Sind Freiräume Keimformen?

geschrieben von Benni Bärmann am 18. August 2008, 09:54 Uhr

Einem Artikel bei Emanzipation oder Barbarei [1] entnehme ich, dass man scheinbar die in der Linken immer wieder gerne genannten „Freiräume“ mit „Keimformen“ verwechseln kann. Wie das? In dem Artikel heisst es am Schluß:

Was es statt Kapitalismus dann geben könnte, weiß allerdings niemand so richtig. Keimformen, meinen die einen. Andere [2] halten das hingegen für regressiv. Aber dazu vielleicht später mehr.

Ich hab mich ja schon gefreut, dass sich vielleicht mal endlich jemand aus der radikalen Linken substantiell und gerne auch kritisch mit unseren Thesen auseinandersetzt und stürzte mich also auf den verlinkten Text. Leider mußte ich dann aber feststellen, dass da garnichts über Keimformen drinsteht. Das Wort kommt im Text noch nicht mal vor. Statt dessen geht es nur um das Verhältnis von Theorie und Praxis am Beispiel zweier momentan verbreiteten Szene-Hypes, eben zum einen den „Freiräumen“ und zum anderen den Theoriezirkeln (wobei beides wohl eher evergreens als hypes sind). Lustigerweise kann ich dem Text, der mir als Keimformkritik präsentiert wird in weiten Teilen zustimmen, wenn es dort zum Beispiel heißt,

„Die Vorstellung, innerhalb des Freiraums die gesellschaftlichen Zwänge abzumildern oder gar aufzuheben und so letztlich den Kapitalismus zu überwinden, ist folgerichtiger Weise zweckoptimistisch und nur begrenzt reflektiert. Das kann nur funktionieren, wenn die Existenz des Kapitalismus an das unmittelbar bewusste Wollen und Handeln der gesellschaftlichen Akteure geknüpft ist. Sobald nur der Wille bestünde, aus dem Kapitalismus auszusteigen, würde sich das entsprechende Tun, die Praxis, von selbst ergeben. Oder einfacher ausgedrückt: Wer nur will kann jederzeit und überall aus dem Kapitalismus aussteigen. Die Attraktivität dieses Konzepts mag aus der relativen Perspektivlosigkeit linker Praxis resultieren. Wenn es gerade keine starke linke Bewegung gibt und auch keine in Sicht ist, scheint es am angenehmsten oder sinnvollsten zu sein, sich in sein autonomes Jugendzentrum oder sein linkes Wohnprojekt zurückzuziehen und zu versuchen das bisschen Spielraum, was geblieben ist, zu verteidigen. Die Verteidigung des bestehenden Freiraums, etwa eines besetzten Hauses, wird dabei leicht zum einzigen politischen Projekt und bindet Kapazitäten, anstatt welche zu schaffen. Sich dabei noch einzureden, es ginge um eine grundsätzliche Umwälzung der bestehenden Verhältnisse, bzw. dass diese Verhältnisse im Freiraum bereits aufgehoben wären, greift zu kurz.“

finde ich das völlig richtig. Und genauso ist die Begrenztheit theoretischer Kritik dort gut gefaßt in den Worten

„So wenig wie blinder Bewegungsaktionismus etwas mit realer gesellschaftlicher Bewegung zu tun hat, so wenig ist Theorie kritisch, die sich darauf beschränkt, bloß die bestehenden Verhältnisse zu beschreiben, anstatt ihnen den Kampf anzusagen. Sie muss darüber nachdenken, wie die formulierte Kritik praktisch werden kann – im materialistischen Sinne einer Aufhebung des falschen Ganzen. Nicht die Hinwendung zu einer gründlichen Analyse und zunächst ganz unpraktischen Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse ist also das Problem der Theoriearbeit – wie es von BewegungsfetischistInnen moniert wird -, sondern die Abkehr vom Wunsch, die entwickelte Kritik wirkungsmächtig, also praktisch werden zu lassen.“

Das dann aber ein eigener Block auf einer Demo die Antwort auf diese Probleme sein soll, sehe ich nun gerade nicht. Aber darum solls jetzt mal hier nicht gehen, sondern um den Unterschied von Freiräumen und Keimformen.

Keimformen unterscheiden sich von Freiräumen vor allem dadurch, dass sie nicht versuchen einen Raum außerhalb des Kapitalismus zu schaffen, sondern dass sie versuchen, nichtkapitalistische Logik im Kapitalismus umzusetzen. Durchaus mittendrin. Das klingt natürlich widersprüchlich ist es aber dann nicht, wenn man sich klar macht, dass Kapitalismus ja nun mal sowieso schon eine ziemlich widersprüchliche Angelegenheit ist.

Dabei können sich Freiräume durchaus zu Keimformen entwickeln, wenn es ihnen gelingt sich einzumischen. Wenn sie also aus der oben geschilderten lähmenden Defensive rauskommen. Eine Freie Schule z.B. ist zunächst mal ein Freiraum in dem man die eigenen Kinder vor den Zwängen des Schulsystems schützen will (was ja etwas sehr wertvolles ist, aber eben nunmal nicht besonders transformierend). Wenn es aber gelingt darüber auf die gesammtgesellschaftliche Entwicklung Einfluß zu nehmen, kann daraus durchaus etwas keimförmiges werden. Umgekehrt können aber auch Entwicklungen wie z.B. die Freie Software, die nun eigentlich garnichts von einem Freiraum hat, zu Keimformen werden. Freiräume sind also nicht privilegiert Keimformen zu werden, es ist auch nicht ihr einziger Zweck und oft auch nicht ihr wichtigster.


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[1] Artikel bei Emanzipation oder Barbarei: http://emanzipationoderbarbarei.blogsport.de/2008/08/15/cities-unlimited/#more-320

[2] Andere: http://www.redical.antifa.net/index.php/aktuelles/34-ueber-uns/83-freiraum-phase2

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