Wann klappt Selbstorganisation?

geschrieben von Benni Bärmann am 29. Juni 2009, 12:50 Uhr

Das ist die zentrale Frage, die Elinor Ostrom [1] mit ihrem Forschen schon seit vielen Jahren zu beantworten versucht. Eine Frage, die auch uns hier natürlich sehr interessiert. Ich war dank der Empfehlung des Commonsblogs [2] bei einem Vortrag [3] von ihr. Das Ambiente war zwar etwas bizarr, weil an einer privaten Finanz-Edeluni (gepolsterte Stühle im Hörsaal! Zentral gesteuerte Displays als Belegplan vor jeder Tür! Riesenbildschirme mit Finanznachrichten im Foyer!), aber der Vortrag war sehr interessant.

Ich kenne ihre Bücher nicht, deswegen wird das sicherlich etwas verkürzt sein, was ich hier darstellen kann, aber ich versuche mein Bestes, um an Hand der Notizen, die ich mir gemacht habe, die Grundstruktur ihrer Theorie darzulegen.

Ihre grundsätzliche Fragestellung ist, unter welchen Bedingungen das nachhaltige Bewirtschaften von „Common Pool Ressources (CPR)“ (also zum Beispiel Fischgründe, Wald, Atmosphäre, …) funktioniert. Dabei musste sie sich wohl sehr lange erstmal an der klassischen Theorie in diesem Bereich abarbeiten, die auf einen Aufsatz von Hardin mit dem Titel „Tragedy of the commons“ (Tragik der Allmende [4]) zurückgeht. Hardin sagt, dass der Eigennutz der Nutzer der Allmende immer dazu führen muss, dass diese übernutzt wird, wenn es nicht eine äußere Instanz gibt, die die Nutzungsrechte vergibt. Das Problem an dieser Theorie ist, dass sie zwar schön prägnant klingt und deshalb auch viel weitergetragen wurde, aber dass sie leider falsch ist. Das zeigen viele empirisch vorfindbare selbstorganisierte Allmenden. Sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart.

Sie arbeitet dabei auf zwei Ebenen, in dem sie zum einen spieltheoretisch inspirierte Laborexperimente und zum anderen aber auch Feldstudien auswertet. Bei all dem verlässt sie nicht wirklich den theoretischen Rahmen des homo oeconomicus (also eines Modells vom Menschen, dass diesen als rein nutzenmaximierenden annimmt). Umso erstaunlicher, wie weit sie damit kommt. Das wohl vor allem, weil sie den sozialen und ökologischen Kontext menschlichen Handelns nicht ignoriert und Menschen zwar als nutzenmaximierend, aber dennoch als lernfähig und zur Verständigung in der Lage annimmt.

Zunächst kann man auf der Ebene der spieltheoretischen Laborexperimente einige interessante Aussagen machen, was günstige Bedingungen für Selbstorganisation sind (das ist keine vollständige Liste, sondern bloß der Teil, der es bis in meine Aufzeichnungen geschafft hat):

  • Hardins Theorie stimmt dann, wenn man den Menschen im Experiment jede Möglichkeit zur Kommunikation nimmt. Umgekehrt erweitern Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten die Chancen von Selbstorganisation.
  • Sanktionssysteme funktionieren dann, wenn sie von den Beteiligten selbst gewählt sind. Von externer Stelle vorgegebene Sanktionssysteme funktionieren nicht.
  • Wenn die Reputation der Teilnehmer allen bekannt ist, hilft das der Kooperation.
  • Experimente, die lange laufen mit vielen Iterationen, erhöhen die Kooperationsbereitschaft.
  • Wenn die Teilnehmer in Gruppen interagieren hilft es dem Gesamtniveau an Kooperation, wenn man eine Gruppe verlassen und einer anderen beitreten kann.

Aus diesen Experimenten leitet sie ein knappes Dutzend Variablen ab, die auf den Kooperationsprozeß Einfluß haben (und die sich auch gegenseitig beeinflussen). Auf der Ebene der Feldstudien kommen dann nochmal ein paar Handvoll Variablen dazu. Das sind dann so Sachen wie Vorhandensein von „Leadership“, kultureller Kontext usw.

Sinn des Ganzen ist es zunächst mal eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, mit der man vorgefundene Commons-Regulierungen beschreiben kann, um dann Vorschläge machen zu können, wie denn solche Regulierungen vielleicht verbesserbar wären.

Grundsätzlich gilt dabei nach ihrer Theorie, dass Selbstorganisation dann funktioniert, wenn es eine genügend große Koalition von Individuen gibt, für die gilt, dass für sie der erwartete Gewinn durch die Regulierung der CPR größer ist als die Summe aus

  • Transaktionskosten (also der Aufwand den es Kostet zu einer Übereinkunft zu kommen)
  • Aufwand für die Implementation der neuen Regeln
  • Aufwand für das langfristige Monitoring und Maintainen der CPR

Ihr Ziel ist es, in ca. 50 Jahren eine „diagnoseorientierte sozial-ökologische Wissenschaft“ auf dem Niveau das heute die Medizin leistet zu schaffen. Sie vergleicht die Schwierigkeiten, die dabei entstehen, auch mit denen, vor denen ein Arzt steht. Zwar ist der Körper ein komplexes Gebilde in dem alles mit allem zusammen hängt, aber dennoch könnte man mit evidenzbasierter Medizin Erstaunliches leisten. Das will sie auch für die Sozialwissenschaft erreichen.

Ich persönlich fand interessant, wie viel Emanzipatorisches selbst in liberaler Wirtschaftswissenschaft stecken kann. Sie versucht ja im Grunde klassische Fragen emanzipatorischer Theorie zu behandeln. Das zeigt auch, wie wenig auf der Höhe der Zeit oft linke Kritik an liberaler Wirtschaftswissenschaft ist. Das dürfte sich ungefähr die Waage halten mit den absurden Vorhaltungen gegen den Marxismus, die man von liberaler Seite zu hören kriegt und die sich immer noch auf den Marxismus von vor 50 Jahren beziehen. Eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Theorie könnte sich also lohnen.

Für mich war dieser Vortrag auch mal wieder ein Hinweis, wie breit ein Bündnis für die Commons werden könnte, wenn es die Leute schaffen, ihre ideologischen Scheuklappen abzulegen.


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[1] Elinor Ostrom: http://de.wikipedia.org/wiki/Elinor_Ostrom

[2] Empfehlung des Commonsblogs: http://commonsblog.wordpress.com/2009/05/26/finanzmanager-und-die-commons/

[3] Vortrag: http://www.frankfurt-school.de/content/de/news/newsfolder/2009/06/19062009_n

[4] Tragik der Allmende: http://de.wikipedia.org/wiki/Tragik_der_Allmende

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