Nationalismus nimmt möglicherweise eine nicht-kulturalistische Feindbestimmung vor und macht reale Interessenswidersprüche für das Scheitern des nationalen Versprechens verantwortlich – auch wenn in der Kritik an Lobbyist*innen, Spekulant*innen, Manager*innen oft genug eine eliminatorische Note mitschwingt. Schlussendlich aber bleibt der autoritäre Nationalismus immer die historische Möglichkeit. Eine emanzipatorische Strömung täte gut daran ihre Hoffnung nicht in die Identität von Staat und Bürger*in, sondern der Versöhnung von Gesellschaft und Individuen zu legen.

Literaturverzeichnis

Anderson, Benedict (1988). Die Erfindung der Nation; Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Frankfurt, New York.

Bergem, Wolfgang (2011). Nation, Nationalismus und kollektive Identität. In Samuel Salzborn (Hrsg.), Staat und Nation. Die Theorien der Nationalismusforschung in der Diskussion (Staatsdiskurse, Bd. 13, S. 165–185). Stuttgart: Steiner.

Bruhn, Joachim (2019). Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation (2., erweiterte und überarbeitete Auflage). Freiburg: ça-ira-Verlag (Originalarbeit erschienen 1994).

Haury, Thomas (2002). Antisemitismus von links (Zugl.: Freiburg (Breisgau), Univ., Diss., 2001 u.d.T.: Haury, Thomas: Das „werktätige“ Volk und seine Feinde). Hamburg: Hamburger Ed.

Nairn, Tom (1994). The Maladies of Development. In J. Hutchinson & A. D. Smith (Eds.), Nationalism (Oxford readers, 1st ed., pp. 70–76). Oxford: Oxford Univ. Press.

Reinhard, Wolfgang (2016). Geschichte des modernen Staates. Von den Anfängen bis zur Gegenwart (Beck’sche Reihe, Bd. 2423, 1. Auflage). München: C.H.Beck.

Renan, Ernest (1994). Qu’est-ce qu’une nation? In J. Hutchinson & A. D. Smith (Eds.), Nationalism (Oxford readers, 1st ed., pp. 17–18). Oxford: Oxford Univ. Press.

Salzborn, Samuel (2011). Ethnizität als Fundament der Nation? In Samuel Salzborn (Hrsg.), Staat und Nation. Die Theorien der Nationalismusforschung in der Diskussion (Staatsdiskurse, Bd. 13, S. 149–163). Stuttgart: Steiner.

Schmidt, Manfred G. (2010). Demokratietheorien. Eine Einführung (Schriftenreihe / Bundeszentrale für Politische Bildung, Bd. 1059). Bonn: BpB.

Weber, Max (1994). The Nation. In J. Hutchinson & A. D. Smith (Eds.), Nationalism (Oxford readers, 1st ed., pp. 21–25). Oxford: Oxford Univ. Press.


[1] Ideologie als „notwendig falsches Bewusstsein“ – jedoch ist das ‚notwendige‘ zu stark. Getreu der Analyse der Kritischen Psychologie von Begründungszusammenhängen, würde ich viel eher von „nahegelegten falschen Bewusstsein“ sprechen. Gesellschaftliche Bedingungen schlagen nicht einfach in Reiz-Reaktions-Mechanismen auf die Individuen durch, sondern verschafft ihnen gute Gründe ein „falsches Bewusstsein“ zu entwickeln.

Kategorien: Feindbeobachtung, Theorie

29. Oktober 2019, 10:46 Uhr   6 Kommentare

1 Michaela Lusru (29.10.2019, 19:16 Uhr)

Schon wieder:
> Die Nation
ist notwendig gespalten. „Das das Ganze die Nation sei, ist reine
Ideologie“ (Horkheimer 1988: 33, zit. nach Mense 2016: 84). <
1. Alles ist gespalten2. jedes GANZE ist gepalten (in Elemente und Komponenten), diese Spaltung, systemisch passend „verschraubt“, kann / sollte sehr fruchtbar sein, kann jedoch auch zum Gegenteil ausarten, falls nicht.3. Horkheimers Satz ist (ähnlich wie bei Nietzsche, diesen auf sich selber angewandt) oft nur selber der Gegenbeweis und damit selbst nur reine Ideologie und keine Erkenntnis, die weisbar wäre.4. Dennoch haTTE Horkheimer Recht: Zu seiner Zeit war es nicht usus, derartige Vorgänge auch und zuerst systemisch zu untersuchen und zu bewerten, das ging ihm (und anderen noch heute) voll ab, zumal dazumal auch noch Nation und Nationalismus in einen Topf geworfen wurde und andere systemische Untersuchungen zur Gesellschaft nicht nur verpönt sondern direkt unbekannt waren.

Damit wirken solche Überlegungen doch reichlich verstaubt und unbrauchbar für Neues.
Natürlich ist „die Nation“ nicht „DAS“ GANZE, sehr wohl aber EIN GANZES, und zwar ein sehr wichtiges, das in der Widersprüchlichkeit seiner Teile wirkt, und zwar nur in dieser Demokratie (zum friedlichen Ausgleich) benötigt und auch erzeugen kann.

