Geldschöpfung selbstgemacht

geschrieben von libertär am 10. Februar 2011, 10:37 Uhr

Keineswegs soll hier zum Gebrauch von Geld geraten werden. In einer Peerökonomie ist Geld überflüssig. Doch zurzeit ist das Geld noch nicht abgestorben und leider für die meisten Menschen noch notwendig. Das herkömmliche Geld – das Bargeld und Buchgeld von Währungen – hat jedoch einige Nachteile: Um sein Geld effizient zu verwalten und zu transferieren, benötigt man ein Konto bei einer Bank. Für viele „Problemkunden“ mit einem Einkommen und einem Transaktionsvolumen, die zu niedrig für ein profitables Geschäft der Bank sind, ist bereits ein Konto zu eröffnen und zu behalten eine große Hürde. Weitere Probleme sind das staatliche Ausspähen des Kontos und die nicht kontrollierbare Verwaltung des Kontos durch die Bank, was geradezu zur Unterschlagung von Kundengeldern einlädt. Zudem sind Transaktionen nicht anonym durchführbar. Geldbewegungen werden von den beteiligten Banken, von zentralen Organisationen und teilweise im Ausland erfasst. Kurzum: der zentralistische Aufbau des Geldsystems ist eine Ursache für die meisten Probleme seiner schwächsten Nutzer mit diesem System. Gebraucht wird eine digitale Variante des Bargelds. Sie sollte aber nicht von zentralen Instituten abhängen, damit die Nutzer jederzeit die Kontrolle über ihr Vermögen und ihr Zahlungssystem haben. In einem solchen System hätte z.B. kein Einzelner die Macht, einen Teilnehmer auszuschließen. WikiLeaks etwa wäre vor der finanziellen Austrocknung gefeit gewesen. Ein Geldsystem, das diese Anforderungen erfüllt, gibt es bereits.

Ein P2P-System für Zahlungen

Ripple [1] (dt. sich kräuseln; plätschern) ist ein Softwareprojekt, das die Basis für Implementierungen dezentraler Geldsysteme legen soll. Eine frühe Implementierung ist Ripplepay [2]. Ripple ist keine Währung, da jeder Teilnehmer Geld schöpfen kann und keine Hierarchie bei Ausgabe und Fluss des Geldes existiert. Es ist eine vermittelnde und buchführende Infrastruktur für Zahlungen, ein P2P-Zahlungssystem. Im System können alle Währungen transferiert werden, die die an einer Transaktion Beteiligten unterstützen. Das System beinhaltet nur soviel Geld wie seine Nutzer im gegenseitigen Vertrauen geschöpft haben. Es involviert ein Vertrauensnetz (Web of trust [3]), das sich sehr leicht spinnt, weil Vertrauensbeziehungen transitiv [4] sind. D.h. jeder Teilnehmer vertraut nicht nur den Teilnehmern, denen er sein Vertrauen ausspricht, sondern auch allen, denen diese Teilnehmer vertrauen, usw.

So entsteht das Geld

Dasselbe Prinzip wie bei den (zentralen) Banken findet bei Ripple Anwendung. Schulden gelten als Geld, ein Zahlungsversprechen ist ebenso gut wie eine Zahlung. Geld entsteht, indem Vertrauen gespendet (= Kredit gewährt) und im Gegenzug ein Zahlungsversprechen abgegeben wird. Ein Beispiel: A will bei B Güter im Wert von 10 € einkaufen. Also schreibt A –Ich schulde dir 10 €– auf einen Zettel und unterschreibt ihn. Nur wenn B dem A vertraut, d.h. ihm mindestens einen Kredit über 10 € gewährt, kann A mit B den Zettel gegen die Güter tauschen. In unserem hierarchischen Bankensystem funktioniert das üblicherweise nicht, weil nur Banken Vertrauen gewähren. Nur die amtlichen Schuldscheine (Münzen und Banknoten) sind allgemein gültig. Banken sind die zentralen Vermittlungsstellen zwischen Vertrauensanbietern und Geldanbietern. Sie haben das Informationsmonopol darüber, welche Kreditnehmer wie vertrauenswürdig sind. Kreditgeber und Kreditnehmer finden über Banken nicht direkt zueinander. Die Bank ist der zentrale Wegelagerer, der Geschäfte nur mit ihr zulässt statt direkt zwischen den beteiligten Personen.

