Alternativen von unten

geschrieben von Stefan Meretz am 20. Oktober 2014, 13:43 Uhr

Glücksökonomie [1][Auszug aus dem Buch »Glücksökonomie« [1] von Annette Jensen und Uta Scheub, repostet unter CC-by-nc-nd]

»…Könnte nicht alles, was relokalisierbar ist, konsequent entglobalisiert und lokaler Steuerungsintelligenz zugeführt werden? Viele Probleme, die zentrale Machtagglomerate verursachen, würden durch regional angepasste Lösungen verschwinden.

Die dafür nötige Vielfalt von Projekten, Betrieben und Initiativen gibt es schon weltweit. Diese basieren auf anderen Werten als das gegenwärtige Wirtschaftssystem und durchwuchern es von allen Seiten. Das Alte dient nur noch als Steinbruch oder als Werkzeugkasten: Man nutzt, was davon noch nützlich ist.

Angetreten sind die Bewegungen nicht, um das herrschende System zu bekämpfen, sondern um das Wohlergehen der Beteiligten zu mehren. Deshalb beziehen sie sich auch nicht direkt auf den Kapitalismus – sie ignorieren ihn einfach und stellen stattdessen selbst Regeln auf. Dieses Vorgehen verschwendet die eigene Kraft nicht damit, sich an einem übermächtigen Gegner abzuarbeiten, sondern konzentriert sich auf das Entwickeln des Eigenen.

Weil selbstbestimmte Arbeit beglückend ist, gibt sie den Beteiligten Energie und wirkt anziehend auf andere. Netzwerke entstehen, in denen sich die Projekte gegenseitig stützen und anregen – und je dichter die Maschen werden, desto rascher der Prozess. Teilen und Austauschen, Transparenz und Offenheit wohnt fast allen Initiativen inne. Die sich dabei entwickelnden Strukturen erweisen sich als hocheffizient: In sozialen Netzwerken lässt sich schnell herausfinden, wer fehlende Ressourcen zur Verfügung stellen kann – Werkzeuge, Räume, Ideen. Die Vielfalt der Beteiligten steigert den Nutzen aller. Das Menschenbild der Aufklärung 2.0 zeichnet sich ab: Das Individuum, eingebunden und vernetzt in vielschichtigen Strukturen, kann durch ständigen Austausch und gegenseitige Unterstützung sein enormes Potenzial entwickeln.

All das entsteht parallel zu den noch dominierenden staatlich-wirtschaftlichen Strukturen und gerät mit diesen nicht in Konflikt. Die Methoden der Beteiligten sind friedlich, kleinteilig, technisch ungefährlich. Deshalb schwebten sie auch lange unterhalb des Radarschirms von Politik und Industrie. Inzwischen aber wuchert das Neue immer stärker und ist nicht mehr zu übersehen. Aber können diese vielen Kleinen das herrschende Wirtschaftssystem tatsächlich kippen? Oder greifen die Etablierten das Neue auf und vereinnahmen es für sich? Hat die Menschheit eine realistische Chance, den Planeten zukunftsfähig zu gestalten? Wir wissen es nicht. Vorhersagen für die nächsten Jahre abgeben zu wollen erscheint wie eine Einladung zur Blamage. Klar aber ist: Wir stehen vor grundlegenden Entscheidungen.

Der Informatiker und Commons-Vordenker Stefan Meretz hat den Ansatz des »Fünfschritts«, wie Neues aus einem vorherrschenden Alten erwachsen kann, aus der kritischen Psychologie auf die Gesellschaft übertragen.11 Zunächst entstehen Keimformen – einzelne Projekte, die nach anderen Werten und Regeln funktionieren als bisher. Aus der Nische herauskommen können sie allerdings nur, wenn sich das etablierte System auf Dauer nicht mehr selbst aufrecht erhalten kann. Nur in diesen Fällen besteht die Chance, Stufe drei zu erreichen: »Die Keimform tritt aus ihrer untergeordneten und randständigen Bedeutung heraus und gewinnt eine qualitativ neue Funktion für den gesamten Systemprozess«, so Meretz. Zum jetzigen Zeitpunkt existieren Altes und Neues nebeneinander. Genau am Anfang dieser Phase befinden wir uns: Ein Großteil der Bewegten verdient ihr Geld in alten Strukturen und entwickelt parallel dazu die neue bedürfnisorientierte »Wirtschaft unter Gleichen« weiter – zugleich nutzen Großkonzerne freie Software und bauen selbst Geschäftszweige zum Teilen auf.

