Jenseits des Nebenwiderspruchs?

geschrieben von Simon Sutterlütti am 18. November 2018, 12:03 Uhr

Verhältnis von Klassen, Exklusion und Kapitalismus II

Wie so häufig: Dies ist ein Diskussionsartikel. Er will Diskussionen anstoßen und stellt keine tiefgreifende Analyse dar. Aber vielleicht ist er trotzdem spannend. Der Artikel führt die Gedanken [1] zu der Bedeutung von Klasse in der Überwindung weiter.

An der Uni mach ich ein Seminar zu „Poststrukturalismus und Materialismus. Versuch eines Dialogs“ und in diesem kam es gestern zu einer Diskussion über Neben- und Hauptwiderspruch, oder in meinen Worten das Verhältnis der verschiedenen Exklusionslinien zueinander. Ich wünsche mir eigentlich eh schon länger das Verhältnis der verschiedenen Herrschaftsachsen und Exklusionslinien zueinander weiter zu klären, aber dieser Text entsprang nun dem Gedanken, dass diese Haupt-Nebenwiderspruchsdebatte innerhalb unserer Kritik von Exklusionsgesellschaften und Kapitalismus sich noch einmal anders darstellt. Bzw. einen Umgang mit der Problematik findet, der eventuell beide Positionen ernst nimmt. Na dann mal los …

Haupt-Nebenwiderspruchsdebatte

Ich will diese Debatte nur ganz kurz anreißen um von ihr aus die Argumente zu entwickeln. Innerhalb größerer Teile der vulgärmarxistischen Arbeiter*innenbewegung war der Widerspruch von Kapital und Arbeit der zentrale Widerspruch und damit das treibende Element, und somit der Untergang, des Kapitalismus. Im späteren 19. Jh. fragten sozialistischen Frauen ob Sexismus und Patriarchat einfach mit dem Sieg der Arbeiter*innenklasse über die Kapitalist*innen gelöst wäre. Ihnen wurde versichert, dass dies der Fall sei, da die proletarische Klasse ja jene Klasse ist, die durch ihre Machtergreifung alle Unterdrückungsverhältnisse mit aufheben muss. An diesem Ansatz gab es mir Recht Kritik.

Es wurde betont, dass Sexismus, Rassismus, etc. eigenständige Herrschafts-/Exklusionverhältnisse sind und somit auch unabhängig vom Kapitalismus existiert haben und es auch wieder könnten. Materialistische Feminist*innen (Bielefelder Schule, etc.) reagierten im Laufe des 20. Jh. so, dass sie Sexismus zum notwendigen Bestandteil des Kapitalverhältnis machten, welcher die kapitalistische Sphärenspaltung von Produktion und Reproduktion sicherte – das „warenproduzierende Patriarchat“ (R. Scholz) war geboren. Der „Nebenwiderspruch“ wurde damit zum Teil des „Hauptwiderspruchs“. Sexismus können wir überwinden, wenn wir den Kapitalismus mit überwinden; den Kapitalismus können wir nur überwinden, wenn wir den Sexismus mit überwinden. Auch andere Exklusionslinien über Hautfarbe, ethnische Zugehörigkeit, Körperliche Leistungsfähigkeit, etc. wurden mit dem Kapitalismus verbunden. Zumindest durch die bürgerliche Subjektkonstitution, welche das „Andere“ erzeugt, welchem es bestimmte Attribute zuspricht, welche es bei sich selbst verneinen muss wie Faulheit – PoC, Körperliche oder geistige Einschränkungen – Behinderte, etc.

„Klassen und der ganze Rest“ – das Verhältnis der Exklusionverhältnisse

In unserer Kritik verstehen wir den Kapitalismus, wie den Feudalismus und andere Gesellschaftsformen, als Exklusionsgesellschaft. Er stellt Bedingungen her unter denen es für je mich subjektiv funktional ist, andere auszuschließen. Dies geschieht über verschiedensten Exklusionslinien von Geld, Hautfarbe, Nationalität, etc. Nun wird es schwierig: Was ist das Verhältnis von Kapitalismus und Exklusionslinien? Diese Exklusionslinien stellen auch gesellschaftliche Vermittlungsformen dar. Sexismus prägt die gesellschaftliche Kooperation auf eine bestimmte Art und Weise, bspw. durch die Zuweisung der Sorge und Emotionalität als weiblich, welche einhergeht mit symbolischen Lebensbedingungen die es mir nahelegen mich als Mann oder Frau zu identifizieren. Der Feminismus ist dann ein Kampf um die kollektive Verfügung über diese symbolisch-sozialen Lebensbedingungen von Identitäten, Emotionalität, etc. Alle Exklusionslinien sind also an der gesellschaftlichen Vermittlung beteiligt, schaffen bestimmte Bedingungen für gesellschaftliche Kooperation und individuelles Leben.

