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Peer-Economy: Offene Fragen

Jetzt liegt ja Christians Vorschlag zur Peer-Economy [1] schon eine ganze Weile vor. Ich schätze diesen Ansatz, weil er zumindestens in der Theorie den häufig gehörten Einwand gegen Keimformen, dass diese spätestens an der Grenze zur materiellen Ökonomie verlieren müssten, entkräftet. Darin hat er für mich eine ähnliche Rolle wie die Freie Software, die für mich vor allem ein Argument ist, dass globale Produktion in selbstorganisierter freier Kooperation auf hohem technischen Niveau möglich ist. Nun ist es leider so, dass praktische Argumente wesentlich besser funktionieren als theoretische. „Guckst Du hier“ überzeugt halt einfach mehr als „liest Du hier“.

Ich habe ja schon relativ früh meine Kritik, oder besser meinen Erweiterungsvorschlag zu seinem Konzept dargelegt [2]. Meiner Meinung nach kann es keine dauerhaft funktionierende Peer-Economy geben ohne Grundauskommen. Dazu stehe ich auch weiterhin, auch wenn Christian dazu mal sagte, dass Grundauskommen sei eben genau das Ziel der Peer-Economy und könne deswegen nicht schon als Vorraussetzung gesetzt werden. Scheinbar beißt sich da eine Katze in den Schwanz.

Inzwischen ist mir noch was ganz ähnliches aufgefallen: Stefan hat die Peer-Economy mal eine „Übergangsgesellschaft“ genannt. Er hält an der kommunistischen Vorstellung einer Gesellschaft in der gilt „jeder nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seinen Fähigkeiten“ fest. Da passt die Rechnerei mit der „weighted labour“ natürlich nicht dazu. Er hält die Peer-Economy dennoch für interessant, weil er meint, dass die „weighted labour“ sich irgendwann selbst überflüssig macht, wenn erst mal das Vertrauen da ist, dass es auch ohne geht. Ganz ähnlich wie der Sozialismus den Staat radikal reformiert hat mit dem Ziel, den Kommunismus zu erreichen, so würde die Peer-Economy den Tausch radikal reformieren, aber eben nicht abschaffen. Sozialismus 2.0 sozusagen.

Mir macht erstmal noch ein anderer Übergang zu schaffen: Wie soll man überhaupt den Übergang schaffen von unserer jetzigen kapitalistischen Ökonomie zur Peer-Economy? Offensichtlich müsste man klein anfangen und dann den Kapitalismus nach und nach in immer mehr Bereichen auskooperieren.

Doch wie überhaupt anfangen? Alleine wenn man sich überlegt, was das erste Projekt sein könnte, stößt man schon auf eine ganz zentrale Hürde: das Geld. Mir zumindestens ist auch nach wochenlangem Grübeln kein materielles Projekt eingefallen, was nicht einen stetigen Fluß an Geld bräuchte, um Ausgangsmaterialien oder Miete oder was auch immer zu bezahlen. Selbst wenn man „ganz unten“ anfangen würde in der Landwirtschaft, bräuchte man ja Traktoren und Düngemittel z.B. wenn man halbwegs effektiv arbeiten will. Ok, das muss noch keine prinzipielle Hürde sein. Auch viele immaterielle Freie Projekte brauchen einen steten Strom an Geld. Wikipedia fällt als prominentestes Beispiel ein. Da gibt es die Lösung über Spenden. Aber wenn man sich die Größenordnungen da anguckt, dann ist klar, dass man sowas im materiellen Bereich am Anfang nicht erreichen kann. Um zehntausende Spender zu kriegen, die ihre Serverinfrastruktur bezahlen, braucht die Wikipedia schließlich Millionen von Nutzern. Spendenfinanzierung scheint mir also erstmal kein guter Weg.

Eine andere Möglichkeit wäre es, Firmen zu gewinnen, die das finanzieren. Es müsste also ähnlich wie bei Freier Software ein Projekt sein, dass zum einen Infrastrukturnutzen für das Unternehmen hätte, und zum anderen ihm die Konkurrenz gegen einen Monopolisten ermöglicht. Vielleicht fällt jemandem dazu was ein? Mir bisher nicht.

Dann gäbe es noch die Möglichkeit, Geld innerhalb der Peer-Economy mit zu verrechnen, entweder als Ressource oder als Aufwand es zu erlangen. Das halte ich allerdings für keine gute Idee, weil damit „weighted labour“ quasi konvertierbar würde in Geld und damit ein zentraler Unterschied wegfiele, wieso die Peer-Economy keine Marktökonomie ist.

Beißt sich also auch diese Katze in den Schwanz? Können wir uns an den eigenen Haaren aus dem kapitalistischen Sumpf ziehen? Ich übergebe an das Publikum.