Der Versuch, die Geschichte auf unsere Seite zu ziehen

geschrieben von Stefan Meretz am 7. Juni 2014, 06:21 Uhr

Streifzüge Nr. 60/2014 [1][Dieser Artikel erschien nicht in der Printausgabe. Alle »Keimformen«-Artikel in Streifzüge 60/2014 [2]]

Zur Kritik des Keimform-Ansatzes

Von Simon Sutter

Der Keimform-Ansatz wird als eine (dringend nötige) Alternative zu bekannten Transformationstheorien gehandelt. Wer Revolutionsromantik und Reformismus beiseite lassen will, findet in ihm einen Weg, emanzipatorische Transformation anders zu denken. Dieser Text hat nicht die Absicht, die Keimformtheorie als überholt oder falsch darzustellen, sondern will einige Aspekte des Keimform-Ansatzes einer kritischen Reflexion unterziehen.

Kurz zum Aufbau: Zuerst versuche ich die Keimformtheorie als geschichtsphilosophische und harmonistische Theorie zu infrage zu stellen. Anschließend möchte ich den Kern der Keimformtheorie diskutieren: ihr Transformationskonzept.

Die Tücken einer Geschichtsphilosophie

Eigentlich liest sich das Ganze recht hübsch: „In der agrarischen Gesellschaft war es zunächst der Naturaspekt (Bodenbearbeitung), im Kapitalismus der Mittelaspekt (Industrie), und in der freien Gesellschaft – so die Annahme – kommt der dritte Aspekt zu tragen: die Entfaltung des Menschen als Selbstzweck“ (Meretz 2011a). Scheint alles ganz einfach: Wenn die Geschichte noch ein bisschen weiter geht, dann sind wir in der befreiten Gesellschaft, dort geht es nur noch um uns, ohne abstrakten Zwang zur Verwertung.

Doch Geschichte ist leider nicht so simpel. Horkheimer formulierte schon klar: „In der Geschichtsphilosophie wiederholt sich, was im Christentum geschah: Das Gute, das in Wahrheit dem Leiden ausgeliefert bleibt, wird als Kraft verkleidet, die den Gang der Geschichte bestimmt und am Ende triumphiert (Horkheimer 2003, 255). Einen ähnlichen Eindruck kann man auch vom Keimform-Ansatz gewinnen – er schlägt einen großen historischen Bogen der wirtschaftlichen Entwicklung, und am Ende befindet sich die befreite Gesellschaft. Doch wie andere Geister der abendländischen Philosophie zeigen, kann auch eine Geschichtsphilosophie entwickelt werden, an deren Ende die Vernichtung der Menschheit steht. Natürlich versucht der Keimform-Ansatz die konkreten Dynamiken zu bestimmen, doch geschichtsphilosophische Großkonstruktionen bergen die Gefahr, eine rosarot-positive Beschränkung zu entfalten und andere mögliche Entwicklungen auszublenden.

Die Harmonie der objektiven Interessen

Eine erfüllende Lebenspraxis, eine andere Form, sich aufeinander zu beziehen, zu produzieren und sich zu reproduzieren, den Alltag zu leben und zu erleben – in freier Kooperation mit Inklusion als Grundkonzept; Bedürfnisse stehen vor Profitchancen, Absprachen vor Tauschbeziehungen, und das Individuum entfaltet sich in der Gesellschaft: Dies scheint den tatsächlichen, den objektiven Interessen der Menschen zu entsprechen. Wer wollte nicht frei, glücklich, zwanglos leben wollen?

