Was ist und zu welchem Ende betreiben wir Antipolitik?

geschrieben von Benni Bärmann am 20. August 2008, 20:14 Uhr

Seit Robert Kurz‘ Artikel „Anti-Politik und Anti-Ökonomie [1]“ ist im Zusammenhang mit Keimformen oft von der sogenannten Antipoltik die Rede. Dieser Begriff ist für viele verwirrend und auch für mich ist er noch immer alles andere als geklärt.

Aus Leipzig erreichte mich nun kürzlich ein schon älterer Artikel [2] (2002), der versucht genauer zu umreißen, was Antipolitik eigentlich sei. Das versucht er auf zwei Weisen. Zunächst wird eine lange Liste aufgeführt, die positiv darstellen soll, was antipolitisch ist. Da kann ich bei den meisten Punkten nicken, bei anderen wieder nicht. Schließlich versucht er den Begriff noch negativ zu bestimmen, also zu untersuchen, wie genau das Verhältnis von Politik und Antipolitik sich darstellt. Dabei wird ein erstaunlich simpler Politikbegriff unterstellt. Der reduziert sich nämlich auf

„Politik geht vom Staat aus oder ist auf ihn bezogen.“

Auch in Robert Kurzens Artikel wird von einem ähnlichen Politikbegriff ausgegangen, wenn auch mit blumigeren Worten.

Das hat mich angespornt mal in politikwissenschaftlicher Literatur zu stöbern. Ich wurde dann fündig im „Handbuch Politikwissenschaft [3]„. Das ist zwar schon etwas angestaubt (1987), aber
dort heißt es unter dem Stichwort „Politik“ (ein Stichwort „Antipolitik“ gibt es leider nicht):

„Unter systematischen Aspekten lassen sich jedoch folgende inhaltliche Ebenen von Politik differenzieren:

  1. Politik beinhaltet Ziele, Zwecke und Normen;
  2. Politik bezieht sich auf den Staat;
  3. Politik bedeutet soziales Handeln.“

Neben der von den Antipolitikern genannten Ebene scheint es also durchaus noch weiteres zu geben, was man gemeinhin unter „Politik“ versteht, zumindestens an den Unis. Das führt natürlich zu einer Reihe von Fragen: Soll sich Antipolitik auch gegen die anderen beiden Bereiche der Politik wenden? Oder reduziert sie sich ganz simpel auf Anti-Staatlichkeit? Beide Extreme finde ich nicht besonders vielversprechend. Weder möchte ich ganz auf Ziele und Zwecke (und Normen?) noch auf soziales Handeln verzichten. Dennoch war mein intuitives Verständnis von Antipolitik immer weiter gefasst als nur als Kritik staatsbezogenen Handelns. Für mich ging es dabei immer auch um die Anzweiflung des „Wir [4]„, die Instrumentalisierung des Gemeinwohls und den Kampf um Partikularinteressen nicht nur im Staat, sondern auch in Institutionen aller Art.

Wenn man sich der Begriffsgeschichte von „Antipolitik“ zuwendet stellt man fest, dass der Begriff bei osteuropäischen Dissidenten zur Zeit des Staatskommunismus sehr beliebt [5] war. So findet man in einem ansonsten etwas verschwurbelten Text [6] über diese Zeit eine interessante Definition von Antipolitik:

„Der Argwohn der Dissidenten gegenüber dem kommunistischen Staat und seiner offiziellen Ideologie, dem Marxismus, fand seinen Ausdruck in der Idee der Anti-Politik. Die Anti-Politik richtete sich nicht nur gegen den Staat, sondern gegen jegliche Form institutionalisierter Politik. Die Anti-Politik stand nicht nur dem Kommunismus feindlich gegenüber, sondern jeglicher dogmatischen politischen Ideologie. Dennoch wäre es ein grobes Mißverständnis, das Ideal der Anti-Politik als apolitisch zu betrachten. Im Gegenteil ermöglichte es, daß das Handeln des Einzelnen durch die Befreiung von den Beschränkungen institutionalisierter Politik und des schematischen Denkens innerhalb eines abstrakten ideologischen Rahmens authentische Bedeutsamkeit erlangte: In diesem Sinne wurde das Persönliche politisch. Das Ideal der Anti-Politik ermutigte die Menschen zu handeln, „als ob sie frei seien“ und die Verantwortung, die eben diese Freiheit mit sich bringt, zu übernehmen. Anti-Politik war also keine prinzipienlose Politik, sondern einfach eine „Politik ohne Cliché“.“

Das klingt sehr anschlußfähig an unsere Debatten. Vielleicht liegen da noch alte Perlen begraben?

Btw: Wenn man nach „Antipolitik“ googelt [7] findet man neben einem weitverbreiteten Unwillen [8] zu verstehen [9], daß Antipolitik nicht unpolitisch ist, auch noch Leute, die Antipolitik für eine Vorstufe des Totalitarismus [10] halten. Aber letzteres hab ich ehrlich gesagt nicht kapiert, trotz lesen. Vielleicht kann mir das ja jemand erklären?


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[1] Anti-Politik und Anti-Ökonomie: http://www.linke-buecher.de/texte/streifzuege/r-kurz_antioekonomie-und-antipolitik_krisis19_1997.htm

[2] Artikel: http://www.conne-island.de/nf/90/15.html

[3] Handbuch Politikwissenschaft: http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=Handbuch+Politikwissenschaft+%3A+Grundlagen&author=Goerlitz

[4] Wir: http://aymargeddon.de/laboratorium/index.php/Wir

[5] beliebt: http://www.suhrkamp.de/titel/titel.cfm?bestellnr=11293

[6] Text: http://www.eurozine.com/articles/2004-06-07-auer-de.html

[7] googelt: http://www.google.de/search?hl=de&client=firefox-a&rls=org.mozilla%3Ade%3Aofficial&q=Anti-Politik&btnG=Suche&meta=

[8] Unwillen: http://www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web43-3.htm

[9] verstehen: http://www.cafebabel.com/ger/article/24493/die-politik-der-antipolitik.html

[10] Vorstufe des Totalitarismus: http://polylogos.org/philosophers/arendt/arendt-urteil.html

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