Mit Hilfe von Computern den Kapitalismus ablösen

geschrieben von Stefan Meretz am 24. Januar 2010, 22:07 Uhr

[1]Stefan Merten, Maintainer des Oekonux-Netzwerkes [2], wurde im Rahmen der Tour de Lorraine 2010 [1] von Marina Bolzli interviewt [Repost aus der Oekonux-Liste [3]].

Abstract: So wie die mechanischen Erfindungen der Aufklärung Voraussetzung für die Entwicklung des Kapitalismus waren, so ist die Entwicklung von Computern Voraussetzung für das neue System“, sagt Stefan Merten, Betreiber der virtuellen Plattform Oekonux, die sich der wissenschaftlichen Bearbeitung des Themas verschrieben hat. Das neue System heisst Peer Production und soll dereinst den Kapitalismus ablösen.

Stefan Merten betreibt die virtuelle Diskussionsplattform Oekonux, die er 1999 gegründet hat. Die Plattform hat sich dem Ziel verschrieben, Peer Production und dessen gesamtgesellschaftlichen Potentiale auf wissenschaftlicher Basis zu erforschen und zu verstehen. Oekonux besteht ausschliesslich aus Freiwilligen. Konkret gibt es einige Mailing-Listen, von denen die englischsprachige die wichtigste ist. Ausserdem gab es bislang vier internationale Konferenzen. Ein wichtiges aktuelles Projekt, das von Oekonux ins Leben gerufen wurde, ist ein wissenschaftliches Journal, das gerade in der Aufbauphase ist. Stefan Merten wird am Alternativenmärit am 23. Januar einen Workshop durchführen. Mehr Infos finden sich auf http://www.oekonux.org/ [2]

Das Interview

Stefan Merten, die Peer Ökonomie ist eine Weiterentwicklung der Freien Software auf andere Bereiche – aber was ist Freie Software überhaupt?

Freie Software ist auf zweierlei Arten frei: Erstens sind die Quellen der Software verfügbar, veränderbar und weitergebbar. Diese Verfügbarkeit der Freien Software hat zur Folge, dass sie in der Praxis nicht verkauft werden kann, sich also nicht als Ware eignet. Diese Freiheiten werden in der Regel durch spezielle Lizenzen juristisch abgesichert.

Was ist die zweite Art Freiheit?

Auf der Seite des Produktionsprozesses ist es so, dass auch heute noch Freie Software zu einem ganz erheblichen Teil von Freiwilligen geschrieben wird. Von Menschen also, die für ihre Tätigkeit kein Geld bekommen. Diese Freiwilligkeit ist ein ganz wichtiges Anzeichen dafür, dass hier Selbstentfaltung stattfindet. Platt gesagt: Menschen tun gesamtgesellschaftlich sinnvolle Dinge und haben Spass dabei. So sind zum Beispiel Linux, aber auch Thunderbird, Firefox und OpenOffice entstanden – das sind Programme, die heute auch von normalen Windows-UserInnen problemlos angewandt werden können.

Inwiefern ist Freie Software also mit Ideologien verbunden?

Die kurze Antwort ist: Gar nicht.

Und die lange?

Die lange Antwort ist, dass sich mit Freier Software die unterschiedlichsten Ideologien verbinden. Richard Stallman, einer der Urväter Freier Software, ist im US-amerikanischen, linksliberalen Sektor zu verorten. Eric S. Raymond, einer der Erfinder des Begriffs „Open Source“ gehört meines Wissens zu den Libertarians, die man am besten als rechte AnarchistInnen beschreiben kann. Linus Torvalds, der Erfinder von Linux, ist zwar sozialdemokratisch vorgeprägt, folgt aber recht explizit keiner politischen Ideologie. Diese Haltung wichtiger Köpfe der Community setzt sich in der Community ungebrochen fort. Auch dort sind alle Ideologien zu finden. Diese Neutralität gegenüber politischen Ideologien kann ein wichtiger Hinweis darauf sein, dass es sich bei Freier Software eben nicht um ein politisches Projekt, sondern um etwas anderes handelt. Viele TeilnehmerInnen der Plattform Oekonux sind davon überzeugt, dass wir hier einen grossen Schritt in der historischen Produktivkraftentwicklung live und in Farbe beobachten können.

