Peer-Ökonomie in der Diskussion II

geschrieben von Stefan Meretz am 20. Februar 2009, 15:07 Uhr

Nach dem ersten Teil [1], dem Vortrag von Christian Siefkes, hier nun die aufbereiteten Mitschnitte des Workshops am nachfolgenden Tag. Mit 20 Teilnehmenden war die maximale Workshop-Größe ausgeschöpft. Die Diskussion war inhaltlich sehr kontrovers (»unbarmherzig«), im Ton und dem Aufeinandereingehen dennoch sehr freundlich und konstruktiv (»fortschreitend«). Zum Auftakt trug Uli Weiß eine sehr grundsätzliche Kritik am Modell der Peer-Ökonomie von Christian vor. Leider ist die Aufnahme dieses Teils misslungen 🙁

Daher gibt es nachfolgend nur die Notizvorlage von Uli, die Grundlage seines Beitrags war.

Die sich daran anschließende Diskussion wurde dann aber komplett aufgezeichnet. Ihr findet die drei Teile bei archive.org [2].

Kein Weg aus dem Kapitalismus (Uli Weiß)

Bemerkungen zu Christian Siefkes, BEITRAGEN STATT TAUSCHEN. MATERIELLE PRODUKTION NACH DEM MODELL FREIER SOFTWARE, AG SPAK Bücher Neu Ulm 2008

Christians Ausgangspunkt:

PEER PRODUKTION (u.a. die Freie Software, Wikipedia und Blogosphäre), Gemeingüter

„Ressourcen ohne Eigentümer, die ihre Verwendung kontrollieren könnten; sie sind für alle verfügbar, die sie nutzen wollen.“
„Menschen tragen zu einem Projekt bei weil ihnen dessen Erfolg wichtig ist, nicht um damit Geld zu verdienen.“
kein „Element des Zwangs“,
Peer-Produzent/innen handeln dagegen

  • aus Vergnügen
  • aus Leidenschaft
  • aufgrund des Wunsches, etwas Nützliches zu tun und der Community etwas zurückzugeben
  • „Sie tun einfach das, was sie gerne tun; es macht ihnen Spaß, interessante Probleme zu lösen, kreativ zu sein und etwa Nützliches zu schaffen.“

Es findet KEIN TAUSCH statt.

Besonderheit bisheriger Peer-Projekte: Es werden VIRTUELLE PRODUKTE hergestellt. Sie sind

  • unbegrenzt vervielfältigbar, vernutzen sich nicht im Gebrauch
  • werden ohne jegliche äquivalente Gegenleistung, ohne Tausch/Kauf von Konsumenten genutzt

Hier ist im Keim eine Grund-FORM KOMMUNISTISCHER Tätigkeit gegeben. Im Keim deshalb, weil sie nicht gesellschaftsbestimmend ist und weil sie selbst bisher eine funktionierende kapitalistische Produktion voraussetzt.

Die tatsächliche Aufhebung kapitalistischer Produktionsweise setzte mindestens dies voraus: In dieser Form solcher freier Tätigkeiten müssten auch diejenigen Produkte geschaffen werden, die sich im Verbrauch vernutzen und die jeweils neu zu produzieren wären. Analoges gilt für Dienstleistung

Eine zivilisationsverträgliche Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise ist identisch damit, dass SCHÖPFERISCHE TÄTIGKEIT (Arbeit) selbst das entscheidende MENSCHLICHE BEDÜRFNIS ist. In dieser Form kommunistischer Tätigkeit würden dann

  • nicht nur virtuelle, unendlich verbreiterbare Produkte entstehen,
  • solcherart menschlicher Selbstzweck wäre nicht nur wie bereits in aller Geschichte für menschliche Zuwendungen charakteristisch ist (bisher in Familien, in Freundschaft, Liebe).
  • Es müssten in solcher Tätigkeit vielmehr ALLE MATERIELLEN BEDINGUNGEN menschlicher Existenz geschaffen werden.

