Peer-Ökonomie – das Ende von Selektion und Normierung?

geschrieben von Martin Siefkes am 8. August 2009, 08:00 Uhr

Wir leben in einer hochgradig selektiven Gesellschaft. In Schule und Universität, bei Wettbewerben in Kunst, Literatur und Musik, bei der Einwanderung, im Sport, bei Zeitschriften und Kongressen, bei Projektförderungen und in sozialen Netzwerken: Allenthalben wird (aus)sortiert, was das Zeug hält.

Oft werden vor das Erreichen attraktiver Ziele mehrere Auswahlstufen gesetzt. Förderung für ein Forschungsprojekt, Promotionsstipendium oder attraktiver Job: Die Auswahlquote kann 1:100 oder weniger betragen. Sogar viele Hobbys und Spiele (von Tanzen bis Schach) verwandeln sich, sobald man sich in einen Verein begibt, in permanente Auswahlprozesse, bei denen man um den Platz in einer Liga o.ä. kämpft. Selbst die Liebe gehorcht der Auswahllogik: In einem schmerzhaften Suchmarathon checkt das Individuum Liebesobjekte ab, immer mit dem Ziel des/r Traumpartners/in im Kopf, die Kriterien der Soap operas dürfen nicht unterboten werden, und sowieso darf es immer nur ein Partner sein, Entweder-oder statt Sowohl-als-auch.

Ohne Selektion geht offenbar gar nichts mehr.

Allerdings sieht man heute deutlicher als vor 20 Jahren, dass Selektion (worunter ich den Ein- bzw. Ausschluss von Menschen nach bestimmten Kriterien verstehe) mit dem Kapitalismus zusammenhängt. Früher war es schwierig, das (vor allem aus der liberalen und konservativen Ecke kommende) Grundargument für Selektion, sie sei nun einmal notwendig um einen bestimmten Qualitätsstandard im entsprechenden Bereich zu halten, zu widerlegen. Die Allgegenwart der Selektion und die auftretenden Probleme, wenn man sie wegließ ohne sonst viel zu ändern, schienen für sie zu sprechen.

Zwar wurde das Argument, dass andere Kriterien (etwa soziale Herkunft) eine Rolle spielen, von der Linken bis zur Ermüdung wiederholt. Es half aber nicht wirklich weiter, da (a) die Frage, ob die soziale Lage die ‚schlechtere Leistung‘ verursache oder umgekehrt, immer umstritten blieb, (b) die ‚schlechtere Leistung‘ selbst, deren Behauptung nicht grundlegend in Frage gestellt wurde, unabhängig von ihrem Grund die Selektion berechtigt erscheinen ließ.

Die unterschiedliche Logik von Kapitalismus und Peer-Ökonomie

Heute, mit der rasch wachsenden Peer-Ökonomie, sieht das anders aus. Wo Peer-Ökonomie bereits existiert, hat sie in verblüffendem Maß mit der Selektion Schluss gemacht. In der Wikipedia kann jedeR mitmachen, ob als langjährige Expertin für das entsprechende Fachgebiet durch den Beitrag von Fachwissen, durch Recherche von Links und Literatur im Netz, durch Ergänzungen und Überprüfungen von Fakten, durch Fehlerkorrektur … Auch für andere Bereiche der Peer-Produktion gilt: Niemand wird a priori ausgeschlossen.

Das neoliberale Argument, bei fehlender Selektion müssten die ‚Leistungsschwachen‘ ‚mitgezogen‘ werden und das Qualitäts- oder Effektivitätslevel verringere sich, hat sich als falsch herausgestellt. Im Gegenteil! Wo Kapitalismus und Peer-Ökonomie derzeit gegeneinander antreten, etwa in der Konkurrenz freie vs. proprietäre Software, zeigt sich eindrucksvoll, dass der Ausschluss so vieler Menschen mit ihren Beiträgen und Ideen keine gute Idee ist: Obwohl sich die PÖ in einer ihr fremden Logik von Geld und Konkurrenz behaupten muss, wird der Kapitalismus oft mühelos geschlagen. Es zeigt sich, dass Selektion – selbst abgesehen von den traurigen Folgen für die Ausgeschlossenen – ein schwerwiegendes Problem dieses Wirtschaftssystems ist.