Wie sieht dieser Schritt aus? Welche Produktivkraftentwicklung? Erzählen Sie weiter.

Unter Produktivkräften versteht man das, was einer bestimmten Gesellschaft und ihrer Produktionsweise an Möglichkeiten zur Verfügung steht. Im Kapitalismus ist dies gegenüber früheren Systemen vor allem die Möglichkeit industrialisierter Produktion mit all ihren Konsequenzen wie z.B. Massengesellschaften. Von Produktivkraftentwicklung sprechen wir, wenn eine bestimmte, historische Konstellation von Produktivkräften sich so verändert, dass eine neue Produktionsweise und damit auch neue Produktionsverhältnisse möglich werden. In Peer Production sehen wir das geschehen: Selbstentfaltung als in dieser Weise neue, wichtige Produktivkraft verändert die Art und Weise wie produziert wird ganz offensichtlich nachhaltig.

Das heisst, keine politische Ideologien, aber politischer Wandel?

Wenn wir hier tatsächlich einen Schritt in der Produktivkraftentwicklung erleben, dann ist das natürlich hochpolitisch. Der letzte Schritt in dieser Größenordnung – die Entstehung des Kapitalismus – hat die Welt verwandelt wie nichts vorher. Insofern ist das Konzept, dass wir hinter Freier Software zu erkennen glauben, ein absolut Politisches. Es ist allerdings kein Konzept, wie weite Teile der Linken sich das immer vorgestellt haben.

Das heisst?

Auf dem Feld der Produktivkraftentwicklung war die Linke in ihrer Geschichte fast nie unterwegs. Das ist insofern auch nicht weiter verwunderlich, als dass erst die modernen technischen Möglickeiten einen solchen Schritt überhaupt erst möglich machen. So wie die physikalischen Erkenntnisse und mechanischen Erfindungen der Aufklärung Voraussetzung für die Entwicklung des Kapitalismus waren, so ist die Entwicklung von Computern und universeller Fernkopiereinrichtungen – auch bekannt als Internet – Voraussetzung für Peer Production.

Das klingt nach schöner Theorie. Ist hier auch Realpolitik im Spiel?

Nun, mit Realpolitik ist das Thema insofern verbunden, als dass Freie Software für heutige politische Akteure zunehmend ein Feld wird, mit dem sie sich auseinandersetzen müssen. Gerade in Europa aber auch in vielen Ländern der Dritten Welt gibt es auf der politischen Ebene durchaus Bemühungen, sich Freier Software anzunähern. Dabei spielen Themen wie die Unabhängigkeit von US-amerikanischen Quasimonopolen eine erhebliche Rolle.

Was meinen Sie damit?

In einer Zeit, in der Computer-basierte Infrastruktur für Staaten überlebenswichtig wird, steigen ganz einfach die Sicherheitsbedenken, wenn einzelne US-amerikanische Firmen wie beispielsweise Microsoft große Teile der Computer-Landschaft mit ihren Betriebssytemen und anderen Programmen beherrschen. Da kommt Freie Software als Alternative äußerst gelegen – denn im Zweifelsfall kann sich wegen der Verfügbarkeit der Quellen jeder davon überzeugen, ob sie sicher ist. Daneben bietet Freie Software auch wirtschaftliche Möglichkeiten, da die Services rund um Freie Software sehr wohl verkauft werden können. Dies stärkt den heimischen Arbeitsmarkt und fördert die Konkurrenzfähigkeit. Für ärmere Länder kommt noch hinzu, dass Freie Software kostenlos zur Verfügung steht.

Ich kann mir das immer noch nicht genau vorstellen – erklären Sie mir bitte, wie die Peer Production in der Realität funktioniert.

