Weitere Gedanken zu den Freund*innen

geschrieben von Simon Sutterlütti am 7. September 2018, 09:30 Uhr

In den letzten Beiträgen [1] habe ich mich mit dem Text der Freund*innen auseinandergesetzt. Wenn ich gute Texte lese, dann bringen die mich selbst weiter zum Nachdenken, darum hier zwei Gedankenbewegungen die aus dem Lesen und Reflexion hervorgingen. Sie sind sehr kurz und eher als Diskussionsanstoß gedacht. Die eine betrifft das Verhältnis von Utopietheorie und transformierender Praxis, der andere die utopische-inhaltliche Frage wer, wo im Commonismus Entscheidungen fällt.

Utopie – Produkt der Gedanken oder der Bewegung?

Da die freie Gesellschaft nicht durch die Entwicklungsgesetze der Geschichte verbürgt ist, wird sie nicht von der Bewegung automatisch hervorgebracht. Das Verhältnis von Bewegung und freier Vergesellschaftung ist problematisch und darum notwendiges Feld von Reflexion und Theorie. Aber die Utopietheorie der Freund*innen durchzieht der Unmut einer Verselbständigung der Theorie. Sie sorgen sich um eine Theorie, welche sich von der Praxis entfernt, diese zurücklässt, im schlimmsten Fall zu ihrem Hemmnis wird, wenn sie der Praxis eine falsche Richtung empfiehlt oder gar vorschreibt. Gleichzeitig wäre es jedoch eher positiv würde sich die Theorie von einer Praxis entfernen, welche die falschen Wege beschreitet. Einige Fragen treten aus diesem Verhältnis hervor: Bedarf die Theorie der Praxis als Grundlage? Falls ja, wie ist deren Verhältnis zu bestimmen? Was ist hier der Stellenwert von Theorie/von Praxis? Wann wir die Theorie praxisferne Reflexion, was Engels als Utopismus kritisierte? Macht dies die Theorie falsch, oder nur tendenziell uneinlösbar?

Theorie basiert immer auf unserer (Lebens-)Praxis, denn sie ist an unsere Erfahrung gebunden. Während eine positivistische (passender Begriff?) Theorie das Bestehende als das Wirkliche anerkennt, versucht eine kritische Theorie gerade das Gewordensein und damit die Veränderbarkeit des Bestehenden zu reflektieren. Sie steht somit in einem kritischen Verhältnis zur Praxis, sowohl zu geltenden wie auch zu einer transformierenden Praxis. Kritische Theorie beschreibt nicht nur was ist, sondern erklärt warum es so ist und öffnet somit auch den Raum das es anders sein könnte. Somit hat kritische Theorie notwendig einen überschreitenden, transzendierenden, spekulativen Gehalt. Aber wird dieser überschreitende Gehalt falsch wenn sich die Theorie weiter von der Praxis entfernt? Nicht notwendig, aber wahrscheinlicher da sich immer mehr Irrwege auftun? Ach … viele Köpfe haben zu diesem Verhältnis schon viel gesagt, wahrscheinlich lohnt es sich da nachzulesen. Aber vielleicht hat jemand hier ja noch spannende Gedanken.

Noch eine Notiz zum Abschluss: Viele unserer Gedanken kommen aus der Commons-Bewegung, aus der Praxis. Freiwilligkeit und kollektive Verfügung als Basis von Inklusionslogik sind Prinzipien die gerade in Commons praktiziert und thematisiert werden. Aber meist nur – notwendig gebrochen – im interpersonalen Rahmen. Wahrscheinlich ist in viel unserer theoretischer Bemühungen die treibende Frage: Wie können diese Praktiken, in welchen wir uns trotz der Brüche oft wohlfühlen, gesellschaftliche allgemein werden? Wie kann mehr von unserem Leben nach ihren Dynamiken funktionieren und diese Dynamiken weiter entfaltet werden? Dieser Erfahrungsschatz ist sowohl theoretisch als auch motivational sehr wichtig, aber wie behindert er auch unser Denken, unsere Theorie? Benni Bärmann hat in seinen letzten Artikel immer wieder darauf verwiesen, dass er meint wir sollen uns von einem transpersonalen Äquivalent zu unserem transpersonalen Commoning verabschieden … Wenn dies stimmt, verlangt dies wieder einen überschreitenden Schritt der Theorie.

Plen-O-Cracy, Do-O-Cracy oder was jenseits davon?

