Das System an seinen Wurzeln packen…

geschrieben von Sabine Steldinger am 8. Februar 2012, 07:30 Uhr

[1]…um daraus einen nahrhaften Kompost zu bereiten, auf dem alles gut wachsen und gedeihen kann (Foto: Genista [2], CC-by-sa).

[Repost von Nicht-kommerzielles Leben in Berlin-Brandenburg [3]]

Es gibt ein großes Unbehagen mit dem System, mit dem wir zur Zeit gezwungen sind, unser Überleben zu meistern. Immer wieder raufen sich Menschen zusammen, um andere Wege zu beschreiten. Zur Orientierung werden vielfältige Theorien und Analysen gebaut. Was macht denn dieses System, das unsere alltägliche Versorgung organisieren soll, eigentlich im Kern aus? Die Theorien sind so vielschichtig, dass die Versuchung groß ist, einseitigen und vereinfachten Erklärungen anzuhängen. Analysen und Theorien, die versuchen, die Vielschichtigkeit des menschlichen Gemeinwesens in Worte zu gießen, sind für die meisten bestenfalls abgehoben und schlimmstenfalls komplett unverständlich.

Aus der intensiven Beschäftigung mit der Wertkritik, der Kritik der Kritik, mit “subjektfundierter Hegemonietheorie” und ähnlichem exotisch klingendem, wollen wir in diesem Text einen Versuch wagen, die praktischen Schritte, die sich unserer Meinung nach aus diesen Analysen ergeben, zu skizzieren und dazu anstacheln, daran weiter zu diskutieren und an spannenden Stellen in die Tiefe und Breite zu gehen. Es ist hier nicht der Platz, um jedes Detail deutlich darzustellen. Dieser Text soll nur eine Übersicht geben und wird selbst nicht alle Tiefen berücksichtigen können.Für Einige werden diese Erkenntnisse eine erfreuliche Bestätigung dessen sein, was sie eh schon taten und dachten. Wir wollen den in Theoretiker_Innenkreisen verbreiteten wortgewaltigen Kämpfen einen freundlichen Umgang entgegensetzen. Und nicht zuletzt dazu ermutigen, sich mit Analysen zu befassen, die kaum ein Mensch zuvor gesehen hat.

Wertfrei und Spaß dabei – das gute Leben

Unser Bestreben ist ein schönes Leben. Dazu gehört zum Beispiel ein hübsches Dach über dem Kopf, zum Frühstück einen Kaffee mit Sahne, angenehme Gesellschaft und einiges mehr. Im Kapitalismus wird den meisten Menschen dieser Wunsch nicht erfüllt. Das liegt daran, dass der Kapitalismus leider ein ganz anderes Ziel hat: nämlich aus Geld mehr Geld zu machen. Das klingt banal, aber leider geht es zielsicher an einem Wirtschaftssystem vorbei, das den Sinn haben sollte, alle mit den gewünschten Dingen zu versorgen. Inzwischen hat sich die Erkenntnis weitgehend durchgesetzt, dass wachsende Wertproduktion keineswegs Wohlstand für alle, sondern eine stetig wachsende Masse von “Überflüssigen” (vom Wohlstand Ausgeschlossenen) erzeugt.Der Wert macht Dinge vergleichbar, die sonst wenig mit einander zu tun haben und ermöglicht so, sie (scheinbar gerecht) miteinander zu tauschen. Wenn wir Deine Gurken gegen mein Fahrrad tauschen, sind diese wohl gleich viel wert, denn sonst hätte die benachteiligte Person ja nicht getauscht.

Der Wert einer Sache basiert dabei auf der an ihr verrichteten Arbeit. Allerdings zählt hier nicht die real verausgabte Arbeit, sondern die in der Gesellschaft durchschnittlich aufgewendete Arbeit. Wenn eine Maschine die notwendige Arbeit bei der Produktion eines Gegenstandes reduziert, wird auch der Wert dieses Gegenstandes abnehmen, sobald die maschinelle Produktion sich gesellschaftlich durchsetzt. Deswegen müssen die Produzierenden immer weiter versuchen, die notwendige Arbeitszeit z.B. durch den Einsatz von Maschinen zu reduzieren, wenn sie am Markt bestehen wollen. Obwohl die Herstellung von Gütern immer einfacher wird, werden so immer mehr Menschen von ihrem Nutzen ausgeschlossen, weil sie keine Anstellung mehr finden. Sie werden für die Produktion nicht mehr gebraucht und: „Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen“. Gleichzeitig wurde die eigenständige, von Lohn unabhängige Versorgung durch gewaltsames Durchsetzen der industriellen Produktion brutal ausgetrieben und die Mittel dazu weggenommen.