Christian geht es um ein Modell, im dem die Prinzipien der freien Software tatsächlich verallgemeinert wären. Mit dieser Absichtserklärung nimmt er die Herausforderung an, eine Produktionsweise darzustellen, die vollständig auf dem Grundlage dieser freien schöpferischen Tätigkeit beruht.

In diesem REICH DER FREIHEIT ist wie in allen bisherigen Gesellschaften die gesellschaftliche NOTWENDIGKEIT ZU PRODUZIEREN nicht aufgehoben.

Was GRUNDSÄTZLICH ANDERS als in aller bisherigen Geschichte sein müsste, ist „nur“ die SOZIALE FORM, in der sich diese Notwendigkeit gegenüber den EINZELNEN INDIVIDUEN geltend macht. In freier Software-Produktion ist genau solches als Keim angelegt.

Ausgeschlossen dagegen ist eine Suche nach Wegen aus dem Kapitalismus, in der diese ewige Notwendigkeit menschlicher Existenz – die zu produzieren – gegenüber den EINZELNEN INDIVIDUEN und ihren GEMEINSCHAFTEN durch irgendeinen ÄUSSEREN ZWANG durchgesetzt wird.

Auch der stumme ZWANG DER ÖKONOMIE, der wie im Kapitalismus die einzelnen Individuen in Lohnarbeit oder in andere Funktionen der Kapitalverwertung treibt, ist ein solcher. Soll auch dieser Zwang ausgeschlossen sein, muss das einzelne Individuum zu seinen Lebensmitteln kommen können, OHNE selbst ein ÄQUIVALENT leisten zu müssen. Wo (außerhalb von Sklaverei, Leibeigenschaft, Frondienst) das nicht gegeben ist, wo (arbeitsfähige) Menschen zu ihrem Anspruch auf Lebensmittel nur über das Ableisten lebendiger Arbeit oder über Geld kommen, da herrschen Tauschverhältnisse. Das gilt jedenfalls für eine hocharbeitsteilige Produktionsweise. Unabhängig ob freie Konkurrenz dominiert, ob Genossenschaften eine tragende Grundstruktur der Produktion sind oder ob eher Monopole, Staatsmonopole eingeschlossen, handeln, und auch unabhängig davon, wie groß das Maß von Produktionsplanung ist – in einer solchen Produktionsweise sind die bestimmenden Produktionsverhältnisse durch WERT vermittelt.

BEITRAGEN STATT TAUSCHEN aber das FLATRATE-PRINZIP FUNKTIONIERT NICHT

Wie wird nun Christian mit dieser selbst gestellten Herausforderung fertig? Er setzt eine Grundannahme, die seinen ganzen Entwurf in eine bestimmte Richtung treibt:

Für die meisten nichtvirtuellen Produkte und Dienstleistungen gilt: Das unbegrenzte, nicht an äquivalente Gegenleistung gebundene Nutzen von Produkten – also das das FLATRATE-PRINZIP – FUNKTIONIERT NICHT. Gemessen an den heute herrschenden Verhältnisse und Gewohnheiten ist das eine realistische Einschätzung. Aber genau diese Verhältnisse will er ja infrage stellen und zwar entlang der freien Tätigkeiten, die viele Peer-Produktionen tragen.

Wenn es nicht doch wieder auf Tausch, auf Arbeitszwang hinauslaufen soll, dem etwa der doppelt freie Lohnarbeiter heute unterworfen ist, wenn das Bedürfnis nach schöpferischer Tätigkeit nicht tragfähig genug sein soll, wie stellt er dann den Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Notwendigkeit von Produktion und den einzelnen konsumbedürftigen Individuen her?

Das darauf antwortende Grundprinzip wird zunächst an einer solchen gedachten GEMEINSCHAFT entwickelt, die in Peer-Produktion diejenigen Güter herstellt, die die Beteiligten selbst brauchen. Hier ist wie in der urkommunistischen Sippe der Zusammenhang zwischen verausgabter Arbeit und befriedigtem Bedürfnis des einzelnen Individuums und der ganzen Gemeinschaft noch ein UNMITTELBARER.

