Verteilung ohne Geld?

geschrieben von Christian Siefkes am 27. Juni 2017, 07:14 Uhr

Demonetize-Logo mit Fragezeichen(Voriger Artikel: Das Geld, eine historische Anomalie? [1])

[Dieser Text entstand im Rahmen des von der Volkswagenstiftung geförderten Forschungsprojekts Die Gesellschaft nach dem Geld [2].]

Oft liegt Kritiken des geldbasierten Wirtschaftens die Vorstellung zugrunde, dass das, was früher möglich war, auch in Zukunft wieder funktionieren könnte. So erklärt Thomas Herzig (2011): „Zunächst einmal ist die geldlose Gesellschaft gar keine Utopie. Sie hat seit dem Erscheinen des Homo Sapiens vor ca. 160.000 Jahren die meiste Zeit nachhaltig funktioniert.“

Die Schwierigkeit einer solchen Vorstellung liegt darin, dass sie zum einen ungenau ist (wie wir gesehen haben [1], spielten Geld und Märkte in vielen früheren Gesellschaften zumindest eine gewisse Rolle), zum anderen von Voraussetzungen ausgeht, die sich von der heutigen Situation stark unterscheiden. Die Bevölkerungsdichte war früher sehr viel geringer. Zwar ist der Kapitalismus heute nicht in der Lage, sieben Milliarden Menschen „nachhaltig“ zu versorgen – vielen fehlt es am Nötigsten, während zugleich die Erde systematisch übernutzt wird. Jedoch brauchten frühere Gesellschaften, insbesondere die tatsächlich geldfreien Jäger-und-Sammler-Kulturen, ein Vielfaches der heute zur Verfügung stehenden Flächen pro Person. Da die sieben Milliarden nicht einfach verschwinden werden, ist ein direktes Zurück zu vorkapitalistischen Produktionsweisen schon deshalb undenkbar.

Ein anderer wesentlicher Unterschied ist die von Dalton (1971) betonte stark gestiegene Komplexität. Diese umfasst einerseits die zahlreichen produzieren Güter (Waren), die die Menschen konsumieren können (sofern und soweit sie bezahlen können). Andererseits umfasst sie die extrem ausdifferenzierte Arbeitsteilung, die zahlreiche unterschiedliche Berufe hervorgebracht hat. Heute ist diese Komplexität geldvermittelt: alle können zwar selbst entscheiden, was sie konsumieren, jedoch nur solange sie es bezahlen können – das Geld ist das Verteilungsmittel schlechthin.

Gleichzeitig spielt Geld eine essenzielle Rolle im Produktionsprozess: Firmen produzieren, um Profite zu machen, d.h. Geld in mehr Geld zu verwandeln, und Menschen gehen gegen Bezahlung arbeiten – sie verkaufen ihre Arbeitskraft (oder manchmal deren Resultate) an Firmen (oder manchmal Privatpersonen). Trotz aller ideologischen Überhöhung von Arbeit als Lebenssinn dürfte den meisten doch klar sein, dass sie das vor allem zum Zwecke des Geldverdienens machen.

In einer geldfreien Gesellschaft müssten Produktion und Verteilung vollständig auf andere Weisen organisiert werden – wie aber könnte das gehen und was wären die Konsequenzen? Im Folgenden sollen beide Aspekte – Produktion und Verteilung – zunächst getrennt voneinander betrachtet werden, wobei aber klar ist, dass sie nicht unabhängig sind. Ich starte mit der Verteilung, obwohl sie als nachrangig erscheinen mag, weil die Diskussion möglicher Verteilungsmodi Probleme aufzeigt, die bei einer produktionsorientierten Betrachtung nicht erkennbar sind.

Heute funktioniert die Verteilung sehr vieler Güter (worunter ich neben materiellen Gütern auch Informationsprodukte wie Software sowie Dienstleistungen verstehe) über Geld. Die meisten Güter haben einen Preis. Wer das Gut erwerben möchte, zahlt diesen Preis und erhält im Gegenzug Zugang zum Gut. Manchmal erhält man dabei volle Eigentumsrechte – inklusive des Rechts, das Gut nach eigenem Gutdünken und zu einem frei aushandelbaren Preis an andere weiter zu verkaufen –, manchmal nur begrenzte Nutzungsrechte (z.B. bei einer gemieteten Wohnung oder einer Software, die man für die Verwendung auf ein oder zwei Computern lizenziert). Wie könnte all das ohne Bezahlung funktionieren?

