Eine neue Phase

geschrieben von Benni Bärmann am 30. Januar 2010, 18:09 Uhr

Die Existenz des Internets hat ganz neue Möglichkeiten für Commons Based Peer Production [1] geschaffen. Schon von Beginn an, hat sich diese Produktionsweise parallel mit dem Internet verbreitet. Von Anfang der 90er Jahre an gab es ebenso parallel mit dem Internetboom einen Peer-Production-Boom. In einer Vielzahl von Bereichen auch außerhalb des Netzes haben sich Menschen von diesem Boom inspirieren lassen. Dieses Blog ist voll von diesen Beispielen.

Ich denke aber, dass seit ca. 2-5 Jahren eine ganz neue Phase in dieser Entwicklung eingetreten ist. Ich will zunächst zwei Bedrohungen aufzählen, die ich charakteristisch für diese neue Phase halte:

  • Nach vielen missglückten Versuchen ist es gelungen Geschäftsmodelle zu finden, mit denen sich im Netz Content im großen Stil an die breite Masse verkaufen lässt. Dafür steht zB. World of Warcraft aber vor allem die Stores von Apple in denen sie zunächst Musik, später auch Filme und Software verkauft haben. Letzteres bietet zum ersten Mal eine Plattform, die die Transaktionskosten für Softwareentwickler, die ihre Werke verkaufen wollen massiv senkt. Wenn ich eine IPhone-App entwickelt habe, aber keinen Vertrieb im Rücken habe, ist es nicht mehr das natürlichste der Welt, sie als Freie Software ins Netz zu stellen sondern es ist das natürlichste der Welt sie für ein paar Cents im App Store zu verticken. Wenig Aufwand und eine kleine Chance durch millionenfachen Absatz reich zu werden. Wer kann da nein sagen? Dem entsprechend ist das Angebot an Freier Software auf dem Iphone zwar vorhanden [2], aber wohl so gering wie auf keiner anderen Plattform. Mit der Präsentation des IPad hat Apple jetzt die nächste Stufe dieser Strategie gezündet. Kaum kommt das Verlagswesen durch die neuen Verteilungswege im Netz in ernste Probleme, präsentiert Apple ein Gerät, dass die Nutzer wollen, weil es so einfach wie eine Zeitung zu bedienen ist und fast so mächtig wie ein Computer. Die Verlage wollen es aus noch viel mehr naheliegenden Gründen, sie sehen eine Chance der Umsonstspirale im Internet zu entkommen. Entsprechend anbiedernd fällt die Berichterstattung aus. Dazu noch die religiöse Verzückung der Hardcore-Apple-Fans und fertig ist der Mega-Hype. Und auch da gilt: Heute ist es beim publizieren im Netz naheliegend, kein Geld zu nehmen. Selbst Werbung zu schalten ist aufwendig und lohnt sich meist nicht. Das IPad will das ändern. In der Summe bedeutet das vor allem schlechte Aussichten für Freien Content und Freie Software auf mobilen Geräten und die sind wohl unbestritten die Zukunft der Internetnutzung.
  • Wenn man sich nach Alternativen umschaut, kommt man zur Zeit nicht an Android [3] vorbei. Das sieht erstmal deutlich besser aus. Es ist ein Linux-Abkömmling für Handys, das gibt schon mal Pluspunkte. Außerdem hat Google (die Android entwickelt haben) schon immer durchaus Sympathien für den Open Source Ansatz und fördert [4] viele Open Source Projekte. Im Gegensatz zum IPhone kann man auch selber Software auf den Geräten installieren und ist so immerhin nicht auf den Android Market (das Gegenstück zum App Store) angewiesen. Auf kurze Sicht und aus der Open-Source-Perspektive spricht also alles für Android. Ich glaube aber, dass von Android auf lange Sicht eine mindestens ebenso große Bedrohung für prosperierende Peer Production ausgeht. So wie einem Apple die Kontrolle über Software und Content nimmt, so nimmt einem Google die Kontrolle über die Daten. Android ist nichts anderes als eine Datensammelmaschine, und da man die tendenziell immer dabei hat, werden da richtig viele und richtig private Daten gesammelt. Das Problem sehe ich da weniger bei Google selbst. Deren Interesse an diesen Daten ist vor allem, sie für personalisierte Werbung einzusetzen. Das mag zwar teilweise etwas scary sein, noch bedrohlicher ist aber, wenn Google mit staatlichen Stellen (evntl. gezwungenermaßen) zusammenarbeitet. Dann weiß letzten Endes der Staat alles über uns, eine Situation die man selbst im Sinne der Dialektik des Datenschutz [5] nicht wollen kann. Theoretisch kann man Android zwar auch ohne all die schönen Googledienste betreiben, aber dann hat es viele praktische Features nicht mehr, so dass das in der Praxis nur die wenigsten tun.

Beides gemeinsam führt momentan meiner Meinung nach zu einer bedrohlichen Situation für die Ausweitungsdynamik von Peer Production. Es gab mal ein vielversprechendes in Soft- und Hardware Freies Projekt – OpenMoko [6], das aus dieser Falle hätte herausführen können, aber leider wird das zur Zeit nur noch langsam weiter entwickelt und hat einen technischen Stand, der weit hinter den aktuellen Smartphones zurückbleibt.

Also mein Fazit dieser Situation ist: Die Ausbreitungsdynamik von Commons Based Peer Production ist in einer kritischen Phase. Es gibt zum einen die neuen oben geschilderten Bedrohungen zum anderen aber auch mehr Aktivitäten in nicht-Software-Bereichen als noch vor 5 Jahren. Open Hardware hat meiner Meinung nach in den nächsten Jahren ein enormes Potential gerade weil sich damit ziemlich simple und direkte Geschäftsmodelle verknüpfen lassen (Siehe Arduino [7]), die Dynamik im Softwarebereich scheint mir aber sehr gefährdet. Also: Was tun?


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URLs in diesem Beitrag:

[1] Commons Based Peer Production: http://de.wikipedia.org/wiki/Commons-based_Peer_Production

[2] zwar vorhanden: http://opensourceiphonesoftware.com/

[3] Android: http://de.wikipedia.org/wiki/Android_%28Betriebssystem%29

[4] fördert: http://code.google.com/

[5] Dialektik des Datenschutz: http://www.keimform.de/2009/03/16/vom-livestream-zum-lifestream-teil-2/

[6] OpenMoko: http://de.wikipedia.org/wiki/Openmoko

[7] Arduino: http://de.wikipedia.org/wiki/Arduino-Plattform

[8] : https://keimform.de/2010/eine-neue-phase/?share=email

[9] : https://keimform.de/2010/eine-neue-phase/?share=facebook

[10] : https://keimform.de/2010/eine-neue-phase/?share=twitter

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