Auch wenn diese SELBSTVERSORGUNGSGEMEINSCHAFT noch KEINE Gesellschaft ist – für ein Gedankenexperiment ist ein solcher Einstieg völlig berechtigt. Auf dieser Ebene greift der grundsätzliche Einwand von Werner I., Hubert H. und Matthias S. – bei Christians Modell handele es sich nicht um eine Gesellschaft – noch nicht. Ausgehend von solcher gedanklichen Zellform ist für die Wahrhaftigkeit des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten, der gedanklichen Rekonstruktion von Gesellschaft entlang der Logik der mit der Zellform gesetzten Grundkategorien für unsere Fragestellung Folgendes entscheidend: In Richtung welcher WELCHER SOZIALER FORM treibt die daraus entfaltete Produktionsweise? Kann es – streng der gesetzten Logik folgend – eine sein, die die kapitalistische tatsächlich aufheben könnte?

Christian schreitet dann auch von dieser Gedankenzelle ausgehend, von seinem Grundprinzip, nach dem der Zusammenhang zwischen Notwendigkeit von Produktion und dem einzelnen Individuum geregelt ist, fort zu Gemeinschaften von Gemeinschaften, zur Vielfalt von hocharbeitsteilig produzierter Güter, also zur Gesellschaft.

Zur Erinnerung: Es ist eine Gesellschaft, in der die einzelnen Individuen in ihren Projekten/Pools nur einen Bruchteil dessen herstellen können, was sie für eigene Konsumtion und Produktion benötigen. Es ist eine Kooperation auf gesellschaftlicher, z.T. globaler Stufenleiter erforderlich und zwar unter der Voraussetzung, dass das Bedürfnis an SCHÖPFERISCHE TÄTIGKEIT für eine hinreichende Produktion noch NICHT TRAGFÄHIG ist. Und es soll eine Gesellschaft sein, in deren Produktionsweise sich die gesellschaftlichen Notwendigkeiten gegenüber dem einzelnen Individuum NICHT als ZWANG zur Geltung bringen.

Eine spannende Sache, jedenfalls für den Geschichtsmaterialisten, der mit Marx und nach den real-“sozialistischen“ Erfahrungen von Folgendem ausgeht: Wenn die PRODUKTIVITÄT und der CHARAKTER menschlicher Arbeit noch nicht solches Niveau erreicht hat, dass gelten kann – „Jeder nach seinen Fähigkeiten – jedem nach seinen Bedürfnissen“ – dann muss jeder Versuch, eine Produktionsweise aufzuheben, die auf Tausch, auf Wert gegründet ist, zwingend wieder „in der alten Scheiße“ landen.

Christians Buch ist nichts weniger als der Versuch, dies zu widerlegen.

Wie stellt Christian nun unter der behaupteten Voraussetzungen mangelnder menschlicher Schöpferkraft den Zusammenhang zwischen der Notwendigkeit von Produktion und den Konsumtionsbedürfnissen der einzelnen Individuen her? Er findet ein MASS, nach dem der Produktions- und der Konsumtionsanteil des Einzelnen geregelt werden soll – die ARBEIT. GEWICHTETE ARBEIT und PRODUKTE werden VERSTEIGERT. Für ein Gedankenexperiment, das den Tausch ausschließen soll, ist dies ziemlich überraschend.

Abgesehen von Flatrate-Produkten haben arbeitsfähige Menschen, die keine solche Arbeit annehmen, keinen Anspruch auf die erzeugnisse. Das, was eigentlich ausgeschlossen werden sollte – der Arbeitszwang –, ist damit wieder eingeführt, wobei Art, Ort, Zeitpunkt und Dauer der Arbeit frei gewählt werden kann. Damit haben wir es hier mit dem Ideal der KAPITALISTISCHEN FORM von Arbeit und Arbeitszwang zu tun – freie LOHNARBEIT.

Die PRODUKTE, die versteigert werden, erwirbt der Käufer (einzelne Individuen bzw. Produktionsgemeinschaften, territoriale oder sonstige Pools), indem durch Arbeit erworbene Äquivalente eingetauscht werden. Die Produkte sind so für die Produzenten, Verkäufer nicht einfach nützliche Dinge, Gebrauchswerte. Es sind WAREN.