Eine Möglichkeit ist die Entnahme nach Bedarf, wobei es hier wiederum zwei Alternativen gibt, je nachdem, wie „Bedarf“ definiert wird. Entscheidet jeder Mensch nach eigenem Gutdünken subjektiv oder wird der Bedarf durch gesellschaftliche Institutionen gemäß objektiv formulierter Kriterien festgestellt? Im letzterem Falle handelt es sich um eine Verteilung gemäß gesellschaftlich festgestellter Bedürftigkeit. Heute funktioniert in Deutschland und anderen europäischen Staaten etwa die gesetzliche Krankenversicherung weitgehend auf diese Weise. Medizinisch notwendige und von einer Ärztin verschriebene Behandlungen werden von der Krankenkasse gezahlt und somit auf alle Versicherten umgelegt; dem Empfänger der Leistung entstehen dafür (von eventuellen Zuzahlungen abgesehen) keine direkten Kosten.

Wenn stattdessen jeder Mensch subjektiv entscheiden kann, handelt es sich um freie Entnahme (bzw. Nutzung) nach Lust und Laune. Heute funktioniert etwa der Zugang zu öffentlichen Parks und Straßen (sofern keine Maut erhoben wird) auf diese Weise. Dieses Modell klingt aus „kommunistischer“ Perspektive ideal, hat aber den offensichtlichen Nachteil, dass es nur funktioniert, wenn genug von dem fraglichen Gut vorhanden ist, um alle subjektiven festgestellten Bedürfnisse zufriedenzustellen. Das führt zur Frage einer geldfreien Produktion, auf die ich später zurückkommen werde. Aber unabhängig von dem konkreten Produktionsmodus dürfte klar sein, dass sich ein Nachfrageüberhang (mehr Menschen würden ein bestimmtes zum „Preis Null“ verfügbar gemachtes Gut gerne nutzen als entsprechende Güter vorhanden sind) bei materiellen Gütern und Dienstleistungen nicht generell und in allen Fällen vermeiden lassen dürfte. Dafür sorgt schon die Endlichkeit der Erde und ihrer Ressourcen.

Anders sieht es bei Informationsprodukten aus – sobald diese erst einmal da sind, lassen sich sich tatsächlich mit beliebig vielen weiteren Nutzerinnen teilen, wobei sich der zusätzliche Ressourcenverbrauch sehr in Grenzen hält. Für Informationsprodukte erscheint deshalb freie Nutzung nach Lust und Laune der adäquate Verteilmodus, womit die Frage nach ihrer Produktion freilich noch nicht beantwortet ist.

Wie aber können materielle Güter und Dienstleistungen verteilt werden, wenn es zu einem Nachfrageüberhang kommt? Eine Möglichkeit diesen aufzulösen ist, den Produzenten die Entscheidung zu überlassen, wer die vorhandene Güter bekommt. In diesem Fall könnten die Produzentinnen die Güter beispielsweise an die zahlungswilligsten potenziellen Kunden verkaufen, sie also im Effekt meistbietend versteigern – das wäre aber die geldbasierte Lösung, die für eine Gesellschaft nach dem Geld somit nicht in Frage kommt.

Eine andere Möglichkeit ist, dass die Produzentinnen in erster Linie für sich selbst, für ihren kollektiven Eigenbedarf produzieren. Nur falls darüber hinaus noch etwas übrig bleibt, wird es an andere verteilt (wofür dann die unten diskutierten Möglichkeiten in Frage kommen). Das wäre eine Rückkehr zur Subsistenzproduktion [3], der Produktion für den Eigenbedarf, die historisch in vielen nichtkapitalistischen Produktionsweisen eine wesentliche Rolle spielte. Eine postkapitalistische Subsistenzproduktion würde sich von einer präkapitalistischen aber stark unterscheiden, da sie zweifellos auf viele der heute bestehenden technischen Möglichkeiten zurückgreifen würde – ich habe sie deshalb als „High-Tech-Subsistenz“ bezeichnet (vgl. Kratzwald 2014: 122). Wurden in traditioneller Subsistenzproduktion vor allem Nahrungsmittel, Kleidung und Wohnraum bereitgestellt, würde eine High-Tech-Subsistenzproduktion dank moderner Produktionsmethoden wie 3D-Druck auch zahlreiche andere Güter herstellen können. Dabei müsste sie aber auch in der Lage sein, diese modernen Produktionsmethoden selbst komplett dezentral zu reproduzieren.

