Die Commoners als Klasse?

geschrieben von Benni Bärmann am 28. Oktober 2012, 13:33 Uhr

Der Keimformtheorie fehlt das historische Subjekt. Es gibt durchaus grobe Skizzen davon, was sich ändern muss (Besitz statt Eigentum, keine getrennte Privatproduktion, Demonetarisierung, …) und sogar wie das von statten gehen soll (Commons Based Peer Production) und wie nicht (ohne Markt und Staat), und in diesem Blog kann man sie sehr materialreich nachverfolgen.

Gegenüber der klassischen Transformationsvorstellung des Marxismus-Leninismus bleibt aber eine entscheidende Leerstelle: Es fehlt die Antwort auf die Frage wer der Träger der gesellschaftlichen Transformation vom Kapitalismus in eine freiere Gesellschaft („Kommunismus“, „Commonismus“, whatever …) sein sollte. Das nennt man gemeinhin die Frage nach dem „historischen Subjekt“.

Eine erste triviale Antwort lautet „Die Commoners“, aber das ist natürlich nicht zielführend. Das wäre eine zirkuläre Antwort ungefähr so, wie wenn Marx auf die Frage, wer den Kommunismus bringt mit „die Kommunisten“ geantwortet hätte.

Der Anspruch an eine solche Antwort wäre, dass es eine materialistische Antwort wäre. Es ginge also darum zu zeigen, welche soziale Gruppe (oder meinetwegen auch „Klasse“) auf Grund ihrer Lage im gesellschaftlichen Prozess sowohl ein Interesse daran hat, die alte Gesellschaft zu verlassen, als auch die Möglichkeit es zu tun.

Die Antwort der Klassiker ist bekanntermaßen, dass es die Arbeiterklasse ist, die diese Aufgabe erfüllen sollte. Im Wesentlichen speist sich dabei ihr Interesse daraus, dass sie im Kapitalismus notwendig ausgebeutet wird von den Besitzern der Produktionsmittel und die Möglichkeit speist sich daraus, dass die Industrialisierung der Produktion zu großen Ansammlungen von Arbeitern in den Fabriken führte, die sich dort organisieren und durch Streiks die Produktion lahmlegen konnten und somit trotz ihrer untergeordneten Stellung relativ viel Macht hatten. Nun ist es mit der Ansammlung in den Fabriken zumindest hierzulande nicht mehr weit her, aber das wäre ja nur eine Frage der Organisation und Kommunikation und da gibt es ja heute auch wieder andere Mittel, die es damals nicht gab. Ob jemand zur Arbeiterklasse gehört entscheidet sich auch nicht darüber, ob er oder sie in einer Farbik arbeitet, sondern darüber ob er oder sie gezwungen ist seine oder ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Paolo Virno drückte das sehr treffend einmal so aus: „Die Arbeiterklasse ist ein theoretischer Begriff und kein Erinnerungsfoto“ (Grammatik der Multitude). In diesem theoretischen Sinn ist der Begriff der Arbeiterklasse auch nicht obsolet.

Das entscheidende Problem an der klassischen Transformationsvorstellung ist also nicht, dass wir in einer postindustriellen Gesellschaft leben, in der es vielleicht noch Fabriken gibt, aber dort nicht mehr die Zukunft gebaut wird (auch wenn das nicht egal ist), sondern es ist etwas anderes: Marx und Engels verlangten von der Arbeiterklasse ihre Selbstauflösung. Das ist für mich eine durch und durch idealistische Vorstellung. Keine Organisation welcher Art auch immer (und es gibt keine handlungsfähige Gruppe ohne Organisation) wird jemals freiwillig auf ihre Selbstauflösung hin arbeiten. Sobald eine Organisation eine gewisse Eigendynamik gewinnt (und das tut sie zwingend ab einer bestimmten Größe) würde sie selbst dann für ihren Erhalt sorgen, wenn jede_r Einzeln_e in ihr ihre Abschaffung wünscht.