Mit Ripple dagegen kann jeder anderen Personen Vertrauen in beliebiger Höhe aussprechen. Das ermöglicht, dass niemand direkt einem Zahlungssender vertrauen muss. Es genügt, wenn ihm über eine Verbindung aus mehreren Personen vertraut wird. Umgekehrt lassen sich auch problemlos Fremde bezahlen, weil sich im Vertrauensnetz über vertrauenspendende Mittelspersonen sehr leicht Kontakte mit Personen, die eine Zahlung akzeptieren, finden lassen.

Transaktionen

Eine Zahlung ist eine Übertragung eines Zahlungsversprechens. Nach der Theorie des Debitismus [5] entspricht eine Instanz von Geld (z.B. eine Banknote) einem Schuldschein. Eine Banknote zu überreichen galt tatsächlich als Transfer eines Zahlungsversprechens der Zentralbank, bei Einlösung Gold zum aufgedruckten Wert abzugeben. Heute repräsentiert immerhin Buchgeld (auf Girokonten) das Versprechen einer Bank, den Wert in Bargeld auszuzahlen. Und das ist wiederum tauschwertloses (aber nicht wertloses!) Papier, das seinen Wert aus dem Vertrauen in seinen Aussteller, die Zentralbank, bezieht.

Mit Ripple ist nun jeder Nutzer eine Bank und kann Geld schöpfen. Dazu gewährt ein Nutzer einem anderen Nutzer, dem er vertraut, einen Kredit in bestimmter Höhe. Er muss nun Schuldscheine maximal im Umfang des gewährten Kredits von dem anderen Nutzer akzeptieren. Schuldscheine fungieren als Geld und können an Freunde weitergegeben werden, und zwar höchstens in dem Maße, wie die Freunde dem Zahlenden vertrauen. Soll eine Transaktion zwischen nicht befreundeten Personen stattfinden, sucht das System einen Pfad zwischen den Beiden, der nur über Personen führt, die sich vertrauen. D.h. vom Empfänger der Zahlung besteht eine Vertrauenskette bis zum Sender. Jeder der Beteiligten (außer dem Sender und Empfänger natürlich) hat nach der Transaktion genauso viel Guthaben oder Schulden wie zuvor.

Sicherheiten

Jeder kann mit der quelloffenen [6] Software ein eigenes Zahlungssystem einrichten. Es gibt also nicht bloß ein dezentrales System, sondern bei Bedarf können beliebig viele Zahlungssysteme entstehen. Der offene Quellcode trägt auch deshalb zur Sicherheit bei, weil viele Menschen darin nach Fehlern und unsicheren Methoden suchen können und überprüfen können, ob die Software überhaupt das leistet, was sie angeblich leisten soll. Über das gesamte Geld im System verfügen ausschließlich die Nutzer, und zwar jeder nur über sein eigenes Geld. Es gibt keine zentrale Verwaltung und Ausspähung. Auch eine partiell anonyme Teilnahme ist nicht ausgeschlossen. Ein Nutzer entspricht im System einer Identität (gekoppelt an eine Emailadresse). Inwiefern diese Online-Identität mit Daten zur realen Person unterfüttert wird, bleibt jedem selbst überlassen. Doch Kreditvergabe, die ja Vertrauen voraussetzt, hat noch nie zwischen anonymen Partnern funktioniert. Persönlich müssen sich Freunde also zwangsläufig kennen. Allerdings können Fremde, die eine Transaktion durchführen, füreinander anonym bleiben und müssen auch nur ihren jeweiligen Freunden bekannt sein, da das System über die vermittelnden befreundeten Personen eine Beziehung herstellt.

