Marx Darstellungslogik im Kapital (I)

geschrieben von Simon Sutterlütti am 29. September 2019, 13:06 Uhr

Ich halte mich nicht für einen großen Marxkenner, aber letztes Semester hab ich für die Uni ein Essay geschrieben zu ein paar Fragen wie Marx eigentlich im Kapital vorgeht. Mich haben dabei ein paar Sachen immer gewurmt bspw. weshalb er mit der Ware anfängt und weshalb der Übergang von Geld zu Kapital so unzureichend ist. Diesen Fragen bin ich da etwas nachgegangen. Kein Anspruch auf tiefe marxologische Einsichten, aber vielleicht findet ihr ja was spannend. Hier Teil 1.

Marx selbst stellt in seinem Nachwort zur zweiten Ausgabe etwas resigniert fest: „Die im ‚Kapital‘ angewandte Methode ist wenig verstanden worden“ (MEW 23, S. 26). Und es scheint so, als wäre dies 150 Jahre nach dem Kapital noch immer der Fall, weiter wird ihm Idealismus, Deduktion oder Hegelei vorgeworfen. Althusser ist überzeugt, dass Marx auf Spinoza zurückgreift und mit Hegel bricht, Rosdolsky sieht den Hegelschüler, Kim glaubt, dass Marx seine ganz eigene Methode entwickelt. Es zeigt sich: die Methode bleibt unverstanden oder zumindest umstritten. Es stellt sich die Frage warum aber der krampfhafte Versuch eine Methode zu verstehen, die so unklar ist. Weil diese Darstellungsmethode, wird sie von der*dem Interessierten tatsächlich nachvollzogen, noch immer den besten Zugang zum Verständnis der kapitalistischen Produktionsweise ist. Sie schärft die Gedanken für das Wesentliche, stellt die berühmte ‚innere Dynamik‘ der Kategorien dar, verführt den gewillten Geist in die Tiefen der Fetischismuskritik. Mit einem Wort: sie funktioniert.

Aber warum funktioniert sie? Wie schafft sie es Marxleser*innen seit 150 Jahren in die Richtung vertiefter Verständnis zu leiten, welche die bestehende Ökonomie und Soziologie nicht erreicht? Aber auch: Wo liegen ihre Schwierigkeiten? Wo wird Marx seinem eigenen Anspruch nicht gerecht? Tatsächlich liegt der Schwerpunkt auf den zweiten Teil der Fragen, sie seien der primäre Gegenstand des Essays.

Eine poststrukturalistische Philosophin wird schon den ersten Fehler, die erste unbewiesene Annahme, dieser ersten zwei Absätze mühelos erkennen: Sie vereindeutigen die marxsche Methode, sie machen sie zu einer Identität, zu einem geschlossenen Ganzen, sie beseitigt mögliche logische Widersprüche, Unvereinbarkeiten. Marx selbst hat seine Methode von den Grundrissen 1857-8, Zur Kritik der politischen Ökonomie 1859, ein Rohentwurf 1858, bis zum Kapital 1867 immer wieder abgeändert. Kann man daher von einer konsistenten Methode sprechen und die verschiedenen Werke als Fortschritt in Richtung ihrer konsequentesten Umsetzung sehen? Oder vermischen sich nicht bei Marx verschiedene methodische Ansätze und erzeugen so Ambivalenzen, Unklarheiten sogar logische Widersprüche? Wir sollten im Hinterkopf behalten, dass die meisten Wissenschaftler*innen die eigenen Voraussetzungen ihres Denkens, auch wie sie dieses Denken darstellen nicht klar haben, und somit sollten wir für die Möglichkeit offen sein, dass Marx nur versuchte ein methodisch-heterogenes Gebilde unter seine „rationelle Dialektik“ zu vereindeutigen.[1] [1] Gleichzeitig gilt es darauf zu achten, das eigene Unverständnis der marxschen Methode damit nicht zu rechtfertigen und wegzuwischen, dass diese ja in sich inkonsistent sei. Wir sollten weder Marx, noch uns selbst auf den Leim gehen.

In dem Essay möchte ich zuerst versuchen den Beginn des Kapitals zu verstehen, weshalb beginnt Marx mit der Ware? Ist dies nur ein Zugeständnis an Verständlichkeit oder konsistent mit seiner Methode? Daraufhin möchte ich mich einem Fragenkomplex zuwenden, der das Verhältnis von Zirkulation und Produktion bearbeitet und hierbei v.a. auf die Frage nach der Bedeutung der Konkurrenz und ihr Fehlen bei dem Übergang von Geld zu Kapital eingehen. Abschließen möchte ich mit einigen Gedanken zur Marxschen Formkritik und der entfetischisierenden Darstellung bei Marx.