Historischer Exkurs

Meiner Ansicht nach sind beide historischen Linien, die sich aus der traditionellen Transformationsvorstellung ergaben genau daran gescheitert. Im Westen setzte sich im wesentlichen die Sozialdemokratie durch, die durchaus erfolgreich darin war das Leben der Arbeiterklasse erträglicher zu machen, ohne am grundsätzlichen Ausbeutungsschema etwas zu ändern auch wenn der Zwang zur Lohnarbeit durch Bildungs- und Sozialprogramme immerhin leicht gemildert werden konnte (Heute sind diese Errungenschaften allerdings schon alle wieder auf dem Rückzug). Die Sozialdemokratie hat also die naheliegende Antwort auf das Paradoxon gefunden, einerseits sich nicht selbst auflösen zu können und andererseits eben genau das tun zu sollen: Sie hat es schlicht gelassen und nach- und nach jeden Transformationsanspruch aufgegeben.

Im Osten hat man umgekehrt versucht den Markt durch zentrale Planung zu ersetzen und eine „Diktatur des Proletariats“ zu errichten. Übrig blieb davon sehr bald dann nur noch eine Diktatur, weil alle Schritte, die wirklich zu einer Selbstauflösung der Arbeiterklasse beigetragen hätten aktiv bekämpft wurden.

In beiden Fällen scheiterten also die historischen Nachfolger der frühen Kommunisten an genau dieser unmöglichen Selbstauflösung. Marx ist also vielleicht nicht Schuld an Stalin oder der SPD, aber in dieser plötzlichen idealistischen Wendung in seiner Transformationstheorie, ohne Grund anzunehmen eine Organisation könnte ihre eigene Auflösung betreiben, ist das Scheitern durchaus schon angelegt. Die genaue Form dieses Scheiterns (Aufgabe des Transformationsanspruchs im Westen, Massenmord und Erstarrung im Osten) kann man ihm aber nicht anlasten (Was ja von antikommunistischer Seite gerne getan wird).

Man könnte auch sagen, dass historisch die Frage des „wer“ der Transformation die beiden anderen Fragen des „wie“ und des „was“ aufgefressen hat. Im Osten wurde vor allem das „wie“ vergeigt und im Westen das „was“.

Aus der Geschichte und dem Scheitern der Kommunisten und Sozialdemokraten Lernen hieße also vor allem anzuerkennen, dass die klassische Theorie des historischen Subjekts nicht funktioniert. Wir brauchen also eine Neue Theorie des „wer“, die dem „was“ und dem „wie“ nicht entgegensteht, sondern sich gegenseitig mit diesen befeuert.

Zurück ins Heute

Es ginge also für uns darum zunächst mal genauer zu bestimmen, wer diese „Commoners“ sind. Was ist ihre Stellung im gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozess heute? Wir haben sehr oft darüber gesprochen, was die Commons Based Peer Production gegenüber dem Kapitalismus auszeichnet und was an ihr schon Keimformen des Neuen sein könnten, aber weniger darüber, wie ihre Akteure im Alten verankert sind. Das versuche ich jetzt mal zumindest Skizzenhaft nachzuholen.

Zunächst einmal fällt auf:

  • Die Commoners sind durchaus im Besitz (wenn es auch nicht notwendig ihr Eigentum ist) von Produktionsmitteln. Bei den alten Commons sind das meistens Randbereiche, die noch_nicht vom Kapitalismus erobert wurden. Die Einhegung der Commons war nie vollständig. Bei den neuen Commons sind das neue Bereiche, die durch die Dezentralisierung der Produktion möglich wurden. Der Computer auf dem Tisch mit der Leistungskraft ganzer Rechenfabriken ermöglicht dem Einzelnen enormen Zugriff auf Produktionskapazitäten.
  • Gleichzeitig haben die Commoners aber keinen Zugriff auf die „Marktmittel“. Damit meine ich alle diejenigen Produktionsmittel, die Produkte marktförmig machen und halten, die den Zugang zu Märkten öffnen und andere Mitbewerber raus halten. Das können Werbeagenturen, Patentanwälte, Finanzprodukte, Serverfarmen oder Armeen sein. Alle diese Dinge sind also weiterhin im Besitz der alten industriellen Strukturen und sie sind ihnen auch nicht ohne weiteres zu nehmen.

In einer „erwachsenen“ kapitalistischen Produktionsweise werden die „Marktmittel“ aber immer wichtiger. Um das Eigentum an Produktionsmitteln auch verwerten zu können, muss man Zugang zu Märkten haben. In der expansiven Phase des Kapitalismus war es einfach diesen zu bekommen, heute bei global operierenden Oligopolen ist das extrem schwer.