Entlang des von Christian gesetzten Grundprinzips ist auch nachweisbar, dass von den potentiellen Produzenten nicht Arbeit ersteigert wird (dies der Schein im Kapitalismus und ausgedrückt in Begriffen wie „Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“). Es ist vielmehr es ihr Arbeitsvermögen, das sie sie – zeitlich begrenzt – verkaufen, die Wert und Mehrwert schaffende WARE ARBEITSKRAFT.

Noch einmal zu Christians Versuchsanordnung. Wir haben

  • eine hocharbeitsteilige global vernetzte Produktion
  • arbeitsfähige und bedürftige Individuen, die Güter benötigen, die ihnen mehrheitlich nur die Gesellschaft zur Verfügung stellen kann
  • eine Produktivität der menschlichen Arbeit, die noch nicht ein solches Niveau und noch nicht eine solche soziale Form hat, dass die Produktionstätigkeiten selbst das entscheidende menschliche Bedürfnis sein könnte,
  • ein Zusammenhang zwischen Bedürfnisbefriedigung der Individuen und der Arbeit, der sich als Zwang gegenüber dem einzelnen Individuum zur Geltung bringen muss.

Einen solchen Zwang haben entgegen der vorrevolutionären Annahmen mit dem Übergang zu NÖP einst die Bolschewiki akzeptieren müssen. In die gleiche Richtung zeigte auch der Wechsel der DDR-Losung, zunächst: „Vom Ich zum Wir“, später: „Ich leiste was, ich leiste mir was“. Hier ging es um das stärkere Geltendmachen der Kategorien der Warenproduktion mit dem sogenannten Neuen Ökonomischen System. In Bezug auf die einzelnen produzierenden und konsumierenden Individuen bedeutete das das Ansprechen und Fördern des individuellen Eigennutzes, um einen zwingenderen Zusammenhang zwischen Arbeitseinsatz und Zugang zur den Waren der „sozialistsichen“ Warenproduktion herzustellen. Die vorläufige Unmöglichkeit massenhaft freier Tätigkeit führte über die staatskapitalistische Form von Warenproduktion – mit dem auch für die westliche frühkapitalistsiche urpsrüngliche Akkumulation charakteristischen hohen Anteil an nicht-ökonomischen Zwang – wieder in mehr (neo-)liberale Varianten, also in „die alte Scheiße.“

Wo Menschen Güter nur dadurch erwerben können, dass sie ein bestimmtes Quantum an Arbeit leisten, ist deren Produktionstätigkeit kein Selbstzweck, nicht selbst Bedürfnis, sondern das Mittel zum Zweck.

Gerade auch weil sie frei über Ort, Art und Maß der Verausgabung ihrer Arbeitskraft entscheiden, werden sie von einem Automatismus beherrscht, den sie – die Massen der sich an den Versteigerungen beteiligenden Menschen – selbst in Gang setzen. Hinter aller Rücken, exekutiert von den Akteuren selbst, wird – bei Christian soll das mittels High-tech und mathematischen Modellen sozusagen in Echtzeit geschehen – die Gewichtung der eigenen Arbeitskraft festgelegt.
Von FREIHEIT in dem Sinne, dass die sich als gesellschaftlich begreifenden und kooperierenden INDIVIDUEN ihre gesellschaftlichen VERHÄLTNISSE tatsächlich BEHERRSCHEN, kann hier KEINE REDE sein.

ÜBERPRODUKTIONEN, KRISEN, ARBEITSLOSIGKEIT und ARMUT sollen in Christians Konzept vermieden werden und zwar dadurch, dass ohne das Dazwischentreten eines kapitalistischen Finanzsystems, ohne die soziale Vermittlung über Wert ein für die einzelnen Individuen enger, zwingender Zusammenhang zwischen verausgabter Arbeit und dem Anspruch an Gütern hergestellt wird.

Das erinnert an PROUDHON: Arbeitszettel als Anspruch auf Güter, Ausschalten von Banken usw. sollten Müßiggang, arbeitsloses Einkommen, Gegensatz von reich und arm verhindern. Nachfolger wie SILVIO GESELL: ähnlich.