Aller Anfang ist schwer: Ware und Zirkulation

Für Kim charakterisiert der Beginn des Kapitals einen „Verzicht auf Methode“, anstatt des Werts steht nun die Ware am Beginn, er beginnt mit der konkreten kapitalistischen Ware, statt dem abstrakten Wert (Kim 2017, S. 146ff). Und Marx selbst, stellt fest, dass seine Darstellung als eine „Konstruktion a priori“ (MEW 23, S. 27) missverstanden werden könnte. Das Buch heißt das Kapital, so könnte man meinen, es sollte mit dem Kapital beginnen, doch „woraus besteht Kapital? Nehmen wir seine einfachste Erscheinung: aus Geld und Waren. Aber Geld ist bloß eine Form der Ware. Also aus Waren“ (MEW 25, S. 872). Die Ware ist für Marx die einfachste Erscheinung des Kapitals, nicht das Geld, denn dieses ist auch erst verstehbar vor dem Hintergrund der Warenzirkulation, also Waren die sich im Austausch gegenüberstehen. Doch Ware ist auch die einfachste ökonomische Form: Was meint Marx mit einfachster ökonomischer Form oder Zellenform?

In Auseinandersetzung mit dem Ökonomieprofessor Wagner schreibt Marx, dass er eben nicht von ‚Begriffen‘ ausgehen möchte, „also auch nicht vom ‚Wertbegriff‘ [sondern von der] […] einfachste gesellschaftliche Form, worin sich das Arbeitsprodukt in der jetzigen Gesellschaft darstellt, und dies ist die ‚Ware‘“  (MEW 19, S. 369). Diese analysiert er nach der „Form, worin sie erscheint“ und entdeckt, dass sie Gebrauchswert (GW) hat und Träger von Tauschwert (TW) ist, doch TW ist nur die „‘Erscheinungsform‘, selbständige Darstellungsweise des in der Ware enthaltnen Werts […], und dann gehe ich an die Analyse des letzteren“ (MEW 19, S. 369). Er spaltet nicht den Wertbegriff in GW und TW, dies wäre ein philologisches Unterfangen, ein sprachlicher Untersuchung der Spaltung des „Abstrakten“, des Werts, sondern gewinnt Unterscheidung aus dem „Konkretum der Ware“ (MEW 19, S. 362), aus der Wirklichkeit der kapitalistischen Welt. Tatsächlich ist für Marx die „Warenform des Arbeitsprodukts oder die Wertform der Ware“ gleichbedeutend, beides bezeichnet „die ökonomische Zellenform“ (MEW 23, S. 11). Im Kapitalismus ist die Ware nicht mehr ein zufälliges Tauschprodukt am Rande einer bspw. feudalen Gesellschaft, sondern die bestimmende Form in welcher sich die Arbeitsprodukte und damit die menschlichen Arbeit aufeinander beziehen. Damit diese Beziehung der Waren aufeinander geschehen kann müssen sie Wertform annehmen. Die Arbeitsprodukte nehmen Warenform, die Waren Wertform, der Wert Geldform, das Geld Kapitalform an.[2] [2]

Die Ware, nicht das Geld oder der Wert ist der Beginn der Darstellung, doch ist hier noch eine weitere Setzung vorhanden: Marx beginnt mit der Form der Arbeitsprodukte, nicht mit der Form welche die Arbeit annimmt. Marx beginnt mit der Zirkulation. Während die Ware die einfachste ökonomische Form ist, ist Zirkulation die „erste Totalität unter den ökonomischen Kategorien“ (MEW 42, S. 127). „Die Zirkulation, weil eine Totalität des gesellschaftlichen Prozesses, ist auch die erste Form, worin […] das Ganze der gesellschaftlichen Bewegung selbst [erscheint]“ (ebd.). Marx abstrahiert davon, dass die Warenzirkulation Resultat der kapitalistischen Produktionsweise ist, sie wird als deren Voraussetzung betrachtet und damit als einfache Warenzirkulation, abstrahiert von Geld, Preis und Kapital. Dieter Wolf stellt fest:  „Die Darstellung des bürgerlichen Gesamtreproduktionsprozesses hat folglich mit der Warenzirkulation zu beginnen“ (Wolf 2008, s. 12) – Warum?

