Demonetize: Die Bewegung

geschrieben von Stefan Meretz am 20. Juli 2016, 06:26 Uhr

demonetize [1][Bisher erschienen: Einleitung [2], Teil 1 [3]]

2. Wer ist bei Demonetarisierung aktiv und was machen sie?

Praktisch und akademisch

Eine Gemeinschaft oder Gesellschaft, die ihre Ressourcen und Fähigkeiten nach Maßgabe von Bedürfnissen teilt, ist die ursprüngliche Vision des Kommunismus. Diese Vision hat eine lange Geschichte und reicht mindestens bis zum Mittelalter zurück. Im 20. Jahrhundert entstanden demonetarisierte Praktiken in der frühen Kibbutz-Bewegung, die 1910 in Israel begann. Während der Spanischen Revolution 1936–1939 wurde Geld in vielen Regionen abgeschafft und durch die freie Verteilung von Gütern oder mittels verschiedener Arten von Bezugsscheinen und Rationierungssystemen ersetzt.

Unter dem Einfluss von Otto Neurath, der gegen einen allgemeinen Wertstandard und für einen Sozialismus auf Grundlage einer „natürlichen Wirtschaft“ argumentierte, diskutierten die Sowjet-Revolutionär_innen (1918–1921) ernsthaft die Möglichkeit, eine geldfreie Wirtschaft einzurichten. Manche davon traten für eine Bilanzierungseinheit auf Basis von Arbeitszeit oder -energie (Anstrengung) ein. Dennoch fuhr die sowjetische Buchhaltung fort, den an Wert verlierenden Rubel als Einheit zu verwenden, und Lenins „Neue Ökonomische Politik“ beendete jedwede Rede von einem Sozialismus ohne Geld. Geld wurde zu einem Werkzeug staatlicher Politik und strukturierte die ungleiche Machtverteilung zwischen den Arbeitenden einerseits und den Partei-Eliten andererseits.

Während der großen ökonomischen Debatte 1963–1965 in Kuba, argumentierte Che Guevara (unterstützt durch Ernest Mandel) gegen Geld, Märkte und materielle Anreize – und für ein neues Bewusstsein, freiwillige Arbeit und moralische Anreize. Guevara kritisierte das sowjetische Lohnsystem und vertrat die Ansicht, dass weder Geld noch Preise notwendig seien, wenn der staatliche Sektor Ressourcen, Arbeit und deren Produkt selbst verwaltet. Für den Übergang schlug er ein zeitweiliges System der Budgetierung vor, in dem Geld im Wesentlichen als Einheit der Buchhaltung fungierte. Nachdem er in der Debatte um das Thema Geld unterlegen war, verließ er Kuba. Fidel Castro nahm in der Folge allerdings eine ganz ähnliche Position ein, als er sagte: „Wir wollen das Geld entzaubern, nicht es rehabilitieren. Wir zielen sogar darauf ab, es gänzlich abzuschaffen“ (siehe dazu: Nelson 2011a: 32-44).

Für gegenwärtiges Handeln wichtiger scheinen uns demonetarisierte Praktiken jüngerer historischer Perioden, die häufig mit Protestbewegungen – etwa in den bewegten Jahren nach 1968 – verbunden waren. So praktizierte die legendäre anonyme Gruppe Diggers – namentlich inspiriert von der Diggers-Bewegung während des englischen Bürgerkriegs 1642–1649 – als Teil der Hippie- und Gegenkultur der 1960er Jahre in San Francisco freie Küchen und freie medizinische Versorgung auf der Basis von Spenden und freiwilliger Arbeit. Im Zuge der Arbeitskämpfe in Italien in den 1970er Jahren eigneten sich viele Akteur_innen Güter und Dienstleistungen wie Wohnung und Elektrizität ohne Kauf an, womit sie das Tauschprinzip negierten. Vor einigen Jahren erschienen Manifeste – beispielsweise das des Unsichtbaren Komitees (Invisible Committee 2008) oder von Research and Destroy (2008) –, die Visionen von Demonetarisierung erwähnten und dabei auf bereits existierende Praktiken aufmerksam machten. Zumindest in den Jahren der Chavez-Regierung spielte die Praxis beziehungsweise Perspektive der Demonetarisierung im Kontext des Bolivarianischen Sozialismus in Venezuela eine gewisse Rolle.