Christian geht nun zwar nicht von vor- oder frühkapitalistischen Verhältnissen der kleinen Warenproduktion (die Proudhons Vorstellungen seinerzeit eine gewisse Plausibilität verliehen), sondern von Kooperationsformen aus, denen der Peer-Produktion, die zum Teil an die Errungenschaften der High-tech-Produktion gebunden sind, an Produkte entwickelter kapitalistischer Verhältnisse. Das GRUNDPRINZIP aber, einen Zusammenhang zwischen Bedürfnisbefriedigung und Arbeit dadurch herstellen zu wollen, dass eine UNMITTELBAR ZWINGENDE ÄQUIVALENZ hergestellt und dadurch (angeblich) ein arbeitsfreies Einkommen, damit Reichtumsanhäufung ausgeschlossen wird, entspricht den Utopien dieser vormodernen Verhältnisse. Die Logik der Versuchsanordnung von Christian läuft auf die Verhältnisse kapitalistischer Warenproduktion hinaus. Von „Beitragen statt tauschen“ kann keine Rede sein.

Exkurs zu den Beziehungen zwischen (ökonomischer) GERECHTIGKEIT und sozialen GEGENSÄTZEN

Marx: In der kapitalistische Warenproduktion werden Äquivalente getauscht – bemessen nach der für die Herstellung der Waren (Ware Arbeitskraft eingeschlossen) gesellschaftlich notwendigen Arbeitzeit. In diesem Sinne ist die kapitalistische Produktionsweise eine durchaus gerechte Angelegenheit. Die extremen Gegensätze, Armut und Reichtum, kommen gerade infolge dieses Äquivalenzprinzips zustande.

Schon daraus ergibt sich, dass es Unsinn ist, den katastrophalen Folgen kapitalistischer Produktionsweise dadurch entgehen zu wollen,

  • dass eine unmittelbar fassbaren Gerechtigkeit hergestellt wird: vor aller Augen sozusagen über den Versteigerungsmechanismus sich herstellende gerechte Aufteilung der Güter nach der geleisteten Arbeit,
  • dass Geld bzw. der „Arbeitsschein“, das Arbeitszeitkontos oder eine sonstige Äquivalentform (dazu wird in Christians Text nichts gesagt, ist auch nicht zwingend notwendig) auf ein rein technisches Austauschmittel reduziert wird.

Mit der Arbeit, der lebendigen und in Form der durch Arbeit zu erwerbenden, akkumulierbaren Ansprüche geronnenen Arbeit als Vermittlungsglied wird vielmehr ein unhintergehbares soziales Verhältnis zwischen Menschen in Bezug auf Gegenstände (Güter, Waren) hergestellt: Die  ARBEITSKRAFT wird damit selbst zur WARE.

Der Mechanismus der so unvermeidbaren Anwendung von Arbeitskraft, die kapitalistische Logik, setzt sich in Gang. Ob einzelne Privatunternehmer zum Zwecke der erweiterten Reproduktion ihres Kapitals Arbeitskräfte er- und Produkte versteigern (mit entsprechendem Mehrwert) oder ob wie in Christians Modell Gemeinschaften, Gemeinschaften von Gemeinschaften, Pools, also nicht formelle Eigentümer, sondern Besitzer, Nutzer der Produktionsmittel, faktisch das Gleiche tun, macht für die soziale Bestimmung dessen, was hier das vermittelte Glied ist – Lohnarbeit – keinen Unterschied.

Noch einige Indizien für die Wesensgleichheit der Vermittlungsformen in Christians Modell und in denen der kapitalistischen Produktionsweise:

In dem Maße, in dem er von den angenommenen Idealverhältnissen einer Gemeinschaft, die die von ihr benötigten Güter selbst herstellt (der konstruierten „Zellform“) voranschreitet zu konkreteren Bestimmungen einer Gemeinschaft von Gemeinschaften werden in seinem Text die „Analogien“ zu den heute herrschenden Verhältnissen immer massiver.