Der Gebrauchswert von Ripple

Die Intention hinter Ripple ist, Geld zu einem sozialen Werkzeug zu machen, das ohne institutionelle und staatliche Beschränkungen geschaffen und eingesetzt werden kann. Eine Finanzbürokratie samt zentralistischem Vertrauensmanagement, wie derzeit mit unserem Bankwesen gegeben, ist unnötig, wenn jeder ein paar Freunden Vertrauen spendet. Die privaten Beziehungen, die jeder Mensch selbst zu pflegen in der Lage ist, werden mit Ripple für eine große Gesellschaft von Fremden nutzbar gemacht. Die Wertspeicherung, Buchführung und Zahlung für die Benachteiligten der heutigen Finanzökonomie und in einem frühen Stadium der Peerökonomie der Zahlungsverkehr mit projektexternen, kapitalistischen, Handelspartnern sind denkbare Anwendungsbereiche von Ripple. Dieses Projekt zeigt deutlich, welch ungeahntes Produktivitätspotenzial durch P2P-Technologie freigesetzt werden kann. Die gesamte Finanzbürokratie, die das Wissen über die gespeicherten Werte der Gesellschaft und die Vertrauenswürdigkeit Einzelner seit Jahrhunderten monopolisiert, wird durch eine simple informationstechnische Netzwerklösung obsolet. Ehemalige Arbeiter in diesem Sektor könnten fortan einer produktiven Tätigkeit nachgehen und der Arbeitsaufwand der Gesellschaft würde sinken. Der Kapitalismus belohnt zwar nicht generell Ineffizienz, doch haben sich offenbar immer wieder selbststabilisierende Strukturen entwickelt, die ohne technisch-soziale Innovationen – sozusagen sprunghafte Fortschritte der Produktivkräfte – eine gewisse Ineffizienz nicht überwinden können. Man denke etwa an das Gesundheitswesen, das nicht Kranke heilen, sondern Krankheiten möglichst kostenintensiv pflegen soll, um den Profit zu maximieren. Ein Wettbewerb um die effizienteste Heilung findet nicht statt.

Das Ripple-Projekt hat keine utopischen, reformistischen, Ambitionen. Es stellt ein vollwertiges kapitalistisches Zahlungssystem bereit, das Zentralisationsprozesse weder anregt noch behindert. Im System können sich selbstverständlich Banken bilden und Zins kann etabliert werden. Das System ist, was seine Nutzer daraus machen. Ripple ist sicher kein dauerhaft erstrebenswertes Ziel für Freunde des Kommunismus oder der Peerproduktion; es ist lediglich eine optimale Übergangslösung für die Probleme des kapitalistischen Finanzwesens, bis Geld schließlich für die Gesellschaft „zu teuer“ und somit völlig nutzlos wird.

Weiterführende Links:


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URLs in diesem Beitrag:

[1] Ripple: http://ripple-project.org/

[2] Ripplepay: http://ripplepay.com/

[3] Web of trust: https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Web_of_Trust

[4] transitiv: https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Transitivit%C3%A4t_%28Mathematik%29

[5] Debitismus: https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Debitismus

[6] quelloffenen: http://ripple-project.org/Main/Implementations

[7] Einführende Videos: http://ripple-project.org/Main/Videos

[8] 1: http://www.youtube.com/watch?v=7onj4BMLpdg

[9] 2: http://www.youtube.com/watch?v=s512x58dqDg

[10] 3: http://www.youtube.com/watch?v=ySzqM5dpF7s

[11] P2P Can Cut Banks Out Of The Picture: Ripple: http://www.masternewmedia.org/news/2005/06/27/p2p_can_cut_banks_out.htm

[12] Ripplepay FAQ: http://ripplepay.com/faq/

[13] Diskussion über Ripple: http://groups.google.com/group/rippleusers/

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