Tatsächlich haben wir uns in Oekonux darauf geeinigt, den Begriff Peer Production als Verallgemeinerung dessen zu verwenden, was wir in Freier Software in konkreter Form sehen können. Ein prominentes anderes Beispiel für Peer Production ist Wikipedia, die auf ganz ähnlichen Prinzipien beruht wie Freie Software. Hier wie dort sind es Freiwillige, die es als ihre selbstgewählte Aufgabe betrachten, Dinge zu tun, die für andere nützlich sind. Nicht, weil sie dazu gezwungen sind, sondern weil sie die Tätigkeit selbst lieben, weil sie es als ihr Ding verstehen, Programme oder Wikipedia-Artikel zu schreiben. Diese Prinzipien der Selbstentfaltung kennen wir übrigens nicht erst seit Peer Production. Vielmehr beruhen wichtige Teile der Gesellschaft schon immer darauf. Neu ist lediglich, dass diese Prinzipien, die gleichzeitig die Prinzipien eines erfüllten Lebens sind, heute gesamtgesellschaftlich immer mehr dazu in der Lage sind, das bestehende, auf Entfremdung und damit Entmenschung beruhende Prinzip des abstrakten Tauschs zu ersetzen. Wie eine weitere Verallgemeinerung von Peer Production hin zu einer Gesellschaft, die zum überwiegenden Teil auf deren Prinzipien beruht, konkret aussehen kann, betrachte ich allerdings als offenes Forschungsthema. Oekonux widmet sich diesem Thema seit einiger Zeit verstärkt.

Konkreter können Sie nicht werden?

Generell ist zu sagen, dass es nicht leicht ist, hierzu seriöse Aussagen zu machen. Wir befinden uns am Beginn einer Umbruchsphase zwischen zwei gesellschaftlichen Großsystemen und wenn auch Ausgangs- und Endpunkt einer solchen Phase einigermassen präzise beschrieben werden können, so ist die Umbruchsphase selbst doch durch chaotische Abläufe geprägt, die kaum konkret vorhergesagt werden können. Das sehe ich aber auch grosse Chance: Schon kleine Aktionen können in einem chaotischen System zu grossen Wirkungen führen.

Kann die Peer Production als Modell für die Gesellschaft dienen?

Wenn wir sagen, dass mit Peer Production ein neues Produktivkraftmodell entsteht, dann sagen wir letztlich, dass dieses in der Lage ist, den Kapitalismus – das aktuelle Produktivkraftmodell – zu überwinden.

Ist das realistisch?

Absolut.

Oder anders: werden wir das noch erleben?

Kommt ein bißchen auf Ihr Alter an 😉 . Was wir heute erleben, ist, dass wir Produkte aus Peer Production heute schon nutzen können. Diese Produktion setzt heute schon Kapitalismus stellenweise außer Kraft. Wir sehen weiter, dass dieses Prinzip, das mit der Freien Software vor nicht mal 30 Jahren geboren wurde, sich ausbreitet. Ich sehe derzeit keinen Grund, warum diese Ausbreitung nicht kontinuierlich weiter gehen sollte. Wann es „den ganzen Laden“ übernehmen kann, ist sicher nicht seriös zu beantworten. Aber wir sollten auch nicht vergessen, wie schnell letztendlich der Ostblock zusammengebrochen ist…

Weshalb setzen Sie sich für die Peer Production ein?

Ich habe mich sehr lange als Linker verstanden. Mit der Entdeckung des Potentials Freier Software und später des Konzepts von Peer Production habe ich allerdings eine ganz neue Dimension entdeckt, die zwar mit Marx’schen Kategorien recht gut beschrieben werden kann, die aber mit dem, was ich aus der Linken kenne, nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Und die viel, viel aussichtsreicher für eine grundlegende Veränderung ist als das, was normalerweise unter linker Politik verstanden wird. Diese Kraft kommt eben genau aus dem neuen Produktivkraftmodell. Bei Peer Production ist das Konzept der Selbstentfaltung ganz entscheidend. Für mich ist der Knaller an diesem Konzept, dass es individuelles Glück mit gesamtgesellschaftlichen Notwendigkeiten harmonisch verbindet. Mir ist kein anderes Konzept bekannt, bei dem das so ideal und in der Praxis überprüfbar gelänge.