In der Logik seines Prinzips tauchen auf: Überproduktion, Akkumulation von Ansprüchen auf Arbeit (seitens einzelner Individuen, seitens von Gemeinschaften/Pools), damit (für größere Investitionen auch nötig) Verfügbarkeit über die Arbeitskräfte in größerem Stil, die nicht an die unmittelbare Einlösung von Äquivalenten gebunden sind.

Sonderinteressen von Individuen/Gruppen/(gewählten) Vertretern, Superstrukturen entstehen und zwar mit der Möglichkeit sie Kraft ihrer Verfügung über die Arbeitskraft anderer Menschen auch durchzusetzen. Die Logik des äquivalenten Austausches in einer hocharbeitsteiligen Gesellschaft konsequent weitergetrieben, führt zu KAPITAL- und MONOPOLBILDUNG.

Christian stößt – wie die reale „unsichtbare Hand des Marktes“ auch – zugleich an die GRENZEN seines PRINZIPS. Damit diese „Peer-Gesellschaft“ nicht völlig auseinanderfliegt, sich selbst auffrisst, muss der Mechanismus der Versteigerung immer wieder außer Kraft gesetzt werden:

  • Umgang mit begrenzten natürlichen Ressourcen
  • Erfüllung allgemeiner Aufgaben, die durch die Versteigerungswirtschaft nicht gewährleistet sind (Bildung, Erziehung …).

Hier, wo das Grundprinzip, dem die Menschen wie einem Automaten unterworfen sind, die Zivilisation nicht befördert, soll Vernunft direkt eingreifen. Gremien heben bei Christian die zerstörerische Spontaneität der Versteigerung auf. Quelle der Autorität solcher Gremien ist die BÜRGERLICHE DEMOKRATIE. Das Eingreifen der Gremien wird durch eine Art Steuer „finanziert“. Produkte werden zu diesem Zweck teurer verkauft, als sie „eigentlich“ sind. Es ist klar, jedes dieser Gremien muss wie auch im heutigen bürgerlichen Staat an einer funktionierenden Verwertung interessiert sein. Diese bemisst sich unter anderem am Grad der Wert- und Mehrwertproduktion mit all den bekannten Folgen für die Vernunft etwa der politischen Gremien.

Was Christian aus seiner Zellform, der Arbeit als zwingendes Vermittlungsglied zwischen gesellschaftlicher Notwendigkeit und den einzelnen Individuen sehr logisch entwickelt, läuft – sobald das Niveau der Gesellschaftlichkeit erreicht ist – auch auf den ganz normalen bürgerlichen Staat hinaus und zwar auf einen idealisierten.

Noch etwas zum Nachweis, dass Christian hier nicht die Keimform der Tätigkeiten zur Herstellung freie Software zur Grundlage seines Systems macht, sondern faktisch Lohnarbeit:

Die PRODUKTIONSTÄTIGKEIT, für die Christian ausdrücklich einen ÄUSSEREN ANTRIEB für notwendig hält, ist die UNGELIEBTE ARBEIT. Es ist eine Arbeit, die als OPFER angesehen wird. Man verrichtet sie nicht als Bedürfnis um ihrer selbst und um des konkreten Produktes Willen. Man leistet sie, um sich Ansprüche auf solche Güter zu erwerben, die von anderen Menschen hergestellt werden.

An den selbst hergestellten Gütern sind die Produzenten der Gebrauchswerte, die in solcherart Arbeit entstehen, nur insofern interessiert, als sie das Bedürfnis anderer Menschen sind oder sein können. Entscheidend ist, dass die anderen, fremden Menschen bereit sind, diese zu ersteigern und zwar gegen das Äquivalent der darin vergegenständlichten Arbeit, Lohnarbeit. Sicher ist da nichts. Zwischen notwendigen Investitionen und der Versteigerbarkeit von Produkten, dem dadurch dann tatsächlich erlangbaren Äquivalent, liegen die normalen Ungewissheiten. Werbung ist auch hier die unvermeidliche Folge.

