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»Kapitalismus aufheben« — Kapitel 5

Das Buch »Kapitalismus aufheben. Eine Einladung, über Utopie neu nachzudenken« von Simon Sutterlütti und Stefan Meretz ist im VSA-Verlag erschienen und online auf der Website commonism.us verfügbar. Die Kapitel können hier auf keimform.de einzeln diskutiert werden. Hier geht es um das Kapitel 5:

Individuum und Gesellschaft

In diesem Kapitel (PDF) entwickeln wir die individual- und gesellschaftstheoretischen Grundlagen für unsere Utopie, den Commonismus (Kapitel 6), und unser Transformationskonzept, die Keimformtheorie (Kapitel 7). Hier die Zusammenfassung aus dem Buch:

Jede Utopietheorie muss sich ihrer theoretischen Grundlagen versichern. Utopien gesellschaftlicher Entwicklung brauchen derer mindes­tens zwei: eine Individualtheorie und eine Gesellschaftstheorie. Anders ausgedrückt: Wir brauchen sowohl einen wissenschaftlichen Begriff vom Menschen wie von der Gesellschaft. Das sind für uns zwei Seiten der gleichen (wissenschaftlichen) Medaille. Hier folgt eine stichpunktartige Zusammenfassung unserer Erkenntnisse:

  • Ein Begriff vom Menschen fasst nicht das Historisch-Besondere, sondern das, was Menschen über alle Epochen hinweg ausmacht.
  • Menschen sind und leben gesellschaftlich. Für die Menschen ist die Gesellschaft ein Raum von Handlungsmöglichkeiten, sie stehen somit in einer Möglichkeitsbeziehung zur Welt.
  • Menschen haben Bedürfnisse. Ihre konkrete Gestalt hängt von den gesellschaftlichen Befriedigungsmöglichkeiten ab. Allen Bedürfnissen gemein ist die sinnlich-vitale und produktive Dimension.
  • Die sinnlich-vitale Bedürfnisdimension ist die des Genusses, die produktive die der Verfügung über die gesellschaftlichen Bedingungen zur Sicherstellung der Befriedigungsquellen. Genuss ist dann unbeschränkt, wenn die Verfügung über die Genussquellen gegeben ist.
  • Menschen handeln immer begründet. Die Frage nach den Gründen ist eine nach der subjektiven Funktionalität. Die Emotionen bewerten die Verbindung von Bedürfnissen und Welt, von Gründen und Möglichkeiten, von Verfügung und Beschränkungen.
  • Meine Verfügung über Bedingungen kann die Verfügung anderer beschränken und ausschließen (exkludieren) oder fördern und einschließen (inkludieren).
  • Menschen können die Bedürfnisse anderer Menschen erkennen und in ihr Handeln einbeziehen. Sie können intersubjektive Beziehungen eingehen.
  • Jede Gesellschaft besteht aus einer systemischen Struktur, die durch viele elementarförmige Handlungen geschaffen wird. Systemstruktur und Elementarform der Handlungen bedingen und erzeugen sich gegenseitig.
  • Die gesellschaftliche Struktur schafft den Rahmen für die Handlungen und hat somit eine gewisse Selbständigkeit.
  • Die einzelnen Handlungen sind über gegenständliche, symbolische und soziale Mittel aufeinander bezogen: Sie sind vermittelt.
  • Die Form dieser Vermittlung bestimmt die Qualität der Re/Produktion und damit der Gesellschaftsform.
  • Vermittlung ist dann inkludierend, wenn mir die systemischen Bedingungen das Einbeziehen der Bedürfnisse anderer für meine Bedürfnisbefriedigung nahelegen und damit funktional machen.
  • Zur menschlichen Potenz gehört interpersonal die Schaffung von Inklusionsbeziehungen, die transpersonal zu einer Inklusionsgesellschaft verallgemeinert werden können.
  • Dies verlangt eine Verallgemeinerung des Bewusstseins zur Bewusstheit und eine kollektive Verfügung über die Bedingungen.

