Kollektive Verfügung über symbolische und soziale Lebensbedingungen

geschrieben von Simon Sutterlütti am 25. Dezember 2018, 21:16 Uhr

Die Herstellung unserer gesellschaftlichen Lebensbedingungen geschieht nicht nur materiell, sondern ebenso symbolisch und sozial. In einer Inklusionsgesellschaft verfügen wir somit auch über unseren sozialen und symbolischen Bedingungen kollektiv. Dieser Text versucht diese Bedeutung kollektiver Verfügung etwas weiter zu denken.

Kollektive Verfügung über unsere Beziehungen

Ein Blick in die emanzipatorischen Strömungen, und unsere eigenen Praktiken, zeigt, dass Konflikte um die kollektive Verfügung über unsere sozialen und symbolischen Bedingungen sehr präsent sind. Im historisch vereinfachenden Holzschnitt scheint es so als hätte die Arbeiterinnenbewegung die kollektive Verfügung über unsere materiellen Bedingungen, materielle Produktionsmittel und damit auch (materielle) Lebensmittel, angestrebt, um dann auch über die sozialen Prozesse der Distribution, Koordination, Planung etc. verfügen zu können. Die Kritik an Partei und Hierarchie innerhalb der emanzipatorischen Strömungen ist Ausdruck einer stärker herrschaftskritischen Auseinandersetzung mit den Formen von Organisation selbst. Vermehrt wurde diese Auseinandersetzung durch die feministischen Strömungen der zweiten Frauenbewegung vorangetrieben und ging einher mit einer Ausweitung, manchmal eine Verschiebung, der politischen Reflexion und herrschaftskritischen Praxis auf die eigenen Strukturen. Herrschaftsmechanismen innerhalb von Bewegungen, Organisation und sogar von so-herrschaftsfrei-scheinenden einfachen Gesprächen wurde offengelegt und verändert. Gleichzeitig wurden die Herrschaftsmechanismen im privaten Leben untersucht – das Private wurde politisch. Diese Kämpfe lassen sich unschwer als der Versuch lesen eine kollektivere Verfügung über unsere interpersonalen sozialen Bedingungen in organisierter Kollektivität durchzusetzen und diese nicht einzelnen Personen(gruppen) zu überlassen. Kritik an dominantem Redeverhalten und zu viel Raum-einnehmen, das Achten darauf, dass es Personen im WG-Plenum gut geht, Befindlichkeitsrunden sind alles Facetten dieses Strebens.

Es soll verhindert werden, dass Personen(gruppen) ihre Interessen und Bedürfnisse zu den allgemeinen, dominanten machen und dabei (bewusst oder von ihnen selbst unbemerkt) andere Bedürfnisse ausschließen. Diese Praktiken kämpfen gegen Bedingungen die Exklusion begünstigen und versuchen Inklusionsbedingungen zu schaffen unter denen das Einbeziehen Anderer subjektiv funktional ist. Damit öffnen sie gleichzeitig den Raum für Konflikte.

Identitätskritik und kollektive Verfügung

Wenn Antirassist*innen Stereotype und Vorurteile bekämpfen oder wenn Feminist*innen darum kämpfen ‚Frauen’bilder und ‚Männer’bilder zu verändern, und dadurch eine andere Erziehung, andere Beziehungen und andere Identitäten erlauben wollen, dann scheint mir dies als ein Kampf um die kollektive Verfügung über unsere symbolischen Bedingungen. Der symbolischen Ordnung, heterosexuelle Matrix (sexism), Kulturzuweisungen (racism), Schönheitsnormen (lookism) etc., wird der Kampf erklärt, sie wird denaturalisiert, dekonstruiert, sozialisiert, vergesellschaftet. In all diesen Kämpfen ist hierbei der Horizont einer tatsächlichen kollektiven Verfügung über die symbolische Ordnung der Subjektbildung enthalten: in ihrem anti-identitären Impetus. Solange wir darum kämpfen andere Frauen, andere Schöne, andere PoC, andere Behinderte sein zu dürfen, solange wir für Schönheitsnormen kämpfen die Dicke_Fette einschließen, ein Arbeitsmarkt der Frauen* gleichberechtigt, kämpfen wir innerhalb der Identitätskategorien. Jede Identität basiert auf Ausschluss, und impliziert damit notwendig auch Ausschluss von uns selbst. Um die Gleichberechtigung zu erlangen, um eingeschlossen zu werden etc. müssen wir in die Identität passen, welche dafür kämpft und gekämpft hat. Identitäten machen uns immer wider passförmig. Erst 7,3 Mrd. Identitäten die sich zusätzlich noch ständig verändern können, was den Begriff Identität von lat. Idem: dasselbe ad absurdum führen würden, wäre Identität erreicht, unser symbolisch-sozialer Ausdruck würde uns entsprechen. Befreiung kann nur anti-identitär sein. Im poststrukturalistischen Diskurs ist dieser gesellschaftlich-politische Anspruch wohl am weitesten entwickelt und in der Sprache zu finden. Das * in „Frauen*“ verweist darauf ebenso wie der _ in „Dicke_Fette“. Auch wenn der Feminismus schreibt race, class, gender, body, look, usw. verweist das „usw.“ auf das Scheitern der Vollständigkeit einer Identität, es ist „das supplément, der Überschuß, der zwangsläufig jeden Versuch, die Identität ein für allemal zu setzen, begleitet“ (Butler 1993: 210). Für Butler ist dieser Überschuss der Ausgangspunkt für feministische Theorie und Politik (ebd.).