Eine solche Arbeit ist, in Marxschen Kategorien ausgedrückt, zugleich KONKRETE, Gebrauchswert schaffende, und ABSTRAKTE ARBEIT – eine WERT SCHAFFENDE. Die Produkte sind WAREN mit der entsprechenden doppelten Eigenschaft: GEBRAUSCHWERT und TAUSCHWERT.

Marx sah in der Ware die Zellform der kapitalistischen Produktionsweise. Der inneren Logik der entsprechenden Wertkategorien folgend und das historische Vorhandensein freier Lohnarbeiter und der (Handels- bzw. Raub)-Kapitale voraussetzend, entwickelte er in Hegelscher Manier die innere Logik der kapitalistischen Produktionsweise.

Christian will daraus ausbrechen. Indem er aber genau auf das Grundprinzip setzt, das auch dem Bekämpften zugrunde liegt, landet er in Warenproduktion und Lohnarbeit.

Systematische Fehler bestehen unter anderem darin:

  1. Es wird versucht, einen Weg aus dem Kapitalismus zu denken, für den per Definition die notwendigen Voraussetzungen ausgeschlossen sind – die Möglichkeit, dass freie schöpferische Tätigkeit die Gesellschaft materiell trägt.
  2. Dagegen wird ein Arbeitszwang, der dem des doppelt freien Lohnarbeiters entspricht, als unverzichtbar angenommen.
  3. Es handelt sich um eine Fehleinschätzung des SOZIALEN CHARAKTERS seines Grundprinzips (äquivalenter Austausch) als ein angeblich dem der kapitalistischen Produktionsweise entgegengesetztes. Nicht verstanden wird, dass der stumme Zwangs der Ökonomie, der sich auch bei ihm als Notwendigkeit des Einzelnen darstellt, seine Arbeitskraft zu versteigern, die charakteristisch bürgerliche Form ist, in der sich die – nicht beherrschte – gesellschaftliche Notwendigkeit von Produktion gegenüber den einzelnen Individuen durchsetzt.

In der Peer-Produktion, in deren Kooperationsformen, stecken tatsächlich viele Momente, die zur KEIMFORM einer anderen, nichtwertförmigen Vergesellschaftung werden könnten. Dort wo die Grundprinzipien etwa der freien Software vorgestellt werden, stellt er für die Suche nach Wegen aus dem Kapitalismus sehr Ermutigendes dar. Nur deren Grundprinzip – das der freien Tätigkeit und des freien Zugangs – macht er eben nicht nur Grundlage seines Entwurfs.

Was er theoretisch zu entwerfen beabsichtigte, bleibt als Aufgabe bestehen:

  • Wie kann eine die Gesellschaft tragende Produktion auch außerhalb der Nische der Informationsgüter jenseits der Wertvermittlung funktionieren?
  • Welche Voraussetzungen dafür müssten gegeben sein.
  • Welche Momente existieren in der heutigen Gesellschaft bereits, die als Keimformen einer solchen Vergesellschaftung begriffen werden können?
  • Welche soziale Träger können diese zur tragenden Bedingungen der Existenz machen?
  • Welche Rolle kann Theorie spielen?: Selbstkritik entsprechender Projekte, die ständige Selbsvergesisserung: Worauf läuft das Projekt hinaus, welche inneren Zusammenhänge und welche äußeren gesellschaftlichen Bedingungen sind zu sichern, zu schaffen, dass die Praxen nicht in die Reproduktion des Alten einmünden?

Mit dem Blick auf Wirklichkeiten, darin eingeschlossen Formen der Peer-Produktion, muss diese Diskussion als eine theoretische geführt werden. Dabei geht es um die genannten Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie und es geht um unsere KOMMUNISMUSVORSTELLUNGEN, die offenkundig stark divergieren oder überhaupt noch nicht so ausgesprochen sind, dass sie selbst Gegenstand der Diskussion und Grundlage unserer WaK-Suche sein konnten. Im September 2009 findet ein Seminar genau zu diesem Thema statt.

Die WaK-Gruppe [3] lädt hierzu und zu vorbereitenden Diskussionen herzlich ein.


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[2] archive.org: http://www.archive.org/details/wak_peer_oekonomie_workshop

[3] WaK-Gruppe: http://coforum.de/?wak

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