Inzwischen erscheint es mir zweifelhaft, ob Subsistenzproduktion (ob high- oder low-tech) in kleinen Gruppen eine wünschenswerte Basis für eine postkapitalistische Gesellschaft sein kann. Natürlich ist es denkbar, dass es (ob gewünscht oder nicht) zu solch einem Szenario kommt, wenn die hochgradig vernetzte und extrem komplexe kapitalistische Produktionsweise katastrophal zusammenbricht und kleinen Gruppen von „Überlebenden“ gar keine andere Wahl bleibt als auf ihre eigenen, lokalen Ressourcen und Fähigkeiten zurückzugreifen. Ob es dann allerdings noch Computer und zuverlässige Stromquellen als unabdingbare Voraussetzungen für High-Tech-Lösungen wie 3D-Drucker geben würde, ist fraglich – vermutlich würde eine „Post-Kollaps-Gesellschaft“ (Heimrath 2012) eher auf eine erzwungene Low-Tech-Subsistenz zurückgeworfen.

Aber selbst wenn High-Tech-Subsistenz eine Möglichkeit bleibt, dürfte eine Produktion in kleinen Gruppen – die sich spontan und geldfrei organisieren können – viele Wünsche offen lassen. Und bei der Kooperation in großen Gruppen stellt sich wiederum die Frage „Wie funktionieren Aufgaben- und Güterteilung spontan und ohne Geld und Zwänge?“, der Subsistenzproduktion im Kleinen erfolgreich entkommen kann. Wie bereits diskutiert, weist Dalton (1971: 90) darauf hin, dass in traditionellen Subsistenzökonomien nur wenige unterschiedliche Güterarten zur Verfügung stehen – von der Vielfalt, an die sich Konsumentinnen im Kapitalismus gewohnt haben, kann nicht annähernd die Rede sein.

Zwar dürfte eine High-Tech-Subsistenz deutlich vielfältiger produzieren können als traditionell möglich, doch an die kapitalistische Produktvielfalt dürften solche Gruppen nicht annähernd herankommen. Die Wundermaschine, die auf Knopfdruck „alles“ produzieren kann und dafür weder schwer zu bekommende Vorprodukte noch aufwendige Nachbearbeitungsschritte erfordert, steht bislang und wohl auch in absehbarer Zukunft nicht zur Verfügung. Zudem haben sich 3D-Drucker und ähnliche für dezentrale High-Tech-Subsistenz interessante Maschinen bislang vor allem bei der Produktion von Prototypen und individualisierten Einzelstücken (wie Zahnersatz) bewährt. Wo Produkte in größeren Stückzahlen gebraucht werden, ist industrielle Massenproduktion nach wie vor effizienter.

Somit droht die Subsistenzperspektive, selbst in ihrer High-Tech-Variante, eine Lebensweise „zweiter Wahl“ zu bleiben: Wer im Kapitalismus noch einen einigermaßen gut bezahlten Job findet, für den dürfte die große Produktvielfalt an kostengünstig produzierten Massenwaren in aller Regel attraktiver sein. Nur für Aussteigerinnen und diejenigen, die auf dem kapitalistischen Arbeitsmarkt kein Auskommen mehr finden, könnte eine mehr oder weniger hochtechnisierte Subsistenzproduktion einen Ausweg bieten, der aber einiges an Verzicht und wenig effizientem „Selbermachen“ erfordern würde. Das sind keine guten Perspektiven für eine postkapitalistische Lebensweise. Damit diese sich allgemein verbreiten kann, muss sie vielmehr so attraktiv sein, dass sie auch von der Mehrheit der Menschen vorgezogen wird, denen der Kapitalismus noch eine ganz annehmbare Perspektive bietet.

Diese Voraussetzung dürfte sich nur erfüllen lassen, wenn auch die postkapitalistische Gesellschaft in vielen Fällen in großen Stückzahlen und hochgradig arbeitsteilig produziert, wobei die Produzenten selbst nur einen kleinen Teil der von ihnen gefertigten Güter nutzen wollen. Womit wir zurück auf die Frage nach einer „geldfreien“ Verteilung der restlichen Güter kommen.

Eine denkbare Variante wäre eine Art „Vetternwirtschaft“: Die Produzentinnen entscheiden aufgrund persönlicher Bekanntschaft und Sympathie, wer ihre Produkte erhält. Persönliche Beziehungen wären in solch einer Gesellschaft alles; je besser vernetzt eine ist, je mehr persönliche Kontakte und Freundschaften sie knüpft, desto besser kann sie leben. Wer einsam und eigenbrötlerisch ist, bleibt hingegen arm und stirbt vermutlich auch früh, weil im Krankenhaus vorrangig die Verwandten und Bekannten der Ärztinnen und Pfleger behandelt werden. Klarerweise wäre ein Ersetzen des Geldes durch persönliche Beziehungen keine gesellschaftliche Verbesserung!

