Einige Thesen zur P2P-Gesellschaft

geschrieben von Franz Nahrada am 26. Oktober 2008, 00:35 Uhr

Weil Benni jetzt begonnen hat, auf Marcin Jakubowskis Arbeit hinzuweisen [1], der tatsächlich ein volles technologisches Programm für die Entwicklung einer P2P-Produktion auf materiellem Gebiet erstellt hat und auch in die Tat umsetzt, veröffentliche ich einige ins Unreine gedachte Gedanken, die anlässlich eines Briefwechsels mit Stefan Merten entstanden sind. Dies auch, weil meine relativ liberale Einstellung zu verschiedenen Dimensionen des „Herausarbeitens“ aus der bürgerlichen Gesellschaft zu dem Missverständnis geführt hat, ich meinte mit etwas Lokalwährung und Sozialem Unternehmertum wäre alles in Butter (siehe Bergmann-Kritik [2]). Es geht mir im wesentlichen um die Frage, was sind die Kernstrukturen und „Konstruktionsprinzipien“ einer anderen Gesellschaft, wie wir sie von den Mustern der freien Softwareentwicklung her denken können.

  1. Eine Gesellschaft, in der wir in der materiellen Produktion auf ein ähnlich differenziertes Verfahrens- und Prozessschema kommen wie es in lebendigen Prozessen schon vorliegt (die übrigens ganz und gar „automatisch“ oder eben gar nicht nicht funktionieren), emanzipiert sich zunehmend von der Arbeitszeit als Maßstab der Teilhabe am Reichtum. Das Leben selbst ist der „produktive Akt“, um den es geht, die Muße und die Bildung aller ist das wahre Maß des Reichtums. Der Ausschluss auch nur einiger von den Quellen der Inspiration und des Lernens wäre ein unerträglicher Skandal, wenngleich er durch die realen Begrenzungen der Produktion und des Reichtums vorkommen mag.
  2. Wesentlich für das Zustandekommen der Produktion und des Reichtums sind die Qualität der Konstruktion und die Kompatibilität der Produkte — soll heißen: Es ist ziemlich egal, ob die Leute direkt an der materiellen Produktion beteiligt sind, wenn gewährleistet ist, dass das insgesamt alle menschlichen Aktivitäten friktionsfrei funktionieren und die einfache und erweiterte Reproduktion der Gesellschaft in Abstimmung mit dem planetaren Reproduktionsprozess rauskommt. Darauf, und nicht auf die Erfüllung irgendwelcher Gerechtigkeitsvorstellungen, haben sich unsere Bemühungen zu richten. Und damit sowohl auf die Kompetenz als auch auf die Kreativität der Mitmachenden, und zwar von Anfang an.
  3. Automation ist unbeschränkt lohnend, die Arbeit an der Automatisierung eines Prozesses hat ein nahezu unendlich großes Resultat: einmal entdeckt funktioniert ein gut designter Prozess unter geeigneten Rahmenbedingungen ewig. Das impliziert aber, dass je mehr Prozesse automatisiert sind, der Zugang zu und die Kompatibilität untereinander der Prozesse zum wichtigsten Problem wird und nicht die Mühen der Produktion selbst. Einerseits wird es einfacher, andererseits komplizierter…. Da Gesellschaft nicht kybernetisch ist, aber in kybernetischen Modellen gedacht werden muss, entsteht laufend und immer wieder jede Menge Anpassungsbedarf. (StefanMn fügt hinzu: Wobei dieser letztlich aus dem Chaos der Natur, aber immer mehr auch aus der Dynamik menschlicher Kultur erwächst.)
  4. Stoffströme im Raum zu optimieren, geht über die kühnsten Leistungen kapitalistischer Logistik weit hinaus. Ein beständiger Wettstreit und wechselseitige Herausforderung zwischen dem verschwenderischen Luxus des Lebens und der steuernden Logik der Versorgung ist die Folge, und es ist niemals ein für allemal abgemacht, was gerade geht oder nicht. Es ist wahrscheinlich gerade dieses Wechselverhältnis, das uns zu Höchstleistungen anspornen könnte: Das, was Du Dir an Bedürfnissen leistest, das versuche auch einmal möglich zu machen! — Das ist, wenn man so will, der „moralische“ Impetus  eines „Kommunismus von unten“. Die Revolte findet nicht gegen die Produktion statt, sondern in ihr und durch sie. Wenn einige im Orbit wohnen wollen, dann müssen sie es eben möglich machen. Anderen genügen ihre Dörfer und Städte am Boden, und das was beide Seiten eint, ist der Versuch die Sache so zu gestalten, dass man sich erstens wenig stört aber zweitens möglichst viel voneinander hat.
  5. Eine P2P- oder GPL-Gesellschaft ist nichts anderes als „freie Assoziation der Produzenten“, also dieser Kommunismus von unten, der auf freiwilliger Kooperation und immer gewaltigeren Kreislaufschlüssen zwischen einander direkt unterstützenden Produktionssparten basiert. Der Evolutionsprozess dieser Kreisläufe ist ebensowenig vorherzusagen, wie die Evolution des Lebens, aber es liegt in der Natur der Sache, dass er sich in ganz verschiedenen Größenordnungen vollzieht. Kleinproduktion und Großproduktion bedingen einander.
  6. Damit ist auch schon gesagt, dass es im wesentlichen auf die Möglichkeit des „Herausarbeitens“ und der „kooperativen Hyperzyklen“ ankommt. Die Systemfrage stellt sich erst dann, wenn sie sich stellt, nicht wenn wir sie stellen.

Beitrag gedruckt von keimform.de: https://keimform.de

URL zum Beitrag: https://keimform.de/2008/einige-thesen-zur-p2p-gesellschaft/

URLs in diesem Beitrag:

[1] hinzuweisen: http://www.keimform.de/2008/10/24/open-source-bagger-in-aktion/

[2] Bergmann-Kritik: http://www.keimform.de/2008/10/17/kritische-auseinandersetzung-mit-frithjof-bergmann/

[3] : https://keimform.de/2008/einige-thesen-zur-p2p-gesellschaft/?share=email

[4] : https://keimform.de/2008/einige-thesen-zur-p2p-gesellschaft/?share=facebook

[5] : https://keimform.de/2008/einige-thesen-zur-p2p-gesellschaft/?share=twitter

Do what you want — no rights reserved