Die Utopie vom Bild zur Wissenschaft

geschrieben von Simon Sutterlütti am 20. Mai 2019, 17:31 Uhr

Für die Aprilausgabe von [1]Analyse und Kritik [1] hab ich diesen Text geschrieben:

Kritik bedarf der Utopie, will sie nicht ein bloßes Anschreien gegen Unvermeidliches sein. Was würde eine radikale Kritik an Herrschaft, Staat, Patriarchat und Markt nützen, wenn sie nicht verbunden wäre mit dem Verweis auf die Möglichkeit einer anderen Welt. Doch die Diskussion über Utopie fällt schwer, dies liegt v.a. daran, dass wir keine (meta)theoretischen Angebote haben, wie wir über Utopie streiten könnten. Die kategoriale Utopietheorie versucht hier einen Ausweg anzubieten.

Die gefährliche, gescheiterte Tilgung des Utopischen

Viele Strömungen im Marxismus versuchten die Utopie zu tilgen. Die konkrete Kritik des Bestehenden und das Vertrauen auf die Kämpfe des Proletariats wurden zum Paradigma der Bewegung. Möglich wurde der Abschied von der Utopie durch Fortschrittsoptimismus und eine deterministische Geschichtsphilosophie. Engels begriff den „Sozialismus nicht mehr als zufällige Entdeckung dieses oder jenes genialen Kopfs, sondern als das notwendige Erzeugnis des Kampfes zweier geschichtlich entstandner Klassen“ (Engels, 1880/1973:208). Alexander Neupert-Doppler hat schon in der letzten ak auf Blochs Einschätzung des Sozialdemokraten als „völlig utopieloser Typ ein Sklave der objektiven Tendenz“ (Bloch, Das Prinzip Hoffnung Band 2: 677) hingewiesen. Der Determinismus hat sich theoretisch und historisch blamiert. Wenn wir uns jedoch von diesem „geschichtsphilosophischen Quark“ (Emanuel Kapfinger) trennen, müssen wir uns gleichzeitig fragen, welches Loch dadurch in der kritischen Theorie entsteht. Der Determinismus verband die Praxis des Klassenkampfs mit dem Sozialismus. Wenn wir ihn streichen, müssen wir die Transformation hin zum Kommunismus erneut problematisieren.

Doch dies ist schwer, denn das utopiekritische Paradigma war in einer Hinsicht erfolgreich: Es hat Utopie (und Transformation) weitgehend aus dem emanzipatorischen Diskursraum entfernt. Die Diskussion darüber bleibt innerhalb der Linken marginalisiert. Dies hat den Marxismus jedoch nicht gestärkt, sondern geschwächt. Ein Zuwenig, nicht ein Zuviel an Nachdenken über Utopie und Transformation hat emanzipatorische Versuche verkürzt und vereindeutigt. Autoritäre Institutionen konnten sie (im Namen von Fortschritt und Stabilität) überformen. Die Oktoberrevolution 1918 konnte ihre Strategiediskussionen nicht vor dem Hintergrund einer reichen Diskussion über Möglichkeiten der sozialistischen und kommunistischen Organisierung und der Transformation des Alten führen. Wenn wir das Erbe antreten wollen, müssen wir die Frage der Utopie (Wo wollen wir hin?) und der Transformation (Wie kommen wir dahin?) neu stellen und uns theoretische Instrumente und praktische Räume schaffen, um dies zu tun. Wenn die Überwindung nicht durch die Geschichte verbürgt oder nur in der Eroberung des Staates besteht, müssen wir uns fragen, welche revolutionären Konstruktionsprozesse von Heute aus die Potenz haben könnten, die befreite Gesellschaft herzustellen. Diese Konstruktionsdiskussion bedarf notwendig der Utopie, denn Konstruktionsprozesse können nicht gefasst werden ohne das Ziel, auf das sie abzielen. Utopie ist somit kein Selbstzweck oder Motivationsmittel, sondern die notwendige Bedingung um die Überwindung des Kapitalismus zu denken. Tatsächlich kann der Konstruktionsprozess umso genauer diskutiert werden, je deutlicher die Utopie begriffen ist. Der Utopiediskurs befeuert den Transformationsdiskurs. Es besteht jedoch immer die Gefahr, dass eine verkehrte Utopie auch die Konstruktionsdiskussion in die Irre leitet. So stellt sich die Frage nach den Tücken der Utopie.