Somit bleiben noch Varianten, wo nicht die Produzentinnen nach eigenem Gutdünken entscheiden, sondern die Produkte nach einem gesellschaftlich ausgehandelten allgemeinen Modus verteilt werden. Nochmal zur Erinnerung: es geht nur um den Umgang mit einem Nachfrageüberhang – wo also jemand leer ausgehen würde, wenn sich alle nach Belieben bedienen. Solch ein Nachfrageüberhang könnte „geldfrei“ auf verschiedene Arten aufgelöst werden, etwa:

  • First come, first served (FCFS, auf Deutsch auch als „Windhundprinzip“ oder „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ bekannt): Alle können sich frei von allen verfügbaren Produkten bedienen, aber wenn die Regele leer sind, hat man eben Pech gehabt.
  • Los: Wer eine bestimmte Produktart haben will, trägt sich in eine Liste ein; die vorhandene Produkte werden unter allen Eingetragenen verlost.
  • Rationierung: für jede knappe Produktkategorie wird genau festgelegt, wer wie viel davon konsumieren darf, so dass am Ende idealerweise niemand leer ausgeht – aber auch niemand diese Ration überschreiten darf.

Obwohl all diese Verfahren grundsätzlich fair sind, ist keines von ihnen rundherum überzeugend. FCFS sorgt für Stress, weil man bei allen potenziell knappen Gütern darauf achten muss, möglichst rechtzeitig zur Stelle zu sein, wenn deren nächste Verteilung ansteht. Zudem ist das Verfahren anfällig für „Vetternwirtschaft“, wenn Informationen darüber, wann es wieder etwas zu verteilen gibt, zunächst von Insidern an Freunde und Bekannte weitergegeben werden.

Das Losverfahren ist völlig willkürlich und zudem anfällig für Manipulationen. Man kann die eigenen Chancen erhöhen, indem man Freundinnen bittet, sich ebenfalls um das gewünschte Gut zu bewerben und es einer im Erfolgsfall weiterzugeben. Und das Rationierungsverfahren würde alle in ein und dasselbe Muster zwängen – auf die Unterschiedlichkeit individueller Bedürfnisse können einheitliche Rationierungsregeln keine Rücksicht nehmen.

Alle drei Verfahren dürften zudem zur Entstehung eines Schwarzmarktes führen, über den Personen, die eines der knappen Güter bekommen haben (bzw. die ihre Ration nicht komplett benötigen), sie an diejenigen weiterverkaufen, die leer ausgingen (bzw. denen ihre Ration zu klein ist). Selbst wenn es offiziell kein Geld gibt, dürfte sich dafür eine geeignete Gegenleistung oder Gegengabe finden lassen, so dass ein Tauschhandel zustande kommt, oder eines der knappen Güter übernimmt die Rolle einer Schwarzmarktwährung. Selbst wenn solche Schwarzmarktgeschäfte illegal sein sollten, würden sie sich in einer nicht-totalitären Gesellschaft nicht generell verhindern lassen. Auch wenn es offiziell keinen Markt und kein Kaufen und Verkaufen mehr gäbe, würden sie sich durch die Hintertür so doch wieder herstellen.

Auch eine algorithmische Rationierung, wie sie Stefan Heidenreich (im Erscheinen) vorschwebt, wäre nicht unbedingt besser. Gemäß Heidenreichs Vorschlag sollen „intelligente“ Computerprogramme entscheiden, wer welche Güter bekommt. Anders als bei den zuvor genannten Verfahren werden nicht alle über einen Kamm geschert, sondern verschiedene Leute haben individuell unterschiedliche Ansprüche auf Güter. Einerseits können damit die unterschiedlichen Bedürftigkeiten grundsätzlich besser erfasst werden als bei einem starren Rationierungssystem. Andererseits würden die Menschen damit die Kontrolle über wesentliche Aspekte ihres Lebens komplett an die Computer abtreten. Auch wenn Heidenreich betont, dass die von diesen verwendeten Algorithmen ein Ergebnis demokratischer Debatten sein müssten, wäre der individuelle Souveränitätsverlust dennoch erschreckend.