Innerhalb des Kapitalismus nämlich sind Normierung und Selektion offenbar nicht zu vermeiden. In den meisten Unternehmen lässt die Konkurrenz wenig Spielraum, Arbeiten werden zugewiesen und müssen rasch ausgeführt werden, genaue Umsetzung von Vorgaben ist gefragt. All das macht die Auswahl geeigneter Arbeiter nötig, viele können oder wollen in dieser entfremdeten Produktionsweise nicht wie verlangt funktionieren. Zugleich ergibt sich aus dem permanenten Druck, Arbeitskraft einzusparen, fast automatisch der Ausschluss der den Kriterien nicht Entsprechenden.

Aber auch außerhalb der Betriebe macht im Kapitalismus das Prinzip der künstlichen Knappheit (der Tauschwert aller Waren, einschließlich Arbeitskraft, kann ohne Knappheit nicht aufrechterhalten werden, wodurch sie immer wieder neu erzeugt wird) Selektion notwendig: Es gibt eigentlich immer zu wenig von allem, zu wenig Gelder für lohnende Projekte, zu wenig Jobs für arbeitswillige Menschen, zu wenig Produkte für die Befriedigung aller Bedürfnisse … Wenn nun, wie in der Wirtschaftswissenschaft und dem Weltbild der bürgerlichen Medien, „Kapitalismus“ = „Wirtschaften“ gesetzt wird, scheint Selektion unvermeidlich.

In der Peer-Ökonomie gibt es keine Notwendigkeit für Selektion und Ausschluss, ja diese sind sogar nachteilig für alle. Zwar müssen Beiträge etwas taugen; ist dies der Fall, verringert aber jeder Beitrag die nötigen Beiträge der anderen und/oder den Gebrauchswert des Produkts. Die Peer-Ökonomie hat also eine völlig andere grundsätzliche ‚Logik‘ als der Kapitalismus, und es ist zu erwarten, dass Selektion auch in eher produktionsfernen Bereichen (etwa Kunst, Sport und Freizeit, gesellschaftliche Interaktion, Liebesverhältnisse) an Bedeutung verlieren wird.

Normierung verschwindet

Ebenso erscheint es plausibel, dass Normierung nicht mehr wie bislang als Selbstverständlichkeit angesehen wird, bei der nur die Grenzen des Erlaubten zur Diskussion stehen (welches Verhalten weicht zu stark von der Norm ab und muss sanktioniert weichen?). Normen werden insgesamt einer weit stärkeren Legitimation bedürfen als bisher. Im Kapitalismus wurden unter anderem Tageseinteilung (Arbeit vs. Freizeit), Lebensweise (Einteilung in Kindheit, Ausbildung, Arbeit, Ruhestand) und Sexualität (Heterosexualität zwischen Erwachsenen; Zweierbeziehung; effektive Familienplanung; geringer Zeitaufwand; Schwerpunkt auf der gegenseitigen emotionalen Stabilisierung zur größtmöglichen Arbeitsfähigkeit; Erziehung der Kinder zu Arbeit und Konsum) normiert.

In der Peer-Ökonomie wird diese allgemeine Normierung keinen Bestand haben; vermutlich werden nur elementare, gut begründbare Normen akzeptiert werden. Verschiedene Lebensweisen werden als etwas Positives gelten, nur die grundsätzliche Erwartung, dass der/die einzelne etwas an die Gesellschaft zurück gibt, wird weiterhin gelten. Für die Sexualität werden andere Normen als die der Konsensualität aller Beteiligten wegfallen, Sanktionierungen wegen Alter, Anzahl der Partner oder Abweichung von der Heterosexualität dürften kaum als akzeptabel erscheinen.

