Geplanter Kapitalismus

geschrieben von Stefan Meretz am 12. Juli 2008, 12:30 Uhr

Cockshott/Cottrell: Alternativen aus dem Rechner [1]Jetzt muss ich doch schon mal über den »New Socialism« von Cockshott/Cottrell schreiben, obwohl das entsprechende Buch (deutsch: »Alternativen aus dem Rechner« [1], englisch: »Towards a New Socialism« [2]) noch immer auf dem Stapel ungelesener Bücher liegt. Anlass ist ein Interview von Allin Cottrell in der »jungen Welt« [3]. Cottrell vertritt dort die These, dass die Planwirtschaft der Sowjetunion an zu geringen Rechnerkapazitäten gescheitert sei. In der Rüstungsindustrie hätten sie das ja noch ganz gut hinbekommen:

Aber sie hatten nicht die Computerressourcen, um eine detaillierte Planung auf die gesamte zivile Wirtschaft auszudehnen; sie konnten sich nur auf eine kleine Teilmenge der Produkte konzentrieren.

Wie stellen sich Cockshott/Cottrell den neuen Sozialismus vor, für den sie in Venezuela und Bolivien eine Chance zur Umsetzung sehen?

Im Grunde ist das, was wir befürworten, eine Kombination von drei Dingen: Planung der gesamten Volkswirtschaft, die Verwendung der Arbeitszeit als Abrechnungseinheit und Kostenermittlungsprinzip sowie ein demokratisches System, das sowohl direkte Demokratie als auch statistische Repräsentation, also Auswahl durch Los, verkörpert.

Gesamtplanung, Stundenzettel-Ökonomie und statistische Demokratie — das ist zumindest originell, aber eigentlich auch Quatsch. Gesamtplanung, was für eine Höllenbürokratie soll das werden? Stundenzettel-Ökonomie, ein Zwangswert-Prinzip nur ohne Berücksichtigung der Qualifikation? Statistische Demokratie, eine Art Rotation mit Zufallsprinzip?

Also ganz vorurteilsbehaftet hört sich das für mich an wie ein staatsmonopolistischer Kapitalismus mit Gesamtplanung. Ich werde es prüfen und das o.g. Buch noch lesen. Was mich aber faziniert ist, wofür Freie Software so alles als Beispiel herhalten muss. Zur Frage der »Anreize« in einer geplanten Wirtschaft:

… die Anreiz-Frage wird oft aufgebauscht. Nehmen Sie moderne Open-Source-Soft­ware, den Linux-Betriebssystemkern zum Beispiel. Leute aus der ganzen Welt leisten in ihm eine großartige Arbeit, und die Anreize sind in erster Linie nicht materiell. Die Mitwirkenden genießen das Gefühl, etwas geleistet, eine gute Arbeit vollbracht zu haben, und die Anerkennung ihrer Gruppe. Wir sähen gern, wenn sich dieses Modell auf alle Formen der Produktion erstreckte.

Dass bei Freier Software aber gerade kein irgendwie geartetes Wertprinzip gilt (weder Markt- noch Stundenzettelwert), scheint Cottrell nicht aufzufallen. Der Linux-Kernel ist eben keine Ware. Dennoch sollte nicht übersehen werden, dass die meisten Kernel-Entwickler von Firmen bezahlt werden. Aber das entspricht eher einem »garantierten Grundeinkommen« als Lohn, da ja keine verkaufbare Ware entsteht. Ein wieder eingeführtes Wertprinzip, auf welcher Basis auch immer, würde die Communities Freier Software zerstören.

Zum Wettbewerb:

Gegenwärtig gibt es auf der Basis des Betriebssystems Linux einen Wettbewerb zwischen dem GNOME- und dem KDE-Projekt beim Bereitstellen einer benutzerfreundlichen Arbeitsfläche. Das ist in der Hauptsache kein kommerzieller Wettbewerb, sondern zum größten Teil ein technischer um Merkmale, Benutzerfreundlichkeit, Geschwindigkeit und um die Gefolgschaft von Nutzern, die die Produkte frei aus dem Internet herunterladen können. Inzwischen machen sowohl GNOME als auch KDE zunehmend Gebrauch von gemeinsamen Desktopstandards – bekannt als XDG –, die es Benutzern leichter machen, zwischen den beiden Systemen hin und her zu wechseln und Informationen zwischen beiden aufzuteilen. Auf diese Art von Wettbewerb setzen wir in einer sozialistischen Wirtschaft.

Das ist gut erkannt. Aber wie schon beim »Anreiz« funktioniert dieser Wettbewerb nur, weil das Wertprinzip hier nicht gilt. Btw: Im Juli 2009 werden GNOME und KDE ihre Konferenzen gemeinsam durchführen [4].

Der Wert ist kein willkürlich einsetzbares Mittel, um Arbeitszeiten darzustellen, wie Cottrell annimmt, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis, dass sich vermittels des allgemeinen Tausches hinter dem Rücken der Beteiligten herstellt. Wer dagegen willkürlich verstößt (wie etwa der verblichene Staatssozialismus), der unterliegt im Konkurrenzkampf dem »freien« Kapitalismus alle Male. Da hilft auch keine neue Computerpower. — Nein, sowas wie »Sozialismus« gibt’s nur jenseits des Wertprinzips, nicht in und mit ihm.


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[1] Bild: http://www.papyrossa.de/sites_buchtitel/cockshott_alternativen.htm

[2] »Towards a New Socialism«: http://www.ecn.wfu.edu/~cottrell/socialism_book/

[3] Interview von Allin Cottrell in der »jungen Welt«: http://www.jungewelt.de/2008/07-05/002.php

[4] gemeinsam durchführen: http://www.pro-linux.de/news/2008/12920.html

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