Dieser Glaube vom “gleichwertigen Tausch unter Gleichen” ist eh als Märchen entlarvt, wenn soziale Unterschiede betrachtet werden. Ich bin im Tauschverhältnis immer unterlegen, wenn der Mensch mit dem ich tauschen will/muss, mein Chef ist, weißer, männlicher, brutaler, klüger, älter etc. ist. Das gilt für alle Ebenen von Tauschverhältnissen. Egal, ob ich meine Arbeitskraft gegen Geld tausche oder mein Huhn gegen einen Sack Kartoffeln.

Dass das nur eine scheinbare Gerechtigkeit von messbaren “Werten” ist, liegt daran, dass diese Wertberechnung von vorne bis hinten unpassend ist. Es ist ganz schön wenig, was letztlich im “Preis” einer Ware abgebildet ist. Es geht weder darum, wer unter welchen Bedingungen wo produziert, noch darum, welche Konsequenzen die Produktion für Menschen und Umwelt hat. Nach diesem System ist zur Berechnung des Werts schlicht nicht relevant, was Bedingungen und Konsequenzen zur Herstellung eines Produktes sind, es geht allein um einen höchst abstrakten Durchschnitt an Zeit. Doch im Leben geht es um weit mehr als nur die Zeit. Es geht beim Wert noch nicht einmal um die tatsächliche Zeit, das jene konkrete Ware benötigt, sondern um einen Durchschnitt, der nach dem globalen technischen Stand der Produktion stetig in die Tiefe strebt (mehr Waren in weniger Zeit herstellen). Schneller, Höher, Tiefer, weiter. Das zeigt sich zudem in der ständigen Beschleunigung im Leben industrialisiert lebender Menschen, denn diese Art und Weise der Lohnarbeit hinterlässt über Generationen tiefe Spuren.

Diese Verkürzung macht es möglich, dass letztlich alles irrelevant ist, was nicht dem Zweck der Warenproduktion und damit dem Herstellen von Profit dient. Damit erübrigen sich Überlegungen in Richtung von “es kann alles bleiben wie es ist, man muss das Geld nur anders nutzen”. Man kann das Leben nicht einfach ausblenden und dann erwarten, dass sich Mensch und Umwelt beliebig den daraus entstehenden Bedingungen anpassen.

Damit das mit der Produktion glatt läuft, halten Regierungen (Aufstandsbekämpfung, Zuckerbrot, Gefängnisse) und jede Menge “gemeinnütziger” Einrichtungen sowie – überwiegend ebenfalls kommerzialisierte – “Freizeit” den Ball flach. Das Leben der meisten Menschen ist durch technologische Rationalität, Fremdbestimmung, Vereinzelung und Konkurrenzdruck leidvoll gezeichnet. Es ist angesichts der Allgegenwart und der gleichgültigen Kälte des Systems erstaunlich, dass die Menschen trotzdem so viele soziale Bindungen mit echter Wärme und Unterstützung ohne jede Verrechnung schaffen.

Stellen wir uns eine Welt ohne Wert und Geld vor. Wenn Geld sonst zwischen den Menschen vermittelt hatte, müssen andere soziale Strukturen geschaffen werden, die den Menschen helfen, miteinander zu planen, was sie brauchen und wie sie es herstellen wollen. Es braucht Kommunikationsstrukturen. Lasst uns miteinander über andere Produktions- und Verteilungswege reden, die uns und unsere Lebensbedingungen nicht ignorieren!

Auch wenn es nicht so scheint (schließlich wird es von Generation zu Generation schwieriger, es sich anders vorzustellen, da es ja “schon immer so war”), so gibt es doch Alternativen zu dieser “Wertlogik” in der Produktion. Es muss dabei beachtet werden, dass den sozialen und ökologischen Prozessen ausreichend Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, um lebenswichtige Güter herzustellen.

Es geht dabei um Kooperation statt Konkurrenz, Muße, Bedürfnisse, Qualität statt Quantität.

Dabei wäre der Tausch (Geld oder ähnlichem Berechenbaren) der falsche Weg. Die gesellschaftlichen Auswirkungen sind fatal, auch wenn die einfache Berechenbarkeit zunächst praktisch erscheint. Die dadurch suggerierte “Freiheit” richtet sich an dem Punkt gegen sich selbst, wo der Einzelne losgelöst (von nicht kommerziellen sozialen Beziehungen) zum Sklaven des Marktes wird und im harten Kampf ums knappe Geld unterliegt (und seine Miete nicht mehr zahlen kann).