Von Bilder- und Denkverboten

Heutzutage wird die Utopie erkenntnis- oder transformationstheoretisch kritisiert, und in beiden Kritiken sind wichtige Einsichten enthalten. In der Transformation dürfen Utopieentwürfe plausibilisierend motivieren, stehen aber gleichzeitig im Verdacht, fehl zu leiten. Sie verhinderten den spontanen, ‚wirklichen‘ Ausdruck der revolutionären Bewegung. An die Stelle des Vertrauens in die objektive Tendenzen der Geschichte ist damit das unbedingte Vertrauen in die Bewegung getreten. Wenn die revolutionären Subjekte kämpfen (und Kapitalismus und Herrschaft „richtig“ verstanden haben), werden sie während der Abschaffung des Kapitalismus befreiende Verhältnisse erschaffen. Dieses Resultat ist möglich, aber unwahrscheinlich. „Stellt man sich die dagegen nicht als das blaue Wunder vor, als etwas, das die Proletarier im Eifer des Gefechts beinahe aus Versehen machen, spontan und ohne jedes vorab gefasste Ziel […] dann scheint eine Verständigung über die Grundzüge einer klassenlosen Gesellschaft allemal sinnvoll“ (Freund*innen der klassenlosen Gesellschaft, Umrisse der Weltcommune, 2018: 32).

Utopie ist nie vollständig, sie kann nicht feststehen, sie verändert sich in der Geschichte und mit Bewegungen, doch ohne eine Utopie können wir nicht einmal die nächsten tastenden Schritte der tatsächlichen Überwindung des Kapitalismus denken, praktizieren oder reflektieren – geschweige denn die weiteren. Eine Reflexion über den Weg bedarf der Reflexion des Ziels. Wenn wir über die Überwindung des Kapitalismus nicht rein negativ sprechen wollen, nur über das, was überwunden werden muss, sondern positiv, über das, was wir aufbauen wollen, benötigen wir die Utopie. Diese fußt auf der Kritik, der Negation, geht aber nicht in ihr auf.

Die Transformation ist auf Utopie angewiesen, was sich auch daran zeigt, dass jeder Versuch der Tilgung des Utopischen notwendig unabgeschlossen bleiben muss. Der Grund dafür ist, dass jeder Befreiungsbewegung Möglichkeiten, Entscheidungen und subjektive Momente innewohnen. Nur widerwillig hat bspw. Marx diesem subjektiven Moment in der „Kritik des Gothaer Programms“ mit der sozialistischen Utopie als der „ersten Phase des Kommunismus“ eine Richtung gewiesen. Und damit die Grundlage für den realsozialistischen Fokus auf die Produktionssteigerung („Jeder nach seiner Leistung“) gelegt.

Erkenntnistheoretisch wird Utopie durch das Bilderverbot kritisiert: „Der Materialismus […] gestattet [nicht], die Utopie positiv auszumalen; das ist der Gehalt seiner Negativität“ (Adorno 1970/2003: 207). Doch ein Bilderverbot ist kein Denkverbot. Adorno (und auch Bloch) sprechen sich gegen eine spezifische Form des Nachdenkens über Utopie aus, nicht gegen utopisches Denken als solches. Die Utopie kann mit Sicherheit nicht auspinselnd beschrieben oder völlig bestimmt werden, sie muss Raum für menschliche Spontanität und spezifische Umstände enthalten. Unsere Utopien sind zudem von den heutigen Zuständen geprägt und damit beschränkt, doch das gilt für jedes Denken. Es gilt einen Diskurs über Utopie zu finden, der die erkenntnistheoretische Kritik aufnimmt, anstatt einfach Utopie als Ganzes zu negieren. Die kategoriale Utopietheorie versucht dies.

Vom Bild zur Wissenschaft

Es gibt grundsätzlich zwei Zugänge zur Utopie, die sich notwendig vermischen: einen Auffindenden und einen Entwerfenden. Die auffindend-praxeologische Utopietheorie versucht utopische Momente in gegenwäritigen und vergangenen Befreiungsversuchen, Kunstprodukte, Idealen etc. aufzudecken, Beispiele sind Ernst Bloch, Adamczak’s Beziehungsweise Revolution oder Habermann’s Ecommony. Die entwerfend-konstruktive Utopietheorie entwirft utopische Gesellschaften, Beispiele sind Owen’s New Harmony, Albert’s Parecon oder unsere commonistische Inklusionsgesellschaft. Ich schätze den praxeologischen Zugang sehr, doch erstens ist dieser meist auch ein implizites Konstruieren und zweitens besteht bei ihm die Gefahr das Bestehende nur eingeschränkt zu sehen. Die entwerfende Utopietheorie lässt neue Blicke zu, hat aber ihre eigenen Tücken, und bis jetzt wurde sie v.a. beschreibend-auspinselnd betrieben:

Das Gros utopischer Entwürfe bewegt sich im Raum der Fantasie, der Bilder und des Beschreibens. Utopische Romane zeichnen uns (spannende) Bilder, wie wir besser leben, re/produzieren und uns global koordinieren könnten. Diese beschreibende Denkform zeichnet sich dadurch aus, dass sie die eigenen Grundlagen nicht offenlegt. Doch auch sie basiert implizit auf Annahmen über Mensch und Gesellschaft, wenn sie menschliche Möglichkeiten beschreiben und nicht bloße Fantasterei betreiben will. Durch die Nicht-Offenlegung der eigenen theoretischen Grundlagen, einschließlich der Unmöglichkeit einer Überprüfung, haftet diesen Utopien notwendig ein Moment von Willkür an: Warum sollte die entworfene herrschaftsfreie Gesellschaft möglich sein? Warum sollten sich Menschen so wie beschrieben verhalten? Auch wenn ich diese utopischen Bilder sehr schätze, bedarf die linke Bewegung eines weiteren utopischen Diskursraums, der auf Basis begründeter Theorie von Mensch und Gesellschaft über die befreite Gesellschaft nachdenkt.

Eine befreite Gesellschaft wird sich von den historischen Gesellschaften grundsätzlich unterscheiden, doch wird es auch Gleiches geben. Sie ist ebenfalls eine menschliche Gesellschaft mit Re/Produktion, Koordination, Verbrauch etc.. In ihr leben noch immer gesellschaftliche Menschen mit Bedürfnissen, Bewusstsein, Empathiefähigkeit etc. Es gibt Theorien, wie die marxistische Geschichtswissenschaft und Anthropologie, die Kritische Psychologie, die philosophische Anthropologie etc., welche versuchen eben diese historisch-übergreifenden Elemente zu begreifen. Sie bestimmen nicht die konkret-historischen Mensch-Gesellschafts-Verhältnisse (bspw. Bürgerliches Subjekt und Kapitalismus), sondern stellen sich der schwierigen Aufgabe, übergreifend-allgemeine Bestimmungen für Mensch und Gesellschaft zu finden. Diese Bestimmungen gewinnen sie aus der kritischen Analyse von vergangenen und gegenwärtigen Gesellschaften, und verschiedener Befreiungsversuche. Ausgehend von diesen Theorien und ihren Kategorien kann über die befreite Gesellschaft nachgedacht werden. Die Utopie wäre dann keine Träumerei und Wunschkonzert mehr, sondern ein Entwurf auf Basis begründeter und diskutierbarer Theorie.

Eine Utopie auf explizierter theoretisch-kategorialer Basis nennen wir kategoriale Utopie. Sie kann nicht konkret beschreiben wie Menschen ‚arbeiten‘ werden, sie kann aber Grundlagen menschlicher Tätigkeiten formulieren, etwa, dass in einer befreiten Gesellschaft niemand zur ‚Arbeit‘ gezwungen werden kann. Sie kann nicht auspinseln, wie Entscheidungen gefällt werden, aber sie kann bspw. darüber nachdenken, ob Rätestrukturen eine herrschaftsfreie Bedürfnisvermittlung erlauben. Übergreifende Theorien und ihre Utopien sind mit Sicherheit fehlerhaft, doch die sich hieraus ergebende Kritik kann Verbesserung erlauben. Über kategoriale Utopien können wir streiten und diskutieren, wir können sie auf ihre Richtigkeit hin befragen. Genau dieser kritische Streit ist die Grundlage des wissenschaftlichen Prozesses. Durch das Entwerfen von Utopien auf einer kategorialen Basis kann die utopische Diskussion zur Wissenschaft werden. Utopiediskussionen sind dann kein Streit mehr darüber, was wir uns nun wünschen, sondern welche Befreiungspotenzen in dem menschlich-gesellschaftlichen Möglichkeitsraum liegen. Ich glaube, dass auch Adorno auf dieser kategorialen Ebene über Utopie spricht, auf Basis der gesellschaftskritisch geschulten Psychoanalyse und der marxistischen Gesellschaftstheorie. Wir hoffen mit der kategorialen Utopie einen Raum zwischen Auspinselei und Bilderverbot zu eröffnen. Es ist ein Raum, der uns hilft menschlich-gesellschaftliche Möglichkeiten und Unmöglichkeiten auszuleuchten, und uns erlaubt, über die Überwindung des Kapitalismus (neu) nachzudenken. Denn ohne Utopie bleibt die Transformation blind.


Beitrag gedruckt von keimform.de: https://keimform.de

URL zum Beitrag: https://keimform.de/2019/die-utopie-vom-bild-zur-wissenschaft/

URLs in diesem Beitrag:

[1] Aprilausgabe von : https://www.akweb.de/ak_s/ak648/index.htm

[2] : https://keimform.de/2019/die-utopie-vom-bild-zur-wissenschaft/?share=email

[3] : https://keimform.de/2019/die-utopie-vom-bild-zur-wissenschaft/?share=facebook

[4] : https://keimform.de/2019/die-utopie-vom-bild-zur-wissenschaft/?share=twitter

Do what you want — no rights reserved