Manche der für Demonetarisierung eintretenden Strömungen verweigern sich einer Einordnung als „links“ oder „rechts“, beispielsweise die Zeitgeist-Bewegung. Diese propagiert die Vision einer sogenannten „ressourcenbasierten“ Ökonomie jenseits der Knappheit (post scarcity), in der niemand mehr arbeiten muss und es genug für alle gibt. Trotz der Attraktivität dieser Vision sind die speziellen Vorstellung der Zeitgeist-Vertreter_innen nicht unproblematisch. Offensichtlich gehen sie davon aus, dass der „richtige“ Einsatz von Computern und Technik zu einer harmonischen Gesellschaft der Fülle führen kann, doch auf zweifelnde Nachfragen nach dem Risiko solcher technischer Lösungen, selbst neue Probleme und Ausschlüsse hervorzurufen, hört man von ihnen wenig. Die ökologischen Effekte ihrer Vision scheinen sie wenig zu kümmern, auch wenn sie versichern, dass sie schon nachhaltig sein würde. Der Zeitgeist-Bewegung wurde gelegentlich struktureller Antisemitismus vorgeworfen, doch scheinen die Vorwürfe mehr auf Vorurteilen als auf Tatsachen zu basieren. Dabei sollte beachtet werden, dass die Bewegung nichts mit dem ersten „Zeitgeist“-Film des umstrittenen Filmemachers Peter Joseph zu tun hat — die Fortsetzungen der Filmreihe haben ihr hingegen als Inspiration gedient.1)

Als eine Form radikalen Denkens wird Demonetarisierung unserer Einschätzung und Erfahrung zufolge vor allem von weißen Akademiker_innen vertreten sowie von Mitgliedern der Mittelklasse, die nicht an der Universität beschäftigt sind. Insbesondere vermuten wir dabei eine starke Beteiligung jener, die von Abwärtsmobilität betroffen oder bedroht sind, die also die Ränge prekärer Arbeitender füllen. Als ein Konglomerat sozialer Initiativen betrachtet, involviert Demonetarisierung eine weitaus größere Bandbreite sozialer Akteur_innen: von den ärmsten und am stärksten von Diskriminierung betroffenen Gesellschaftsmitgliedern – vor allem im globalen Süden – bis hin zu den technologieaffinen und ökonomisch privilegierten Milieus der „kreativen Klasse“, die sich im globalen Norden zentriert. Hinsichtlich ethnischer Zugehörigkeit muss in weltweiter Betrachtung ein Ungleichgewicht im Bereich der Theorie festgestellt werden, während die zahlenmäßige Beteiligung gemäß Gender in Theorie wie Praxis – aber nicht notwendigerweise das damit verbundene Machtverhältnis – eher ausgewogen scheint (hier ausgehend von einer Gender-Zweiteilung). In Österreich und Deutschland gibt es schwache Verbindungen zu einigen queer-feministischen Strömungen, die unserem Eindruck nach in der Mittelklasse verortet sind. Punktuelle Ereignisse wie beispielsweise der Kongress Solidarische Ökonomie in Wien 2013 deuten darauf hin, dass jüngere Generationen ein besonderes Interesse an Demonetarisierung zeigen.
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1) Die Herausgebenden von Degrowth in Bewegung(en) halten die Zeitgeist-Bewegung aus unterschiedlichen Gründen für problematisch, haben aber im Sinne von Transparenz und offener Debattenkultur nicht darauf bestanden, den Bezug zu streichen.


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