Hubert Herfurth: Gesellschaftlichkeitsdefizit in der Peer-Ökonomie

geschrieben von Stefan Meretz am 11. Dezember 2008, 14:55 Uhr

Peer-Irrtum?[Auch wenn ich gerade nichts zur Debatte um die Peer-Ökonomie beitragen kann (sorry, kommt später), finde ich sie sehr wichtig. Nach Werner Imhofs Kritik [1] nachfolgend eine weitere grundsätzliche Kritik von Hubert Herfurth. Absätze von mir, Original hier [2].]

Einleitung

In dieser Linken ist man vor keiner Überraschung gefeit. Selbst die Geschichte des Realsozialismus, also das Desaster der reine weg voluntaristisch umgesetzten Veränderungsansprüche im Gefolge der russischen Oktoberrevolution hat nicht dazu geführt, dass den vermeintlichen Revolutionären heute eine sowohl selbstkritischere als auch gelassenere Sicht auf die eigenen Veränderungsbestrebungen möglich ist. Dabei zeigen die bisherigen sozialistisch/kommunistischen Veränderungsversuche doch glasklar, dass den hehren Wünschen nicht mehr oder weniger automatisch eine ebensolche Realität folgen muss, ja, dass selbst die — den angeblich realisierten Wünschen — anhängende Realität womöglich nichts mehr mit diesen Wünschen gemein haben muss, sich letztlich sogar als das glatte Gegenteil dieser Wünsche herausstellen kann.

@Martins ‚Entgegnung‘ auf Werner Imhof erschüttert nicht wegen ihrer „Psychologisierung“ der ‚Diskussion‘, (@Benni), sondern, weil so total jenseits von aller Realität die eigenen Wünsche nicht nur den Ausgangspunkt bilden, sondern die aus ihnen abgeleiteten Zukunftsvorstellungen als reale Entwicklung einer quasi abgeschlossenen Gegenwart dann als unwiderlegbare Argumente die ‚Diskussion‘ sozusagen diktatorisch überlagern. Aus der Annahme es gäbe Millionen unbefriedigter Fahradbedürfnisse, wird ‚im nächsten Schritt‘ eine faktisch bereits existente, millionenfache Peerproduktion von Fahrrädern, aus der sich dann so nebenbei die Qualitätsfragen ‚im nächsten Schritt‘ einfach ableiten lassen und auch ganz nebenher zu erledigen sind…. Unterstützt von einer mitleidsheischend leidenden @Silke, der es trotz „redlicher Bemühung“ nicht gelingt, sich durch die Imhofschen Thesen zu quälen, denen aber mit ihrer Negation der Negation der Negation auch keine wirklich produktive Funktion zugesprochen werden kann — was natürlich nicht mal argumentativ nachgewiesen zu werden braucht. Die Intention dieses Einwandes ist einerseits ohne Rückgriff auf eine vorausgesetzte, solide Gruppenmeinung im Hintergrund selbst gar nicht erklärlich und dient anderseits zugleich dazu, diese zu stärken: Das einwendende Individuum Werner wird so zum Querulanten und Außenseiter abgetempelt.

Mit Abwehrreflexen statt Argumenten scheint ein Teil der Keimform-Gemeinde zu glauben, sich der (von außen aufgezwungenen?) Diskussion entziehen zu können. Dabei ist das Problem ja noch viel größer, als Werners Text es vermuten lässt, wenn die grundlegenden Gesellschaftlichkeitsprämissen Christians hier erst selbst zum Gegenstand der Betrachtung werden. Bevor ich die Auseinandersetzung nun durch Einbeziehung dieser Punkte ‚verschärfe‘, möchte ich möglichen Missverständnissen vorbeugen: Die Kritik richtet sich überhaupt nicht gegen die praktischen Projekte und sollte daher auch niemanden vom sinnvollen Handeln abhalten können (@Silke).

Die Kritik richtet sich nach meinem Verständnis allein gegen eine Interpretation, die aus der bisherigen Modellvorstellung bereits Perspektiven ableiten zu können glaubt, die eine neue, konkrete Gesellschaft (Christian spricht schon von Produktionsweise!) am Horizont auf scheinen lassen sollen. Der Kapitalismus wird so bereits im Vorfeld einer entsprechenden Realität zum abgehalfterten Auslaufmodell degradiert, eine Haltung die bekanntlich bisher auf keine sehr erfolgreichen Vorbilder zurückgreift.

Praktisch kann die Auseinandersetzung letztlich doch nur darum gehen, ob an den richtigen Stellen eine weitergehende „Keimform“ greift oder ob nicht gerade die entscheidenden Stellen womöglich übersehen werden, weil falsche Vorstellungen den Blick auf die Realität verstellen.

Im Nachtrag zu Hiddinghausen scheint mir dazu das Berlin-Projekt erwähnenswert: In meinem Fokus sind nicht diejenigen so bemerkenswert revolutionär die sich mit geschenkten Sachen über Wasser halten, sondern doch eher die, die entgegen der herkömmlichen System-Logik sogar Mühen und Aufwand in Kauf nehmen, um den Gebrauchswert ihrer nicht verkauften Waren noch für andere Menschen fruchtbar zu machen. Und natürlich macht dieser Blick keinerlei Abkehr von solidarischen Unterstützungsleistungen notwendig, @Benni! Aber kann der Glauben wirklich realistisch sein, die Zukunft einer nicht auf dem Wert basierenden Gesellschaft hinge ab vom passiv Teilen können? Hängt die Sache nicht doch mehr am aktiv Teilen wollen (und können) und vor allem daran, Verantwortung zu übernehmen und Arbeitskraft in die Hand zu nehmen, wenn das Geteilte und zu teilende verbraucht ist? Die Moral allein schafft hier doch kein Körnchen Realität, @Benni!

