Wachstumsrücknahme?

geschrieben von Stefan Meretz am 18. März 2010, 14:22 Uhr

[1]Ein neues Modewort [2] macht die Runde: Décroissance, decrescita, decrecimiento, degrowth — übersetzt mit Wachstumsrücknahme. Auf der gleichnamigen Website [3] heisst es:

Das Ganze hat ein Ziel: die Demokratie und das Überleben auf unserem Planet zu retten.

Demokratie als erste Sorge? Leuchtet mir nicht ein. Überleben auf dem Planeten schon eher. Aber wie, durch Rücknahme von Wachstum? Hier wird offensichtlich Wachstum mit Wirtschaftswachstum verwechselt. Das geschieht, wenn man »Wirtschaft« als alleinige Produktionssphäre ansieht, aber die anderen zwei Drittel notwendiger Tätigkeiten, die eine Gesellschaft braucht, total ausblendet. Oder doch nicht? Dann wäre es noch schlimmer.

Das Wirtschaftswachstum zu stoppen und zurückzunehmen, ist eine absolut sinnvolle Idee [4]. Die Idee der Rücknahme von Wachstum als solchem hingegen scheint mir so falsch wie nur irgendwas und zudem brennend gefährlich. Warum?

Zunächst zum Wirtschaftswachstum. Das Wachsen der Wirtschaft ist fast schon eine Tautologie, denn eine nicht wachsende Wirtschaft ist eine Krise. Wirtschaft muss also wachsen, sonst ist sie keine mehr, jedenfalls keine gute mehr. Diese Logik ist kein Ergebnis dummer Menschen, die »immer mehr« wollen, irgendwie, sondern eingebautes Funktionsprinzip. Ich nenne nur zwei Bausteine, die eigentlich allen bekannt sind: (1) Reichtum hat Geldform, (2) Wer sich nicht rechnet, fliegt.

Der erste Baustein sorgt für die Maßlosigkeit, der zweite für die Dynamik. Geld ist abstrakter Reichtum und kann beliebig, also grenzenlos vermehrt werden. Wer sich nicht rechnet (als Firma oder Arbeiter), wird vom Markt gefressen. Also selber andere zuerst fressen, ist die Logik. Mehr und billiger und besser und schneller als andere produzieren, bevor die es machen. Resultat: Wirtschaftswachstum. Wirtschaft ist ein selbstreferenzielles System.

Könnte man vereinbaren, Wirtschaftswachstum sein zu lassen? Nein, das ist ausgeschlossen. Es sei denn als Krise, aber die will keiner. Gleichwohl hat im letzten Jahr nichts mehr der Welt-CO2-Bilanz geholfen wie die Krise. Das ist schon schizophren. Wirtschaft ist schizophren.

Nun zum Wachstum als solchem. Soll das zurückgehen? Nein, das halte ich weder für sinnvoll, noch für überhaupt vertretbar. Soll die Botschaft an die Armen in der Welt und hier sein: Nix da mit Verbesserung eurer Lage, denn Wachstum darf es nicht geben? Sorry, ein Ende des Sterbens aufgrund von Unterernährung und Krankheiten ist nicht drin? Das wäre zynisch. Schlimmer noch: Dieser Diskurs kann von den Bevölkerungspolitikern und Rassisten dieser Welt leicht okkupiert werden: Es gibt zu viel Menschen auf diesem Planeten, das Bevölkerungswachstum muss gestoppt werden. Unerträglich und brandgefährlich.

Was ist zu tun? Die Aussage muss sein: Das Wirtschaftswachstum muss gestoppt werden, damit wir wachsen können. Bei Lichte besehen heisst das: Wirtschaft als solche, mit dieser Logik, muss gestoppt werden. Eine andere Art und Weise des Produzierens muss her, eine jenseits von Markt und Staat und Wachstumszwang. Eine, die die ungesehenen zwei Drittel der produktiven Tätigkeiten, die nicht in Wert gesetzt werden und deswegen nicht als »Wirtschaft« gelten, ans Tageslicht holt und anerkennt. Eine Produktionsweise mit konkretem, sinnlichem Reichtum, aber ohne sich-rechnen-müssen.

»Gegen Wachstum« ist ein Unding, »gegen Wirtschaftswachstum« ist besser, aber eigentlich muss die Losung also lauten: Gegen Wirtschaft. Aber ich verstehe, wenn das keiner versteht.


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[1] Bild: http://www.keimform.de/wp-content/uploads/2008/11/sugar-economy.jpg

[2] neues Modewort: http://www.gemeingueter.de/651/wachstumsruecknahme-jetzt/

[3] Website: http://wachstumsruecknahme.qsdf.org/

[4] sinnvolle Idee: http://www.social-innovation.org/?p=837

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