Geldsysteme versuchen, soziale Beziehungen durch Automatismen zu ersetzen, und zwar so, dass mensch “unabhängig” von Anderen erscheint. Letztlich wird die Abhängigkeit von Familie/Clan/Wahlverwandtschaft durch eine Abhängigkeit vom Markt abgelöst. Dementsprechend wird es nötig, sich den “Spielregeln” – dem Verwertungszwang – zu unterwerfen. Um das als Freiheit “zu verkaufen”, gehört schon ganz schön viel Dreistigkeit dazu.

Es muss also ein Weg gefunden werden, aus einengenden Familien/Clanbeziehungen auszubrechen ohne sich der zerstörerischen Kraft des Marktes auszusetzen. Wenn wir das “schöne Leben” durch zwischenmenschliche Beziehungen und Verbindlichkeiten jenseits des Zwangsmittels Geld aufbauen wollen, ohne in Unterdrückung zurückzufallen, müssen wir über Privilegien nachdenken. Die Vorteile, die einige wegen Geschlecht, Hautfarbe, Alter, Sexualität, soziale Schicht etc. gegenüber anderen haben, spielen eine wichtige Rolle. Diese Rollen müssen hinterfragt werden und Strategien entwickelt werden, wie wir die Unterschiede zur fruchtbaren Kooperation nutzen, statt sie als Abweichung von der Norm zu denken und uns deshalb gegenseitig zu unterdrücken. Eine Welt, in der viele Welten Platz haben schließt jene Welten aus, die nur ihre Welt als die “einzig wahre” gelten lassen wollen.

Das Denken in festen Feindbildern wird durch eine Analyse der Wertlogik erschwert. Klar sitzen Regierungen, Chefs und Banker an größeren Schalthebeln als Andere, jedoch sind sie letztlich genauso an die Marktlogiken gebunden. Und so sitzen wir alle in den selben Zahnrädern eines selbst gebauten Getriebes fest. Das System ist schuld. Lasst uns der Sand im Getriebe sein und langsam rausbröckeln.

Endlich aufhören zu kaufen und zu verkaufen

Wenn ich aufhöre, mich selbst und andere in messbare tauschbare Werte zu pressen und stattdessen überlege, wer den dieser Mensch tatsächlich ist, was konkret der_die Andere braucht und was ich brauche, um ein gutes Leben zu führen, komme ich definitiv zu anderen Ergebnissen als “24,65”.

Eine Versorgung jenseits von Wert und Geld ist sozial, voller interessanter Auseinandersetzungen (endlich Zeit dazu!), kreativ im Problemlösen und setzt auf kollektive Intelligenz. Es geht um konkrete Bedingungen und Auswirkungen konkreter Tätigkeiten. Um beobachten, zuhören und wahrnehmen. Menschen finden zusammen, um zu schauen, ob sie einen Bedarf decken können, bestimmen dafür den nötigen Aufwand und wenn es genug Beteiligung gibt, wird soviel produziert, wie gewünscht und danach aufgehört (der Muße gefrönt). Freiwillige Kooperation heißt hierbei, die Möglichkeit zu haben, aus den jeweiligen Zusammenschlüssen ohne existentielle Nachteile ein- und aussteigen zu können. Auch Maschinen, Infrastrukturen und Werkzeuge müssen daher “offen” sein, das heißt zugänglich für alle, die es brauchen.

Mit dem einen Bein im Kapitalismus stecken

Das derzeitige System ist totalitär. Das heißt, es ist nur unter existenzgefährdenden Nachteilen möglich, auszusteigen (bzw. es gibt nur “Einzellösungen”). Daher ist es nötig, ein strategisches Verhältnis zu Markt und seinen Regierungen einzunehmen. Wie lassen sich Vereinnahmungen verhindern? Es ist fast die Regel, dass soziale Projekte kommerzialisieren, dass Gruppen korrumpieren sobald sie Macht bekommen (siehe “die Grünen”), weil sie dann die Schalthebel der Wertlogik entsprechend bedienen müssen, so dass für andere Ansätze kein Raum mehr bleibt.