„Auf ‚Rasse‘ oder Ethnizität, Religion, Sexualität oder irgendeinem anderen gesellschaftlichen Aspekt beruhende Identitäten beenden die Pluralität der Bewegungen, die jedoch in ihrer inneren Zusammensetzung vielgestaltig sein müssen, eine Multitude. Befreiungsbewegungen, die vor diesem Lehren die Augen verschließen, laufen Gefahr, (früher oder später) nach rechts abzudriften“ (Hardt/Negri 2018: 91)

Dieses Ziel der Auflösung von Identität ist der kollektiven Verfügung über die symbolische Ordnung inhärent. Wenn ich über die symbolische Ordnung verfüge, dann bin ich, meine Emotionen, meine Bedürfnisse, meine Handlungen nicht mehr sozial formiert durch eine bestimmten Kultur, Geschlecht, Schönheitskategorie, sondern kann mich immer mehr in (und mit) dieser Ordnung selbst entfalten. Es bleibt das Moment, dass ich in eine bestehende symbolische Ordnung als Kind hineinwachse, die jedoch als commonistische symbolische Ordnung meine Entfaltung unterstützt, sie erlaubt mir meine Emotionen und somit meine Bedürfnisse zu verstehen, mich selbst jenseits von Normen, identitätslos auszurücken etc. – das genaue Verhältnis von individueller Entwicklung und nicht-identitärer Entfaltung wäre aber noch eigene Reflexionen wert.

Den Eigentumsbegriff erweitern?

Hardt/Negri dehnen in ihrem Buch „Assembly“ (Hardt/Negri 2018) die Reichweite von Eigentum aus, indem sie von „rassisierten Eigentum“ sprechen, von Weißsein als ein Eigentum, ein Reichtum. Hiermit versuchen sie zu erklären warum Menschen rechte Bewegungen unterstützten obwohl die gegen ihre „ökonomischen Interessen“ handeln, weil diese Rechten ihr symbolisches Eigentum von Volk, Zughörigkeit, Vaterland schützen und sogar aufwerten – und damit auch materiellen Verfügungen, bspw. der Zugang zur Gesundheit und Arbeitsmarkt nur für deutsche Staatsbürger*innen, ausweiten und schützen. Die Immaterialität von Eigentum ist bei symbolischen Produkten wie Software, Bauplänen, etc. schon diskutiert, spannend finde ich diese Gedanken auf der Ebene von anderen Exklusionsmechanismen als den des Tausches weiter zu denken. Hilft es uns darüber nachzudenken, dass manche Männer ihr symbolisches Eigentum „Männlichkeit“ vom Feminismus angegriffen sehen? Was bedeutet das Eigentum „Männlichkeit“, „Schönheit“, „Kultur“? Das ich mich selbst nicht in und mit einer symbolischen Ordnung entfalten kann, sondern von der Verfügung ausgeschlossen bin. Doch sind hier die Eigentumsverhältnisse weit komplizierter.

Es gibt nicht bestimmte Personen(gruppen) welche „Männlichkeit“ besitzen und somit definieren können. Wir alle reproduzieren „Männlichkeit“, aber reproduzieren sie auch immer ein wenig anders und verändern sie dadurch (das wäre dann glaub ich Derridas „Iterabilität“). Wir besitzen das symbolische Eigentum „Männlichkeit“ also mit, darum scheint auch hier die politische Handlungsfähigkeit so unmittelbar, im Gegensatz zu einer Aufhebung des Eigentums an Häusern, Nahrung, etc. und damit Aufhebung des Tausches. Gleichzeitig ist das symbolische Mittel „Männlichkeit“ von hegemonialen Strukturen, dem Patriarchat, der heterosexuellen Matrix, geprägt, welche in uns selbst hineingewachsen sind, uns selbst ausmachen und uns „Männlichkeit“ der kollektiven Verfügung entziehen. Spannend wäre es vielleicht auch noch diese Ideen mit Bourdieus Konzept von „kulturellen Kapital“ und „sozialen Kapital“ zu verbinden, welches erlaubt Menschen in der symbolisch-sozialen Verfügungswelt bestimmte Positionen zuzuweisen – mit viel kulturellem Kapital bspw. Sprachvermögen oder Medienreichweite, hab ich mehr Möglichkeiten über die symbolischen Bedingungen zu verfügen. Viele Fragen bleiben, und weiter geht‘s :). Was bräuchte es um über „Männlichkeit“, „Schönheit“, „Kultur“ kollektivere Verfügung zu erlagen? Was bedeutet das konkret?

 

Butler, Judith (1993): Das Unbehagen der Geschlechter. Dt. Erstausg., 1. Aufl., [Nachdr.]. Frankfurt am Main: Suhrkamp
Hardt, Michael; Negri, Antonio (2018): Assembly. Die neue demokratische Ordnung. Unter Mitarbeit von Thomas Atzert und Andreas Wirthensohn. Frankfurt, New York: Campus Verlag.


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