Initiativenhof Karl/a/shof

[alle Texte der Broschüre „ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück“]

Cover der Broschüre "ich tausch nicht mehr - ich will mein Leben zurück"Der Karlshof ist ein landwirtschaftlicher Hof, den die Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit (PAG) [1] Gruppen zur Nutzung überlässt, so dass sie dort ihre Projekte realisieren können. Wenn eine Gruppe scheitert bzw. ihren Projektzielen nicht mehr gerecht wird, verlässt sie den Hof, und die PAG sucht wiederum neue Gruppen, die den Hof nutzen wollen.

Im Jahr 2013 hat sich unter dem Namen „April-April“ eine Gruppe zusammengefunden, die zunächst als Zwischennutzung für ein Jahr von April bis April, den Hof belebt.

Vorerst war diese Nutzung auf ein Jahr begrenzt; mittlerweile ist die „April-April“-Gruppe im dritten Jahr mit ihren nichtkommerziellen Initiativen auf dem Hof und entwickelt Perspektiven einer längerfristigen Nutzung des Karlshofs.

Hinter der Idee eines „Initiativen-Hofes“ versteckt sich im Kern folgende Idee: mehrere Grüppchen, die nichtkommerzielle Praxis betreiben – auf dem Acker, im Garten, beim Holzmachen, in Tischlerei und Schlosserei – haben Freiraum für ihre jeweiligen Tätigkeitsfelder und entscheiden aber über die Belange des gesamten Hofes gemeinsam.

Die Entscheidungen beziehen sich beispielsweise auf die Instandhaltung der Gebäude und Maschinen auf dem Hof, auf Finanzen oder auf Anfragen von interessierten Gruppen und werden in einer monatlichen Vollversammlung im Konsens getroffen.

Zu dieser Vollversammlung (VV) zählen im Moment ca. fünfundzwanzig Menschen. Nicht alle Menschen aus den Initiativen engagieren sich in der VV. Und mehr als die Hälfte der VVies leben nicht auf dem Hof.

Im Gegensatz zu einer festen Hofgruppe, die sich möglicherweise schon über einen längeren Zeitraum der Hofsuche hinweg kennengelernt und feste Gruppenstrukturen entwickelt hat, bedeutet das Initiativen-Hof-Konzept sehr viel mehr Bewegung, Beweglichkeit, Veränderbarkeit.

Die Initiativen und auch die Menschen, die gemeinsam den Hof beleben, lernen sich meist erst über das gemeinsame Experimentieren und Tun kennen.

Im Alltag stellt sich die Frage, wie für die gemeinsam nutzbare Infrastruktur auch kollektiv und kontinuierlich Verantwortung übernommen werden kann.

Sich um einen Ort zu sorgen, an dem mensch z.T. nicht einmal lebt, und das auch über das eigene Initiativen-Projekt hinaus, ist sicher eine große Herausforderung.

Zusätzlich ist die Differenz zwischen den Lebensrealitäten in der Stadt und auf dem Hof recht hoch. Wenn mensch in der Stadt mit lohnarbeiten und Politgruppen beschäftigt ist, sind das Beikraut, das über die Kartoffeln wächst oder ein Brief an die UnterstützX des Karlshofs, der geschrieben werden will, weit entfernt.

Demgegenüber zerstreut sich die Energie derjenigen, die die Hauptzeit auf dem Hof verbringen, zum Teil sehr angesichts der Fülle der Aufgaben, beispielsweise die Aufrechterhaltung der Infrastruktur, die vor Ort übrig bleiben.

Da der Karla*Hof [2] ein Projekt in der Aufbauphase ist und sich erst mit der Zeit klarere Strukturen und AGs für die Verantwortungsübernahme ergeben, bleibt das, was auf dem Hof gerade so ansteht, bislang oft nur im Blick der dort Wohnenden.

In Zukunft soll durch eine rotierende Teilnahme an gemischten AGs, zum Teil mit Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt auf dem Hof und Menschen, die ihn woanders haben, Verantwortung besser verteilt werden.

Eine Herausforderung im Rahmen des Initiativen-Hofs ist es auch, Transparenz zu gewährleisten über all das, was das Hofgeschehen bestimmt und zwar für alle Vollversammlungsbeteiligten gleichermaßen, da ja die Entscheidungen über den Gesamthof auch gemeinsam getroffen und verantwortet werden.

Meist geschieht das Transparent-machen in Form von E-Mails über eine gemeinsame Liste. Die Häufung der Mails erschwert es aber zum Teil, alles zu lesen und dadurch auch mitzubekommen – auf der anderen Seite ist auch das Zusammenschreiben dieser Mails ein großer Aufwand.