Es gibt nicht das Richtige im Falschen, daher muss diese Gratwanderung stattfinden. Das “kleinere Übel” muss akzeptiert werden, sofern damit “Keimformen” einer anderen Produktionsweise und Zusammenleben der Boden bereitet werden kann. Zum Beispiel, indem ein Schenkladen Fördermittel bekommt, Spenden wirbt oder ein kommerzielles Cafee betreibt, um die Miete zahlen zu können. Damit die Wertlogik das jeweilige Projekt nicht zerstört, muss es bis zu einem gewissen Grad kooperieren und etwas “verwerten” oder Verwertung unterstützen. Dies ist als ein bewusster Prozess zu gestalten. Der Weg ist das Mittel zum Ziel, wenn wir morgen eine nicht wertförmige Produktion haben wollen, darf sie das heute auch nicht sein, sondern in möglichst allen Punkten der Utopie nahe kommen. Die kommerziellen Vorhaben müssen daher scharf von den nicht-kommerziellen Experimentierräumen getrennt sein, da kommerzielles Wirtschaften den Marktlogiken folgt und in den nicht-kommerziellen Räumen gerade danach gesucht wird, wie wir ohne sie auskommen. Diese Forschung am nicht-kommerziellen Produzieren und Verhandeln ist schwierig, da wir alle kapitalistisch aufgewachsen sind, jede/r hat andere Grenzen, wie weit er/sie diese “Gewohnheiten” im Denken und Fühlen ersetzen kann. Dies nicht zur neuen druckigen Norm zu erheben und dennoch anzustreben, wird zu einer weiteren Herausforderung.

Die Umgestaltung zur nach-kapitalistischen Gesellschaft wird nicht plötzlich vom Himmel fallen, sondern ein Prozess sein, zu dem leider nicht viel Zeit bleibt (Verelendung, Ressourcen-und Umweltzerstörung). Glaubt niemanden, der_die behauptet, einen fertigen Plan aus der Schublade zaubern zu können.

Direkte Kommunikation, Konfliktkultur und das Gemeinwesen als neue Wurzeln

Jeder Mensch hat Bedürfnisse. Und wenn diese trotz aller tollen Vereinbarungen mit Anderen zusammenstoßen, sprühen die Funken! Sich neu zu organisieren, um zu produzieren und zu leben, wird auch heißen, Konflikte austragen zu müssen und dafür Methoden zu finden. Kreativität, kollektive Intelligenz, Erfahrungen und Stärke können sich darauf richten, eine passende Konfliktkultur zu schaffen ohne damit Verhältnisse zu zementieren oder sich gegenseitig totzuschlagen. Das Reflektieren gesellschaftlicher Machtverhältnisse aufgrund unterschiedlicher Privilegien wurde im Text bereits betont. Es muss zusammen mit der Abschaffung der Wertlogik erfolgen um zu vermeiden, dass Menschen auf unpassende Rollen festgelegt werden und die Dynamik sozialer Beziehungen in neuen Hierarchien erstickt wird. Es geht darum, das “Gemeinsame” zu entdecken und zu pflegen. Wenn wir miteinander ins Gespräch kommen wollen, hindern uns Hierarchien nur daran, ernsthaft produktiv zu sein, da interessante Gedanken so gar nicht erst hervorgebracht oder ignoriert werden.

Arbeit ist scheiße(n)

Vielleicht macht es auch Sinn “Arbeit” als Begriff abzuschaffen. Weil er die Verkürzung auf Wert in sich trägt. Was sagt es einem, wenn jemand meint, er/sie würde arbeiten gehen? Gar nix. Wenn es sich nicht gerade um ein nicht-kommerzielles Projekt handelt, würde ich vermuten, dass jemand seine Arbeitskraft verkauft. Sonst ist dem nix zu entnehmen. Es ist möglicherweise Ausdruck unserer wertlogischen Wahnvorstellung, alles in abstrakte Containerbegriffe zu packen und unsere Arbeitskraft (Lebenszeit) beliebig ersetzbar erscheinen zu lassen, statt das Kind beim Namen zu nennen. “Ich gehe Ziegen betreuen” oder “ich gehe Löcher stanzen” eröffnet gleich viel mehr Perspektiven, auch zum Hinterfragen der Tätigkeit.

Ein weiterer Punkt ist die Wissensweitergabe. Viel von dem Wissen, wie wir uns umwelt- und menschenfreundlich versorgen können, muss erst noch erforscht werden. Oder zum Teil wieder ausgegraben werden aus den Mottenkisten unserer Vorfahren. Jedenfalls kommt der Wissensteilung eine große Rolle zu, die alle spielen können. Jede/r weiß etwas und kann anderen etwas zeigen. Wenn das verwertungsorientierte Wissen aus Schulen und Unis nicht mehr sinnvoll ist, müssen eigene Maßstäbe und Bildungssysteme geschaffen werden. Bildungsnetzwerke wären ein ressourcensparender Ansatz.


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