Was ist nun das Verhältnis der verschiedenen Vermittlungsweisen/Exklusionsverhältnisse? Manche dieser Exklusionsverhältnisse können auch ohne den Kapitalismus existieren, sie haben eine Unabhängigkeit und eine eigene innere Logik. Somit bedeutet das Ende des Kapitalismus, noch kein Ende des Sexismus. Es kann Patriarchat ohne Kapitalismus geben, ich würde aber auch behaupten: es kann einen Kapitalismus ohne Patriarchat, ohne Sexismus geben – theoretisch, ich glaube kaum, dass dies eine historische Möglichkeit ist.
Diese verschiedenen Vermittlungsformen gehen synergetische Formen ein – bspw. als „warenproduzierendes Patriarchat“ (R. Scholz) – sie verbinden sich auf eine spezifische Art und Weise miteinander, zum Teil unterstützen sie sich, manchmal behindern sie sich in ihrer Exklusion – die Exklusion über Leistung wird bspw. durch Rassismus eingeschränkt, da eine ganze Gruppe von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe a priori in bestimmter Form ausgeschlossen wird.

Nun kommen wir zur spannenden Frage: Gibt es eine dominante Vermittlungsform? Ich bin mir hier nicht ganz sicher, aber ich würde vermuten ja. Die heutige Gesellschaft ist eine kapitalistische Gesellschaft und deshalb für mich dominant koordiniert und vermittelt über Tausch/Arbeit/Wert. Wenn dem so wäre, so könnten wir nicht von einer Veränderung der Gesellschaftsform sprechen, wenn bspw. die sexistische Exklusionslinie verschwindet. Wir würden dann von einem Formwandel innerhalb des Kapitalismus sprechen: ein nicht-patriarchaler Kapitalismus.1 [2] Wenn dem nun so wäre, dann gibt es innerhalb des Kapitalismus Exklusionslinien die grundlegend mit seiner „ureigensten“ Vermittlungsform verbunden sind und andere Exklusionslinien die aus anderen Vermittlungsformen kommen und sich nur historisch mit der kapitalistischen Vermittlung verbinden. Nun könnte das große Raten und Theoretisieren losgehen: Ist eine Wert/Tausch/Arbeit-Vermittlung bspw. auf unterschiedliche Staaten angewiesen, oder könnte sie auch in einem Weltstaat funktionieren? Je nach dem wäre ‚Staatlichkeit’/Etatismus2 [3], als Exklusion von Staatsbürger*innen und Nicht-Staatsbürger*innen, notwendig mit dem Kapitalismus verbunden oder nur historisch. Ich möchte dies nun nochmal beiseite lassen und feststellen, dass zwei Exklusionslinien sicherlich notwendig mit Kapitalismus verbunden sind: Eigentum und Leistung. In einer kapitalistischen Gesellschaft wird es immer eine Exklusion über die Profitabilität/das Arbeitsvermögen geben, ebenso wird es immer eine Exklusionslinie vermittels Geld, Erbe, Ressourcen, Eigentumsansprüche geben. Die Exklusion über Eigentum könnte auch als (nicht-personales) Klassenverhältnis gelesen werden. Dann wäre Klasse einer der „ureigensten“ Exklusionslinie des Kapitalismus, welches aus seiner Vermittlung über Wert/Tausch/Arbeit direkt entstammt.

Konsequenzen? Exklusionslogik jenseits von Neben-Hauptwiderspruch?

Nun, die Frage wäre nun: Was bedeutet das für eine Überwindung des Kapitalismus? Nun, den Kapitalismus können wir überwinden, wenn wir die Vermittlung über Tausch/Wert/Arbeit beenden. Jedoch können dann gut und gerne noch andere exkludierende Vermittlungsverhältnisse weiterbestehen. Darum wäre die entscheidende Frage: Was bedeutet dies für eine Aufhebung der Herrschaft/der Exklusion?