Wenn Werner oder jetzt ich direkt auf der Keimformseite Kritiken vorbringen, sollte doch zumindest das Verständnis möglich sein, dass es uns hier um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Autoren der für falsch gehaltenen Thesen geht — was uns selbstverständlich nicht von Fehlern freistellt. Das gleich die bloße Abfertigung vorgeblich „falscher“ Argumente als eigentlich abzuarbeitendes Anliegen bei uns angenommen werden kann, nur weil die sachlichen Differenzen nicht gerade klein sind und die Argumente unabhängig von ihrer Richtigkeit stellenweise offensichtlich nicht nachvollzogen werden können (woran sich aber arbeiten lässt), ist weder produktiv noch wird es Werners Text gerecht. Zum Abwatschen muss ich doch nicht die Keimformseite aufsuchen oder @Stefan direkt ansprechen, da wäre die Veröffentlichung auf keimformkritischen Seiten sicherlich sinnvoller und im polemischen Sinn wahrscheinlich auch einträglicher.

Ich möchte hier schließlich auch noch zu bedenken geben, dass die Beschäftigung mit der Geschichte der Arbeiterbewegung vor allem eins zeigt: Konflikte, in denen die eine Seite total recht hatte und die andere entsprechend unrecht, sind ziemlich selten. Es spricht so gesehen also alles dafür, die Probleme noch gründlicher zu bedenken und vor allem misstrauisch zu sein gegenüber einer zu frühen Freistellung von Zweifeln gegenüber der eigenen, ach so richtigen Position. Darüber hinaus geht es dann auch noch darum @Martin, dass auch im noch so unwahrscheinlichen Fall des eigenen Fehlurteils die Auseinandersetzung nach Möglichkeit weiter gehen können sollte.

Zudem müssten gerade Wert(form)kritiker immer daran denken, dass es gesellschaftlich kaum höhere Anforderungen gibt, als ohne Ware und Geld eine Gesellschaft zu organisieren, in der sich die, die Gesellschaft bildenden Individuen sehr verantwortungsvoll zueinander verhalten müssen. Schließlich kann das Geld nicht durch abstrakt paradiesische Zustände ersetzt werden, sondern nur durch andere Verhältnisse (d. h. nicht zuletzt auch: andere Beziehungen!) die die Menschen miteinander eingehen und für die sie konkret entsprechend anders handeln müssen.

I. Selbstbezüglichkeit statt Gesellschaftlichkeit

Christian beginnt seine Entwicklung ‚gemeinschaftlicher Produktion‘ mit einem so seltsamen wie viel sagenden Vorgriff in Richtung „Fabbing“, welches in seiner Voraussicht „eine individualisierte Produktionsweise ermöglichen würde“ (S.21). In dieser „könnte jeder Mensch für den Eigenbedarf produzieren, ohne auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein“ (ebenda). So lange dies keine funktionierende Realität ist, bleiben die Menschen auf den Markt „oder“ die Zusammenarbeit angewiesen, womit er die Gesellschaft zu einer faktischen Notlösung abqualifiziert. Dabei nimmt er allerdings nur den heute vorhandenen, gesellschaftlichen Zustand auf, begreift ihn als Naturzustand, in dem die (zudem) immer stärker zunehmende Abhängigkeit voneinander als negative Eigenschaft des gesellschaftlichen Lebens erlebt und wahrgenommen wird (was aber nichts anderes ist als ein Konglomerat aus Verantwortungslosigkeit, Gleichgültigkeit, Intoleranz und zu gering entwickelten Produktivkräften), um dies mit Hilfe einer technokratischen Fiktion positiv in die Zukunft zu spiegeln.

Die Zusammenarbeit definiert er als Kooperation, „um so gemeinsam zu produzieren, was man haben möchte“ (einschließlich der für alle zufriedenstellenden Aufteilung des gemeinsam erzeugten Ergebnisses). Darüber hinaus konkretisiert er Zusammenarbeit noch über die Begriffe „gemeinsame Interessen“ und „räumliche Nähe“. Insgesamt erscheint ihm „die gemeinsame Produktion“ als „eine sehr alte Form der Produktion“ (S. 22), offensichtlich in inhaltlicher Umorientierung eines Marxschen Satzes zur Arbeit (?) tut er so, als gäbe es überhaupt eine menschliche Produktion die nicht zugleich eine ‚gemeinsame‘ oder ‚gemeinschaftliche‘ Produktion wäre, als könnte der einzelne Mensch sich allein reproduzieren, als wäre nicht eine wie immer rudimentäre Form von Gesellschaft eine Voraussetzung menschlicher Existenz.