Die meisten Utopien sind Plen-O-Cracies: Verpflichtende Entscheidungen werden in bestimmten Versammlungen/Plena getroffen. Damit die Plenumsentscheidungen gültig und verpflichtend sind bedarf es Herrschaftsmittel und somit einer getrennten Institution der Herrschaft (Vgl. Buch [2]). Eine Plen-O-Cracy ist somit auch ein Plan-O-Cracy: In Plena werden Pläne geschmiedet, an die sich die Leute gefälligst halten sollen. In kritischer Absetzung hiervon haben wir im Buch von deiner ‚eingebettet Allgemeinheit‘ gesprochen, in welcher verschiedene Plena nur Lösungsvorschläge entwickeln und anbieten, aber nicht durchsetzen können.

Hier kam die Überlegung und der Vorwurf auf, ob dies dann nicht eine Do-O-Cracy wäre: Nicht iwelche institutionell privilegierte Personen entscheiden, sondern die Tätigen (Doing). Ein illustrierendes Beispiel: Konfliktcommons bieten verschiedene Lösungen für die Verteilung des Stahls in Niedersachsen an, schlussendlich wählt das Stahl-Logistik-Commons eine Lösung aus und setzt sie um. Das niedersächsiche Stahl-Logisitik-Commons kann aber nicht getrennt von den Stahl-Herstellungs-Commons entscheiden: Wenn die Stahl-Herstellenden die Logistikentscheidungen öfters doof finden, werden sie ihre Kooperation einstellen und evtl. mit anderen Logistik-Commons kooperieren. Schlussendlich sind es also die Herstellenden nicht die Logistiker*innen die entscheiden. Aber auch die Stahl-Herstellenden werden nicht lang Stahl herstellen, wenn sie Entscheidungen treffen, welche jenen Commons doof finden, die sie mit Energie, Wasser, Werkzeuge, Schrauben, IT etc. versorgen. In einer hocharbeitsteiligen Gesellschaft gibt es also eine Unmenge von Tätigen, welche bei der Do-O-Cracy mitentscheiden können und falls sie unzufrieden sind die Kooperation aufkündigen können. Positiv interpretiert: Es gibt immer ein Haufen von Leuten, welche sich gegen blöde Lösungen stellen können, so dass sich wahrscheinlich wirklich die Lösung durchsetzen wird, die möglichst inkludierend ist. Es wird wohl auch meistens so sein, dass die Mitentscheidenden nicht immer ein eigenes Interesse an der Endentscheidung hat (bspw. die Werkzeugprogrammiererin in Kambodscha an der Stahlverteilung in Niedersachsen), so dass sie dann wohl wirklich die Entscheidung präferieren, welche am besten die Bedürfnisse Vorort inkludieren. Negativ interpretiert: Wenn die Exit/Kooperations-Abbruch-Strategie häufig gewählt wird, wird das System ganz schön volatil. Auch wird das Abstimmen wohl ganz schön kompliziert – aber das ist nicht wirklich negativ, da wir wohl ‚nur‘ tolle soziale Kommunikationsmittel herzustellen* brauchen welche uns die verschiedenen Bedürfnisse und Informationen zu koordinieren erlauben.

Noch ein weiteres Problem kommt mir so auf: Es reicht natürlich nicht wenn die ewige Do-O-Cracy-Kette von dem niedersächsischen Stahl sich entscheidet, wenn die Do-O-Cracy-Ketten von Beton, von Bau-Commons, von Energie, von X, Y und Z, nicht auch diese Entscheidung mittragen. Sonst hat das Schulbaucommons haufenweise Stahl, aber keine Schrauben. Hmm Hmm … wie kann deren Abstimmung funktionieren ohne dass sich ein Entscheidungsgremium gründet? Denn wäre es nicht das Passendste, dass sich die verschiedenen Do-O-Cracy-Ketten in einem Plenum treffen und die verschiedenen Lösungen diskutieren und sich für eine entscheiden? So ich höre hier unbefriedigenderweise mal auf und öffne die Diskussion 😉

Noch ein letzter Punkt, der ganz gut dazu passt: Ich finde tatsächlich die Frage welche die Freund*innen zur Grenzen der Dezentralisierung aufgeworfen haben noch spannend. Bspw. wenn sie schreiben die „Verwendung begrenzter Ressourcen [kann] […] nur zentral entschieden werden“ (36). Wir hatten diese Frage schon mal andiskutiert, aber sie bleibt spannend.


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[1] letzten Beiträgen: https://keimform.de/2018/eine-verstaendigung-ueber-die-grundzuege-einer-klassenlosen-gesellschaft-ist-allemal-sinnvoll/

[2] Buch: https://commonism.us/files/Kapitalismus-aufheben-Kap-6.pdf

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