Commons und Freiwilligkeit

geschrieben von Stefan Meretz am 7. Januar 2014, 06:51 Uhr

neues-deutschland [1][Erschienen [2] in der Kolumne »Krisenstab« im Neuen Deutschland [1] vom 6.1.2014]

Stefan Meretz über Formen von Kooperation und Selbstorganisation jenseits der Warenform

Eine Leserin fragte mich nach der ersten Kolumne: »Wenn jeder nur soviel arbeitet, wozu er Lust hat, wie soll eine Gesellschaft insgesamt ausgewogen funktionieren?« Gute Frage: Kann eine Gesellschaft auf Freiwilligkeit gründen? Oder braucht es nicht doch einen gewissen Zwang, um auch unattraktive Aufgaben erledigt zu wissen? Hier hilft ein Blick in eine wieder entdeckte Form der Kooperation: Commons.

Mit diesem englischen Begriff sind gemeinschaftlich hergestellte oder gepflegte Güter gemeint. Es geht dabei nicht um die Güter als solche, wie die deutsche Übersetzung »Gemeingüter« nahelegt, sondern es geht um die soziale Praxis. Wasser ist nur Wasser und wird erst dann zum Gemeingut, zu einem Commons, wenn sich eine Gemeinschaft um die Ressource kümmert. Das Kümmern, also das Herstellen und Erhalten, wird oft auch mit dem englischen Begriff Commoning bezeichnet. Wesentlicher Bestandteil des Commoning ist die Möglichkeit der Commoners, also der Mitglieder im Commons-Projekt, sich selbst zu organisieren. Selbstorganisation wiederum bedeutet, die Regeln selbst festzulegen. Und das alles aus freien Stücken.

Nun gut, es mag sein, dass freiwillige Bereiche in einer Gesellschaft existieren. Aber kann eine ganze Gesellschaft ausschließlich auf Freiwilligkeit basieren? Es ist erstaunlich, dass Linke diese Frage fast immer verneinen und sich dabei nicht von ihrem Gegenpart unterscheiden. Der alltägliche Kapitalismus hat die Überzeugung in unser Bewusstsein eingebrannt, dass nur essen solle, wer auch arbeite. Kein Nehmen ohne gekoppeltes Geben. Ohne Zwang, ohne drohenden Existenzentzug, scheint es nicht zu gehen.

Neue Commons zeigen, dass es auch anders geht: Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist Ergebnis der freiwilligen Beteiligung vieler Tausend Menschen. Ihre Qualität ist der traditioneller Enzyklopädien ebenbürtig, ihre Aktualität unschlagbar. Der Brockhaus und die Encyclopedia Britannica mussten ihre Buchausgaben einstellen. Sie wurden von der Wikipedia quasi auskooperiert.

Aber nicht nur Wissensgüter, die in digitaler Form leicht kopierbar sind, werden auf diese Weise geschaffen, auch Verbrauchsgüter gehen aus Commons-Projekten hervor. Von Gemüse und Bier über 3D-Drucker und Gemeinschaftshäuser bis hin zu Autos und Elektronik findet sich fast alles. Sicherlich existieren diese erstaunlichen Projekte in Nischen und haben mit einer feindlichen Umgebung zu kämpfen. Doch sie zeigen auch die Kraft und die Möglichkeiten, die entstehen, wenn sich Menschen freiwillig zusammentun.

Untersuchungen haben gezeigt, dass die Motivation, sich ganz einer Aufgabe hinzugeben, maximal ist, wenn die Existenz grundsätzlich gesichert ist und der eigene Beitrag ohne Zwang und aus Freude an der Sache erfolgt. Die Motivation sinkt beträchtlich, wenn eine freiwillige Tätigkeit monetär vergolten wird – es wirkt wie eine Abwertung. Aber funktioniert das auch bei unattraktiven Tätigkeiten? Es kommt darauf an, in welchem Kontext diese stehen. Sind sie eingebettet in einen Rahmen befriedigender Tätigkeiten, dann werden sie meist mit erledigt. Stellen sie eine Voraussetzung für eine angestrebte Folgeaufgabe dar, so gibt es auch kein Problem. Ebenso wird ihre Erledigung gar zum Vergnügen, wenn sie selbstbestimmt umdefiniert und so etwa Grundlage von Erfindungen werden kann.

Nun ist die Hingabe für eine Aufgabe von den besonderen Vorlieben der unterschiedlichen Menschen abhängig. Wie kommen also Aufgabe und hingebungsbereite Person zusammen? Voraussetzung sind freie Menschen, die sich nicht aus Existenzgründen zu einer Arbeit genötigt sehen. Befragungen zeigen, dass aber genau diese Nötigung heute überwiegend auch genauso empfunden wird. Zwang ist also die Normalform, die uns veranlasst zu denken, es müsse immer so sein. Muss es aber nicht, das zeigen die Commons. Freiwilligkeit als Prinzip ist nicht nur möglich, sondern ist sogar die Voraussetzung dafür, dass eine freie Gesellschaft funktionieren kann.

Nun gut, Commons mögen im lokalen Rahmen jenseits von Markt und Staat machbar sein. Aber kann das Mikroprinzip der Commons – verallgemeinert gedacht – die Makrokohärenz einer ganzen Gesellschaft ergeben? Ohne Markt und Staat? Wo bleibt da die Planung? Das sind die spannenden Fragen, um die es in der nächsten Kolumne in vier Wochen gehen wird.


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