Seine Gegenüberstellung von „prähistorischen und heutigen Gesellschaften“ lässt drei Punkte denn auch vollkommen unbeachtet:

  1. Diese prähistorische Gemeinsamkeit war eine äußerst eng begrenzte, weshalb der Singular hier auch so gar keine Bedeutung hat: es gab entsprechend viele Gemeinschaften – die aber nur in Bezug auf sich selbst als solche zu bezeichnen sind.
  2. Die Entwicklung der Arbeitsteilung hatte nicht die Vergemein- oder Vergellschaftung der getrennten Gemeinschaften zur Folge, sondern die einsetzende Arbeitsteilung zwischen den voneinander getrennten Gemeinwesen war die Grundbedingung der Entstehung der Wertform.
  3. Die realen Unterscheidungslinien laufen gar nicht entlang Christians Begriffe: Seine Alternativsetzung Markt / Zusammenarbeit ist künstlich bzw. ungenau, weil auch der Markt und im technischen Sinn die Arbeitsteilung natürlich nicht ohne Zusammenarbeit und Kooperation möglich sind.

Die Dazwischenschaltung der Wertformen hebt die Gemeinsamkeit ja nicht prinzipiell auf, sondern modifiziert sie. Daneben gibt es z. B. in den USA oder in Island vereinzelt noch Gemeinden, wo auch Bewohner die sich z. B. eine Gebäudeversicherung nicht leisten können im Schadensfall nicht ins Chaos abgleiten. Im Fall eines größeren Schadens sorgen eben alle Gemeindemitglieder für die Wiederherstellung eines zerstörten Gebäudes. Diese Art der Gemeinschaftlichkeit war und ist allerdings immer eng begrenzt, weil sie den persönlichen Kontakt der Menschen voraussetzt und damit vom Charakter der Selbstbezüglichkeit — Christians eigentlicher Dreh- und Angelpunkt — nicht zu trennen ist.

II. Ignorierung der Realität

Christians Modellvorstellung greift damit die gesellschaftliche Realität, wie sie sich in der Warenproduktion darstellt und entwickelt, bewusst nicht auf, knüpft nicht an ihr an, sondern glaubt sich von ihr positiv abgrenzen zu können. In dieser Realität produzieren die Menschen bekanntlich — allerdings gebrochen durch die Wertformen — füreinander und miteinander. Warenproduktion ist als Gebrauchswertproduktion Produktion für andere, wobei dies ja schon im technischen Sinn auch Ausdruck der Arbeitsteilung ist.

Christians Einwände lauten folgendermaßen: „Planwirtschaften leiden () unter dem Problem, dass die Produzent/innen oft wenig Anlass haben, sich um die Qualität ihrer Produkte Gedanken zu machen. Sie produzieren meist nicht für den eignen Bedarf, sondern für andere, und da Produkte nach zentraler Planung hergestellt und verteilt werden, müssen die Konsument/innen nehmen, was sie kriegen. In Marktwirtschaften produzieren die Produzenten zwar auch für andere, aber sie müssen auf die Qualität der Produkte achten, um die Konsumenten nicht an die Konkurrenz zu verlieren. Die Angst vor wirtschaftlichem Misserfolg garantiert die Qualität der Produkte – aber nur soweit die Konsumenten es voraussichtlich merken werden, und auch nur wenn es Konkurrenten gibt, die ihr Profitniveau steigern können, indem sie es besser machen“ (S. 96).

Interessant ist hier vor allem die Ursachenanlalyse mit der er an die Fehlstellungen der Planwirtschaft herangeht. ‚Die Produzentinnen produzieren nicht für den eigenen Bedarf und daher entsprechend schlecht.‘ Die Menschen sind von Natur egoistisch und denken nur an sich selbst, so ließe sich entsprechend ergänzen, obwohl Christian dies nicht explizit ausspricht und ich daher nicht weiß, ob dies letztlich seine Position ist. Fakt ist aber, dass er die „Produktion für die Anderen“ (in Plan- wie Marktwirtschaft) sehr wohl als solche wahrnimmt, ohne dort jedoch das spezifische, real vorhandene und sich noch weiter entwickelnde Gesellschaftlichkeitspotential zu sehen.

Stattdessen glaubt er sich von beiden Wirtschaftsweisen folgendermaßen zumindest begrifflich abgrenzen zu können: „Die Peer-Produktion geht weiter, indem sie die Unterscheidung zwischen Produzent/innen und Konsument/innen aufhebt: Menschen produzieren gemeinsam für ihren gemeinsamen Bedarf und haben daher gute Gründe, ihre Produkte gut zu machen – genauso gut, wie sie sie gerne haben möchten“ (S. 97). Leider zeigt er nicht, wie diese Gemeinschaftlichkeit zustande kommt, wie die ihr vorausgesetzten, existierenden Widersprüche aufgehoben werden, die er hier als bereits aufgehobene beschreibt. Vor allem aber will er das Auseinanderfallen zwischen Konsumenten und Produzenten ein nivellieren, was ohne eine Verringerung der Arbeitsteilung aber genau nicht geht.

III. Schwachpunkt Arbeitsteilung

Dass diese Argumentation eine Schwachstelle hat, ahnt Christian zumindest und glaubt, sie folgendermaßen aufheben zu können: “In prähistorischen Gesellschaften mag die Arbeitsteilung eine geringe Rolle gespielt haben, für die heutige Gesellschaft ist sie dagegen essenziell. In prähistorischen Gesellschaften gab es üblicherweise Traditionen, die regelten, wie die geringe Arbeitsteilung, die es schon gab, aussah. Aufgaben wurden oft aufgrund des Geschlechts verteilt (), oder sie wurden vererbt (). Nicht nur, dass eine solche traditionsbasierte Aufgabenteilung nach heutigen Standards nicht nur inakzeptabel wäre– sie wäre auch völlig unzureichend, um die hochgradig komplexe Arbeitsteilung moderner Gesellschaften zu bewältigen“ (S. 23).