Der Wegfall vieler Normen ergibt sich schon daraus, dass Variation in der Peer-Ökonomie grundsätzlich etwas Positives ist, während sie im Kapitalismus immer unter Verdacht steht, den reibungslosen Ablauf der Wertverwertung zu stören, für den viele gesellschaftliche Voraussetzungen, vor allem aber der Zuschnitt des ganzen Lebens auf effektives Arbeiten und Konsum, nötig sind.

Neue Hürden?

Allerdings gibt es auch in der Peer-Ökonomie Hürden für die Beteiligung. Wo sie bisher aufgetreten ist, zeigt sie deutliche meritokratische Elemente, es herrscht eine gewisse Bewunderung für gute Beiträge, umgekehrt kann jemand wegen Beiträgen, die den anderen nicht gefallen, heftig kritisiert werden. Ein gewisses Selbstvertrauen und die Bereitschaft, sich einzubringen, sind daher zentral: Man muss sich etwas zutrauen, um interessante Aufgaben zu übernehmen, seine Möglichkeiten zu erproben und zu erweitern.

Frühere Privilegierungen (und dadurch bewirkte Unterschiede in Wissen und Fähigkeiten) können dadurch reproduziert werden – so verschaffen eine bessere Bildung, eine Selbstvertrauen gebende glückliche Kindheit und die nötige Ruhe zum Lernen auch in der Peer-Ökonomie Vorteile. Insbesondere in der Übergangszeit, solange die vom Kapitalismus geschaffenen extremen sozialen Unterschiede noch existieren, könnte dies zum Ausschluss mancher Menschen führen (so kann man heute nur an der Wikipedia mitmachen, wenn man einen Computer, einen Internetanschluss und Lese- und Schreibfähigkeiten hat, was für einen Großteil der Menschheit nicht zutrifft). Außerdem muss man in der Lage sein, seine Fähigkeiten realistisch einzuschätzen. Wer ohne das nötige Wissen einen Wikipedia-Artikel schreiben oder bei einem FOSS-Projekt mitmachen will, wird zurückgewiesen.

Allerdings ist der Logik der Peer-Ökonomie zufolge zu erwarten, dass sich die extremen sozialen Unterschiede bald stark verringern – dies ergibt sich schon daraus, dass der Ausschluss so vieler, die Beiträge liefern könnten, für alle einen großen Nachteil bringt. Etwas Zeit wird die Peer-Ökonomie dafür allerdings brauchen.

Obwohl Peer-Ökonomie also nicht alle Unterschiede aufhebt, wird sie vermutlich die Selektion von außen nach bestimmten Normen rasch beenden. Dies führt schon jetzt zu einer neuen Demokratisierung und stärkeren Vielfalt. So tummeln sich im Internet äußerst unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Ansätzen, und obwohl daraus polemische Auseinandersetzungen resultieren, glauben die wenigsten, dass es sinnvoll sei, einem großen Teil der Menschen den Zugang zu verweigern. Dies gilt interessanterweise auch für Seiten wie youtube, die nicht explizit PÖ sind, aber doch durch Teilen, Offenheit und gemeinsame Kreativität funktionieren.

Die Folgen der Selektion

Heute wird die Gesellschaft, wie anfangs beschrieben, stark durch Selektion geprägt. Das bleibt nicht ohne Folgen:

– Es entsteht eine permanente Konkurrenzlogik, die die Gesellschaft prägt: Statt um das eigentliche Ergebnis geht es darum, nach bestimmten Kriterien gegen andere zu gewinnen.

– Ausselektiert zu werden, erzeugt Frust, Aggression, Demütigung und Leid. Vermutlich nicht zuletzt aus der Selektion resultiert das immense Gewalt- und Hasspotential, das kapitalistische Gesellschaften prägt.