Ziel dieser Abstraktion ist es auf „einfachere Verhältnisse zu stoßen, die in der Warenzirkulation als solche nicht mehr sichtbar sind, aus denen aber das Geld und damit der Preis der Waren erklärt werden müssen, ohne das Geld bereits auf zirkuläre Weise im Sinne einer petitio principii zu unterstellen“ (Wolf 2008, S. 45). Natürlich ist diese Warenzirkulation und Ware nicht real, sie ist nur Produkt unserer „Abstraktionskraft“ (MEW 23, S. 11), nur Erkenntnishilfe. Ware und Warenzirkulation sind also in ihrem Beginn unterkomplexe Begriffe, müssen erst entfaltet werden um „verständige Abstraktionen“ zu werden, die „wirklich das Gemeinsame hervorheben, fixieren“ (MEW 13, S. 617). Für Zeleny ist dies „eine Abstraktionsweise, die wir als Fähigkeit charakterisieren können, die Momente der inneren Struktur des Gegenstandes nacheinander isoliert von den komplizierteren (konkreteren) Formen zu untersuchen, deren Erfassung die Voraussetzung für das Begreifen […] der konkreten Erscheinung ist“ (Zeleny (1968), Die Wissenschaftslogik bei Marx, S. 168 zit nach Eichler 2015, S. 95). Aber „die einzelnen Kategorien sind in dem Sinn mangelhaft, in dem die einzelnen Organe nicht überleben können, wenn sie nicht Teil eines Organismus sind“ (Eichler 2015, S. 101), Lohmann nennt deshalb Marx Strategie „Einholen von Voraussetzungen“ (Lohmann (1991), S. 54f, zit. nach ebd.).

Marx beginnt also mit der Untersuchung der Arbeitsprodukte in der kapitalistischen Gesellschaft und stellt fest, dass der Inhalt (Arbeitsprodukt) eine bestimmte Form (Ware) annimmt. Nun wäre mit dem „erkenntnisleitende Motiv der Marxschen Wertformanalyse“ (Backhaus 2011, S. 43) die Frage zu  stellen: ‚Warum nimmt dieser Inhalt jene Form an?‘. Doch hier ist die berühmte Grenze der Dialektik erreicht, die Antwort auf diese Frage kann nur historisch sein, aber „wir betrachten das Resultat ohne sein Werden“  (Althusser und Balibar 1972, S. 90). Arbeitsprodukte werden Waren weil sie für den Tausch produziert werden, somit ist die Verallgemeinerung des Tausches, der Warenzirkulation das historische Apriori. Nach Marx wird der Tausch nur dadurch nötig, dass die Menschen von ihren Produktionsmitteln getrennt werden und deshalb ihre Arbeitsprodukte ihnen als fremdes Eigentum gegenübertreten, dass sie nur erhalten durch den Verkauf ihres letzten Eigentums, ihrer Arbeitskraft.[3] [3] Während die Ware die einfachste ökonomische Form ist, die Warenzirkulation die erste Totalität unter den ökonomischen Kategorien, ist für Wolf der Tausch „das einfachste gesellschaftliche Verhältnis […] [wodurch] der gesellschaftlich allgemeine Charakter der einzelnen konkret nützlichen Arbeiten festgelegt wird“ (Wolf 2008, S. 48).


[1] [4] „Der Terminus ‘Dialektik‘ spielt dabei eine Rolle, die Unterscheidungen zu verschleiern und zu nivellieren“ (Kim 2017, S. 167)

[2] [5] Für Eichler ist der Beginn mit der Ware wie für Kim inkonsistent: Marx befindet sich noch im Forschungsprozess und beginnt erst mit Widerspruch zwischen Wert und GW die tatsächliche Darstellung. „Mit der einzelnen Ware ist der Boden der Analyse noch nicht erreicht, sie ist in diesem Sinne nicht die letzte Kategorie der kapitalistischen Produktionsweise“ Eichler 2015, S. 123. Da GW ein „außerökonomischer“ Begriff ist, ist es nur konsequent das Marx mit dem Wertbegriff beginnt.

[3] [6] Mit Robert Brenner könnte man argumentieren, dass auch im Feudalismus die Menschen getrennt sind von ihren Produktionsmitteln (vgl. Martin 1983), und nur die besondere Form, welche diese Trennung herstellt zum Kapitalismus führt, nämlich dadurch, dass diese Trennung kommodifziert, über den Markt, über Tausch hergestellt wird und die Produktionsmittel dem Großteil der Menschen als Waren gegenüber treten.


Beitrag gedruckt von keimform.de: https://keimform.de

URL zum Beitrag: https://keimform.de/2019/marx-darstellungslogik-im-kapital-i/

URLs in diesem Beitrag:

[1] [1]: #_ftn1

[2] [2]: #_ftn2

[3] [3]: #_ftn3

[4] [1]: #_ftnref1

[5] [2]: #_ftnref2

[6] [3]: #_ftnref3

[7] : https://keimform.de/2019/marx-darstellungslogik-im-kapital-i/?share=email

[8] : https://keimform.de/2019/marx-darstellungslogik-im-kapital-i/?share=facebook

[9] : https://keimform.de/2019/marx-darstellungslogik-im-kapital-i/?share=twitter

Do what you want — no rights reserved