In Christians Standpunkt bekommt die Arbeitsteilung eine ganz eigene Ausrichtung die an allen objektiven Konsequenzen, wie an seinen eigenen subjektiven Anforderungen daran eigentlich vorbei geht. Sein gerade zitiertes Postulat, dass der Stand der Arbeitsteilung der aktuellen Gesellschaften nicht hintergehbar sei, ist nämlich eine kleine Insel im übrigen Text, in dem sie leider keine weitere Entsprechung hat. Das zeigt insbesondere sein Verlangen in Richtung Konsumenten und Produzenten, denn schon die begriffliche Unterscheidung in Konsumenten und Produzenten ist ja nichts als die Folge der Entwicklung der Arbeitsteilung. Was Christian aber verwischt, bei ihm „sind diese zwei Rollen nicht unbedingt getrennt, denn Menschen können gleichzeitig Produzenten und Konsumenten sein (»Prosument/innen«), fallen aber auch nicht immer zusammen“ (S. 17). Er macht damit den nicht nur für die Warenproduktion eigentlich entscheidenden Punkt unkenntlich, dass die Menschen weder heute noch morgen für sich selbst produzieren. Alle produzieren nur noch für jeweils andere (also für die Gesellschaft) und ihre eigene Konsumtion kann nur noch über die Produktion eben dieser anderen für die Gesellschaft realisiert werden.

Ganz allgemein lässt sich sagen, dass alle sich einerseits in irgend einer Form am gesellschaftlichen Produktionsprozess beteiligen, wie sie andererseits als Konsumenten in den Genuss der gesellschaftlichen Produktion kommen, so lange die Produktion für den Markt/füreinander am Laufen gehalten wird oder werden kann, denn die kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten schränken das natürlich durchaus auch schon mal ein — aber die Entwicklung dieser umfassenderen Gesellschaftlichkeit ist trotz aller Widersprüchlichkeit die eigentliche ‚Funktion‘ der Warenproduktion, zumindest lässt sich diese Art Entwicklung aus dem historischen Prozess extrahieren — dazu ist der Vergleich zwischen den kommunistischen Gesellschaftlichkeitsvorstellungen aus der Zeit zwischen den Weltkriegen mit den aktuellen gesellschaftlichen Vorstellungen beispielsweise ganz hilfreich — die kommunistischen Vorstellungen schneiden dabei nicht wirklich gut ab.

Zugespitzt müsste Christians Behauptung also richtiger weise folgendermaßen lauten: Die Menschen sind natürlich immer gleichzeitig Produzenten und Konsumenten, in der entwickelten Warenproduktion produzieren die Warenproduzenten aber (für sich) Tauschwert, der zugleich Gebrauchswert für andere ist (in Bezug auf die eigenen Ansprüche ist das selbst produzierte ja nur ein äußerst kleiner Teil) — beide Funktionen realisieren sich erst mit dem Verkauf/Kauf der Waren. Die produzierende (allgemeiner: lohnarbeitende) und die konsumierende Seite sind also für die allermeisten Individuen in den kapitalistischen Zentren einerseits deutlich voneinander zu trennen, fallen aber doch in den jeweiligen Personen natürlich zusammen und in den Fällen wo sich aufgrund der Tätigkeit bzw. der Produkte eine andere Situation einstellt, fallen die Produktion für die anderen und für sich selbst schon mengenmäßig extrem auseinander (beispielsweise das bekannte eigene Schwein in den landwirtschaftlichen Betrieben). Fallen irgendwann die Wertformaspekte in Folge der emanzipativen Umgestaltung der Gesellschaft weg, erübrigen sie sich, weil die Gesellschaft gelernt hat, dass sie ohne Ware, Geld und Kapital besser klar kommt, bleibt als eigentlicher Inhalt die Gebrauchswertproduktion für die anderen (die Gesellschaft) übrig.

Diese Konsequenz scheint Christian allerdings nicht zu sehen, das zeigen seine Formulierungen zur Arbeitsteilung, die in der Tendenz das Auseinanderfallen zwischen Produzenten und Konsumenten immer wieder aufzuheben suchen, ohne das ihm diese Problematik aber bewusst wird: „In vielen Fällen sind diese Produzenten auch Konsumenten – die Entwickler/innen Freier Software tragen zu Software bei, die sie verwenden möchten. Pech haben dagegen alle, die etwas gerne hätten, ohne es selbst herstellen zu können; sie können nur hoffen, dass jemand anders ihre Bedürfnisse aufgreifen wird“ (S. 18, Unterstreichung von mir). Obwohl hier beim Ausgangsvorbild Freier Software der Selbstbezug dominiert („scratch an itch“) und Christian die tendenzielle Aufhebung dieser Bedingung selbst zur Voraussetzung für die Durchsetzung der Peer-Ökonomie zur vorherrschenden Produktionsweise und damit zur Ablösung des Kapitalismus machen muss), schafft er es doch, das Ausmaß des Problems eher klein erscheinen zu lassen, weil besagte Trennung zwischen Produzenten und Konsumenten nicht als absoluter Normalfall, sondern mehr als auch schon mal zu erfüllende Randbedingung daher kommt. „Die Peer-Produktion wird nur dann zur vorherrschenden Produktionsweise werden können, wenn die Verbindung zur Seite der Benutzer/innen oder Konsument/innen gelingt, die Bedürfnisse haben, die sie auch dann befriedigen möchten, wenn sie selbst nicht das Wissen oder die Fähigkeiten dazu haben“ (S. 18f).