Letzthin hatten wir eine Diskussion mit einer netten sozialrevolutionären Gruppe, die uns dafür kritisierte die Klassenverhältnisse nicht genug in die Transformationsdiskussion aufzunehmen. Ihr Argument war: Menschen haben aufgrund ihrer gesellschaftlichen Position mehr oder weniger Gründe diese Gesellschaft zu überwinden oder zu verteidigen. Kapitalist*innen haben mehr Gründe diese Gesellschaft zu verteidigen als Lohnarbeiter*innen. Ja, das stimmt. Dies gilt aber auch für alle anderen Exklusionsverhältnisse: Deutsche haben mehr Grund diese Gesellschaft zu verteidigen, als Menschen in Somalia; „Männer“ mehr als „Frauen“; „Nicht-Behinderte“ (als gäbe es die) weniger als „Behinderte“ etc. Meine Position im Klassenverhältnis, als Vermittlung der Verfügung über Eigentum, legt mir Verteidigung oder Widerstand nahe. Meine Position im Geschlechterverhältnis, welches die Verfügung über sozial-symbolische Identitäten, Emotionaltiät, etc. deutlich begrenzt, legt mir Verteidigung oder Widerstand nahe. Etc. etc. Damit ist auch klar, dass es (wahrscheinlich) nicht das eine Subjekt gibt, dass nur von Herrschaft und Exklusion betroffen ist. Wir alle exkludieren (auch uns selbst) und werden exkludiert. Wir alle sind in Herrschaftsverhältnisse eingewoben.

Hier liegt glaube ich die Bedeutung des Sprechens von Exklusionsgesellschaften und den Kapitalismus als eine davon. Und damit inhärent verbunden: die Bestimmung der Utopie als Inklusionsgesellschaft. Wenn wir die bisherige Geschichte als Geschichte der Exklusionsgesellschaften (Feudalismus, Kapitalismus, Realsozialismus, etc.) bestimmen, dann wäre die Inklusionsgesellschaft eine grundsätzlich andere Form der Vergesellschaftung. Sie müsste nicht nur jenseits einer Vermittlung über Tausch/Wert/Arbeit liegen, sondern auch jenseits einer exkludierenden Vermittlung über Hautfarbe, Geschlecht, Sexualität etc. Sie definiert sich nicht (nur) durch die Überwindung des Kapitalismus, sondern jeder Form von gesellschaftlichen Bedingungen, welche Exklusion und Herrschaft nahelegen. Damit gibt es noch einen Hauptwiderspruch den wir angehen müssten um den Kapitalismus zu überwinden – die Vermittlung über Tausch/Arbeit, und dann sind auch die hiermit notwendig verknüpften Exklusionslinien (Leistung und Eigentum/Klasse) zentral; aber dies würde keineswegs die anderen exkludierenden Vermittlungsverhältnisse beenden.

Wenn diese Einschätzung so halbwegs stimmt kommen noch ein paar Fragen bei mir auf: Die Bestimmung von Tausch/Wert/Arbeit als heute dominantes Vermittlungsverhältnis ist nicht das gleiche wie einem (sehr kruden) Basis-Überbau-Schema wo der Überbau aus Rassismus, Sexismus etc. daraus abgeleitet werden könnte und mit der Basis vergeht. Wenn wir die Tausch-Vermittlung aufheben, dann werden sich die anderen Exklusionsverhältnisse in ihrer Form nach mitverändern, aber nicht verschwinden. Die Aufhebung des Tausches durch Inklusionsbedingungen, ist aber auch eine Aufhebung jedweder anderer gesellschaftliche Koordination auf Basis von rassistischer, körperlicher, sexistischer, nationaler, etc. Exklusion. Was bedeutet dies für den Konstruktionsprozess einer freien Gesellschaft?

Dieser Kapitalismus bräuchte natürlich noch immer eine Trennung von Produktion und Reproduktion, aber er müsste sie anders organisieren, er würde sie nicht über die Geschlechterverhältnisse organisieren.
[4]

Mir ist es wichtig diese Vermittlungsform/Exklusionslinie von Rassismus abzugrenzen. Ein „Staatsvolk“ und somit Aus-/Einschluss in einen Staat sind beinahe immer mit Konzeptionen von „Blut und Boden“ verknüpft, aber nicht immer. Der Staat kann auch weniger als „Ethnie“ und mehr als „Arbeits-/Verantwortungsgemeinschaft“ verstanden werden: „Du darfst Deutsche sein, wenn du für Deutschland etwas leistest“. Dies wird in der Rassismusforschung wohl auch schon länger beobachtet.
[5]

 


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[1] führt die Gedanken: https://keimform.de/2018/kapitalismus-tausch-oder-klassengesellschaft/

[2] 1: #fn-1

[3] 2: #fn-2

[4] ↩: #fnref-1

[5] ↩: #fnref-2

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