Die solidarische Selbstversorgung macht aber nicht nur die Beteiligten froh, sondern auch den Staat: Er spart Sozialausgaben. Das Absaugen von Informationen über soziale Netzwerke bei Facebook verschafft zudem Geheimdiensten Einblicke, die sie selbst nie erlangen könnten. Doch das Ganze ist fragil: Ein Parallelnetz, das auf Transparenz und Kontrollierbarkeit basiert, könnte den Quasi-Monopolisten Facebook schlagartig austrocknen. Die Verabredung zum Sturz des Kolosses könnte sogar auf der Plattform selbst organisiert werden und damit wie in asiatischen Kampfsportarten die Kraft des Gegners umlenken in eigene. Auch die Geheimdienstler verlören damit ein zentrales Machtinstrument. Gerade weil die Überwachung so total und der wirtschaftlichstaatliche Komplex so mächtig geworden ist, könnte ein Gegenentwurf attraktiv werden und viele zum Mitmachen bewegen.

Ein »Weiter-so« unserer Wirtschaftsweise ist aus ökonomischen und ökologischen Gründen ausgeschlossen – deshalb gibt es jetzt prinzipiell nur zwei Entwicklungspfade: Entweder dem alten System gelingt es, die Keimformen zu absorbieren und sich zu reformieren, um die existentiellen Probleme zu lösen oder zumindest zeitlich zu verzögern. Oder die Werte und Funktionsweisen der einstigen Keimformen werden dominant und es entsteht ein neues Gesellschafts- und Wirtschaftssystem.

Politik und Staat haben großen Einfluss darauf, wohin die Reise geht. Als Antreiber des Wandels sind sie unbrauchbar – für das Zimmern geeigneter Rahmenbedingungen jedoch unerlässlich. Wie Rechtssystem und Infrastruktur an Veränderungen angepasst werden, ist absolut zentral für den Weg in die Zukunft. Genossenschaften und Sozialunternehmen können nur gedeihen, wenn der Staat sie zulässt und einen guten Nährboden bereitet. Die Energiewende hat nur eine Chance, wenn sie von oben mitbefördert wird. Werden Fossilenergien dagegen weiter subventioniert, während Ökosteuern tabu bleiben, wird die Klimakatastrophe unausweichlich.

Also müssen gesellschaftliche Debatten um das gute Leben geführt, Verbündete in traditionellen Strukturen gesucht, Rahmenbedingungen angepasst, neue Normen und Gesetze entwickelt werden. Veränderungen von unten und oben müssen zusammenwachsen, wenn der Weg der Menschheit vom Abgrund wegführen soll.

Nichts prägt das Verhalten so stark wie gesellschaftliche Routinen. Gilt es heute als normal, mit dem eigenen Auto zum Supermarkt zu fahren, billige in Plastik verpackte Lebensmittel in den Kofferraum zu laden, um wenige Tage später die Hälfte davon in den Müll zu schmeißen, so würde das unseren Ahnen und wahrscheinlich auch unseren Nachkommen völlig verrückt erscheinen. Zugleich wird vieles von dem, wie unsere heutige Welt aufgebaut ist, sehr lange nachwirken: Verkehrswege und Siedlungsstrukturen prägen Gesellschaften dauerhaft; gewachsene Produktionsstrukturen und Lieferbeziehungen sind nicht einfach umzuschalten; Lebensversicherungen sind auf Jahrzehnte hinaus angelegt, Eigentum juristisch vielfach abgesichert. Doch je mehr Teilen, Tauschen und gemeinsames Nutzen als Formen des Wirtschaftens sichtbar werden, desto selbstverständlicher werden sie Eingang in den Alltag finden.«


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