Über die Reduzierung auf die hier genannten Einschränkungsgründe fehlendes „Wissen“ und fehlende „Fähigkeiten“ schafft Christian m. E. zudem eine Verniedlichung des Problems, denn der Blick auf die Probleme Arbeitszeit (Werners Thema), Produktqualität und die womöglich fehlende Motivation, sich mit jedem ‚Scheiß‘ selbst beschäftigen zu müssen, zeigt, dass die Probleme hier deutlich größer werden, wenn der Standard in der Arbeitsteilung aufgehoben wird. Dabei sieht er bestimmte Schwächen ja ziemlich deutlich, es wird daher auch überhaupt nicht deutlich, wie sich die positive Entwicklungsmöglichkeit der freien Softwarebewegung letztlich bei ihm begründet. „Nach wie vor sind die meisten Freien Softwareprogramme weit weniger benutzerfreundlich für die allgemeine Öffentlichkeit als proprietäre Programme; Ausnahmen, wie die wichtigsten Linux-Distributionen, der Browser Firefox und das email-Programm thunderbird, oder das Open-Office-Paket, entstehen meist unter Beteiligung von kommerziellen Akteuren – sie sind teilweise von Marktkräften getrieben und keine Beispiele für reine Peerproduktion“ (S. 18).

Berücksichtigt man, dass die Freie Software von ihrer Konkurrenz (die die sie unterstützenden Marktteilnehmer vergrößern) zu MS Windows als getriebene erscheint, ist das Benutzerverhältnis eher noch schlechter, gewinnt die Produktion für sich selbst eine deutlich größere und die breitere Gesellschaftlichkeit dieser ‚Produktionsweise‘ erhält eine noch sehr viel kleinere Bedeutung. So muss es daher auch nicht überraschen, dass die eigentlich aus- und daher anstehenden Veränderungen in der EDV-Bedienung über Sprache und Gesten nicht von der Freien Software Bewegung ausgehen, sondern von den herkömmlichen Kapitalunternehmen (z. B. Apple), deren Zwang zur Profitabilität sie nach verbesserten Nutzerkonzepten suchen lässt.

Entscheidend ist hier jedoch, dass Christian für die unter der Hand vorgenommene Reduzierung der Arbeitsteilung weder eine wirkliche Begründung gibt, noch „die Verbindung zur Seite der Benutzer/innen oder Konsument/innen“ auf eine Grundlage stellt, aus der die hier – auch nach seiner Meinung – notwendige Entwicklung logisch ableitbar würde. Real umgeht er das Problem, indem er die selbstbezügliche Produktion letztlich sowohl als Ausgangs- wie Endpunkt setzt, sie also als eigentliche Basis annimmt und die Reduzierung der Arbeitsteilung damit schon zur Voraussetzung seines Gesellschaftsmodells wird, obwohl er sich inselhaft sehr deutlich gegen die Reduzierung der Arbeitsteilung ausspricht.

IV. Das Modell lebt von seinen Vereinfachungsprämissen

Christians Argumentation zeigt aber an noch anderer Stelle, dass seine Prämissen nicht zu seinen Schlussfolgerungen passen, der Widerspruch zur objektiv vorhandenen Realität sich als ‚Widerspruch in seinem Modell spiegelt. Inhaltlicher Ausgangspunkt seines selbstbezüglichen Modells ist eine Eigenproduktion (für sich selbst) die er mit den Kooperationsvorteilen über die „gemeinsamen Interessen“ zu stärken sucht, die aber vor dem Hintergrund seiner Arbeitsteilungsprämisse einen seltsam simplen, um nicht zu sagen rückständigen Eindruck macht. Endpunkt ist die verallgemeinerte Selbstproduktion wie sie in der bereits zitierten Textstelle auf S. 97 auftaucht: „Menschen produzieren gemeinsam für ihren gemeinsamen Bedarf“.

In einer hochgradig arbeitsteilig funktionierenden Produktionsweise ist die betriebliche Kette bis zum Endprodukt nicht selten ziemlich lang, so dass Werners Modell der Fahrradproduktion — mit der er ja nur versucht, Christians Vorstellungen praktisch anwendbar zu machen — schnell nach einem ziemlich künstlichen Projekt aussieht: Hat jemand das Bedürfnis nach einem schönen Fahrrad sucht er nach Gleichgesinnten (Christians „gemeinsame Interessen“), um unter Ausnutzung der Kooperationsvorteile möglichst günstig an eins zu kommen. Lässt sich niemand finden, geht das Bedürfnis nach einem neuen Fahrrad leer aus. Finden sich zu wenige Kooperationspartner bleibt das Angebot an Fahrrädern hinter der Nachfrage zurück. Sonstige Schwierigkeiten, weitergehende ‚Beziehungsansprüche‘ spielen keine wirkliche Rolle, ist das Bedürfnis befriedigt, widmet man sich einem anderen Projekt.