2 Tobias (29.10.2019, 23:30 Uhr)

Danke Simon, dass Du mir die Überlegungen durch die Veröffenlichung hier
mitgeteilt hast.

Gerade der Begriff des „konkreten Allgemeinen“, der mir bis jetzt unbekannt war,
passt so gut auf das, was ich tagtäglich erlebe.

Er passt darauf, dass man sich nur „selbsterwirklichen“ kann innerhalb des Berufes.
Privates ist privat, und man kann damit nicht die Außenwelt verändern,
vielleicht Angehörigen ein besseres Leben ermöglichen, aber nichts prinzipiell verändern.
Wenn man hingegen eine tolle Webseite baut, oder ein fremdes Haus, oder
einen Zeitungsartikel schreibt, dann ist das in der Welt, dann hat man sie
verändert.

Und genau das kann man nur kapitalistisch, in Anpassung an Staat und Arbeitgeber.

Ich hatte mal länger Urlaub, als alle anderen arbeiteten, und wollte
teilhaben an dieser brausenden Welt, nicht immer eingesperrt sein in der Firma.
Ich wollte ohne Arbetitgeber etwas schaffen.
Es geht nicht.

Du findest nichts und niemanden, der mit Dir kooperiert.
Es fahren ganz viel Autos auf der Straße, Gewimmel. Vielleicht hat ein Museum auf.
Abends vielleicht ein Theater. Aber Du bist zum konsumieren verurteilt,
an nichts kann man produktiv teilnehmen.
So ist es mir auch begreiflich, dass oft Frauen sich selbstverwirklichen wollen,
indem sie ihre Arbeitskraft verkaufen.
Ein Töpferkurs ist nunmal kein sinnhaftes teilnehmen an der Gesellschaft,
und andere Möglichkeiten als Erwerbsarbeit gibt es nicht, um wirklich
was zu verändern.

Was ich meine: Um dieses Versprechen des Aufgehobenseins, Teil des konkreten
Allgemeinen zu werden, wenn man sich „anständig“ verhält, wenn man zum Militär geht z.B.,
umd diesem, was der Staat und die Wirtschaft bieten, um diesem etwas
entgegenzusetzen, braucht es Alternativen, braucht es eine Struktur, in der
Tätigsein die Welt verändert, nicht nur Charity-mäßig, sondern, dass danach etwas da ist
und man selbst gleichzeitig davon mehr machen kann, man aber keinen Lohn bekommt,
das wäre ja wieder wie der kapitalistische Staat, den man nicht will,
sondern irgendwie anders. Commons?

Ich hoffe der Kommentar misinterpretiert jetzt nicht Deinen Text…

3 Simon Sutterlütti (01.11.2019, 12:11 Uhr)
@Michaela: Horkheimer verwendet bewusst das Wort gespalten im Sinne davon, dass hier Widersprüche sich unversöhnte als Gegensätze gegenüber stehen und die Widersprüche nicht eine versöhnliche Bewegungsform bekommen.
@Tobias: Nein misinterpretiert das gar nicht. Geht vielleicht nur gedanklich in eine neue Richtung. Aber ja dieses „Verurteiltsein zum Privaten“ und dass die Herstellung der Welt nur im Modus der Arbeit und des Konkurrenz basiert hast du wirklich sehr schön beschrieben. Speziell den Satz „Aber Du bist zum konsumieren verurteilt, an nichts kann man produktiv teilnehmen.“ fand ich schön. Diese Verurteilung zur reinen Existenz als Konsument*in … sehr schön .. 
4 Michaela Lusru (02.11.2019, 16:47 Uhr)

@Simon Sutterlütti: „Horkheimer verwendet —“ – das ist mir mit Verlaub, ziemlich gleich. Spaltung ist Spaltung, und zwar stets eines GANZEN. Die menschlichen Gesellschaften sind gemeinschaftliche GANZHEITEN – oder sie sind keine solchen. Eine gespaltene Ganzheit ist nicht Ausdruck ihrer inneren Widersprüchlichkeit sondern Ausdruck einer unversöhnlichen meist unwiderruflichen Zerstörung. Da gemeinschaftliche Gesellschaft im physikalischen, biologischen und sozialen Kern nur kooperativ handelnd existieren und sich erhalten kann, ist derartige unwiderrufliche Spaltung nichts anderes als die eigene Zerstörung der Kooperationsbedingungen. Dies zu vermeiden, erfanden die alten Römer bekanntlich die Methode (!) der DEMOKRATIE als schlichtes Handwerkszeug des AUSGLEICHES zwischen den (auch scheinbar unüberbrückbaren !!) Widersprüchen, um so das GANZE zu fordern und zu fördern – der einzige Sinn von Demokratie, anzuwenden von allen auf Alle. Jede andere Vorstellung von gesellschaftlicher Ganzheit wird zwangsläufig die grosse Ausschliesseritis von ihren (vorhandenen) Teilen, wird zur Bedienung von egoistisierenden Alleinvertretungsansprüchen bestimmter Gruppen (auch: Rassismus, gruppenbezogene Ausgrenzung und Ablehnung) und damit zugleich willentlich oder unwillentlich zu totalitären Kooperationszerstörungen, die wir als demokratisch verfasste Gesellschaft bewusst aus guten Gründen ablehnen ….

