Rezension »Suchmaschinen«

geschrieben von Stefan Meretz am 13. Dezember 2010, 07:03 Uhr

[1](Rezension erschienen in: »Das Argument« [2], Nr. 288/2010)

Gugerli, David, Suchmaschinen. Die Welt als Datenbank, Suhrkamp, Frankfurt/M 2009 (118 S., br., 10 €)

Eine Suchmaschine ist primär keine technische, sondern eine soziale Konstruktion, und als solche bewegt sie sich im Spannungsfeld konfligierender Interessen »zwischen jenen, die sie einsetzen wollen, und jenen, auf die sie angesetzt sind« (10). Ziel des Verf., Professor für Technikgeschichte an der ETH Zürich, ist es, »den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher und technischer Entwicklung herauszuarbeiten«, wozu er vier Fallbeispiele analysiert: die Fernsehshow »Was bin ich?« von Robert Lembke, die Sendung »Aktenzeichen XY« von Eduard Zimmermann, das Konzept der »Kybernetik der Polizei« des früheren BKA-Präsidenten Horst Herold und die Entwicklung einer allgemeinen Abfragesprache durch den Datenbanktheoretiker Edgar F. Codd.

Während Lembkes ›Suchmaschine‹ per Rateteam für die »Erwartungssicherheit […] stabiler Zuordnungen zwischen Person und Beruf« (36) steht, beruht Zimmermanns ›Suchmaschine‹ auf »einem der älteren Generation sehr vertrauten Verfahren der Durchsetzung von Normen« (39), der Mobilisation des Volkskörpers zur Ermittlung des Devianten durch Denunziation. Zimmermann selbst verglich die – statistisch bedeutungslose – Fernsehfahndung bereits mit dem »Wirkungsprinzip einer elektronischen Datenbank, aus der man […] erstaunlich präzise Informationen abrufen kann« (42), doch erst BKA-Chef Herold realisierte diese Vision, indem er die flächendeckende und vernetzte Computerausstattung der Polizei durchsetzte und für die Vereinheitlichung der digitalisierten Datenbestände sorgte. Dies ermöglichte eine Mustererkennung wie sie als Rasterfahndung während des ›Deutschen Herbstes‹ zum Einsatz kam. Codd schließlich entwickelte mit der relationalen Datenstrukturierung jenes Konzept, das heute den meisten Datenbanken und webbasierten Suchmaschinen zugrunde liegt. Leider versäumt es der Verf., die ursprüngliche Motivation Codds, die Suche den Experten zu entreißen und sie einem »informationstechnisch inkompetenten, aber abfragetechnisch urteilssicheren Kreis von zukünftigen Nutzern« (71) zu übergeben, auf ihre Realisierung hin zu untersuchen. Er hätte feststellen müssen, dass die entwickelte Abfragesprache den »urteilssicheren Nutzern« keineswegs leichter zugänglich war. Erst mit der Reduktion der Komplexität von Abfragen auf ein Eingabefeld durch Google wurde aus der Benutzung von Suchmaschinen ein Massenphänomen.

Insgesamt enttäuscht der Essay. Abgesehen von wagen Hinweisen darauf, dass die vier »völlig unterschiedlichen Objekte« dazu beigetragen haben, dass »programmiertes und technisiertes Suchen in den vergangenen vier Jahrzehnten den Status einer selbstverständlichen Praxis erhalten« (92) habe, wird nicht klar, welche These die vier Beispiele begründen oder illustrieren sollen. Der Verf. verpasst die Chance, sie als Elemente einer Sozialgeschichte des Suchens zu interpretieren, indem ihm der Begriff der ›Suchmaschine‹ unter der Hand Mittel und Zweck verkehrt.


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