Christians Ansatz ist hier so realitätsfern, dass er ihn selbst erst gar nicht groß entwickelt, die Eigenproduktion im engen Sinn des Wortes wird nur zur Untermalung des eigentlich das Ganze tragenden „Beitragens“ (der Begriff prägt ja schon den Titel des Buches) eingesetzt — was ihn aber nicht hindert, immer wieder mit diesem irrealen Bild zu argumentieren, so dass es auch als roter Faden seiner Argumentation aufgefasst werden könnte. Seine Abgrenzung gegen „die Produktion für die anderen“ ist damit allerdings von vornherein hinfällig, ohne das er es bemerkt. Ja, es kommt sogar noch schlimmer, da er diese Fakten an einer Stelle sogar selbst anerkennen muss: „In jedem System der Produktion und sozialen Organisation können zwei Rollen unterschieden werden, die Menschen einnehmen können: Produzent/innen, die Güter (einschließlich Dienstleistungen) erzeugen oder zur Verfügung stellen, und Konsument/ innen, die sie verbrauchen oder benutzen. Diese zwei Rollen sind nicht unbedingt getrennt, denn Menschen können gleichzeitig Produzenten und Konsumenten sein (»Prosument/innen«), fallen aber auch nicht immer zusammen. Gerade bei öffentlichen Dienstleistungen wie Erziehung, Gesundheitsversorgung und Altenpflege ist es offensichtlich, dass die »Konsumenten« solcher Dienstleistungen im Allgemeinen gar nicht diejenigen sein können, die sie bereitstellen“ (S. 17).

Das Modell der Eigenproduktion passt ja zu kaum einem Berufszweig, in die sich die Arbeitsteilung ja u. a. auch aus differenziert (die andere Differenzierung ist die betriebliche oder verfahrenstechnische, wodurch trotz Einsatz sonst gleicher Berufsgruppen/Tätigkeiten andere Produktionsergebnisse zu erzielen sind). Niemand kann für sich selbst den Lehrer, den Kranken- oder Altenpfleger spielen, vom Mimen der Chefärztin oder der hochqualifizierten Ingenieurin ganz zu schweigen und die Elektrikerin und z. B. die Schweißerin sollten wir auch nicht vergessen – wenn die Notwendigkeit gegeben ist, dass die dazugehörigen Bedürfnisse erfüllt und befriedigt werden müssen. Es ist offensichtlich, dass in Christians Rollenteilung zwischen Produzenten und Konsumenten die Realität ‚der Produktion für die anderen‘ den Dreh- und Angelpunkt bildet. Seine Abgrenzung gegenüber Markt- wie Planwirtschaft bricht hier in sich zusammen, sie funktioniert nur mit der Vereinfachung einer vorausgesetzten, künstlichen Gemeinschaftlichkeit.

Unter diesem Gesichtspunkt wird auch das Absehen von allzu vielen Notwendigkeiten (mit denen die gesellschaftliche Produktion zu tun hat) erklärlich. Seine 1. Festschreibung setzt als absoluten Ausgangspunkt der menschlichen Tätigkeiten „das Vergnügen und die Leidenschaft“ (S. 17), was natürlich nur einen Sinn macht, wenn die Grundbedürfnisse schon erfüllt sind. Es handelt sich hier um Begriffe die mit dem übergeordneten Begriff der Selbstentfaltung sehr stark korrelieren. Dieser wird zwar an die Selbstentfaltung aller gekoppelt, bleibt aber letztlich selbstbezüglich bei den immer noch isolierten Individuen oder einer mehr oder weniger obskuren Gemeinschaft stehen, weil die Verbindung, also das gesellschaftliche Band zwischen den Individuen, gar nicht klar herausgearbeitet wird (klassisch wird von der Linken hier bekanntlich der Begriff der Solidarität bemüht), in diesem Sinn ist dieses Selbstentfaltungspostulat jedoch kaum konkreter als die bekannten Ansprüche der bürgerlichen Revolution auf Brüderlichkeit etc.

Christian kann daher nicht klar machen, worin das vermittelnde Band, die materielle Klammer zwischen der Selbstentfaltung der einen und der Selbstentfaltung der anderen überhaupt bestehen soll. Die Notwendigkeiten des gesellschaftlichen Lebens und der damit verbundenen Zwänge tauchen in Christians Begriffswelt nicht oder nur sehr eingeschränkt auf. Wobei die Zwänge hier ja letztlich sogar doppelt wirken: Einmal von Seiten der Bedürfnisse die gestillt werden müssen (Essen, Trinken und Wohnen sind ja beispielsweise als Grundbedürfnisse zwingend zu erfüllen, wenn die Menschen leben wollen), und zum anderen auf Seiten der Produktion selbst (die quantitativen und qualitativen Verschränkungen in der Arbeitsteilung als eigentliche Grundbedingung gesellschaftlicher Produktion; aber auch so einfache Dinge wie z.B. Lieferfristen etc. die eingehalten werden müssen, wenn alle Beteiligten ‚zufrieden‘ sein sollen und last but not least die Güte der Produkte und Dienstleistungen: wie gut erfüllen sie die Anforderungen aus der Nutzung). Hier wirken überall Zwänge auf die produktiv Tätigen ein, die nicht nach Lust und Laune an- und abgestellt werden können (wie beim Säen und beim Ernten gibt es bestimmte objektive Zeiten bzw. Zusammenhänge die wenig nach Vergnügen und Leidenschaft fragen). Für Christian reduziert sich das Notwendigkeits-Problem dagegen im wesentlichen auf die u. U. problematische Auswahl der Aufgaben die erledigt werden müssen durch die Individuen: Wenn zu viele Menschen die gleichen Arbeiten als für sich relevante und genehme ansehen, kann es passieren, dass Arbeiten eben aufgrund ihres negativen Spaßfaktors liegen bleiben. Hier wird also deutlich, dass Christian das zur Voraussetzung macht, was nur das Ergebnis der Entwicklung sein kann: die Gesellschaftlichkeit bzw. Gemeinschaftlichkeit die die Abkehr von den Wertformen praktisch überhaupt ermöglicht.