5 Simon Sutterlütti (03.11.2019, 16:36 Uhr)

Du bist auf meine Unterscheidung von Widerspruch und Gegensatz nicht eingegangen, vielleicht willst du es nicht. PS: Ich mag es wirlich überhaupt nicht wenn Leute in Großbuchstaben und viel Rufezeichen schreiben, da fühle ich mich angeschrien but serve yourselve.

6 Michaela Lusru (04.11.2019, 13:33 Uhr)

@Simon Sutterlütti
Vorab:
Die in gewissen „oberüberbürgerlichen“ Kreisen verdrechselten Ansichten über das „Anschreien mit mehreren Zeichen oder Grossbuchstaben“ inzwischen  degenerierte weil künstlich erzeugte und vermainstreamte Auffassungen über eine natürliche Zeichensymbolik und müssen keinesfalls auch so empfunden werden, wie du suggerierst, und erst recht nicht von allen geteilt werden.
Ich schreie dich nicht an, auch wenn mir manchmal durchaus nach „lautem Rufen“ (wie du das ja auch sehen könntest …) dabei ist, sondern ich versuche die Dynamik der zur verfügung stehenden Zeichen zur Artikulation der natürlichen akustischen Ausdrucksmöglichkeiten in Schrift einzubringen, was weit mehr als allgemein versucht wünschenswert wäre (sofern da nicht nur Literatur produziert wird), es wäre schön, wenn die perfide fast süchtige Glattrasur von Sprache und Ausdruck nicht dem ewigen Freundlichkeitsgrinsen (in der Hoffnung ständig Literatur zu machen) zum Opfer fallen würden und mehr Gewicht auf den Inhalt statt auf das Primat von Formen gelegt werden würde.
Das würde auch das hier mehr erhellen:
> Du bist auf meine Unterscheidung von Widerspruch und Gegensatz nicht eingegangen, vielleicht willst du es nicht. <
Ja, letzteres könnte sein. Bitte was soll denn ein effizienter Unterschied zwischen Widerspruch und Gegensatz sein? Das eine ist gesetzter und das andere gesprochener UNTERSCHIED, beiden gemeinsam ist: UNTERSCHIED (in gross, damit es sich deutlich aus meinem allgemeinen Textgeplapper abhebt und evtl. etwas länger in Erinnerung bleibt oder besser merkbar erscheint …) und wird erst und nur über seine Wahrnehmung / Erfassung zur INFORMATION.DAS ist Information.

So gesehen gibt es den von dir konstruierten Unterschied zwischen  Widerspruch und Gegensatz so (!!) nicht, zumal beide „unversöhnliche“ und/oder versöhnbare Bewegungsformen annehmen können oder dazu überführbar sind, sofern Mensch nicht anders entscheidet.
Grundsätzlich sind es die Widersprüche, die Gegensätze (wahrgenommen dann: Informationen, auch Strukturen als Identitäten), die unser Universum und damit auch unsere soziale Welt gestalten UND zusammen halten, sowohl in der anorganischen wie in der organischen und damit in der sozialen Welt.
Der Hintergrund ist der, dass das einzige, das (von wem oder was auch immer) wahrgenommen, gemessen, erfasst und damit begriffen und verarbeitet / verwendet  werden kann, nur UNTERSCHIEDE sind, alles andere scheidet im Wahrnehmungsvorgang, in der Beobachtung, als Redundanz aus.
Hier liegt die Ursache der Funktion von systemischen Verhalten: Ein Ganzes, ein System (z.B. eine Gesellschaft) kann (und muss) nur Unterschiede (im inneren wie gegenüber aussen) erkennen, erfassen und damit zu Informationen werden lassen, die systemisch (für ein Ganzes) nutzbar verwendet werden können (mit den restlichen Redundanzen ist das nicht möglich).
So wird Information (über Unterschiede, gleich ob Gegensatz oder Widerspruch) zum wichtigsten Mittel /Werkzeug beim Entstehen und Erhalten eines (jeden) Ganzen, in welchem Bereich auch immer.Im Gegensatz zu deiner Sicht handelt es sich dabei (wie bei den Ganzen NATION) nicht um „Versprechen“ sondern um das Gegenteil: reale Unterschiede in Einem.

Solange diese Plattform unklar ist, ist jede weitere Unterscheidung der Unterschiede, der Gegensätze und Widersprüche, nutzlos.
Etwas anderes ist es, wenn gesetzte (faktische) und gesprochene (behauptete) Unterschiede, also Gegensätze und Widersprüche, nach dieser Unterscheidung behandelt werden sollen, nur das ist ja bei dir hier wohl weniger so gemeint.

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