Kategorien: Commons, Theorie

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25. Juli 2018, 07:37 Uhr   1 Kommentar

1 Marco Pompe (18.08.2019, 20:07 Uhr)

Lieber Simon, Lieber Stefan,

Danke für Eure
umfangreiche Einladung zur Diskussion. Das Buch ist insgesamt wirklich beeindruckend: Sprachlich nüchtern
und klar, und zugleich voller Enthusiasmus; begrifflich innovativ,
teils brilliant; inhaltlich transparent, strukturiert und kenntnisreich – super
spannend und sehr inspirierend (stell ich jetz immer voran, auch bei den anderen Kapiteln).Zu diesem Teil folgende Kritik von mir:

S.125 oben: „Die Natur des Menschen…“: 

Menschen haben m.W. noch nie bewußt planerisch eine Gesellschaftsform
hergestellt, sondern diese haben sich aus praktischen/historischen
(ökon./Kultur./…) Gründen entwickelt (multikausal). Auch wenn ein theoretisches
Potential existiert, heißt das nicht zwingend, dass sich darauf eine
wissenschaftlich valide Utopietheorie aufbauen läßt. Transpersonale Mechanismen sind eben andere als Interpersonale. Menschen haben, wir Ihr selbst iirgendwo sagt keinen direkten Zugriff auf gesellschaftliche Strukturen. Mir ist das nicht solide genug, auf so etwas politische Strategien aufzubauen. Das überzeugt nicht rational und weckt auch keine Hoffnung in mir. Leider.

S.146-148 Potenz und HerrschaftIch bin recht nah dran an Eurem Begriff von Herrschaft, mir fehlt aber die Reflektion feministischer Einwürfe an dieser Stelle, insbesondere Konsequenzen aus der Hauptwiderspruchsdebatte. Sprich: Das Patriarchat, auch Rassismus und andere, sind nicht einfach nur Effekte kapitalistisch bedingter Exklusionslogik. Ihr habt sicher einen etwas umfangreicheren Begriff von Herrschaft als er hier vorgebracht wird. Wenn dieser hier ausgeführt würde, ergäbe sich womöglich aber eine andere Agenda, als die in dem Buch gesetzte?

S. 151 „eingebettete Institutionen“:
Einbettung im Anschluss an Polanyi, bedeutet, dass sich
ökonomische Strukturen den kulturellen (und vllt. Diskursiven), und
damit zb. bestimmten Wertvorstellungen unterordnen (was im
Kapitalismus mehr oder weniger nicht der Fall ist). Einbettung bei
Euch bedeutet , sowie es auf S.187/188 dann expliziert wird, im Endeffekt transpersonale in interpersonale Beziehungen (bzw. Handeln)
einzubetten, also gesellschaftliche Strukturen letztlich komplett
in der Interaktion aufzuheben. d.h. Ihr wollt Kapitalismus letztlich dadurch aufheben,
dass Ihr Gesellschaftlichkeit aufhebt. Ich weiß gar nicht, was ich
dazu sagen soll und bin etwas schockiert, weil ich bis dahin den
Aufbau und die Argumente als überwiegend kohärent bis sehr gelungen
empfand. Euch
ist bewußt, dass sich Institutionalisierung nicht grundsätzlich
vermeiden lässt (S.151), aber wollt die zukünftige Welt faktisch ohne
Institutionen entwerfen (S.188). Ich empfehle
dazu dringend das Buch „On Critique“ von Luc Boltanski !!!!

Ich wäre gern etwas konstruktiver, aber ich habe nun mal Schwierigkeiten mit den von Euch gesetzten Prioritäten. Ich halte auch nach der Lektüre weder eine wissenschaftliche Utopie noch eine Priorität auf Aufhebung des Kapitalismus für sinnvoll (auch wenn ich die Notwendigkeit letzterer keineswegs in Frage stelle). Mehr dazu ggf. später.

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