V. Zum Vorbild „Antiökonomie und Antipolitik“ (krisis19)

Einerseits folgt Christians widersprüchliche Argumentation der reinen praktischen Notwendigkeit die hier durch den Stand dieser Projekte vorgegeben wird, bzw. wie sie sich als scheinbar realistische überhaupt vordenken lassen, ohne den praktischen Bezugsrahmen zu sprengen. Schließlich würde die konsequente Aufrechterhaltung der vorhandenen Arbeitsteilung in der Realproduktion – das ist ja eine der einfachen Wahrheiten, die Werner zu bedenken gibt – eine unvorstellbare Akkumulation von Produktionsmitteln voraussetzen. Andererseits existieren allerdings Überlegungen, die durchaus als inhaltliches Vorbild zu bezeichnen sind. Wie sie etwa in – gerade auch im Umkreis der Keimformseite genannten – Artikel von Robert Kurz‘, „Antiökonomie und Antipolitik“ (krisis 19) enthalten sind, wo Kurz noch glaubte, eine vermeintliche Aufhebung der Wertökonomie theoretisch folgendermaßen ‚anschubsen‘ zu können: „Wesentlich dabei ist, dass eben nicht ein auf Gewinn abzielendes kommerzielles Objekt für ein beliebiges Publikum gegründet wird, sondern dass Leute sich zusammenschließen, um für sich selbst, für den eigenen Bedarf, eine solche Einrichtung bereitzustellen“.

Die Kurzsche Abkoppelungsphantasie benötigt für ihr in die Welt kommen gleich nichts weniger als die recht brüske Abkehr nicht nur von der Weltgesellschaft, sondern von der Gesellschaft überhaupt – denn anders lässt sich der Rückzug (der ja die Kehrseite der Abkoppelung ist) auf den selbstbezüglichen Zusammenschluss in einer nicht näher definierten ‚Gruppe‘ oder Gemeinschaft kaum deuten. Die Abkehr vom trennenden Privateigentum (dessen Interpretation als juristisches Marx immer als Holzkopf bloßstellt auch wenn er sich gegen die Vereinfachungen des ihm nachfolgenden Marxismus nicht mehr wehren kann) als Abtrennung von der zersplitterten Gesellschaft in eine von der Gesellschaft isolierte Subgemeinschaft zu interpretieren übersieht ja, dass die jeweils sich bildenden Gruppen oder Gemeinschaften im Plural die Gesellschaft auch erst neu herzustellen hätten (das Privateigentum in Wahrheit also nur sehr beschränkt außer Kraft gesetzt worden wäre, weil das handelnde Subjekt im Plural auf weltgesellschaftlicher Ebene immer noch erst herzustellen bliebe und eben noch nicht existierte, also eigentlich das alte Privateigentum nur durch ein neues ausgetauscht worden wäre – was sich in der Art ‚revolutionärer‘ Diskussion immer am allerbesten zeigt).

Durch diese spezielle Begriffsverwendung kann also definitiv noch keine Lösung des Wertproblems gewonnen sein. Kurz hantiert hier mit einem begrifflichen Taschenspielertrick, da er die inhaltliche Bedingung der Warenproduktion (Produktion für die Anderen zu sein) einfach begrifflich aushebelt und für die Abkehr von der Warenproduktion eine Produktion „für sich selbst“ definiert, deren Pferdefuß genau darin liegt, das sie in dieser Einfachheit auch schon die Vorbedingung der Warenproduktion selbst war, da die zersplitterten, einander fremden vormodernen Gemeinschaften keinerlei Mittel hatten, eine direkte Vergesellschaftung einzuleiten. Unter Absehung von allen realen Problemen bleibt daher völlig offen, wie die Produktion für die Anderen (Inhalt der Warenproduktion) sich mit der Produktion „für sich selbst“ (wenn dieses „selbst“ dem Rahmen einer Weltgesellschaft angemessen sein soll und nicht auf dem Stand einer Provinzgemeinde verharrt) verknüpfen lässt, wie die gesellschaftlichen Beziehungen und Verbindungen also aussehen könnten, die die Abkehr von der Warenproduktion auf Stufenleiter einer Weltgesellschaft überhaupt erst erlauben. Kurz sieht nicht, dass die (Welt-)Gesellschaft nicht identisch ist mit dem (Welt)Markt, auch wenn dieser durchaus als Demiurg der modernen Gesellschaft(en) gelten mag. Daher kann der provinzielle, einer selbstbezüglichen Subsistenzproduktion entsprechende Charakter der gesellschaftlichen Bezüge und Bezugsgrößen hier keinerlei Anlass zum Frohlocken bieten, auch wenn der damit verbundene, elitäre, selbstverliebte Anspruch auf die so einzig- wie großartige Lösungskompentenz etwas ganz anderes erwartet.