Tendenziell sorgt die Nähe und/oder Ferne zum Ort auch dafür, wie viel mensch (voneinander) mitkriegt und wie oft sich die Möglichkeit etwas nebenbei im Gespräch mitzuteilen bietet. Diese Unterschiedlichkeit braucht einen wachen Umgang und Reflektieren miteinander, damit sie nicht dazu führt, dass sich eine In-und Out-Group bildet.

Gleichzeitig ist es wohl für Viele gar nicht so attraktiv, sich als Initiative oder als Einzelperson viele Hof-Verantwortungen aufzuhalsen, gerade wenn sie nicht dort leben.

Von außen betrachtet kann es so ganz ähnlich wirken wie bei einem Hof mit fester Hofgruppe: die Leute auf dem Hof machen und tun, die anderen sind eher Unterstützer*innen für sporadische Aufgaben.

Wenn mensch allerdings ein Faible für Experimente und lebhafte Auseinandersetzungen, Lernwünsche und alternative Formen des Miteinanders hat, dann ist der Initiativen-Hof wiederum schon eine ziemlich glitzernde Möglichkeit…

Wenn mensch allerdings ein Faible für Experimente und lebhafte Auseinandersetzungen, Lernwünsche und alternative Formen des Miteinanders hat, dann ist der Initiativen-Hof wiederum schon eine ziemlich glitzernde Möglichkeit…

Wie ist‘s mit der Finanzierung auf dem NK*Initiativen-Hof?

Es gibt im Kontext der VV erste zarte Ansätze gemeinsamen Geldbeschaffens und dessen solidarischer Nutzung.

Gemeinschaftlich wird sich im Moment um die laufenden Kosten am Hof gekümmert. Darüber hinaus gibt es eine Kasse, in die zum Teil kollektiv erwirtschaftetes Geld oder private Überschüsse fließen, aus der sich die VV-ies bei Bedarf für beispielsweise Fahrkosten, Krankenversicherung, Urlaubsgeld bedienen können. Das Ein- und Auszahlen passiert dabei anonym. Gleichzeitig haben alle Beteiligten bisher auch individuelle Konten und mehr oder minder Möglichkeiten, individuell zu wirtschaften.

Einige sind selbstständig, andere beziehen staatliche Transferleistungen und andere Unterstützungen.

Mit den begonnenen Auseinandersetzungen um eine gemeinsame Längerfristigkeit der „April-April“-Gruppe am Hof rückt auch das Thema gemeinsame Ökonomie mehr in den Vordergrund.

Für die Produktionskosten der Initiativen (also z.B. Saatgut, Maschinenreparaturen, Arbeitsmittel) gibt es bereits eine Spenden-Kampagne: „Knete für die Beete“, die von allen Inis auf dem Hof genutzt und gemeinsam mit vielen Anderen getragen wird.

Bereicherungen und Schwierigkeiten

Dadurch, dass wir auf einem Hof stecken, der bei Weitem noch nicht „fertig“ ist, viele baufällige Gebäude mit großem Reparaturbedarf, gibt es im Alltag eigentlich ständig die Herausforderung sich abzugrenzen – und neben dem Tätigsein auch den Müßiggang nicht zu vergessen.

So etwas wie „Sonntag mach ich nichts“ braucht auch eine bewußte Entscheidung, anders als vielleicht im Berufsalltag, da es keine Trennung von Arbeit und Wohnen/ Leben gibt.

Momentan wird versucht sich gegenseitig darin zu unterstützen, die individuellen Rückzugs- und Ruhezeiten auch umzusetzen, da es bei der Unterschiedlichkeit der Anwesenheiten auf dem Hof schwer umsetzbar ist, kollektive „Sonntage“ zu machen.

Außerdem ist bemerkenswert, dass der Hof einen Überhang an Frauen* hat und eine Vielzahl an queer-feministischen und patriarchatskritischen Ansätzen verfolgt werden.

Nichtkommerzialität ist eben auch nicht alles: Viele Inis, die auf dem Hof aktiv sind, versuchen neben dem „großen K“ [3] noch andere Herrschaftsverhältnisse anzugehen.

Fußnoten

Autor*innenbeschreibung:

Ti*sch und Stuhl leben seit Beginn der April-April.Zeit auf dem Karl/a/shof und haben sehr unterschiedliche Schreibstile und inhaltliche Positionen, die sich in diesem Text fast vereinen.
Beide sind gemeinsam in Bezug auf ihre Hautfarbe gesellschaftlich privilegiert, bezüglich Gender, körperlicher Konstitution und soziale Herkunft unterschiedlich positioniert.
Der Text stammt auch nur aus ihrer Perspektive und gibt nicht ein gemeinsames Selbstverständnis der Vollversammlung wieder.

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