Und genau dadurch entstehen die Commoners überhaupt erst als Klasse. Aus dem Widerspruch einerseits im Besitz von Produktionsmitteln zu sein, aber andererseits keinen Zugang zu Märkten zu haben. Um trotzdem von ihrem Produktionsmittelbesitz profitieren zu können sind sie also gezwungen an den Märkten vorbei Vorteile für sich und andere zu generieren. Diese Vorteile können dann durchaus auch wieder an noch leichter zugänglichen Märkten verwertet werden (Beispiele: Verdienen am Service für Freie Software oder Crowdfunding).

Die alten Commoners waren nicht wirklich eine Klasse. Sie waren eher das Außerhalb der Klassengesellschaft. Das gilt für die neuen Commoners nicht mehr. Diese haben eine ganz spezifische Stellung in der heutigen Klassengesellschaft. Sie sind einerseits mit einem Bein noch in der Arbeiterklasse und andererseits aber auch nicht in der Lage als Kapitalisten ihre Produktionsmittel zur Warenproduktion einzusetzen.

Marx und Engels gingen im Kommunistischen Manifest noch davon aus, dass sich die Vielfalt an Klassen mit dem Kapitalismus auf zwei reduziert. Alle werden entweder Arbeiter oder Kapitalisten (damals auch inhaltlich noch ohne die weibliche Form gedacht). In dem Maße wie der Kapitalismus aber immer weniger leicht zugängliche neue Märkte zur Verfügung hat, entstehen auch wieder neue Klassen.

In dem Maße wie sich nun diese neuen Commoners organisieren unterstehen sie natürlich auch dem Problem, dass sie sich nicht selbst abschaffen können. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied: In dem was sie tun, also der Produktion der Commons arbeiten sie aktiv und permanent bereits an der Abschaffung ihrer selbst als Klasse. Während die Arbeiterin am Fließband mit jedem Hammerschlag ihre eigenen Ketten schmiedet, befreien sich die Commoner am Computer oder auf dem Feld mit jeder Handlung ein Stück weit aus ihrer klassenförmigen Beschränktheit. Die Inklusionslogik der Commons steht in einem permanenten Widerspruch zur Logik der Commoner als Klasse, denn eine Klasse ist ja gerade ein Teil einer Klassengesellschaft, also ein Teil einer Exklusionslogik. Während die Klassiker die Inklusion aller Menschen in eine nebulöse – im Kern wie oben geschildert idealistische, im schlechten Sinn utopische – Zukunft verbannten, produzieren die Commoners diese bereits im hier und heute, genau dabei produzieren sie sich aber eben auch als Klasse. Diesen Widerspruch findet man sicher an tausend Stellen in der alltäglichen Praxis der Commons (und auch hier sei auf unsere materialreiche Sammlung hier im Blog verwiesen), während der Widerspruch der Selbstauflösung der Arbeiterklasse von den Klassikern der Geschichte überlassen wurde (mit den bekannten teils recht unschönen Folgen).

Die Commoners als Klasse werden also in ihrer Eigenlogik dafür kämpfen, dass sie weiter in dieser Zwitterform existieren können, sie werden für den Zugang zu Produktionsmitteln streiten und für die Möglichkeit an Märkten vorbei ihre Güter verteilen zu können. Aus reinem Eigennutz. Damit sorgen sie für die Konstitution und den Erhalt der Commoners als Klasse, während sie gleichzeitig in Peer Produktion Commons erzeugen und erhalten und dadurch dem Kapitalismus Zugang zu Verwertungsmöglichkeiten vorenthalten.

Die Commoners schaffen also die materielle Basis für ein Ende des Kapitalismus in dem sie die Warenproduktion zurückdrängen. Wenn diese materielle Basis einmal geschaffen ist, brauch es aber vielleicht wieder eine neue Klasse, die dann dessen Ende besiegeln kann? Die Commoners selbst haben daran nicht zwingend ein Interesse, da sie durchaus auch im Spätkapitalismus existieren können, ja dieser sie sogar erst ermöglicht hat.


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