Die Crux dieses Ansatzes tritt ja nicht nur in dem offensichtlichen Widerspruch zu Tage, dass der antitraditionelle Gestus einige äußerst traditionelle Bezüge mehr schlecht als recht verschleiert, wozu mit Sicherheit der omnipotente, keinen Widerspruch duldende Lösungsanspruch gehört, der den gleichartigen Lösungsanspruch des historischen Marxismus eher noch in den Schatten stellt, schließlich will er ihn in der direkten Auseinandersetzung ja auch toppen, obwohl der Marxismus andererseits zugleich die Basis dieses Anspruchs bleibt. Dabei liegt die Basis dieser Omnipotenz allein im unterschlagenen oder weg theoretisierten Gesellschaftlichkeitsproblem, weshalb die Lösungen innerhalb dieses Revolutionarismus immer so einfach scheinen können und die normalen Menschen wie Deppen aussehen lassen: Beseitigung der Kapitalisten früher – Abschaffung der Wertformen heute. Mit dem Marxismus muss die Wertkritik aber inzwischen die ideologische Entwertung der Einzigartigkeit teilen; ist der Begriff Marxismus bekanntlich doch nur noch im Plural ‚Marxismen‘ richtig erfasst (ein Problem welches sich für die Wertkritik durch die feindliche Aufspaltung in krisis und exit inzwischen ebenfalls zeigt und worin im übrigen noch mal knallhart deutlich wird, dass es so einfach mit Christians ‚Gemeinsamkeit‘ in der Tat nicht ist).

Prinzipiell wird hier also etwas zur Voraussetzung einer postkapitalitischen, nicht über den Wert funktionierenden Gesellschaftlichkeit gemacht, was historisch die Vorbedingung des Entstehens der Warenform selbst war: die beschränkte Produktion einer beschränkten ‚Gesellschaft‘ im Umfeld von Familie, Blutsverwandtschaft (an deren Stelle nun die richtige Gesinnung rückt) und dörflichen Gemeinden die durch die Warenform zunächst gemächlich und durch die Kapitalform später rasant aufgelöst wurden. Zentrale Schlußfolgerung dieses voluntaristischen Ansatzes ist daher die der reinen Willensentscheidung obliegende Möglichkeit, das Wertregime zu beenden, daher kann es nicht verwundern, wenn die (moralische) Kritik an der dazu ‚unwilligen‘ Gesellschaft den möglichen Umschlagpunkt immer weiter in die Geschichte zurück verlegt.

Schluss

a) Der Zirkelschluß dieser Strategie zeigt sich m. E. schon darin, dass die Abschaffung der Wertform ganz einfach durch die Abschaffung der Wertform initiiert werden soll. Wenn dagegen begriffen werden könnte, dass die Wertform selbst nur Ausdruck eines ungesellschaftlichen Verhaltens ist (siehe Marx‘ Fetischkapitel im Kapital I) würde klar, das dieser Ausdruck nur zum Verschwinden gebracht werden kann, wenn das ungesellschaftliche durch ein gesellschaftlicheres Verhalten abgelöst werden kann. Wenn die Abschaffung der Wertform aber an ein neuartiges, gesellschaftliches Verhalten gebunden ist, kann sie nicht zugleich schon Vorbedingung der ins Auge genommenen Veränderungen sein. Im Gegenteil, die ‚Diskussionen‘ oder Diskussionsbeiträge – insbesondere der marxistischen Revolutionäre – zeigen ganz deutlich, das diese Vorbedingung das verstärkt was sie aufheben soll: die Wertformen.

b) Meinen Satz von weiter oben, dass die Menschen weder heute noch morgen für sich selbst produzieren. Alle produzieren nur noch für jeweils andere (also für die Gesellschaft) und ihre eigene Konsumtion kann nur noch über die Produktion eben dieser anderen für die Gesellschaft realisiert werden, halte ich ganz unbescheiden für eine nicht hintergehbare Tatsache, zumindest lassen sich aus meiner Sicht nicht die kleinsten Fakten ausmachen, die ihn in Frage stellen. Für die zu schaffende Gesellschaftlichkeit bedeutet dies, das für die ProduzentInnen die Bedürfnisse, für die sie produzieren genau so wichtig werden müssen wie ihre eigenen. Diese Gesellschaftlichkeit kann sich also nur inhärent in den Köpfen und Herzen der Menschen selbst herausbilden (aufgrund von Erfahrung, verlorenen Illusionen und vor allem aufgrund von positiven Beispielen sowie dem Wirken einer starken Form der Notwendigkeit), ohne deshalb eine bloße, abstrakte Willensentscheidung zu sein. Christians Satz, dass die Produzentinnen „den eigenen Nutzen und den Nutzen anderer gleichermaßen im Auge () behalten, weil sie auf diese Art Beiträge von anderen erhalten“ (S.18), alle sich also als „community“ gegenseitig „etwas zurückgeben“ (ebenda mit Bezug auf Torvalds und Himanen) geht hier in eine völlig richtige Richtung. Mit der Vereinfachung, die Gesellschaftlichkeit da vorauszusetzen, wo sie nicht da ist, und sie da zu übersehen, wo sie sich regt, tut Christian sich und uns keinen Gefallen.

Bochum im Dez. 2008


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[1] Werner Imhofs Kritik: http://www.keimform.de/2008/11/29/werner-imhof-zur-kritik-der-peer-oekonomie/

[2] hier: http://docs.google.com/View?docid=dgph76s6_1g7bqf4dz

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