Darum gibt es auch keine klaren Gegner*innen – sie würden nur ihre eigenen Bedürfnisse verraten. Alle wollen die Keimform. Dieser etwas überspitzt formulierte Punkt führt mich zu einem weiteren wichtigen Ratschlag an den Keimform-Ansatz (und eine ganze Reihe von Ansätzen des Commoning-Diskurses): „Know your enemies“. Keine geschichtliche Entwicklung ist bis jetzt ohne Widerstand abgelaufen. In den bisherigen Texten wird dieser Punkt kaum diskutiert, nur mit ein paar Sätzen wird die Vernichtung der alten Machtstrukturen erklärt: „(…) eine neue Art und Weise die gesellschaftlichen Lebensbedingungen herzustellen (…) [wird] faktisch alte Machtstrukturen außer Kraft setzen“ (Meretz 2011a). Dies mag durchaus wahr sein, doch wir haben es hier mit einer enorm mächtigen, komplexen, anpassungsfähigen Struktur zu tun, die sich gegen die neuen Formen gesellschaftlicher Vermittlung stellen muss – den Staat. Denn diese neuen Formen bieten zum einen eine andere Form der Koordination an und stellen damit seine Legitimität infrage, zum anderen entziehen sie ihm seine ökonomische Grundlage. Auch der Widerstand anderer gesellschaftlicher Akteur*innen wie alter Eliten und Vertreter*innen reaktionärer Ideologien darf uns sicher sein.

Die Keimform-Theorie verweist hier auf die (doppelte) Funktionalität. Jedoch muss die Funktionalität der Keimform für das Bestehende klar ausgearbeitet werden, und dies auch nicht nur am Beispiel der freien Software, und sie darf überdies auch nicht bloß krisentheoretisch-diffus behauptet werden. Die Keimformtheorie ist vor allem eine Transformationstheorie. Hierbei kann ich zwei Konzepte der Transformation erkennen, die beide nun diskutiert werden sollen: Historischer Materialismus und Krisentheorie.

Der Automatismus des Historischen Materialismus

Wenn mensch fragt, warum sich die emanzipatorische Form verallgemeinert, ist diese Antwort heruntergebrochen relativ simpel: Der Kapitalismus kann die Produktivkräfte nicht mehr so effizient weiterentwickeln. Vor allem die Nutzung der Produktivkraft Mensch stößt an ihre Grenzen: Kreativität, Selbstorganisation, Fantasie, Teamfähigkeit, Kooperation sind im Kapitalismus schwer zu organisieren. Viele moderne Arbeitsverhältnisse sind aber genau durch diese Anforderungen gekennzeichnet, und die Antworten darauf sind vielfältig (teilautonome Arbeitsgruppen, Projektstruktur, flaches Management, etc.). Doch alle Antworten stoßen auf die Widersprüche zwischen freier Tätigkeit und kapitalistischer Produktion: kooperative Teamarbeit trotz Konkurrenz um Beförderung und Arbeitsplatzsicherheit; freie Kreativität trotz marktorientiertem Absatzzwang; effektive Kooperation trotz Patenten.

Die Peer-Produktion soll, so die These, einfach besser zur Produktivkraft Mensch passen und sich deshalb durchsetzen. Sie ist entweder einfach billiger, wirtschaftlicher oder besser. Eigentlich klassisch historisch-materialistisch: Die Produktionsverhältnisse passen nicht mehr zu den entwickelten Produktivkräften – nämlich den modernen flexiblen, kreativen Wissensarbeiter*innen.

Wenn wir nun den ersten beiden Punkten zustimmen, dass die Produktivkraft Mensch immer bedeutender wird und dies auch zu jenen Anforderungen von Autonomie. Kreativität und Selbstmotivation führt, so muss doch gefragt werden, ob diese neue Entwicklung wirklich zu einer neuen Gesellschaft führt. Nuss und Heinrich (2002), aber auch andere, kritisieren, dass diese Arbeitsformen marginal bleiben, zweifeln an, ob sie nicht doch auch kapitalistisch organisierbar sind, und diskutieren diese Art der Selbstenfaltung als ein Privileg ökonomisch abgesicherter Spezialist*innen. Doch es scheint auch so, als wäre nicht mehr die bewusste Gestaltung durch Menschen der Ausgangspunkt der Transformation, sondern die bewusste Gestaltung nur die Folge einer Veränderung der Arbeitsformen. Der bewusste Wandel verwandelt sich in einen Automatismus der Geschichte.

