Commons sind nicht genug …

geschrieben von Simon Sutterlütti am 17. Juli 2019, 10:16 Uhr

Auf dem MOVE wurde der Widerspruch von innerem Wandel und äußerem Wandel thematisiert. Also Meditation, Yoga, Bedürfnisse ernst nehmen vs. Revolution, Aktivismus, Gesamtgesellschaftliche Veränderung. Ich halte diesen Widerspruch für zentral. Aber ich glaube um dem Thema gerecht zu werden, müssen wir diesen Widerspruch noch um einen dritten Pol erweitern: kollektiver Wandel.

Vorab noch 2-3 Worte: Ich halte den individuellen Wandel des Selbstbezugs (und den kollektiven Wandel der Gruppendynamik) für wichtig. Wie Marie unter den letzten Text schrieb: Yoga, (kritische) therapeutische Reflexion, Vulva-Workshops erlauben mir die gesellschaftliche Herrschaft in mir zu erkennen, die strukturelle mit der individuellen Ebene zu verbinden und teilweise mich von dieser Herrschaft zu befreien. Doch der individuelle Wandel, die individuelle Befreiung wird enorm vereinfacht und ist schlussendlich erst möglich durch einen kollektiven und gesellschaftlichen Wandel. In kollektiven feministischen-bedürfnisorientierten Kontexten ist es einfacher meine Gefühle im Yoga und therapeutischer Praxis ernst zu nehmen. Der innere Wandel wird durch den kollektiven Wandel befeuert, aber kann erst mit dem gesellschaftlichen Wandel abgeschlossen werden.

Die falschen Versprechen des inneren und kollektiven Wandels

Auf dem MOVE sind kollektive und individuelle Praktiken stark präsent. Individuelle Praktiken schaffen einen neuen Selbstbezug, ein neuen Bezug auf die eigenen Gefühle, Bedürfnisse, auf den eigenen Körper, das eigene Spüren. Sie heißen häufig auch Praktiken des „inneren Wandels“. Kollektive Praktiken schaffen neuen Bezug zueinander in überschaubaren, konkreten, interpersonalen Gruppen wie Kommunen, Gemeinschaften, Solidarische Landwirtschaft, Commons, Yoga-Retreats – es sind neue Formen des kollektiven Bezugs.

Meine These wäre nun: individueller und kollektiver Wandel ist wichtig und in der linken-emanzipatorischen Bewegung nicht ausreichend gewürdigt, aber tragen Fallstricke in sich. Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten gesamtgesellschaftliche Transformation liegt ihnen zuerst eher fern. Es geht ja um andere individuelle und kollektive Praktiken. Es liegt nahe sich eher damit zufrieden zu geben sich in neuen Körperbezug, Meditation, spirituellen Praxen, kleine Gemeinschaften und Commons zu flüchten. Das reicht den meisten Menschen und ist sicher auch schon anstrengend genug. Und es ist wirklich anstrengend und auch enorm spannend. Denn der innere Wandel und auch kollektive Wandel wird nie abgeschlossen sein. Ich finde in mir immer neue Formen wie ich mich selbst und andere beherrsche, unterdrücke und fertig mache. Der Weg des inneren Wandels ist wie das Tauchen in einen bodenlosen Teich. Ich finde immer wieder neue glitzernde Korallen und leuchtende Pflanzen auf dem Weg. Tatsächlich werde ich Schritt für Schritt die gesamte gesellschaftliche Herrschaft und Struktur in mir aufdecken – und doch niemals fertig werden. Wie es Lotte auf dem Donnerstagspodium so schön sagte: innerer Wandel erscheint irgendwann selbstreferentiell, man dreht sich immer tiefer in die eigenen Gefühlswelt und Psyche – viele gehen darin verloren. Und werfen allen anderen, die nicht so viel Spüren, Dehnen, Schütteln vor, dass die sich nur selbst nicht genug kennen. Die negative Übertreibung wäre die Individualisierung. Es geht nur darum einen neuen Bezug zu sich aufzubauen, das Ego zu tilgen, die Vaterkomplexe aufzuarbeiten und wir könnten in dieser Gesellschaft individuell glücklich sein, uns heilen, und jenseits von „Dualität“ „Kampf“ „Krankheit“ miteinander umgehen. Wir können natürlich versuchen uns ständig individuell, ethisch zu heilen und zu optimieren, aber wir kommen aus der „Gesamtscheisse“ damit nicht raus. Der innere Wandel ist nicht abschließbar.

Kollektiver Wandel hat eine ähnliche Gefahr. Auch kollektive Praktiken können selbstreferentiell werden. Wir können immer weiter versuche meine WG bedürfnisgerechter zu gestalten, wir können immer weiter versuchen, dass wir Konflikte in Kommunen herrschaftsfreier austragen, wir können immer bessere Formen der Gruppendynamik entwickeln. Doch auch dieser Wandel führt uns in eine schlechte Unendlichkeit. Wir können die Herrschaft, das Leben auf Kosten anderer, das Leben auf Kosten von uns selbst, hier nicht beseitigen. Denn die Herrschaft ist gesellschaftlich, das Leben auf Kosten anderer ist eine gesellschaftliche Nahelegung die wir nicht kollektiv auflösen können. Eine Freundin meinte mal: „Wie sollen wir denn mit 7,4 Milliarden Menschen cool umgehen, wenn ich es nicht mal in meiner WG mit 12 Menschen hinkriege?“ Ich glaube Marx hätte mit Recht geantwortet: „Du kannst erst herrschaftsfrei mit den 12 Menschen in deiner WG umgehen, wenn du mit den 7,4 Milliarden Menschen coole Beziehungen hast“. Das Yoga-Retreat wird sich bis zur Konstruktion des Commonismus immer auch scheiße anfühlen. Und trotzdem ist es super wichtig kollektive Räume so zu gestalten, dass wir uns darin so gut wie möglich wohl fühlen. Die negative Übertreibung des kollektiven Wandels wäre die Kollektivierung. Der Versuch alle gesellschaftliche Herrschaft in einer Gemeinschaft auszulöschen, sich von „der Gesellschaft“ durch eine Gemeinschaft zu befreien. Wir können uns nicht von „der Gesellschaft“ lösen, sie ist in uns und bleibt vorhanden. Fraglos schaffen wir hier tolle Sachen und das ist auch super wichtig, aber diese Praktiken müssen beschränkt bleiben. Und wir müssen uns dieser Beschränktheit bewusst sein und werden.