Wo ist das denn in der Praxis überprüfbar?

Nun, im Grunde in jedem Peer-Production-Projekt. Freie Software und Wikipedia hatte ich schon genannt. OpenAccess (Freie Wissenschaft) wäre ein weiteres Beispiel, aber auch auf dem Gebiet der Musik gibt es zahlreiche Initiativen. Um es nochmal an der Freien Software deutlich zu machen: Wir reden innerhalb der Software-Branche hier von keinem kleinen Phänomen. Mittlerweile spielt Freie Software überall mit und ist nicht mehr wegzudenken. Tatsächlich befindet sich nach meinem Dafürhalten Peer Production in der Software-Branche schon sehr weit. Hier ist die „Übernahme des ganzen Ladens“ nicht mehr abwegig.

Und weshalb ist das nötig?

Nötig ist das, weil der Kapitalismus am Ende ist. Spätestens die Finanzkrise macht das überdeutlich. Wichtiger aber noch: Die Finanzkrise wird genau mit den Mitteln bekämpft, die sie erst ausgelöst haben. Jetzt werden die Grundlagen für die nächste, noch grössere Krise gelegt. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine systemimmanente Lösung auf dem heutigen Entwicklungsstand nicht mehr möglich ist. Der Grund dafür liegt darin, dass der Kapitalismus einfach zu erfolgreich geworden ist. Die Verwertung menschlicher Arbeit – die Grundlage dieses Systems – funktioniert auf Grund der ständig steigenden Automatisierung immer schlechter. Das führt zur Paradoxie, dass ein gutes Leben für ganz viele heute von der Seite der Produktionsmittel her leicht möglich wäre, leider dieses gute Leben aber nicht durch das sich verkleinernde Nadelöhr der Kapitalverwertung passt. Deswegen existieren unerhörte Potentiale direkt neben tiefster Armut.

Wie könnte die Peer Production dem Abhilfe schaffen?

Peer Production ändert das Koordinatensystem. Ein Äquivalententausch ist unter Bedingungen der Peer Production nicht nur nicht üblich, sondern sogar tendenziell schädlich. Wenn aber gesellschaftlich nützliche Dinge nicht mehr wegen des Profits geschaffen werden, sondern weil sie nützlich sind, dann haben wir es mit ganz neuen Bedingungen zu tun. Wir haben dann ein neues Koordinatensystem, bei dem nicht mehr das Geld im Mittelpunkt steht, sondern der Mensch – und selbstverständlich auch die natürliche Umwelt. Das ist für heutige Menschen sicher schwer vorstellbar. Aber für einen mittelalterlichen Menschen wäre unsere geldzentrierte Lebensweise ebenfalls unvorstellbar gewesen.

Geht das Prinzip Peer Ökonomie nicht von einem zu guten Menschenbild aus?

Nein, Peer Production geht eben gerade nicht von einem guten Menschenbild aus – eine weitere, wesentliche Stärke. Das ist schon daran zu sehen, dass die unterschiedlichsten Menschen sich an Peer-Production-Projekten beteiligen – und das sind nicht alles bessere Menschen. Das Konzept der Selbstentfaltung beruht darauf, dass Menschen ihre Interessen verfolgen. Allerdings tun sie das unter Bedingungen der Selbstentfaltung nicht unter entfremdeten Bedingungen wie im Kapitalismus, sondern unter ihren eigenen, je konkreten. Dafür braucht es keine guten Menschen, sondern die richtigen Bedingungen. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir heute in einer Zeit leben, in der die Bedingungen für Selbstentfaltung auf einer gesamtgesellschaftlichen Basis nicht nur theoretisch, sondern auch ganz praktisch heranwachsen. Oder anders: Wir leben in spannenden Zeiten!


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[2] Oekonux-Netzwerkes: http://www.oekonux.org/

[3] Oekonux-Liste: http://www.oekonux.de/liste/archive/msg12843.html

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