Auch die Erfahrungen zeigen, dass diese Distanz zwischen dem Anspruch an die neuen Entwicklungen und der Wirklichkeit groß ist: Befangenheit in alten Logiken, Rückfall in kapitalistische Verwertung, nicht expansiver bzw. statischer Charakter und Nicht-Wahrnehmung von Herrschaftsverhältnissen und Exklusionslogiken. Vor allem in der materiellen Produktion scheint die Distanz eklatant. Die neuen Produktionsverhältnisse bieten zwar Möglichkeiten für Neues, aber dieses Neue hat eine noch unsichere (und kaum materielle) Gestalt und kann kaum einem erwünschten Automatismus überlassen werden.

Die Rettung durch die Krise

Die Theorie des Fünfschritts als „eine wichtige methodische Quelle des Keimform-Ansatzes“ sieht vor allem in der Krise des Kapitalismus die Dynamik der Transformation: „Die multiplen Krisen – von Peak-Everything bis zur Verwertungskrise – lassen sich nicht mehr innerhalb der alten Vermittlungsformen lösen, und auch ein qualitativ neuer Krisenaufschub durch Etablierung eines neuen Verwertungsregimes ist nicht in Sicht“ (Meretz 2011b). In diesem Zustand der Zukunftslosigkeit des bestehenden Systems übernimmt nun die Keimform immer mehr entscheidende Funktionen des alten Gebildes und ersetzt dieses. Die commons-basierte Peer-Produktion entwickelt sich nun von einer mit dem System verbundenen Nische hin zu der dominanten Art der Produktion. Der Rest des Alten wird integriert.

Diese Theorie baut auch elegant auf dem Konzept der von der Wertkritik diagnostizierten Fundamentalkrise auf. Doch was, wenn diese fundamentale Krise nicht auftritt? Ich würde sagen, der Fünfschritt ist zu tief mit der wertkritischen Krisentheorie verbunden, als dass er ohne ökonomische Fundamentalkrise zu denken wäre. Andere Autor*innen könnten jedoch argumentieren, dass, auch wenn keine „Endkrise des Kapitals“ abzusehen ist, die restlichen Krisenerscheinungen ausreichen, um genug Kraft zu mobilisieren, das zunehmend ausschließende, inkohärente System zu ersetzen bzw. eine Alternative aufzubauen.

Wenn wir aber nun unsere Krise haben, gibt es natürlich eine andere Frage: Warum sollte sich nun unsere Keimform durchsetzen und nicht eine ganz andere? Die Kritische Theorie hat gefragt: Warum wenden sich die revolutionären Massen in Zeiten der Krise nach rechts statt nach links? Tatsächlich müssen wir vielleicht eher mit Gewehren die Freiheiten der bürgerlichen Gesellschaft gegen faschistische Strömungen verteidigen, als fröhlich unsere emanzipatorischen Projekte entwickeln. Ebenfalls ist fraglich, ob die Entscheidung nur darauf hinauslaufen wird, wer die ökonomisch und menschlich bessere Keimform hat, wenn alte Privilegien und Machtkonstellationen hineinspielen und autoritäre Lösungen bevorzugen. Und natürlich ist auch die Art der Krise entscheidend: Ein plötzlicher Zusammenbruch verlangt anderes, als eine Stagnation vielleicht an Möglichkeiten eröffnet.

Quellen

Horkheimer, Max (2003), Gesammelte Schriften, Bd.5, Fischer Taschenbuch Verlag.

Meretz, Stefan (2011a), FAQ zum Fünfschritt und zum Keimform-Ansatz, keimform.de/2011/faq-zum-fuenfschritt-und-zum-keimform-ansatz/ [3].

Meretz, Stefan (2011b), Fünfschritt – Methodische Quelle des Keimform-Ansatzes, keimform.de/2011/fuenfschritt-methodische-quelle-des-keimform-ansatzes/ [4].

Nuss, Sabine und Heinrich, Michael (2002), Freie Software und Kapitalismus, in: Streifzüge 1/2002, S. 39-43.


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