Transformationsstrategie, Commons-KleinKlein und Keimformen

Wenn für mich kollektiver Wandel wichtig ist, ist ein bestimmter Blick auf die Überwindung des Kapitalismus nahegelegt. Ich hab immer wieder erlebt, dass viele Menschen dann hoffen, dass einfach immer mehr Menschen bei den Commons, den Kommunen, den solidarischen Landwirtschaften mitmachen und dass sich die Commons halt irgendwie schon vernetzen werden und eine Alternative einfach so parallel neben dem Kapitalismus wächst. Das glaube ich nicht. Wer an die transformative Kraft der Commons glaubt muss die Frage beantworten können, wie diese den Staat abwickeln, Wohnraum aneignen, die Klimakrise aufhalten und ein tragfähiges transpersonales Netzwerk schaffen können.

Commons die materielle Mittel und Lebensbedingungen herstellen (Kommunen, Solidarische Landwirtschaften, Hausprojekte, etc.) funktionieren meist nur in kleinen Gemeinschaften. Wir nennen dies „interpersonales Commoning“, Commoning zwischen konkreten Personen. Gesellschaft besteht aber v.a. aus transpersonalen Beziehungen, Beziehungen mit allgemeinen Anderen, die den Café herstellen den ich trinke, die Musik produzieren die ich höre, oder die Matratze auf der ich schlafe (in den Lese- und Vortragstipps dazu mehr). Und dies ist eben keine kollektive Beziehung, sondern eine gesellschaftliche Beziehung. Und genau darin sind Commons schlecht. Und dieser Frage müssen wir uns mit vielen praktischen und theoretischen Kapazitäten stellen.

Um noch mehr Theorie reinzubringen: Es gibt in der Kritischen Psychologie die wichtige Unterscheidung zwischen verallgemeinerter und restriktiver Handlungsfähigkeit. Ich handle im Modus restriktiver Handlungsfähigkeit, wenn ich mich an die Verhältnisse anpasse bspw. mir Lohnarbeit suche, mich so ausbilde das ich nen Job finde, etc. Verallgemeinerte Handlungsfähigkeit versucht die Bedingungen unseres Handelns zu verändern. Ich handle nicht unter den Bedingungen, sondern schaffe neue Bedingungen – Bedingungen der gesellschaftlichen Inklusion, unter denen ich nicht mehr auf Kosten andere lebe und handle.

„Um sein Abendessen zu erwerben, braucht man Klugheit; sie kann darin bestehen, daß man den Vorgesetzten Gehorsam erweist. Eine andere Art Klugheit mag einen dazu bringen, das System von Vorgesetzten und Zurückgesetzten abzuschaffen.“ (Brecht GA 18: 151)

Commons schaffen v.a. neue kollektive Lebensbedingungen, kollektive Bedingungen von Freiwilligkeit und kollektiver Verfügung und somit eine kollektive Nahelegung der Inklusion. Sie schaffen kollektive Handlungsfähigkeit, nicht aber verallgemeinerte-gesellschaftliche. Sie kratzen an der gesellschaftlichen Normalität, aber schaffen nicht diese zu ersetzen. Eine gesellschaftliche Revolution benötigt einen Konstruktionsprozess, den Aufbau neuer Beziehungen. Darin sind Commons gut, aber v.a. auf interpersonaler Ebene. Die Frage ist wie konstruieren wir commonistische gesellschaftliche Beziehungen? Hierfür ist sicherlich eine Verbindung von Commons und sozialen Kämpfen wichtig, aber diese soll nicht abstrakt, unbestimmt sein: Jaja irgendwie müssen wir um Wohnraum kämpfen und Hausprojekte aufbauen, Land und Maschinen aneignen und solidarische Landwirtschaften schaffen. Wir brauchen mehr. Wir müssen uns praktisch und theoretisch der Frage nach einem gesellschaftlichen Aufhebungsprozess, einem gesellschaftlichen Rekonstruktionsprozess stellen. Genau für diese Fragen sollte das MOVE, und eigentlich die gesamte emanzipatorische Bewegung Räume schaffen. Hierfür brauchen wir gesamtgesellschaftliche Perspektive, Kapitalismus- und Herrschaftskritik, Utopieforschung und Transformationstheorie. Sonst bleiben unsere Praktiken eine Flucht in kollektive Gemeinschaftlichkeit, ein Rückzug von jedem Anspruch einer revolutionären, gesamtgesellschaftlichen Überwindung des Kapitalismus.

Zum weiterlesen: V.a. das Kapitel zur Keimformtheorie in Stefans und meinem Buch (commonism.us). Zum weiterdenken: die verschiedensten Treffen und Diskussionen des Commons Institut 🙂 (commons-institut.org)

Und vielleicht noch was Wichtiges: Vielen Dank an alle Menschen die das MOVE möglich gemacht haben, aber v.a. Danke an das Orgateam. Es war notwendig widerspruchsvoll, aber wirklich wunderschön. Für mich und ich glaub für andere auch.


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