Normierung: In allen Bereichen, in denen eine starke Selektion eingeführt wird, verschwindet das Unkonventionelle, Originelle, Einzigartige: Es gibt nur noch ein bestimmtes Spektrum von Varianten (sei es von Meinungen, von Persönlichkeiten oder von ästhetischem Ausdruck). Variation wird benötigt, aber ihre Bandbreite verkleinert sich. Beobachten kann man das heute etwa in der Literatur, wo die experimentellen Ansätze der 60er-Jahre (einer Zeit in der die kapitalistische Logik in allen Bereichen in Frage gestellt wurde) weitgehend verschwunden und durch eine publikumsorientierte Erzählliteratur ersetzt wurden. Ähnliches gilt für Film oder Musik, wo Experimente, wenn sie denn überhaupt noch gemacht werden, selten über das früher bereits Erreichte hinausgehen. Die ständige Gefahr des Ausgeschlossenwerdens führt dazu, dass niemand mehr am Rand stehen, ‚exzentrisch sein‘ will, entsprechendes Gedrängel herrscht in der Mitte. Dasselbe gilt in der Politik.

– Daraus ergibt sich auch ein struktureller Konservatismus in Kunst, Wissenschaft und Politik, denn Innovationen kommen oft von denen, die zur jeweiligen Zeit als Radikale gelten, als Exzentriker belächelt werden oder abseits des Mainstreams auf Anerkennung verzichten. Dies gilt unabhängig vom Tätigkeitsbereich. Einstein; Wittgenstein; M.C. Escher; James Joyce; die impressionistischen Maler: Sie alle hatten mit größeren Schwierigkeiten zu kämpfen, anerkannt zu werden, als ihre näher am Zeitgeschmack liegenden Kollegen (z.B. erhielt Einstein im Gegensatz zu manchem Kommilitonen am Zürcher Polytechnikum keine Assistentenstelle). Später wurden ihre Beiträge zu Wissenschaft, Philosophie und Kunst als einzigartig erkannt. Gerade weil sie mit dem Mainstream ihres Feldes brachen, wurden sie für spätere Generationen zentrale Bezugspunkte. Allerdings war zu ihrer Zeit die Auswahl an Schule und Unis, die Relevanz von Wettbewerben für den künstlerischen Durchbruch, kurz: die Selektion noch geringer. Ob sie im heutigen Klima überhaupt noch zur Entwicklung ihrer eigenständigen Positionen gelangen könnten, ist zweifelhaft. Querdenker (deren widerspenstige Herangehensweise später gerne als ‚genial‘ mystifiziert wird, um nur ja nichts am System ändern zu müssen) haben bei starker Selektion schlechte Karten, weil sie nicht den Krtierien entsprechen, nach denen selektiert wird.

Moral und ängstliches Achten auf „Korrektheit“ setzen sich durch, da bei all den Auswahlstufen auch (häufig implizit) solche Auswahlprinzipien eine Rolle spielen. Kaum jemand kann sich mehr eigenwilige Positionen leisten, vorauseilender Gehorsam regiert. Die Gesellschaft wird von gleichermaßen strikten wie unbegründeten moralischen Meinungen bestimmt; ein langweiliges, mediokres, standardisiertes Weltbild bestimmt Denken und Wahrnehmung.

Angst wird zum kaum mehr bemerkten Grundgefühl einer Gesellschaft, in der ständig der Ausschluss droht und die daher permanente Anpassungsarbeit verlangt. In einer hochselektiven Gesellschaft wie unserer begegnet man täglich dem Prozess des Ausschlusses und die Angst vor dem Ausschluss bestimmt bewusst oder unbewusst viele Entscheidungen. Daraus resultieren zunehmende psychische Probleme sowie eine wachsende Aggression, die sich schließlich ihr Ziel in Sündenböcken sucht.

Offene Fragen

Kann Peer-Ökonomie mit Selektion endgültig Schluss machen, oder wird sie doch noch in manchen Bereichen existieren? Selbst wenn sie in der bekannten Form von Aufnahmeprüfungen, Jurys, Wettbewerben, Notenkonkurrenz usw. verschwindet – wovon nach den bisherigen PÖ-Praktiken auszugehen ist –, wird die klassische Selektion nur durch neue, vielleicht subtilere Ausschlusskriterien ersetzt? Wie wird sich unsere Gesellschaft, für die Selektion so grundlegend ist, durch deren Verschwinden verändern? Ich weiß es nicht, aber ich finde die Entwicklung sehr spannend und hoffnungsvoll.


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