Zudem hätten die Verteilungsalgorithmen in solch einer Gesellschaft eine Macht, von der selbst Diktatoren nur träumen können. Somit stellt sich die Frage, wer die Programmiererinnen kontrollieren soll, die diese Algorithmen oder (bei selbstlernenden Algorithmen) zumindest ihr Grundgerüst erstellen, und wie Hacker daran gehindert werden könnten, die Algorithmen zu ihren Gunsten zu manipulieren. Selbstlernende Algorithmen sind zudem in aller Regel eine „Black Box“ – selbst ihre Programmierer können nicht detailliert nachvollziehen, warum ein Algorithmus eine bestimmte Entscheidung getroffen hat. Sollten die Entscheidungen der Algorithmen zu Leid oder offensichtlichen Ungerechtigkeiten führen, wäre es also schwierig, korrigierend einzugreifen – die Gesellschaft könnte sich vor der Wahl gestellt sehen, die Algorithmenentscheidung mit all ihren Konsequenzen blind zu akzeptieren oder aber den gesamten algorithmischen Ansatz wieder über Bord zu werfen.

Dieser Überblick über geldfreie Verteilverfahren zeigt, dass die vermeintliche Kur nicht unbedingt besser ist als die Krankheit. Natürlich haben Märkte und Preise gravierende Nachteile, jedenfalls in ihrer kapitalistischen Variante. Aber auch die Versuche, auf sie zu verzichten, hätten gravierende Nachteile; zudem würde sich der Markt durch die Hintertür vermutlich doch wieder einschleichen.

Ohne diese Nachteile käme nur eine genuine Überflussgesellschaft aus – in der es von jedem Gut so viel gibt, dass sämtliche Nachfragen danach befriedigt werden können, selbst wenn es zum „Preis Null“ abgegeben wird. Aber wie gesagt, ist eine universelle Überflussgesellschaft keine realistische Perspektive für die absehbare Zukunft, jedenfalls solange die Menschheit die endliche Erde noch nicht hinter sich gelassen hat.

Vielleicht ist ein Preissystem also zumindest für manche der Güter, die nicht im Überfluss vorhanden sind, keine schlechte Idee? Zweifellos nicht für alle – für manches, etwa eine umfassende medizinische Versorgung, mag eine Verteilung gemäß gesellschaftlich festgestellter Bedürftigkeit sinnvoller sein. Und auch andere Verfahren wie das Windhundprinzip, das Losverfahren und Rationierung mögen gelegentlich ihre Berechtigung haben, wenn ihre Nachteile für gesellschaftlich weniger gravierend als ihre Vorteile erachtet werden. Aber da keines dieser Verfahren frei von Nachteilen ist, braucht es dazu eine gesellschaftliche Debatte. Es gibt keine allgemein „richtige“ Antwort und vermutlich dürfte sich eine gesellschaftliche Mehrheit in manchen Fällen mit guten Gründen für die Verwendung eines Preissystems zur Güterverteilung entscheiden.

Aber geht das, ohne dass man sich damit die gesamten Nachteile und Ausgrenzungen des kapitalistischen Verwertungsprozesses einhandelt? Ich denke schon, aber bevor ich mich dieser Frage zuwende, werde ich die Perspektive einer geldfreien Gesellschaft noch kurz von der Seite der Produktion erörtern: Wie, warum und unter welchem Umständen werden Güter jeder Art hergestellt? (im nächsten Teil).

(Fortsetzung: Geldfreie Produktion (1): Subsistenz, Zentralplanung, Commons [4])

Literatur

Dalton, George (1971). Economic Anthropology and Development. Essays on Tribal and Peasant Economies. New York: Basic Books.

Heidenreich, Stefan (im Erscheinen): Geld. Für eine non-monetäre Ökonomie. Berlin: Merve.

Heimrath, Johannes (2012). Die Post-Kollaps-Gesellschaft. München: Scorpio.

Herzig, Thomas (2011). Geldlose Gesellschaft – Alternative zum Kapitalismus mit Verfallsdatum? URL: http://www.streifzuege.org/2011/geldlose-gesellschaft-alternative-zum-kapitalismus-mit-verfallsdatum/ [5], Zugriff 26.05.2017.

Kratzwald, Brigitte (2014): Das Ganze des Lebens. Selbstorganisation zwischen Lust und Notwendigkeit. Sulzbach (Taunus): Helmer.


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[1] Das Geld, eine historische Anomalie?: https://keimform.de/2017/das-geld-eine-historische-anomalie/

[2] Die Gesellschaft nach dem Geld: http://nach-dem-geld.de/

[3] Subsistenzproduktion: https://de.wikipedia.org/wiki/Subsistenz

[4] Geldfreie Produktion (1): Subsistenz, Zentralplanung, Commons: https://keimform.de/2017/geldfreie-produktion-1/

[5] http://www.streifzuege.org/2011/geldlose-gesellschaft-alternative-zum-kapitalismus-mit-verfallsdatum/: http://www.streifzuege.org/2011/geldlose-gesellschaft-alternative-zum-kapitalismus-mit-verfallsdatum/

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